Ein Mann, der sich Lebensminister nennen lässt und recht unverholen die
Interessen der Agrarindustrie vertritt, allfällige Kollateralschäden - in diesem Fall: Bienen - spielen eine untergeordnete Rolle. Ein Sittenbild. Nein, nicht der österreichischen Politik, sondern logische Konsequenz in
postmoralischen Zeiten. Auch in der Politik bekommen moralische Fragestellungen vorderhand keine Priorität mehr gegenüber ökonomischen Interessen eingeräumt, denn mit Moral - so scheint es - sind keine Wahlen zu gewinnen.
Wenn einerseits die zunehmende Ökonomisierung (und also:
Vermarktung) aller
Lebensbereiche zur
Verdrängung moralischer Fragestellungen aus dem persönlichen Bewusstsein führt, ist andererseits - so der Eindruck - der Entrüstungssturm umso lauter und intensiver (was mit Sicherheit auch den
Eigentümlichkeiten der Sozialen Medien anzurechnen ist), wenn jemand (Person oder Unternehmen) seiner
bloß ökonomischen Überlegungen geschuldeten Handlungen überführt wird. Und es drängt sich die Frage auf - wieso eine derartige Aufgeregtheit?
Der/die gelernte Österreicher/in sollte sich doch mittlerweile mit den systemischen Gegebenheiten abgefunden und also arrangiert haben. Die mächtigen Bünde, Kammern und Landeshauptleute, die Medienkonzentration, der ORF und seine
politisierte Verfasstheit etc. Vielleicht weil man sich inzwischen selbst aller moralischen Maßstäbe entledigt hat? Worauf beispielsweise verweisen könnte, dass obige Überführungen bisweilen in ein Einlenken münden können -
Im Zweifel für die Bienen. - oder auch nicht, wie etwa im Zusammenhang mit
Red Bulls Engagement im Extremsport und der Einberechnung von Todesfällen in den Werbewert. Für beide Fälle gilt: Am System selbst ändert die Aufregung nichts. Es ist eine Aufregung, der Aufregung halber. Um zumindest an der Oberfläche ein Zeichen gesetzt zu haben: Petition unterschrieben, Facebook-Seite geliked. Blogpost geschrieben. Daumen hoch und ab in die nächste Aufregung. Es bleibt wie es ist, weil es immer schon so war und sich gar nicht ändern soll.
Im Grunde. Solange man sich als Erste-Welt-BewohnerIn auf der Gewinner-Seite wähnt, die Schattenseiten unseres Lebensstils, unseres Reichtums, unserer Verschwendung die Anderen be-/trifft, die Dritte-Welt-BewohnerInnen beispielsweise, deren Ressourcen durch Erste-Welt-Konzerne schonungslos ausgebeutet werden, denen nach Ab- und Weiterzug alle Umwelt-Folgeschäden bleiben und darüber hinaus erfolgreich verhindert wird, dass
Ökozid von den Vereinten Nationen als Verbrechen gegen die Menschheit anerkannt wird. Oder die Zweite-Welt-BewohnerInnen, deren atemberaubendes Wirtschaftswachstum mit der Zerstörung bestehender Mikroökonomien, massiver Landflucht und
unmenschlicher Arbeitsbedingungen einher geht. Oder die Peripherie Europas, die faulen Südländer, die nie Steuern zahlten und sich von uns aushalten ließen und nun die Rechnung präsentiert bekommen. Was kümmert uns eine mehr als 50% Jugendarbeitslosigkeit, so lange wir für unseren Nachwuchs die gewohnten privilegierten Strukturen aufrecht erhalten können, wo schon durch den Besuch der richtigen Mittelschule der Grundstein für die spätere Karriere gelegt werden kann (Wider die Zwangstagsschule!). Das politische und also moralische Subjekt fühlt sich auf Grund des massiven Einsatzes von Marktmechanismen weitest gehend seiner persönlichen Verantwortung enthoben. Entscheiden soll der Markt.
Den Menschen ist demnach nicht mehr zu trauen, da selbigen das eigene Hemd immer näher sein muss. Was wiederum Ausdruck einer tiefen Verunsicherung ist: Wenn dem eigenen Werte-Katalog bzw. seiner Umsetzung nicht mehr vertraut werden kann, dann logischerweise auch dem der Anderen und also Konkurrenz nicht. Umso grotesker und verzweifelter muten die Versuche politischer Parteien an, Werte zu vereinnahmen:
Die Werte müssen stimmen. Und weil das den Österreicherinnen und Österreichern im Grunde nicht zuzutrauen ist, so gut kennt man sich schließlich selbst, wird das zumindest von allfälligen Zuwanderern
verlangt. Allein -
die Vertrauenswerte in die heimische Politik sinken. Ungehindert. Unabhängig davon, wie laut und bombastisch die
Werte-Show abgezogen wird. Unter dem gleichen Gesichtspunkt müssen dann auch Strategien wie einerseits
Mehr Privat, weniger Staat oder andererseits die
Transparenzgesellschaft gesehen werden. War es Schüssel mit seinem Slogan ein Anliegen, dem starken Staat eine Gesellschaft von Ich-AGs entgegen zu setzen, die nur hinreichend aktiv sein muss, um ihre Arbeitskraft (
bis hin zum eigenen Gesicht) auch entsprechend zu Geld machen zu können, war die logische Folge, dass der Staat seiner Verantwortung zu Gunsten seiner BürgerInnen enthoben wurde. Grundannahme dieser Logik war, dass dem Staat und also der Politik nicht vertraut werden kann und ihm bzw. ihr folglich das Vertrauen entzogen werden muss (nicht ganz zu unrecht, wie sich in der Aufarbeitung der
Skandale der Ära Schüssel in den U-Ausschüssen zeigt und zeigte). Konsequenz dieser Vertrauenskrise sind immer schärfere Transparenzregeln: Nachdem nichts und niemandem mehr vertraut werden darf - Vertrauen als soziale Praxis ist ein Auslaufmodell -, muss alles kontrolliert werden.
Transparenz schafft kein Vertrauen, sondern schafft es ab.
Insofern wiederum nicht weiter verwunderlich, wenn sich mitunter das Gefühl aufdrängt, in einer mehr und mehr mittels Ge- und Verboten sich regulierenden Gesellschaft zu leben, wo auf
Zigarettenpackungen Warnhinweise prangen müssen, es Mobiltelefonierverbote braucht und Hundegackerlsackerl aufgehängt werden müssen. Die Zivilgesellschaft müsse gestärkt und Solidarität gelebt werden, so das Rezept zur Behebung der Misere. Vergessen wird, dass es dafür Vertrauen bräuchte. In erster Linie sich selbst und den eigenen Werten gegenüber - und dann den anderen gegenüber. Dass es eine prinzipielle Offenheit zur Diskussion dieser Werte bräuchte - und nicht bloß ein Bestemm hinsichtlich der eigenen (ökonomischen) Interessen. Wofür es Werte bräuchte - und nicht bloß Interessen...