Dienstag, 16. Dezember 2014

George Packer: Die Abwicklung

Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, vom Tellerwäscher zum Millionär - die zum Staat geronnene Utopie ist am Ende: George Packer begräbt in Die Abwicklung den American Dream, begräbt den Glauben daran, dass man den Aufstieg auf Grund eigener Leistung schaffen könnte, so man genug Einsatz und Durchhaltewillen zeigt. Spätestens mit den 70er Jahren, wo die Reallöhne zu stagnieren begannen und die Industrieproduktion allmählich in Billiglohnländer verlegt wurde, die Gewerkschaften immer wieder auf Deals zu Gunsten der Arbeitgeber eingingen und Institutionen wie Schulwesen und Gemeinden anfingen zu zerfallen, begann eine neue Macht die entstehende Lücke zu füllen: Die Finanzwirtschaft. Heute ist sie doppelt so groß wie der gesamte Produktionssektor in den USA.

Dieser Verschiebung spürt George Packer nach, an Hand von Individualgeschichten. Da finden sich exemplarische Amerikaner und Amerikanerinnen wie Newt Gingrich, der mit der Einführung des totalen Kriegs in der politischen Sprache die Tea Party alphabetisierte, oder Oprah Winfrey, die es schafft, acht Millionen AmerikanerInnen täglich aufs Neue zu erklären, dass sie es ebenfalls schaffen können, wenn sie nur die Hoffnung nicht fahren lassen. Oder der erbarmungs- und komplett skrupellose Sam Walton (Gründer von Wal-Mart), dessen Erben heute soviel besitzen wie die unteren 30% der amerikanischen Bevölkerung, schließlich der Musterschüler in Sachen soldatisches Pflichtbewusstsein, Colin Powell, der heute noch wegen des Irakkriegs und seiner Äußerungen dazu unter Schlafstörungen leidet. Gleichberechtigt daneben Opfer der De-Industrialisierung im Mittelwesten, der Immobilienblase in Florida und diejenigen, die naiv dem amerikanischen Heilsversprechen hinterher trotteten - wie etwa Dean Price:
Er lauschte den Lastwagen, die über die Route 220 nach Süden rauschten, um lebendige Hühner zu den Schlachthäusern zu bringen. Sie fuhren nur, wenn es dunkel war, sie waren Drogenschmuggler, und was sie verschoben, waren mit Hormonen vollgepumpte Tiere, die so fett waren, dass sie unter ihrer eigenen Last zusammenbrachen. (...) Er dachte daran, dass das Fleisch in einer blubbernden Fritteuse versenkt würde, von Angestellten, die ihre Arbeit hassten und ihren Hass auf Tellern zu den Gästen trugen, die ihn hinunterschlangen, die fett wurden und mit Diabetes oder Herzversagen im Krankenhaus (...) landeten, wo sie auf Kosten der Allgemeinheit versorgt wurden. Später waren diese Leute so schwer, dass sie in Elektrokarts durch Wal-Mart (...) fuhren, genau wie die hormonverseuchten Hühner konnten sie sich nicht mehr auf den eigenen Beinen halten.
Und sich mehr und mehr des Eindrucks nicht mehr erwehren konnten, dass sie einer Lüge aufsaßen.

