Dienstag, 15. April 2014

Smaugs Einöde: Seichte Sozialkritik

Vor gut einem Jahr erinnerte mich die unerwartete Reise des Bilbo Beutlin an unser aller Verpflichtung den Asylsuchenden in der Votivkirche beizustehen, ihnen das Gefühl zu geben, dass sie nicht allein sind und es auch in Österreich Menschen gibt, die Verständnis für ihre Situation haben und bereit sind, selbiges zu demonstrieren: Folgerichtig geriet der Eintrag zum Demonstrationsaufruf...

Mittlerweile lief der zweite Teil der Hobbit-Trilogie an, Smaugs Einöde - und die Flüchtlinge sind seit ein paar Tagen im 22. Bezirk in einem eigenen Haus unter gebracht. Abenteuerlich was die Zwerge da im Gänsemarsch erleben müssen: Vom Zauberwald, wo Riesenspinnen hausen bis zur Gefangenschaft bei den Waldelben und der Flucht in leeren Weinfässern...


Und es durchfuhr mich wie der Blitz - wiederum könnte die Reise als Metapher für das mitunter grausame Schicksal der Flüchtlinge gelesen werden, der Marsch von Traiskirchen nach Wien, das Camp im Votivpark, die brutale Vertreibung, der Protest und der Hungerstreik in der Votivkirche, die Servitenkirche, schließlich der Schlepperprozess... wo sich der Eindruck aufdrängt, dass die Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt - ähnlich Peter Jackson mit seiner Episierung des Hobbits - aus ventilierten Verdachtsmomenten eine tollkühne Anklage zusammen schusterte, die - zur Verwunderung vieler Prozessbeobachter - auch gleich zum Auftakt als solche decouvriert wurde und demnach die Angeklagten nach teilweise acht (!) Monaten Untersuchungshaft enthaftet wurden.

Womit nicht der Behauptung Vorschub geleistet werden soll, dass Jackson mit dem Hobbit ein ähnliches Kunststück wie mit dem Herrn der Ringe gelungen ist, von ähnlicher Dichte und vergleichbarer Leidenschaft. Schade, muss allerdings angefügt werden: Das Thema Heimatsuche und -rückeroberung unter kapitalistischen Vorzeichen hätte sich in Zeiten wie diesen mehr Tiefgang verdient als mit zwergenbeladenen Weinfässern zu erzeugen ist.

Dienstag, 8. April 2014

Wie eine gute Idee ruiniert wird.

Schön ist, dass - so man diese Geschichte erzählt - es Menschen gibt, denen spontan einfällt, was sie selbst beitragen könnten. Und die das dann auch ganz einfach umsetzen. Das ist gar nicht hoch genug anzurechnen und muss entsprechend laut und deutlich veräußert werden: Vielen Dank, Herr Kloepfer. Mit dem gesammelten Geld konnten wir beispielsweise fast vier Monate der Kindergruppe finanzieren, wo B eingewöhnt wurde, damit A mit Jänner einen Deutschkurs besuchen konnte.

Á propos Kindergruppe. Auch wieder so eine Geschichte: Die Aufgabe war, sowohl einen Deutschkurs für A als auch eine parallele Betreuung vulgo Kindergarten für B zu organisieren. Über den österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) ließ sich das recht praktisch an. Wir ließen A einstufen und meldeten über Vermittlung des ÖIF B bei der assoziierten Kinderbetreuungsstelle, dem Schulverein Josefstadt, an. Es waren dort sofort die vollen Einschreibgebühren zu entrichten sowie das Kind via Schulverein beim Magistrat anzumelden, damit es entsprechend versichert ist. Versichert für die Eingewöhnungsphase, wo zumeist die Mutter an der Seite des Kindes ist. Und wo es ja noch die Möglichkeit geben sollte, flexibel zu wechseln, so man zur Erkenntnis gelangt, dass die angebotene Kinderbetreuung den eigenen Vorstellungen nicht entspricht. Wobei die Vorstellungen - logischerweise insbesondere durch die Beschreibung getriggert werden. Die las sich im Zusammenhang mit der Kindergruppe Krümmelmonster (sic!) folgendermaßen:

