Samstag, 19. Juli 2014

Der offene Brief und die Schlacht bei den Thermopylen

Haben also über 800 mehr oder weniger honorige Damen und Herren einen offenen Brief an Bildungs- und Frauenministerin Heinisch-Hosek wie auch Wissenschafts- und Wirtschaftsminister Mitterlehner unterzeichnet, sie mögen dafür sorgen, dass wieder zur sprachlichen Normalität zurück gekehrt werde - und zwar via amtlichem Regelwerk. In Zeiten des Aufschreis fand toute suite eine kunterbunte Kontroverse ihre Aufführung - auf Twitter unter dem Hashtag #wirsind800.


Und wo ich diesen Brief las, den Hashtag noch in Ohren, fühlte ich mich an Zack Snyders 300 erinnert: Vor meinem geistigen Auge formierten sich blut- und schweißüberströmte heroische Kämpfer, die sich todesmutig in die Schlacht gegen die kämpferischen Sprachfeministinnen werfen. Männer wie Konrad Paul Liessmann oder Peter Kampits, Geistesgrößen wie Rudolf Taschner und Klaus Albrecht Schröder. 90 Prozent der Staatsbürger (es ist zu vermuten, dass der weibliche Anteil der Bevölkerung mit gemeint ist, generisch, wie gesagt wird) würden diese ideologisch motivierten Verunstaltungen der deutschen Sprache nicht mehr hinnehmen wollen, weshalb es hoch an der Zeit gewesen wäre, so die 800, dem einen Riegel vorzuschieben. Die Spartaner, c'est nous - schallt es in meinen Ohren. Kämpfend für die Mehrheit, allerdings im Gefecht in der Minderheit. Noch. Schon eilt der Boulevard herbei, um den wackeren Recken den Rücken zu stärken, schon spitzen meinungsmutige Journalisten die Feder. Dem Häuflein Heldenmut (Maskutieren) gegenüber, ein jedes demokratischen Ansatzes spottendes, diktatorisches Gleichbehandlungsregime. Nicht einmal auf die schwächsten Glieder der Gesellschaft wird Rücksicht genommen, weder auf unsere Kleinen, noch Menschen mit besonderen Bedürfnissen und solchen, die Deutsch als Fremdsprache lernen: Es wird ihnen damit verwehrt, sinnerfassend lesen zu lernen und also die Verständlichkeit am Altar des Feminismus geopfert. Ein fürchterliches Gemetzel.

Als Zack Snyder nach dem Anlaufen seiner Verfilmung des Frank Miller Comics massiv mit Rassismus- und Faschismusvorwürfen konfrontiert wurde, wiegelte er ab, mit Politik habe er nichts am Hut, ihm wäre es einzig darum gegangen, dem Publikum unterhaltsame Stunden zu bescheren. Ähnlich kreuzbrav und naiv die Briefunterzeichner am Sprachthermopylenpass: Es wird einfach verweigert, Sprache als Ausdruck der Wirklichkeit wahrzunehmen, Sprache dient ausschließlich der problemlosen Verständigung. Und hätte demnach keine politische bzw. ideologische Funktion. Um das zu unterstreichen, wird von Tradition und Gewohnheit geredet, als ob selbige keine ideologische Funktion hätten. Von Professoren. Von Sprachphilosophen (ich frage mich, wie Herr Kampits zu Wittgenstein je Vorlesungen hat halten können).

Die angesprochenen sprachlichen Verunstaltungen konkretisieren sich den Unterzeichnern zufolge als Binnen-I, hoch gestellte Buchstaben bei akademischen Titeln, Klammern und Schrägstriche. Diese müssten eliminiert werden, um das Schriftbild wieder in Ordnung zu bringen. Der martialische Duktus verrät, hier geht es um mehr. Vor nicht allzu langer Zeit lamentierte Christian Rainer im Profil über die Bösartigkeit im Netz und forderte dazu auf, dass unsere Rechtsordnung (sic!) auch in Neuland (c Angela Merkel) installiert werden müsse. Seine Forderung wurde kurz darauf von den Meinungsmutigen aufgenommen und in eine Initiative übergeführt, die sich dafür stark macht, dass die Klarnamenpflicht im Netz durch gesetzt wird. Damals fragte ich mich, wovor diese alten Männer solche Angst haben? Marlene Streeruwitz verweist zu Recht auf die Machtdimension, spricht von einer Generation, die einer inzwischen verschwundenen Hegemonie nachhängt und sich ihren (verdrängten?) Niedergang mittels eines schnellen Siegs via Krone und Gaballier verschönern will.