Die Abwicklungsgeschichten ganzer Industrien und damit Landstriche werden gegen gelesen mit den Erfolgsgeschichten der Wall Street und dem Silicon Valley. Bei Donald Ray Pollock witzeln zwei erzkonservative alte Knacker, the Democrats gonna be the ruination of this country. Und tatsächlich, als Bill Clinton 1999 den Glass-Steagall-Akt aufheben lässt, sind damit die letzten regulierenden Kräfte für den Bankensektor außer Kraft gesetzt.
Niemand sah hin, als die Banken immer riskantere Kreditgeschäfte mit Privatkunden machten, bei Hypotheken, Kreditkarten und selbst Autokrediten. Die Banken nahmen den Verbrauchern das Versprechen ab, ihre Schulden abzutragen, bündelten und verbrieften diese Versprechen verkauften sie an Investoren.
1999 wechselte Robert Rubin in den Vorstand der Citgroup, der damals größten Bank der USA, nachdem er vier Jahre lang unter Clinton Finanzminister war und also die Beerdigung von Glass-Steagall maßgeblich mitbetrieben hatte. Die Citigroup investierte unter Rubins Vorsitz rund 34 Mrd. Dollar in CDOs (Kreditausfallversicherungen), zur Finanzkrise stellten sie sich als mehrheitlich wertlos heraus, schließlich war die Bank gezwungen 65 Mrd. Dollar abzuschreiben.
Rubin hatte seine ganze Karriere damit zugebracht, seine eigenen Interessen und die der Wall Street mit denen des Landes zu harmonisieren. Als er 2008 erkannte, dass das nicht möglich war, tauchte er unter.
Jeff Conaughton, vom Joe-Biden-Groupie an der Uni zum Wall Street Banker, schließlich Wahlkampfhelfer seines Idols, will nach Jahren des Einsatzes von Biden Unterstützung, damit er einen Top-Job im Weißen Haus bekommt. Es bleibt ein einseitiges Wollen. Der Stabschef Bidens kommentiert lakonisch:
Nimm es nicht persönlich, Jeff. Biden lässt jeden hängen. Er diskriminiert nicht, wenn es darum geht, seine eigenen Leute im Stich zu lassen. 
Diese drei Sätze komprimieren, was sich im Gefolge, der Verknüpfung der (ökonomischen) Interessen von Politik und Finanzwirtschaft (Wall Street) als logische Konsequenz ergab: Ein moralischer Niedergang.
Als an der Wall Street und in Washington auf einmal unglaublich viel verdient wurde, als es plötzlich möglich war, riesige Summen in die eigene Tasche zu wirtschaften (...), als bestimmte Praktiken kaum noch ernsthafte Konsequenzen hatten, als Verhaltensnormen wegbrachen, die zumindest die schlimmsten Exzesse der Geldmacherei verhindert hatten, kippte plötzlich die gesamte Kultur. Und zwar gleichzeitig an der Wall Street und in Washington.
Die Spielregeln sind geändert worden: Auf der einen Seite die globalisierten Konzerne im Zusammenspiel mit Finanzwirtschaft und Politik, auf der anderen Seite, das Individuum im Kampf um seine Existenz, mit der Hoffnung, dass es den Aufstieg schaffen könnte. Und dem Wissen, dass es nicht mehr in seiner Macht liegt.

Mittwoch, 10. Dezember 2014

Hypo: Zur fehlenden Moral in der Politik

Die Aufregung war groß, als Andreas Khol bei Armin Wolf in der ZIB2 betreffend politischer Verantwortung ausführte, dass die Übernahme derselben in der Hypo-Causa letztlich nur dazu führen könne, das Amt zu verlieren oder eben nicht mehr gewählt zu werden. Was bei den möglicherweise betroffenen Personen nicht mehr möglich ist. Christoph Chorherr präzisierte am nächsten Tag:
"(...) politische Verantwortung heißt: 'Ich habe die Macht etwas zu tun'. Nicht mehr und nicht weniger." 
Was nicht wesentlich zur Beruhigung beitrug. Insbesondere festzustellen wäre nämlich:
Die Macht und auch den Auftrag
Was angesichts des Schlusssatzes der Griss-Kommission, dass dem Bund nicht zugebilligt werden kann, dass er seine Entscheidungen als Alleineigentümer der Hypo zum Wohle der Bank und der Allgemeinheit getroffen hat, nahe legt: Der Bund kam seinem Auftrag nicht nach, insofern er sich der Allgemeinheit verpflichtet fühlen müsste.