Alter der Kinder: 0 bis 5 Jahre
Schwerpunkte:
Sprachliche Frühförderung für Kinder mit Migrantenhintergrund
Pädagogische Richtlinien: Basis Montessori, Reggio, Erlebnis- und Naturpädagogik.
Vollständiges pädagogisches Konzept

Wir arbeiten in Kooperation mit dem Österreichischen Integrationsfond.
In dieser  Kindergruppe werden Kinder von Eltern betreut, die im Habibi Haus (Haus der Österreichischen Integration) einen Kurs besuchen mit dem Ziel in unsere Gesellschaft integriert zu werden.

Öffnungszeiten: 8 Uhr 45 bis 17 Uhr 30
Schließtage: gesetzliche Feiertage und kursfreie Tage
Den Eltern entstehen keine Betreuungskosten.

Wunderbar, dachten wir, A lernt Deutsch, während B ebenfalls eine entsprechende sprachliche Frühförderung erhält, dahinter ein modernes pädagogisches Konzept und die praktische Verknüpfung des Kursortes mit der Kinderbetreuungsgruppe. Im Grunde: Fantastisch.

Allerdings - der erstmalige Besuch in der Kinderbetreuungsgruppe holte uns wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Sowohl die infrastrukturellen Gegebenheiten als auch die Personalauswahl ließen uns daran zweifeln, dass das beschriebene Konzept Umsetzung erfahren kann. Im Gegenteil, es schien uns schlicht unmöglich. Weshalb wir nach einer alternativen Kinderbetreuung Ausschau hielten - sogar Glück hatten und eine fanden, die sowohl verkehrstechnisch halbwegs günstig als auch vom Betreuungsangebot überzeugend schien. Dort wurden wir wiederum darauf hingewiesen, dass wir bei der anderen Kindergruppe erwirken müssten, dass B möglichst schnell wieder abgemeldet wird, sodass sie neuerlich angemeldet werden könne. Unnötig zu erwähnen, dass wiederum Einschreibegebühren fällig wurden. So pilgerten wir also wieder zum Schulverein, um dort die Abmeldung zu erreichen - und dort auch darlegten, warum wir zur Ansicht gelangten, dass B dort nicht passend unter gebracht wäre. Nach Diskussion der Rahmenbedingungen und der Auswirkungen auf das pädagogische Konzept erhielten wir die Auskunft, dass die Abmeldung selbst nur vor Ort - und zwar in der Kindergruppe durch die Betreuungsperson - bestätigt werden könne. Die Betreuungsperson entschuldigte sich, nachdem wir erörtert hatten, was wir von ihr bräuchten. Die Geschäftsführerin des Schulvereins hatte ihr unser Mail weiter geschickt, wo wir unseren Entschluss kund taten, dass wir B wieder aus der Betreuung nehmen würden. Es war ihr sichtlich unangenehm und sie stellte uns schließlich eine handschriftliche Bestätigung aus.

Rückblickend bleibt ein schales Gefühl. Eine wunderbare und entsprechend lebensnahe Idee - es Migrantenmüttern zu erleichtern, einen Deutschkurs zu machen und gleichzeitig eine passende Betreuung für ihre Kinder zu bekommen, wird hier durch ihre Umsetzung subvertiert. Und noch dazu drängt sich der Eindruck auf: Bewusst. Denn die angebotenen Rahmenbedingungen scheinen nicht dafür geschaffen, das versprochene pädagogische Konzept in Szene zu setzen. Allerdings: Wo kein Kläger, da kein Richter. Und welche Migrantenmutter würde ihr Unbehagen betreffend der Kinderbetreuung schon äußern? Ist sie nicht vielmehr einfach froh drüber, dass es sie überhaupt gibt? Hat sie nicht froh zu sein?