Jahrzehnte stellten sie die intellektuelle Elite, beherrschten über Universität und etablierte Massenmedien den Diskurs und müssen nun miterleben, wie sie auf Grund des Strukturwandels der Öffentlichkeit (c Habermas) in Folge der digitalen Revolution stetig an Einfluss verlieren. Sie fürchten das Neue, weil es die Welt verändern und ihre eigene Welt vernichten wird, schreibt Ursula Weidefeld in Kinder des 20. Jahrhunderts über die Babyboomer-Intellektuellen. Sie würden die fundamentalen Gewissheiten ihres Lebens in Frage gestellt sehen, durch die veränderten strukturellen Gegebenheiten der zunehmend digitalisierten Medien.

Angesichts dessen, könnte man sich gemütlich zurück lehnen und Popcorn-essend dabei zu gucken, wie die 800 schließlich überrollt werden wie Leonidas bei den Thermopylen.

Dienstag, 15. Juli 2014

Martin Pollack: Kontaminierte Landschaften

Es solle doch endlich die Vergangenheit in Ruhe gelassen und nicht immer wieder in der Geschichte herum gestochert werden. Die Vergangenheit ist vergangen und dort soll sie auch bleiben. So ähnlich ein Eisverkäufer in Auschwitz nachdem ihn Martin Pollack danach fragte, wie es ist, in einer Stadt mit dieser Vergangenheit zu leben.


Martin Pollack, der Sohn von SS Sturmbannführer Gerhard Bast, macht sich in seinem Essayband Kontaminierte Landschaften auf die Suche nach den vergessenen Massengräbern in Mittel- und Osteuropa - und fast scheint es: Wo immer er zu graben beginnt, ob im idyllischen Südburgenland oder den Weiten der Ukraine, stößt er auf die Überreste vergangener Verbrechen. Er könne mittlerweile, führt er im Standard-Interview aus, Landschaft kaum mehr unkontaminiert denken. Er hege ein tiefes Misstrauen gegenüber schönen Landschaften. Und man fühlt sich unmittelbar an David Lynchs Blue Velvet erinnert, Blumen blühen vor strahlend weißen Gartenzäunen, akkurat geschnittene Rasenflächen, wo ein abgeschnittenes Ohr rumliegt... alles nur eine Frage des Blicks.


Und Martin Pollack ist davon überzeugt, dass es besser ist hin zu schauen. Womit er sich naturgemäß nicht allzu viele Freunde macht.
Die Gespenster, so hoffen sie, lassen sich mit Schweigen und behördlich verordnetem Vergessen besänftigen oder bannen, die Wahrheit hingegen kennt kein Erbarmen.
Auf Grund der Erbarmungslosigkeit der Wahrheit halten sich denn auch hartnäckig Gerüchte und Geschichten rund um die kontaminierten Orte und Landstriche. Was mitunter soweit geht, dass die Verbrechen sich als Fluch zu manifestieren scheinen.
Der Boden hier ist verflucht auf ewige Zeiten, denn das, was man den Juden angetan hat, war eine Sünde, eine schreckliche Sünde.
Die Verdrängung gelingt nicht, das Verdrängte kehrt wieder. Oder mit Julia Kristeva: Unheimlich sind wir uns selbst. Demzufolge müsste, wie Martin Pollack ausführt, eine Landkarte der kontaminierten Orte gezeichnet werden, eine Topographie des Terrors, um der Verdrängung eine Erinnerungs- und Verortungsstruktur entgegen zu halten und so Zukunft erst möglich zu machen.