Nachdem Allgemeinwohl eine nicht allein ökonomisch zu fassende Größe darstellt, monierte ich, dass politische Verantwortung immer auch moralische Verantwortung impliziere, die sich wiederum mit dem kategorischen Imperativ kurz fassen lässt: Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. Am Wochenende versuchte Michael Köhlmeier im Standard anlässlich des Mediengipfels in Lech sein Unwohlsein mit der Demokratie in Worte zu fassen:
Demokratie wird konsumiert wie Junkfood - man stopft es in sich hinein und fragt sich nicht, wer es hergestellt hat, wie und wo es hergestellt worden ist; es macht fett, das genügt, am Schluss hält man nur noch eine Serviette in der Hand, um sich mit ihr Mund und Hände, (...) später auch noch den Hintern abzuwischen.
Köhlmeier mahnt eine verloren gegangene Ernsthaftigkeit in Sachen Demokratie ein, erinnert daran, dass für diese Staatsform gekämpft, getötet und gestorben wurde - und dass diese Geschichte vergessen wurde. Oder: Gegessen ist. Dass jenes Volk, dem die Herrschaft überantwortet wurde, nicht elegant und schneidig, sondern geschmacklos und schäppchenhaft billig ist - und also käuflich und manipulierbar. Weshalb von Seiten der Politik um Volkes Stimme zu erreichen, schon seit Beginn an auf Populismus gesetzt wurde und wird, um die Fress-, Sauf- und Fickmaschinen (c Köhlmeier) entsprechend zu instrumentalisieren (auch Faschismus und Nationalsozialismus waren demokratische Bewegungen).

Diese Instrumentalisierung geschieht wesentlich über die Medien, weshalb die Causa Hypo eben auch als massives Versagen der Vierten Gewalt angesehen werden muss. Und schreibt sich als Medienpolitik via Inserat (Medialpartnerschaft, (c) Armin Thurnher).

(c) Dinko Fejzuli (Twitter)

Wenn am Tag nach Veröffentlichung des Berichts der Untersuchungskommission die drei auflagenstärksten Blätter in Österreich selbigen auf der Titelseite nicht erwähnen, dann ist das nicht bloß Symptom für den verheerenden Geschmack der Plebs, sondern Resultat einer zwingenden Logik.

Vor einigen Wochen lud der VÖZ und der Zweite Präsident des Nationalrats, Karlheinz Kopf, zur Matinee Politisches Desinteresse als Gefahr für Medien und Demokratie? Einhellig wurde fest gestellt, dass Politik- bzw. Demokratiekrise untrennbar mit der Medienkrise verbunden seien, dass beide - Politik und Medien - in einem Boot säßen, allerdings nicht wüssten, wohin gerudert werden solle und außerdem, wo die zu erreichende Öffentlichkeit zu verorten sei, im Boot oder außerhalb. Was angesichts der demonstrierten Haltung der Politik gegenüber der Öffentlichkeit in der Hypo Causa aber völlig irrelevant erscheint: Politische wird von moralischer Verantwortung getrennt angesehen, die Beteiligten sind ausschließlich (Partei-)Interessen verpflichtet, das Allgemeinwohl ist eine via Medien zu manipulierende Größe.

Demnach konnte es nicht verwundern, als Irmgard Griss am Ende einer enervierenden Diskussion bei Ingrid Thurnher Im Zentrum fest stellte, es sei ganz und gar sinnlos mit den anwesenden Politikern (es waren neben Griss und Thurnher nur Männer zugegen) die Vorgänge zu erörtern, da selbige nicht primär an einer Lösung der Probleme interessiert wären, sondern bloß Eigeninteressen verfolgten. Was das Drama auf den Punkt bringt: Auf der einen Seite ein boulevardisiertes Publikum, das nach Jahrzehnten des Demokratiekonsums fett gefressen auf dem Sofa vor der Glotze hockt, auf der anderen Seite eine Parteiendemokratie, die mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln ihr Machtmonopol zu behaupten versucht - dass selbige die Probleme beheben wird, die sie selbst zu verantworten hat, ist schlichtweg naiv. Weshalb im Ernstfall immer wieder mit Argumentationen wie alternativlos oder Notverstaatlichung zu rechnen sein wird.

Freitag, 5. Dezember 2014

Hypo: Zur politischen Verantwortung

Lieber Christoph Chorherr, vielen Dank für Deinen kurzen Versuch längeres Nachdenken in kühle Gedanken zu fassen. Nach dem Auftritt von Andreas Khol bei Armin Wolf in der ZIB2, wo versucht wurde, dem Begriff politische Verantwortung Bedeutung zu geben und gleichzeitig parallel im Twitterversum der Beweis erbracht wurde, dass der von Andreas Khol präsentierte Gehalt den Anforderungen nicht genügen wird, war es umso wichtiger, die Worte noch einmal auf die Waagschale zu werfen.