So liest sich dann auch die Mail-Antwort der Geschäftsführerin des Schulvereins als einzige Anklage und entsprechend pampig. Die Mutter des Kindes wäre kontraproduktiv gewesen und hätte alle Lösungen ausgeschlagen und außerdem müsse eben zur Kenntnis genommen werden, dass, wenn Kinder aus aller Herren Länder zugegen sind, verschiedenste Sprachen gesprochen werden (uns blieb jedoch unklar, was genau das Konzept ist, wenn keine der Betreuerinnen Deutsch als Muttersprache spricht). Nachdem wir immer vor Ort waren, können wir darüber hinaus ausschließen, dass es obige Angebote gegeben hat, da hiefür gar nicht die Zeit zur Verfügung gestanden hätte.

Montag, 7. April 2014

Hombre und Deadwood: Elmore Leonard und Pete Dexter über die Zivilisation


Take a good look at Russell. You will never see another one like him as long as you live.

Das ist der Ratschlag, den Henry Mendez Carl Allen, seinem jungen Gehilfen und Erzähler der Geschichte, gibt, als letzterer John Russell zum ersten Mal zu sehen bekommt. Und er soll Recht behalten.

Aufgezogen von Apachen gehört Russell weder dort- noch dahin und Elmore Leonard entwickelt rund um Russell in Hombre (verfilmt von Martin Ritt 1967 mit Paul Newman) eine dichte Abhandlung über Rassismus im Wilden Westen. Weshalb Leonard ein Gegensatzpaar - das so gegensätzlich gar nicht ist, wie sich herausstellen soll - installiert: John Russell, während seiner Zeit bei den Apachen selbst beinahe zu einem geworden, engagiert sich im Rahmen der Arbeit für das Indianerreservat weiter für die Apachen - und das McLaren Girl, das von Apachen entführt wurde und mehr als einen Monat gefangen gehalten wurde - und setzt sie zusammen in eine Postkutsche. Wo neben ihnen eine illustre Schar Mitreisender Platz nehmen, repräsentierend das durchschnittliche Verhältnis der Zuwanderer zu den Ureinwohnern: Ein Gangster, der der Menschheit per se nicht eben freundlich gestimmt ist, der ehemalige Leiter des Reservats, der Gelder, die für den Nahrungsmittelankauf der Apachen bestimmt waren, unterschlagen hat, und schließlich seine offen rassistische Frau.

Wie Russell ist auch das McLaren Girl auf Grund ihrer Geschichte weder dort noch da zugehörig - ein Kuriosum wie die Frauen mit Bärten am Jahrmarkt. Und wären sich die beiden an einem anderen Ort über den Weg gelaufen, wäre der Plan, ein bisschen ausführlicher miteinander zu reden, sicher umgesetzt worden und hätte hollywoodesk enden können.


So wie Leonards Erzählung von der teilweise etwas naiven, jugendlichen Weltsicht des Erzählers Carl Allen geprägt scheint, orientiert sich Pete Dexter betreffend Erzählton an der Lakonie seines Helden Charley Utter. Deadwood erzählt von den letzten Lebensmonaten (und darüber hinaus) des legendären Wild Bill Hickock in eben jenem dreckig-schlammigen Goldgräber-Kaff in den Black Hills in South Dakota, mitten im Sioux-Gebiet, unmittelbar nachdem General Custer am Little Big Horn seine eigenen Testikel verspeiste - so man den Sioux-Geschichten Glauben schenken will...

Wilde Zeiten. Wilde Männer. Wilde Sitten - und Wild Bill. Eben jener fragt seinen Freund und ewigen Sattelgefährten Charley Utter, als sie mit ihrem Treck nach Deadwood kommen - How's it look to you? Charley: Like something out of the Bible. Sie kämpfen sich durch den Dreck der Hauptstraße, vom guten Teil der Stadt in den - weniger guten, die Badlands. Dort wo die Huren zu Hause sind und die Chinesen, die Spieler und sonstiges Gelichter... Bill: What part of the bible? Charley: Where God got angry.