Mittwoch, 2. Juli 2014

WIG 64 - oder die Erfindung des Sozialen Grüns


Am 16. April 1964 wurde der Donauturm gemeinsam mit der Wiener Gartenschau, der WIG 64, eröffnet. Eine neues Wahrzeichen, eine schlanke Nadel als Ausdruck des Wirtschaftsaufschwungs, des Wiederaufbaus, des allgemein sicht- und spürbaren Erfolgs. Inmitten einer bis ins kleinste Detail durchgeplanten Gartenanlage, wo Pensionistinnen und Pensionisten Domino spielen und die Kinder mit Spielplätzen versorgt werden sollten. Zwischen Sommerblumenbeeten und Stauden sollte sich das Paradies in der Nussschale offenbaren, wie Bundespräsident Adolf Schärf formulierte.


Konsequenterweise wurde dieses Paradies auf einer kontaminierten Landschaft errichtet: Das Fundament bildete eine riesige Mülldeponie, der Bruckhaufen, die mit der Inbetriebnahme vom Flötzersteig ausgedient hatte. Zuvor diente das Areal als Militärschießstätte und später, während der Nazizeit, als Hinrichtungsplatz, wo Wehrmachtsangehörige, die der Zersetzung der Wehrkraft überführt wurden oder Fahnenflucht begingen, exekutiert wurden. Es dauerte übrigens - entsprechend guter, alter, österreichischer Tradition - bis 1984 ehe ein Gedenkstein errichtet wurde.

Im Zuge der Errichtung des Paradieses wurde auch ein weiterer Schandfleck getilgt: Das Bretteldorf - wo sich seit Ende des 19 Jahrhunderts rund um den Müllplatz eine illegale Ansammlung von Behausungen der Müllstierler gebildet hatte, Brutstätte für Ratten und menschliches Ungeziefer - auch dieses Kapitel Wiener Stadtgeschichte sollte unter einer akkurat geschnittenen Rasenfläche für immer verschwinden.

Das Soziale Grün, demnach ein nationaler Akt der Psychohygiene: Über Müll und also Geschichte und damit Erinnerung sollte üppiges Grün wachsen, rund 7.000.000 Bäume, Blumen und Stauden, sodass jeder Österreicher und jede Österreicherin einen symbolischen Neuanfang im Nachkriegsösterreich bekam.

Nichtsdestotrotz - vergegenwärtigt werden muss die schiere Größe des Projekts, mehr als 800.000 Quadratmeter wurden erschlossen und bebaut, stadtplanerisch in Grünfläche übergeführt. Wiewohl mittlerweile auf Grund von UNO City und anderen Projekten schon etwas geschrumpft, allerdings im Vergleich zu beispielsweise dem Seepark Aspern, wo 50.000 Quadratmeter verplant werden: Ein visionärer Zugang, definitiv kein Kleingeist - und nicht zu vergleichen mit der gegen- und mitunter widerwärtigen Bobo-Kuschelpolitik. Hier wurde geklotzt, nicht gekleckert, man hatte ein Programm, man verfolgte Ziele (abseits von Wiederwahl). Neben dem Donauturm wurden eine Seebühne, ein Kino, diverse Pavillons, der Ruthnerturm (Vertical Farming!) wie auch ein Sessellift errichtet, mit welchem es sich gemütlich übers Blumenmeer schweben ließ - und den man natürlich vermissen muss... (er wurde Anfang der 80er Jahre abgebaut)