Du schreibst, abgeleitet von der politischen Funktion Josef Prölls, "politische Verantwortung heißt: 'Ich habe die Macht etwas zu tun'. Nicht mehr und nicht weniger." Was den Fokus auf Verantwortung legt und das Politische dabei außer Acht lässt. Bezeichnend ist, dass Du dann die unternehmerische Verantwortung als Vergleichsbegriff heranziehst. Wo Du wiederum das Unternehmerische nicht weiter thematisierst.

Auch wenn die MitarbeiterInnen die Folgen tragen müssen, verpflichtet ist der Generaldirektor primär seinen Eigentümern, so wie der Politiker/die Politikerin seinen/ihren WählerInnen verpflichtet ist. Und nicht etwaigen Interessensgruppen - muss dann angefügt werden. Weshalb es - im Unterschied zum Unternehmerischen - um Moral gehen muss. Politische Verantwortung ist immer auch moralische Verantwortung, da sie für das Gemeinwohl und -wesen übernommen wird. Umso desaströser ist es, wenn die Untersuchungskommission fest hält: Dem Bund kann nicht zugebilligt werden, dass er seine Entscheidungen als Alleineigentümer der Hypo zum Wohle der Bank und der Allgemeinheit getroffen hat.

Weshalb meines Erachtens durchaus fest zu stellen ist: Nein, Josef Pröll ist seiner politischen Verantwortung nicht in geeigneter Weise nach gekommen, da seine Entscheidungen nicht zum Wohle der Allgemeinheit getroffen wurden.

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Hypo Alpe Adria: Zum Wohl der Allgemeinheit das Schlimmste

Irmgard Griss, Leiterin, der von Michael Spindelegger eingesetzten, Hypo-Untersuchungskommission, hielt gestern, bei der Präsentation des Abschlussberichts unmissverständlich fest: Die Verstaatlichung der Hypo Alpe Adria war keineswegs alternativlos. Was anderswo dazu führen würde, dass die Regierung sofort zurück tritt und die Verantwortung übernimmt, gibt in Kakanien den Beamten Gelegenheit ihres Amtes zu walten und trotz Unmissverständlichkeit das Gegenteil zu behaupten. In rhetorischen Höchstleistungen wird die Alternativlosigkeit ob der drohenden Konsequenzen als letztes Mittel dargestellt, von anderer Seite als die beste Alternative, wiewohl keine andere zur Diskussion stand - und schließlich, mit großer Geste darauf hingewiesen: Das Hypo-Debakel ist und bleibt ein FPÖ-Skandal. Da wird weiter gespinnt, als ob an Hand der Hypo nicht gerade dargestellt worden wäre, dass das System durchgehend versagt hätte: Von allen Aufsichtsorganen (Abschlussprüfer, FMA, ÖNB) bis zu den politisch Verantwortlichen in Kärnten und schließlich im Bund. Dilettantismus und provinzieller Kleingeist. Am Ende des Berichts steht zu lesen: Dem Bund kann nicht zugebilligt werden, dass er seine Entscheidungen als Alleineigentümer der Hypo zum Wohle der Bank und der Allgemeinheit getroffen hat. Dem ist nichts hinzu zu fügen.


Außer vielleicht noch: Wo war während all der Zeit die kritische Öffentlichkeit, die Vierte Gewalt? Muss angesichts dieses Desasters nicht ebenso fest gehalten werden, dass dieses imaginierte Korrektiv, das der kritische Journalismus sein will, in analoger Art und Weise versagt hat, wie die Aufsichtsorgane? Muss deshalb ein Interessenkonflikt vermutet werden, wie ihn etwa der Bericht im Zusammenhang mit der Haftungsprovision des Landes Kärnten skizziert (der Anstieg der Haftung führte zu höheren Provision und gleichzeitig zu höherem Risiko)? Befinden sich Medienunternehmen nicht in ähnlichen Catch 22-Situationen und sind deshalb schon systemisch gar nicht in der Lage ihrer Korrektiv-Funktion nach zu kommen? Was bewirken all die Aufdecker-Geschichten und Enhüllungen?