Pete Dexter erzählt mit Deadwood und dem Sterben Wild Bills vom Ende des Wilden Westens -
he considered civilization and progress, and wasn't against it as long as it wasn't planned two weeks in advance - und also dem Sieg der Moderne. Und so wie sich Abnutzungserscheinungen in die Körper der Revolverhelden einschreiben, Wild Bill von der kaputten Prostata geplagt, Charley die zerschossenen Beine quälen, so überholt wirkt die Welt, die die beiden repräsentieren, in ihren ins aristokratische tendierenden Outfits wirken sie wie der alte Adel in Europa, der von den arbeitenden Massen (Chinesen) überrannt werden wird.

Folgerichtig wird die Geschichte in der Lesart von David Milch zu einer ökonomischen. Milch erfand das Konzept für die Fernsehserie Deadwood, die ab 2004 von HBO produziert wurde. Dreh- und Angelpunkt ist Al Swearengen, Saloonbesitzer, Bordellbetreiber und graue Eminenz für eh alles. An ihm wird exemplifiziert, wie die moderne Welt vormoderne Logiken aushebelt. Und wie im Wilden Westen erhielt Pete Dexter von HBO keinen Cent. Wiewohl die Parallelen, Dexter spricht gar von Ideenklau, unübersehbar sind. Zeit, dass auch im Fernsehgeschäft zivilisiertere Zeiten anbrechen...


Mittwoch, 26. März 2014

Grand Budapest Hotel - Vergangenheit im Zuckerguss

Wes Andersons Grand Hotel Budapest wird von der Zuckerbäckerei Mendl mit Konditorwaren versorgt, alles fein säuberlich in Zuckerl-rosa Kartons verpackt und mit zentimeterdickem Zuckerguss versiegelt. Ähnlich verhält es sich mit Andersons Film.


Anderson phantasiert sich ein Bild vom alten Europa und setzt es in Szene. Ganz zweifellos fulminant in seiner überbordenden Ausstattung, in seiner schwebenden Erzählweise, die eine Geschichte in einer Geschichte einer Geschichte entwickelt, ohne sich zu verheddern, geschweige denn zu verknoten, im Gegenteil:  Scheinbar schwerelos springt das Bild und der Erzähler durch die Zeit und die Geschichte - allerdings auf Kosten der Substanz, die den ästhetischen Ansprüchen zum Opfer fällt. So wie die Figuren distanziert scheinen, in ihrer Förmlichkeit qua Funktion, so bleibt das Geschehen eines, das einem nicht nahe kommt. Nicht nahe kommen soll, so scheint's beinah, wenn etwa Gustave, der Held und umtriebige Concièrge des Budapest (Ralph Fiennes) sogar im Gefängnis Hotel-Umgangston pflegt.


Zubrowka, jenes Land und also jener Fluchtpunkt wo Anderson das Grand Hotel Budapest verortet, ist und soll Phantasie bleiben. Eine Geschichte über Geschichte. Über das Gemachte von Geschichte. Über das Erzählen schlechthin.

Thomas Manns Hans Castorp vom Zauberberg wird in Wes Andersons Lektüre zu Zero (Tony Revolori), der Nullstelle, dem unbeschriebenen Blatt, der allerdings ganz amerikanisch eine Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichte untergeschoben bekommt. Amerikaner haben keinen Sinn für die Erotik der Aristokratie - im Fall von Anderson, maximal einen nekrophilen, ließe sich vermuten, angesichts der Verhältnisse die Gustave mit seinen aristokratischen Hotelgästen unterhält. So wie Madame D. (famos: Tilda Swinton - bis in die Leichenstarre hinein) für den alten Adel Europas gelesen werden kann und muss, so verhält es sich mit dem aufgemalten Oberlippenbart von Zero: Es geht um Repräsentation, das als ob.


Anderson zitiert, montiert, adaptiert - heraus kommt eine märchenhaftes Etwas, ein Bastard aus durchgedrehter Erzählung und delirierenden Erinnerungsbildern, der jeder zeitgeschichtlichen Entsprechung beraubt und sich für Sentimentalitäten entschuldigen zu müssen scheint: Auch das kann der Vergangenheit nicht zugestanden werden. Und so beschleicht einen das Gefühl, als hätte Anderson mit dem Grand Budapest Hotel eine Entsprechung der Titanic geschaffen und hätte zum Zeitpunkt des Versinkens auf das legendäre Orchester drauf gehalten, das wirklich einfach weiter spielte, scheinbar fest gezurrt auf seinen Plätzen, in absurdester Schräglage, der Dirigent wie Andersons Gustave stoisch weiter dirigiert, es lässt sich schließlich auch mit Stil sterben...