Dass das Soziale Grün nicht ausschließlich psychohygienische Ziele verfolgte, liegt auf der Hand. Wie schon beim sozialen Wohnbau in den 20er und 30er Jahren wurde die soziale Agenda mit handfesten ökonomischen Interessen abgesichert. War der soziale Wohnbau den gesellschaftlichen Herausforderungen nach dem 1. Weltkrieg geschuldet, um Wohnungsnot, Epidemien und Arbeitslosigkeit einzudämmen, sah man sich in den 50er Jahren massiv mit den Herausforderungen des Wiederaufbaus konfrontiert. Mit dem Sozialen Grün wurden einerseits die zerstörten und kontaminierten Landschaften beseitigt und die Stadt als Lebensraum neu definiert, andererseits für die lokalen Betriebe und Unternehmen Unmengen von Aufträgen und Arbeitsplätzen geschaffen wie auch eine Neupositionierung der Stadt Wien verfolgt. Nichts weniger als Wien in eine Reihe mit den Internationalen Metropolen zu stellen, das war der Plan. Weshalb insbesondere Wert darauf gelegt wurde, dass sich andere Länder an der Ausstellung beteiligten (von Brasilien bis zu den USA) und sogar ein Konferenzbus durch Europa geschickt wurde, wo Pressekonferenzen und Empfänge abgehalten wurden, um auf die entsprechend WIG aufmerksam zu machen.

Noch bis 31. August im Wien Museum.

Freitag, 27. Juni 2014

Rainald Goetz = Johann Holtrop


Johann Holtrop, Vorstandsvorsitzender eines mächtigen Medienkonzerns und Held von Rainald Goetz' als Roman getarntem Abriss der Gesellschaft, moniert gedanklich angesichts eines Unter, der die Usancen im Umgang mit dem Ober ignoriert: Was erlauben Salger! Salger, so der Name des Unter, der sich erdreistet, Holtrops positive Eigenschaften simpel zu übernehmen, wiewohl sein Rang ihm ein solches Verhalten nicht erlaubte.

Und mir fährt ins Hirn - was erlauben Goetz! Angesichts der aufgeregten Kritik an diesem Schlüsselroman, diesem Gesellschaftspanorama unserer Zeit. Erdreistet sich dieser Goetz also einen Roman zu schreiben. Roman nennt er das, weil es als Wirtschaftsthriller oder Finanzkrimi ob seiner Ungenauigkeiten nicht durch geht. Weil es vor Fehlern und vor Ahnungslosigkeit strotzt, wird gegeifert. Der Mann, Goetz, hätte keinen blassen Schimmer, wovon er schreibt. In der Sache nämlich - da würden kurzer Hand Begriffe erfunden, die Realität zurecht gebogen, eine Wirtschaftsungeheuerlichkeit deklamiert...

Fast so, wie es damals war, kommt mir in den Sinn - als einer derjenigen, der mit einer Agentur den ganzen New Economy Wahnsinn der späten 90er und frühen Nuller-Jahre miterleben durfte. Vom coolen Startup, über Risikokapital und Börsegang bis zum kapitalen Bauchfleck, wo die Party vorbei war und die Stunde der Spießer schlug. Inhaltsleerer Business-Talk? Bedeutunsglose Buzzword-Haufen? Vorstandsvorsitzende auf Aufputschmittel in grenzenloser Selbstüberschätzung? Die Lektüre evozierte nostalgische Gefühle, erinnerte mich an die Zeit, wo Wirtschaft Kunst geworden war, der schönste und größte Weltfreiraum für alle abenteuerlich gesinnten Menschen, der Kapitalismus leuchtete, hell und wild wie noch nie. Ja, so fühlten wir uns damals. Ganz genau so. Zahlen, harte Fakten, Wirklichkeit? Das war für Weicheier und Controller. Was ist, das langweilt mich! Der Realismus sei ja keine Form der Welterfassung, gerade für die Wirtschaft nicht - lässt Goetz Holtrop denken und es klingt als ob Goetz aus Holtrop tropfte, als ob Holtrop schon die Verteidigungsrede für seinen Autor formulierte. Oder - wie Richard Kämmerlings in Anlehnung an Flaubert und Madame Bovary formulierte: Holtrop, c'est moi. Realismus? Überschätzt.