Edward Snowden hat in einem Interview gesagt, dass das Schlimmste, was er befürchte, sei, dass nach seinen Enthüllungen nichts passiert, alles bleibt, wie es war. Es steht zu befürchten, dass das Schlimmste eintritt.




Dienstag, 2. Dezember 2014

Stermann, Grissemann und Welter im Rabenhof: Für die Eltern was Perverses

(c) Ingo Pertramer

- und eigentlich nichts. Weil im Künstlerischen, so Stermann, gibt es nichts Perverses. Was das zum Dreigestirn angeschwollene Zweigestirn nicht davon abhält, trotzdem danach zu suchen, Ausschau zu halten, naturgemäß ganz ohne Ambition, denn Ambition ist, was den Herrn grundsätzlich abgeht. Diesmal sei es, so Grissemann, eine Art resignativ-traurig-humoriges Geplänkel, das, wenn man mitunter Willkommen Österreich schaut, zu guten Teilen bekannt ist und man sich demnach immer wieder drüber freuen kann, noch nicht total dement zu sein, wenn man die eine Pointe schon mal gehört und den anderen Film schon mal gesehen hat. Die Attraktion gibt der Herr Welter als lebender Plattenspieler, dem Schlager und Geschunkel abgenötigt werden und der ob des Genötigtwerdens in Alkohohl, Masturbation und Ausfälligwerden seine Ausflucht sucht. Allerdings nicht so genau weiß, welche Darstellungsform dieser Flucht angebracht wäre und deshalb im Niemandsland zwischen Schauspiel und Kabarett verreckt. Folgerichtig hält Welter im Interview fest: Ich weiß nicht, was das ist. Stermann behauptet standhaft: Ein Theaterstück. Grissemann wahrheitsgemäß: Ein Hörspiel. Nun, man muss sich dieser Frage nicht stellen.

Donnerstag, 27. November 2014

Thomas Pynchon: Bleeding Edge - vom Ende der Utopien

Bleeding Edge ließe sich als Ostküsten-Pendant zu Inherent Vice lesen, Maxine Tarnow demnach als Larry Sportellos Schwester im Geiste, gut 30 Jahre später, wenn der Summer of Love einzig als Motto für Nostalgie-Discos taugt und die nächste Utopie im Begriff ist, den Bach hinunter zu gehen. Und nicht nur das: Es sich (einmal mehr) erweist, dass der Untergang jeder Utopie inhärent ist. Sein muss.
"(...) Internet (...), diese magische Einrichtung, die nun wie ein übler Geruch die kleinsten Details unseres Lebens durchdringt, das Einkaufen, die Hausarbeit, die Schulaufgaben, die Steuern; es absorbiert unsere Energie, frisst unsere kostbare Zeit. Und Unschuld gibt es da nicht. Nirgends. Es wurde in Sünde, der denkbar schlimmsten, empfangen. Und während es wuchs, hat es im Herzen stets einen bitterkalten Todeswunsch für den Planeten getragen, und denk nicht, Kind, dass sich da irgendwas geändert hat."

Parallel zum Sündenfall des Internets, exemplifiziert an Deep Archer, einer Art Second Life fürs Deep Web, wo die letzte Schlacht um die endgültige Kommerzialisierung des Internet tobt, erzählt Thomas Pynchon von den letzten Tagen der Twin Towers und also Manhattans - von einer Zeit, wo Manhattan noch stellvertretend für New York stand. Wie schon in Sportellos L.A. schreibt sich die Veränderung primär in Stadtarchitektur - und also: In Geldflüssen. Follow the money. Konsequenterweise verdient Maxine ihre Brötchen als Fraud Examiner, als Betrugsermittlerin, und wie schon bei ihrem Westküsten-Geistesbruder zeigt sich, dass ein scheinbar (Nichts ist, was es scheint.) simpler Auftrag, so simpel nicht sein kann und die Überprüfung einer Internet-Company, die das Platzen der Dotcom-Blase bemerkenswert gut überstanden hat, straight in Verwicklungen mit diversen Geheimdiensten führt und schließlich im Einsturz der Twin Towers mündet. Hätte sich das vorab wissen lassen, hätte sie das Unglück womöglich verhindern können? Wo Jonathan Franzen die Notwendigkeit sieht eine bessere Welt und Menschheit in Aussicht zu stellen und Tolstoi ins Rennen schickt, bleibt Pynchon seinen Anfängen treu: Vergleichbar der Oedipa Maas in The Crying of Lot 49 folgt Maxine einer Unzahl von Hinweisen von einem immer üppiger wucherndem Figurenarsenal (wo dann manch Kritiker die Übersicht verliert und den falschen über die Klinge springen lässt) gemäß ihrem Firmennamen: Tail 'em and nail 'em. Mit ganzkörperlichem Einsatz. Was nicht immer zum gewünschten Ergebnis führt - und schon gar nicht das Erwachsenwerden unterstützt.
"Spürst du, wie jeder regrediert? Der 11. September hat dieses Land infantilisiert. Es hatte die Chance erwachsen zu werden, stattdessen hat es sich entschieden in die Kindheit zurück zu fallen." 