Dienstag, 25. März 2014

Kohlhaas - ein Film als Musicalvorlage

Kürzlich kam ich in den Genuss, mir Arnaud des Pallières Versuch über Kleists Michael Kohlhaas anzuschauen, jener Erzählung, die wir wohl alle als Reclam-Ausgabe durch die Gegend trugen und die uns aufs augenfälligste das Begriffsdreieck Schuld, Gesetz und Gerechtigkeit auseinandersetzen sollte. Pallières verlegt das Geschehen nach Frankreich - in die Cevennen, den südöstlichsten Teil des französischen Zentralmassivs. Der aufgeregten Ungestümheit des Kleistschen Vorbilds wird kontrapunktisch die stoische Unbewegtheit von Mads Mikkelsen entgegen gesetzt.


Wie schon in Refns Valhalla Rising legt Mikkelsen seinen Charakter so an, als ob er von vornherein um den Ausgang der Geschichte wüsste, als müsse er eine Art Prophezeiung befolgen oder dem vorgezeichneten Schicksal zur Realität verhelfen. Wo Kleist seinem Kohlhaas in jenem berühmten ersten Satz das Attribut entsetzlich verleiht, ersetzt es Pallière durch melancholisch, aus dem Wissen heraus, dass die eingeforderte Gerechtigkeit nur über die Selbstaufopferung zu erlangen ist. Mit entsprechendem Pathos ist demzufolge die Hinrichtung am Ende aufgeladen - während uns ein fröhliches Mittelalterorchester die Wartezeit verkürzt.

In Zeiten wie unseren bekommt Kleists als Novelle daher kommende rechtsphilosophische Abhandlung eine geradezu frappierende Aktualität - was die PR-Texter der Filmproduktion auch gleich dazu motivierte, sich auf Stéphane Hessels Indignez-vous zu berufen: Entdeckt den Kohlhaas in Euch und fordert jene Gerechtigkeit ein, die von politischer Seite bloß versprochen wird?


Es steht zu befürchten, dass in Bälde ein Kohlhaas-Musical folgt.

Dienstag, 11. März 2014

Wiener.Wald.Fiction - Trash.Theater.


Das Bernhard-Ensemble erfindet ein neues Genre, Trash-Theater, exemplifiziert in WIENER.WALD.FICTION - einem Bastard aus Pulp Fiction und den Geschichten aus dem Wienerwald. Es ist, wie zu erwarten, rund herum räudig - und am Anfang harrt das Obszöne. Das Publikum muss sich folgerichtig seinen Raum erarbeiten, in dem es durch ein Spalier von Glasvitrinen auf Rollen geschickt wird, wo geifernde Marktschreier ihre sexuelle Potenz anpreisen: Heast, budast Du gean? Man flüchtet sich auf die links und rechts der Bühne gereihten Stühle, froh dem Unflat zu entgehen. Der bleibt in der Mitte und treibt seine rohen Späße, kalauert, bewusst oder unbewusst, egal. Es gibt kein Wahres im Falschen - allerdings Amerikanisches in Ottakring und Blut ist keine Nudelsuppe und muss zu guter Letzt flächig verteilt werden: Das vorgestellte Schundheftl versucht gar nicht, etwas anderes zu sein, weil das so und so niemand verstehen würd'.