Und so ließe sich denn Goetz' Abriss auch als Künstlerroman lesen und also als Abgesang auf das Genie, den Visionär, in einer Welt, wo Spießer regieren, der Inhaltismus, getrieben von einem neuen Breed von Finanzfachleuten, die eher wie genialisch gestimmte Pianisten oder Jungphilosophen daherkamen, in heiterster Weise identisch mit ihrer Welt der Spekulation, vom Geist beseelte, hochabstrakte Naturelle, denen eindeutig und offensichtlich (...) die heutige, jetzige Zukunft gehörte.

Was erlauben Salger - wird somit zum Moment der Erkenntnis. Für Holtrop wie für Goetz. Die Zukunft, die kommen würde, würde nicht mehr mit dem eigenen Handeln verknüpft sein, denn: Es gibt kein richtiges Leben im Denken, (...). Und wie Simon Packer in Cosmopolis oder Patrick Bateman in American Psycho, muss Holtrop seine Grenzen überschreiten, um heraus zu finden, worum es im Leben geht.

Freitag, 13. Juni 2014

Donald Ray Pollock: The Devil All the Time

The Democrats gonna be the ruination of this country.
Eine boshafte Variation auf die Grumpy Old Men von Walter Matthau und Jack Lemmon trifft sich in einem gottverlassenen Kaff in einem dieser Diner, wo ein viel zu junges Mädel abgestandenen Kaffee serviert.  Der eine mit Stetson und Pailletten-Verzierungen in den Stickmustern seines properen Cowboy-Anzugs und einer Winchester auf der Gürtelschnalle, o-beinig, als ob er nach einem wahnsinnig langen Ritt eben von seinem Pferd gestiegen wäre (or was hiding a cucumber up his ass...), der andere im dunklen Anzug mit Medaillen und Schleifen und einer Veteranenkappe, verwegen schief auf seinem kahlen Schädel. Beide, schwer besoffen, stieren Blicks, lamentieren darüber, dass Buben mittlerweile lange Haare tragen - just like a girl, clear down over his ears.

Turn one of them goddamn things into a pet, that's what I'd like to do, sagt der Cowboy, einen Klumpen braunen Schleim in den Aschenbecher rotzend, Bub oder Mädel, der andere, Hell, they look the same, don't they, was zu Essen, You know damn well, what I'd feed it... - und beide lachen dreckig. Und während die beiden alten Säcke ihre Männermachtphantasien ausformulieren, sitzt neben ihnen ein unscheinbarer Typ, der eben überlegt, wie es wäre, die beiden umzunieten, sie vorher vielleicht noch ein bisschen zu quälen, den Cowboy in die Veteranenkappe scheißen zu lassen - er ist sich verdammt sicher das hin zu kriegen, nur eine Frage der Entscheidung.


Amerika in den 50ern, südliches Ohio an der Grenze zu West Virginia, Donald Ray Pollock ist dem Teufel auf der Spur.
It’s hard to live a good life. It seems like the Devil don’t ever let up.
Der American Dream hat kein Happy End und der Summer of Love lässt noch auf sich warten. Pollocks Blick auf die Verhältnisse im amerikanischen Hinterland der 50er ist ähnlich erbarmungslos wie sein Figuren-Ensemble: Carl und Sandy ziehen Hitchhiker-mordend durchs Land, ein Spinnen-fressender Wanderprediger mit seinem pädophilen, querschnittgelähmten Cousin, ein Aushilfspfarrer, der seine Vertrauensstellung für die Entjungferung der weiblichen Dorfjugend nützt, ein traumatisierter Kriegsheimkehrer, der Blutopfer für seine krebskranke Frau bringt. Alle haben ihr Kreuz zu tragen und sind gleichzeitig das Kreuz für jemanden anderen. Alles nur eine Frage der Entscheidung.

Grau ist keine Farbe, es ist ein Zustand auf dem Weg von schwarz zu weiß und umgekehrt. Am Ende muss alles seine Ordnung haben und des Menschen einzige Aufgabe ist es, das zu akzeptieren: Some people were born just so they could be buried.

Donnerstag, 29. Mai 2014

The Counselor - was passiert, wenn Du die Grenze überschreitest...