Mittwoch, 26. November 2014

Ökonomisierung der Humanressource

Kürzlich verlautbarte die Generali-Gruppe, dass KundInnen Gutscheine und Rabatte gewährt werden, die nachweislich gesund leben. Wozu sie regelmäßig Daten betreffend ihren Lebensstil via App an die Generali übermitteln müssen.


Wie schon bei der Debatte rund um Social Freezing erscheint interessant, dass der Diskurs sich zuallererst um pragmatische Fragestellungen konzentriert - wie etwa Datenschutz und -sicherheit - und die strukturellen Konsequenzen weniger bedeutsam erscheinen. Im Zusammenhang mit dem Einfrieren der Eizellen hielt ich - folgend Byung-Chul Han - fest:
Die Bedürfnisse der Unternehmen werden unter dem Deckmantel von Freiheit zu den Bedürfnissen der Mitarbeiterin gemacht.
Folgend der Logik des Selbstoptimierungsparadigmas wird die Humanressource belohnt, so sie sich von der Risikoreduktionslogik der Versicherer instrumentalisieren lässt. Es steht ja schließlich jeder und jedem frei, gesund zu leben oder eben nicht, sich fit zu halten oder eben nicht, Sport zu treiben oder eben nicht - wenn außer Acht gelassen wird, dass es einen entsprechenden Lebensstil (und damit einen sozialen Status) voraus setzt, der eine/einen in die Lage versetzt, sich Zeit zu nehmen, sich fit zu halten, Sport zu treiben und gesund zu ernähren. Die von Han konzedierte Leibeigenschaft schreibt sich einmal mehr, diesmal direkt aus dem Körper der (freiwillig) Betroffenen - die Versicherer, ursprünglich eingerichtet dafür, dass sie Risiken ausgleichen, transferieren das Risiko auf das Individuum und hebeln damit das Prinzip der Versicherung aus. Wo früher das Risiko über viele und lange Zeit verstrichen wurde, regiert die Quartalszahlenlogik und das Optimierungsparadigma. Wenn es Kunden gibt, die dem Versicherer am Ende des Tages weniger kosten, dann bin ich als guter Geschäftsmann angehalten, diese passend zu servicieren, nicht wahr? (Juli Zeh sagt in einem Interview mit der Süddeutschen: "Totalitäre Strukturen kleiden sich heute ins Gewand von Serviceangeboten.")

Felix Hufeld, oberster Versicherungsaufseher der Finanzdienstleistungsaufsicht in Deutschland, bemerkt dazu folgerichtig:
"Wenn wir den Gedanken zu Ende denken, kann das letztlich zu einer Atomisierung des Kollektivs führen."
Wir können ihn beruhigen. Dieses Kollektiv ist bald schon Vergangenheit...

Freitag, 21. November 2014

A Walk On The Moon - von der Schwierigkeit sich/etwas zu ändern

In jenem Sommer, als die Menschheit einen Riesensprung (That’s one small step for man… one… giant leap for mankind.) und sich die Gegenkultur via Woodstock unsterblich machen sollte, sind Pearl (Diane Lane) und Marty (Liev Schreiber) mit Tochter, Sohn und Schwiegermama auf dem Weg von New York City in die Catskills, wo die Familie in einem Camp mit Dutzenden anderen jüdischen Familien ihren Sommer verbringen will. Und so vergnügt und aufgeregt das Szenario ist, es sind die Zwischentöne, die offenbar werden lassen, dass die großen Veränderungen in Zeit und Geschichte auch die kleine heile jüdische Welt an der Ostküste nicht unbeeinflusst lassen werden - wenn etwa der Bub fragt, warum sie den Sommer immer am gleichen Ort verbringen und Marty nach kurzem Zögern antwortet: Good Question. Oder Pearl versonnen zur Seite blickt, so als ob sie nicht wissen würde, was zum Teufel sie eigentlich hierher verschlagen hat.