Dienstag, 4. März 2014

Blackout: Thrillerplotting in Schwarzweiß


Wenn Journalisten Romane schreiben - dann regiert der Holzschnitt, hielt ich hier schon mal fest - und fühle mich nach Lektüre von Marc Elsbergs Blackout darin bestätigt. Elsberg schildert darin, wie ein Hackerangriff das gesamte Stromnetz Europas lahm legt und welche Konsequenzen ein solcher Zusammenbruch nach sich zieht - von den Auswirkungen für die medizinische Versorgung über Wasser- und Nahrungsmittelknappheit bis zu Kommunikation und Logistik: Eine Katastrophe. Die Dramaturgie hält sich folglich an den hinlänglich bekannten Katastrophenmodus: Tag 1, Tag 2 etc. und hüpft nebenher von einem Schauplatz zum nächsten. In möglichst kurzen, hingerotzten Sequenzen - Spannung! Dass den Hackern natürlich nur via Hacker auf die Schliche gekommen werden kann, dass Polizisten nicht unbedingt klug sind - sondern eher stark, dass Frauen liebesbedürftiger sind als Männer lernen (?) wir ebenfalls oder bekommen wir ein weiteres Mal bestätigt (Es handelt sich ja auch um einen Spiegel-Bestseller, ein wahrlich zu begehrendes literarisches Attribut!). So weit, so dürftig.

PS: So in etwa muss man sich wahrscheinlich das Buch für die dröge Fernsehserie The Blacklist vorstellen, die neuerdings auch im deutschen Sprachraum (ORF, RTL) über einige Sender flimmert. Ähnlich holzschnittig, ähnlich banal und ohne Gefühl für Überraschungen und Figurenzeichnung. Ein Jammer.

Freitag, 28. Februar 2014

Elysium in Oblivion? Jesus mit Glatze oder geklont...

(c) Sony

Der dystopische Blick ist immer schon einer, der die Differenz zum Thema hat. Sei es die ein ganzes Genre definierende Zeitreise bei H. G. Wells oder die Folie des Überwachungsstaats in George Orwells 1984: Es gibt ein Außen und ein Innen, ein Oben und ein Unten - insbesondere in gesellschaftlicher Hinsicht. Ob dieses Oben dann die tatsächliche Ausprägung des Paradieses - wie etwa in Elysium - bekommt, ist strukturell irrelevant. Einmal mehr beweist Neill Blomkamp, dass er ein Meister der parasitären Verwertung von Genre-Bildwelten ist, von der Ringwelt aus Halo bis zu Interviews mit Robotern aus dem Blade Runner, einmal mehr entwickelt er damit eine sozialrevolutionäre Erlösungsgeschichte. Jesus lebt, hat eine Glatze und einen ansehnlichen Sixpack (Matt Damon) und muss sich naturgemäß für das Über-leben der Menschheit opfern. Dass die Menschheit im Blomkampschen Universum nicht unbedingt menschlich sein muss, ist hinlänglich bekannt und liest sich diesmal so, als wären wir (und also Jesus' Jüngerschaft) die Asylsuchenden und würden von denen, die in fetter Vergnügsamkeit, ewiger Jugend und Gesundheit leben, um das Paradies geprellt. So weit, so einfach. 

Verdienstvoll und kreativ an Blomkamps Heilsgeschichte ist demzufolge definitiv nicht das dramaturgische Konzept, sondern - wie schon in seinem Erstling District 9 -  das Setting: Die Zukunft ist die Gegenwart. Das Los Angeles des 22. Jahrhunderts sind die Slums von Mexiko City der Gegenwart, das Paradies sieht aus wie die Villenvororte Hollywoods. Und noch einmal: So weit, so einfach. Ergänzt um: So genial. Blomkamp hat seinen Swift gelesen - zeitgemäße Fragestellungen werden mittels SF-Anstrich dahingehend verhandelt, dass auch ein Blockbuster-Publikum damit konfrontiert werden kann. Allein - ob all der Begeisterung über die Eleganz des Unternehmens vergaß er, den Figuren etwas Charakter zu verleihen. Die Rahmenhandlung, die dem Erlöser als Bub schon suggeriert, etwas Besonderes zu sein, wirkt in etwa so aufgepfropft wie das via Akku-Bohrer aufgeschraubte Exo-Skelett.