El Paso auf der einen Seite, auf der anderen Ciudad Juárez. Dazwischen die Grenze. Auf der einen Seite, die sicherste Stadt der USA was Kapitalverbrechen angeht, auf der anderen mehr als 3000 Ermordete pro Jahr, mit Kopf oder ohne, aufgehängt an Brückenpfeilern, vergewaltigte und verstümmelte Frauenkörper. Die Stadt der Drogenkartelle und des Drogenkriegs.


The Counselor (Michael Fassbender) verkauft juristische Expertise, ist smart, cool, erfolgreich - und frisch verliebt (Penélope Cruz). Sein wichtigster Klient, Reiner (Javier Bardem, einmal mehr mit interessantem Haarkleid) fragt ihn, ob er als Investor in einen großen Drogendeal einsteigen will. Er will. Später wird der Boss des Drogenkartells ihm folgenden Rat geben:
I would urge you to see the truth of the situation you're in, Counselor. It is not for me to tell you what you should have done or not done. The world in which you seek to undo the mistakes that you made is different from the world where the mistakes were made. 
Der Counselor, der bis zum Ende namenlos bleiben soll, überschreitet die Grenze, ohne zur Kenntnis nehmen zu wollen, dass er diese Grenze überschreitet. Er ist somit das exakte Gegenteil von Moss, jenem Schweißer in No Country for Old Men der Coen-Brüder, der in dem Moment, wo er über den Leichenhaufen des Drogendeals stolpert, weiß, dass nichts mehr so sein wird, wie es einmal war. Für den Counselor stellt sich diese Erkenntnis erst nach und nach ein, wird unumgänglich, als die Drogenladung auf der Reise verloren geht. Ab dann beginnt eine andere Logik zu wirken, eine Logik, die nicht auf Zahlen sondern auf Emotionen beruht, eine Logik der Gier und der Angst. Spätestens da ist der Zeitpunkt, wo merkbar wird, dass das Drehbuch von Cormac McCarthy stammt. Ridley Scott poliert die Story auf Hochglanz: Hochglanz-Schauspieler in Hochglanz-Interrieurs, um den Riss um so augenfälliger inszenieren zu können. El Paso. Ciudad Juárez. Die Grenze.

Wo Oliver Stone seine knackigen Surfer-Boys kurz mal an großem Drogengeld schnuppern und wo Robert Rodriguez seine Machete einen exakten Hieb zwischen gut und böse setzen lässt, macht sich McCarthy - und mit ihm Ridley Scott - zur Aufgabe, zu entgrenzen: Wir sind schon immer die anderen.

Entgrenzen und also: Globalisieren.


Nachdem Malkina (Cameron Diaz) ihren Raubzug durch führte, nicht ohne - wie ihre geliebten Geparden - mit ihren Opfern nach allen Regeln der Kunst gespielt zu haben, fragt sie ihr Banker:
Where will you go?
I think I might like China.
China, really...


Dienstag, 27. Mai 2014

Barbara Eder: Blick in den Abgrund/Blick aus dem Abgrund.

Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein. (Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse)
Barbara Eder wirft einen dokumentarischen Blick in den Abgrund -  und stellt ihrer Arbeit Nietzsche voran: Die Frage wäre demnach, inwiefern Profiler von den Abgründen, die sie untersuchen, eingenommen werden. Unvergessen jene Szene in Silence of the Lambs, wo Hannibal Lecter für seine Dienste Informationen aus dem Privatleben von Clarice Starling verlangt: Quid pro quo.


So ließe sich Barbara Eders Doku quasi als Umkehrung der Lecterschen Regel betrachten: Eder zeigt sechs Profiler bei ihrer Arbeit, in den USA, in Finnland, Deutschland und Südafrika. Die Lecterschen Fragen nach dem Privatleben werden nicht gestellt, ergeben sich allerdings aus den Beobachtungen von Alltag und Arbeit. Und gerne hätte man mitunter Hannibal eine Stimme gegeben und beispielsweise den südafrikanischen Profiler befragt, was ihm durch den Kopf ging, als eine Studentin seine Vorlesung verließ, als er die abgezogene Gesichtshaut eines Opfers zeigte. Oder warum die finnische Profilerin annimmt, dass sie wahrscheinlich glücklicher wäre, wenn sie einen anderen Beruf ausübte.