Pearl und Marty sind ein eingespieltes Team, lernten sich schon in der Schule kennen und lieben, heirateten als Teenager, weil Pearl schwanger war. Mittlerweile ist Alison (Anna Paquin), ihre Tochter, selbst ein Teenager, beinahe gleich alt wie sie, wo sie ihr erstes Kind bekam.

Marty bleibt - wie der größere Teil der jüdischen Väter - die Woche über in New York, wo er als Fernsehmechaniker arbeitet, am Wochenende pendelt er raus in die Catskills. Die Frauen verbringen ihre Zeit mit Haushalt und Smalltalk in den Vorgärten. Mitunter kommt ein fahrender Händler vorbei, der Second-Hand Ware - vorzüglich für Frauen - verkauft. In einem großen Bus - die Tür schwingt auf und gibt den Blick frei auf eine andere Welt, ein anderes Verständnis von Leben. Pearls Frust ob ihrer verlorenen Jugend und nie ausgelebten Freiheit findet ihr Ventil in Jerome Walker, dem Blouse Man (Viggo Mortensen), der kontrapunktisch - auch physisch - all das verkörpert, was Marty nicht ist. Und nicht sein kann.


Es geht um unerforschtes Terrain - Neil Armstrong setzt seinen Fuß als erster Mensch auf den Mond, Pearl schleicht in die Nacht hinaus, um sich mit Walker zu treffen und später mit ihm Woodstock zu erleben - von ihrer Tochter zur Rede gestellt, ob sie Walker mehr liebe als die Familie, antwortet sie: No. Sometimes it's easier to be different with a different person. Und zurück bleibt die Frage, welcher Mensch will ich sein... ein großartiger Film.
   

Mittwoch, 19. November 2014

The Homesman und Jauja - zur Unmöglichkeit Frauen zu verstehen

Er sollte der brave, verlässliche Mann sein, fürsorglich und rücksichtsvoll, eine treue und brave Seele. Zu Gesicht bekommen wir ihn zuallererst in Unterwäsche, rußverschmiert mit grauen Federn, die in alle Richtung stehen und einer exzentrischen Bartkonstruktion. Er wurde ausgeräuchert, da er die Farm eines Mitbürgers besetzt hat - wofür er hängen soll.


Und dann kommt die wahrhaftig Heimelige: Mary Bee Cuddy (Hillary Swank). Sie schneidet ihn vom Strick, im Gegenzug dafür muss er sie bei ihrer Mission begleiten. Drei Ehefrauen der umliegenden Farmen wurden auf Grund der Lebensumstände in der kargen Einöde Nebraskas verrückt und Cuddy hat sich bereit erklärt, sie zurück in die Zivilisation zu bringen. Wobei ihr George Briggs (Tommy Lee Jones) zur Hand gehen soll: Hunderte Meilen durch die endlose Prärie, wo maximal Indianer oder Banditen anzutreffen sind. Also niemand, den man treffen will und niemand von dem Hilfe erwartet werden kann.


So ausgesetzt Cuddy und Biggs auf ihrer Reise erscheinen, so ausgesetzt und verlassen scheinen die drei dem Wahnsinn anheim gefallenen Frauen: Die innere Leere der Frauen korrespondiert mit der grenzenlosen Leere in der Prärie. Und so gerät Tommy Lee Jones' zweite Regiearbeit zum Versuch eines Mannes die Frau an sich zu begreifen. Was naturgemäß nicht gelingen und folgerichtig nur in einem Besäufnis enden kann.