Wo Blomkamp auf Wieder-Erkennbarkeit setzt, auf Schmutz und Dreck und Staub und Realismus, ist Joseph Kosinski in Oblivion der Oberfläche verpflichtet. In doppelter und dreifacher Hinsicht. Jack Harper (Tom Cruise) lebt mit seiner Kollegin und Lebensgefährtin (Andre Riseborough) in einer Station hoch über der Erdoberfläche, um von dort aus Drohnen zu warten, die zum Schutz von Einrichtungen zur Gewinnung von Wasser für die geflüchtete Menschheit benötigt werden. 

Wir befinden uns wieder in einer Zukunft: Die Erde wie wir sie kennen, wurde im Laufe eines Kriegs mit Außerirdischen weitgehend zerstört, radioaktiv verseucht und von selbigen usurpiert. Die Menschheit lebt auf irgendeinem Jupitermond und benötigt zum Überleben die Wasserressourcen der Erde. Mit Harper erkunden wir die Erde, was von ihr und der menschlichen Zivilisation übrig blieb, mit dem Motorrad über Schotterpisten und durch Wüsten, mit dem Gleiter durch Canyons in stille, friedliche Täler. Die Oberflächenfixierung Kosinskis hat konsequenterweise zur Folge, dass Harpers Hauptaufgabe darin liegt, zu interpretieren, was er sieht: Von der Behebung an Schäden an den Drohnen, bis zur Decodierung der Außerirdischen als Menschen? Wie in Total Recall sind es schlussendlich Erinnerungsfetzen, die den Ausschlag geben, sodass Harper das Realitätskonstrukt als solches zu identifizieren im Stande ist und zu erkennen, dass seine Reparaturen einer strukturelleren Vorgehensweise bedürfen.  


Insofern haben wir es wieder mit einer Erlösungsgeschichte zu tun, wiewohl Kosinski der sozialrevolutionäre Gestus der Geschichte wohl ziemlich Wurst ist - und er im Gegenteil eine recht schöne dramaturgische Wende einbaut, indem er dem klassischen "Es kann nur einen geben" recht unmissverständlich den Marsch bläst: There are Legions

Donnerstag, 27. Februar 2014

Aloneness is a state of being. Indeed.

Und dann Momente, wo sich die Einsamkeit auflösen lässt, Gemeinsamkeit erlebbar wird und ist, wenn Du auf den Schultern eines Freundes sitzend versuchst, den neuen Lampenschirm an die Altbaudecke der für A und B ergatterten Wohnung zu hängen -


- und ganz unmittelbar klar ist: Du bist nicht allein. Sonst könntest Du nämlich definitiv nicht an der Decke rum fummeln und versuchen, diese vermaldedeite Lampe zu montieren.


Mittwoch, 19. Februar 2014

Wunschloses Unglück - der Film im Kopf

Katie Mitchell verfilmt Peter Handkes Wunschloses Unglück live und vor Publikum im Kasino am Schwarzenbergplatz. Es ist atemberaubend. Der Text ersteht als Film unmittelbar vor den Augen. Live eingesprochen (Peter Knaack, Petra Morzé), in Szene gesetzt, figuriert in einem Abbild des Hauses wo Handkes Mutter geboren wurde und schließlich starb. Sich umbrachte.

(c) Reinhard Werner

Die Bühne, ein Filmset, die Schauspieler, Schauspieler. Nicht mehr, nicht weniger. Kein Versuch, dem Schein Realität anzudichten. Es bleibt Fiktion und entsteht unmittelbar vor unserem Auge. Als Film. Und wird dürfen dabei der Künstlichkeit nachspüren, können der Geräuschemacherin zusehen, wie sie den Verrichtungen der Schauspieler (Daniel Sträßer, Liliane Amuat, Dorothee Hartinger) Lautlichkeit gibt, sehen parallel die beiden Sprecher wie sie uns den Text vermitteln, die Kameraleute mit Schnitt und Gegenschnitt, Beleuchtung von außen, hell, das Fenster verleiht die Illusion von Tageslicht, die Leinwand erstrahlt im perfekten Filmbild. So als würden wir Handke beim Schreiben zusehen. So als würden wir seinen Film im Kopf abspulen, während er die prekäre Erinnerung an den Tod seiner Mutter aufarbeitet.