Gleich zu Beginn wird die finnische Profilerin von einem Taxifahrer gefragt, was sie denn so mache - und nachdem sie antwortet, vergleicht der Taxifahrerin sie mit Jodie Foster - die Profilerin lächelt kurz und sagt: Die Realität sieht ganz anders aus. Wir stimmen zu - insofern, dass es keinen Hannibal gibt, der aus dem Abgrund blickt.

Mittwoch, 21. Mai 2014

Europaqualkampf: Von Tellerrändern, Ego-Trips und erbärmlichen Reimen


Der eine wird mit Sozial statt egal beworben und ist dabei einer, der im sozialen Bereich in etwa so viel Glaubwürdigkeit besitzt, wie jener, ...


mit dem die anderen Negativ-Campaigning betreiben, in Sachen Vertrauenswürdigkeit. Und dabei jene Werte, für die sie einzustehen vorgeben, im Namen der Menschlichkeit treten.

Dann ist da derjenige, dessen Wahlkampf sich wie ein Ego-Trip ausnimmt: Ich liebe, ich arbeite, ich bin OK.


Dass es auch das passend folkloristisch Heimattümelnde in leicht verständlicher Reimform zu lesen gibt, versteht sich und gibt sich zu verstehen. Leider (von einer Abbildung sehe ich hier bewusst ab).

Wo bei den einen der Tellerrand am fernen Horizont und also vollkommen relevanzlos schimmert, geben die anderen wiederum vor - drüber zu schauen: Um angesichts dessen, was es dort zu sehen gibt, keinen geraden Gedanken mehr formulieren zu können. Wir wollen das und eigentlich aber nicht...


...weshalb der Zusammenschluss der Übriggebliebenen auch prompt schreibt: Wir können auch anders... - das klingt nicht sehr beruhigend.


Der Bartleby in mir, würde angesichts dieser beschämenden und peinlichen Performances einmal mehr, instinktiv veräußern: I would prefer not to... - was allerdings ignorant wäre.

Mittwoch, 14. Mai 2014

Die Angst der Medien vor fliegender Scheiße


Christian Rainer, Chefredakteur und Herausgeber des Wochenmagazins profil, erklärte der geneigten LeserInnenschaft, dass Shitstorms böse sind. Weil dann beispielsweise eine Frau Lichtenegger, die sich nichts zuschulden kommen lassen hat, hingerichtet (!) wird. Oder ein Mario Plachutta mit einem Flashmob vor seiner Gaststätte beglückt wird, wo sich Menschen mit jenem Mitarbeiter solidarisch erklärten, den Herr Plachutta - laut Arbeiterkammer - zu unrecht entlassen hat. Was Herrn Rainer allerdings nicht glaubwürdig erscheint (warum eigentlich?).

Als einzig probates Mittel gegen das Chaos im rechtsfreien Raum des Internets erscheint Herrn Rainer: Klarnamen für alle. Würde die Anonymität im Netz verunmöglicht werden, könnte unsere Rechtsordnung auch im Internet entsprechende Umsetzung erfahren.

Byung-Chul Han spricht in seinen Ansichten zum Digitalen von der digitalen Empörungsgesellschaft. Ausgehend von Carl Schmitt, der denjenigen für machtpolitisch souverän erklärt, der über den Ausnahmezustand entscheidet, wendet Han dieses Diktum aufs Netz an: Souverän ist derjenige, der Stille erzeugen kann. Der alle zum Schweigen bringen kann. Was umgekehrt wiederum bedeutet: Souverän ist, wer über die Shistorms des Netzes verfügt.