Oder im Nichts: In Jauja (Regie: Lisandro Alonso) versucht ein dänischer Hauptmann (Viggo Mortensen) im Argentinien des späten 19. Jahrhunderts seine Tochter wieder zu finden, die mit einem jungen Soldaten durchgebrannt ist. Als Vater zuerst noch damit beschäftigt, die aufdringliche Umwerbung der Tochter durch einen Offizier abzuwehren, begibt er sich anschließend allein auf die Suche. Doch, was er zu finden hofft, ist schon längst ein Hirngespinst - die Bande zwischen Vater und Tochter ist für immer gekappt, was er als Besitz betrachtete, beansprucht Unabhängigkeit. Und wird zum Abbild des Kolonialismus.


Zu Beginn des Films wird die Geschichte von Jauja erzählt, dem Land, wo Milch und Honig fließen, wo niemand arbeiten muss und alle glücklich sind. Allerdings ist jeder, der sich bisher auf die Suche danach machte, verschwunden. So ist die Suche des Hauptmanns nicht bloß der Versuch eines Vaters seine Tochter (für immer) zu beschützen/-sitzen, sondern steht prototypisch für jene Sehnsucht, das ewige Glück zu finden. Und darunter lässt sich trefflich leiden,

Mittwoch, 12. November 2014

Haruki Murakami: 1Q84

Haruki Murakami soll angeblich den Auftrag zur Heilung der japanischen Gesellschaft bekommen haben, von einem Psychologen namens Kawai Hayao, den er Mitte der 90er in den USA traf. Hayao stellte die Prämisse auf, dass der/die JapanerIn von heute ein sehr einsames Wesen habe und demzufolge auf der beständigen Suche nach einem/r ewigen BegleiterIn wäre.


Tengo und Aomame, so die Namen der beiden Einsamen, die durch das seltsame Jahr 1Q84 streifen, wo die japanische Version des Big Brother - nämlich: die Little People - das Sagen haben und Puppen aus Luft weben, so sie sich den Weg aus dem Inneren der Menschen ins Freie gekämpft haben. Darüber scheinen zwei Monde, einer sieht so aus wie gewohnt und verhält sich auch so, der andere wie der missgestaltete Zwillingsbruder unseres gewohnten, bohnenförmig und grünlich gefärbt. Zwei Geschichten der Einsamkeit also, die Aomames, der kleinen Erbse, Serienkillerin und Tochter von unbeugsamen Zeugen Jehowas, und die von Tengo, Ex-Athlet, Ex-Mathematik-Genie und Möchtegern-Schriftsteller, Sohn eines Telekomgebühreneintreibers, der von seiner Frau betrogen und verlassen wurde und Tengo keine Liebe geben konnte oder wollte. Die Sünden der Vorgängergeneration kommen auf die Kinder nieder: Tengo und Aomame, beide um die Elternliebe betrogen, versehrte Seelen, suchen nach dem, was fehlt - und während der Zeit, wo der Mond seinen missgestalteten Bruder findet, entsinnen sie sich ihrer Vergangenheit, wo sie den einen magischen Moment erlebten und sich vollständig fühlten, als sie sich als Zehnjährige einen kurzen Moment lang an den Händen nahmen.


Abwechselnd entrollt Murakami die beiden Geschichten mit präzisen, knappen Strichen, entwickelt eine obskure Mischung, zwischen an europäischer Literaturgeschichte ausgerichteter Motivik, quer gelesen mit Elementen des amerikanischen Thrillers, bebildert aus dem poppigen Fundus japanischer Mangas. Was zur Folge hat, dass die Figuren wie hinein geworfen wirken, in eine verrissene Realität und damit die Figuren umso verlorener: Es wird gearbeitet, geredet, gegessen, geschwitzt und viel gevögelt - aber zurück bleibt der Eindruck einer merkwürdigen Unbeteiligt- und Distanziertheit. So als würden nicht sie die Geschichte erleben, sondern wären die Betrachter ihrer selbst und Murakami würde ihnen eine Gute-Nacht-Geschichte erzählen, wo am Schluss natürlich alles gut werden muss.

Nur, nachdem sie zu Ende ist, liegen sie nach wie vor allein in ihrem Bett und das Mondlicht scheint durchs Fenster und es ist unklar, ob es ein oder zwei Monde gibt und ob des Nächtens nicht doch ein paar Little People eine Puppe aus Luft zu weben beginnen.