Gesprochen wird hier von Macht. Von Hierarchie. Das Netz betreffend von Hierarchielosigkeit und Freiheit zu brabbeln ist ebenso daneben, wie von der Nichtexistenz von Diskursmacht hinsichtlich der Printmedien. Nicht umsonst gibt es Leitmedien mit entsprechendem Personal und - beispielsweise - auf Twitter richtiggehende Superstars mit Zigtausend Followern, die als MeinungsführerInnen und MultiplikatorInnen fungieren. Nur die Diskurslogik folgt einem anderen Muster: Während im herkömmlichen Medienbetrieb JournalistInnen, ChefredakteurInnen und HerausgeberInnen  die Gatekeeper-Funktion ausüben, also bestimmen welche Relevanz (und also: Raum und Zeit) welchem Thema gegeben wird, ist im Netz die Quantität der bestimmende Faktor. Das digitale Zeitalter totalisiert das Additive, das Zählen und das Zählbare - sagt Han. Das Narrative verliert massiv an Bedeutung.

Rainers Wunsch, unsere Rechtsordnung via Klarnamen nach Neuland (A. Merkel) zu transferieren, entspringt demnach der Ansicht, dass damit auch die gewohnte Diskurshoheit wieder hergestellt werden könnte und somit die eigene Bedeutung. Wo Botho Strauß' Idiot wortmächtig gegen die Millionen Kleinteufeln des zernagten Alphabets, diese 600 Millionen Netz-Autoren, die ihr Unbuch verfassen, anschreibt, verzichtet Rainer auf jegliche Metapher: Vielmehr findet sich da mehrheitlich eine Agglomeration von anonymen Beschimpfungen und nicht überprüften wie auch unüberprüfbaren Anschuldigungen (wobei es mit den Überprüfungen auch in sich selbst als Qualitätsblätter bezeichnenden Medien mitunter ebenfalls nicht so genau genommen wird - worauf Gerald Bäck u.a. pointiert hinweist). Womit aus entsprechender Position die Relevanzlosigkeit von Neuland für Debatten en gros beschieden wird. Han spricht im Zusammenhang mit der Vereinzelung der Individuen im Schwarm von narzisstischen Inseln von Egos, die im Schwarm nicht/kaum interagieren - dass im herkömmlichen Medienbetrieb Narzissmus weniger verbreitet sei, schiene mir eine bislang unbewiesene These. Dass, um als relevanter Diskursteilnehmer wahrgenommen zu werden, es unumgänglich ist, sich und seinen Beitrag via Gatekeeper in klassischen Medien zu publizieren, ein Faktum. Wovor fürchten sich also die alten Männer in den alten Medien?

Das digitale Medium, das die Botschaft vom Boten, die Nachricht vom Sender trennt, vernichtet die Namen - so Han. Es geht um Wiederherstellung des Autors - und also Autorität. Letztlich um Kontrolle im Namen der Transparenz. Womit sich Han und Rainer im Konsens mit dem Großteil der Intellektuellen befinden. Was beinahe wie ein Treppenwitz der Geschichte erscheint: Nachdem Roland Barthes den Tod des Autors verkündet hatte, fest stellte, dass der Text durch die Lektüren und also durch die LeserInnen immer wieder aufs Neue ersteht, dieselben diese Lektüregeschichten im Neuland fortsetzen und -schreiben, müssen die Autoren wieder inthronisiert werden. Im Dienste der Aufmerksamkeitsökonomie, wo sich Namen direkt über ihre Präsenz monetarisieren lassen. Wofür es allerdings die Diskurshoheit braucht, weil ansonsten die Gefahr besteht, dass einem - ohne sich etwas zuschulden kommen zu lassen -  plötzlich die Scheiße, um die Ohren fliegt und möglicherweise das blitzsaubere Jackett etwas abbekommt.

Dementsprechend müsste, wie Gregor Keuschnig vorschlägt, Hans Diktum hinsichtlich des Shitstorms einmal mehr erweitert werden: Souverän ist, wer den Shitstorm aus- und standhält.