Dienstag, 17. Februar 2015

David Wagner: Was alles fehlt


Was alles fehlt? Kühn würde ich behaupten: Der Wille zu wollen. David Wagner zeichnet in seinen 12 Erzählungen ein verheerendes Bild einer Generation, die alles hat und haben kann, die sich bloß entscheiden müsste, etwas haben zu wollen.
"Wir waren nicht lange verliebt, wir waren gleich zusammen."
Das Wollen fällt als Kategorie nicht länger ins Gewicht. Diese Generation ist und hat. Am Horizont zeigen sich mitunter Ahnungen von Wünschen, ein Wetterleuchten, aber generell heiter. Die Gewitterwolken ziehen vorbei, die Wohlstandswohligkeit bleibt im Wesentlichen intakt, "wir tun so, als sei nichts gewesen." Auch wenn man sich kurzzeitig vorstellt, dass etwas gewesen sein könnte.

Samstag, 14. Februar 2015

Gift - eine Ehegeschichte.

Wie ein Labor in strahlendem weiß erscheint die Bühne (Hans Kudlich) im Volkstheater, ein paar Warteraumstühle, zwei Türen, ein Kreuz, ein Wasserspender. Ein Mann (Günter Franzmeier) lümmelt auf einem Stuhl, breitbeinig, den iPod eingestöpselt. Sting singt und hofft: Will you stay with me, will you be my love among the fields of barley? Es soll anders kommen: Nicht der Mann hofft, er soll Hoffnung sein.

foto: apa/roland schlager

Lot Vekemans Ehegeschichte ist im Grunde eine Post-Ehegeschichte. Auf die Aufforderung seiner Ex (Andrea Eckert) hin, er solle ihre Situation beschreiben, antwortet er trocken: Ein Mann und eine Frau, die erst ein Kind verloren haben, dann sich selbst und dann einander. Und: Er hätte sich damit abgefunden. Die beiden arbeiten sich aneinander ab, müssen nachholen, was er vor zehn Jahren verweigerte, noch länger zu tun. Am Silvesterabend verließ er das Haus. Und kam nie wieder. Und sie versuchte nicht ihn auf zu halten. Sie hatten sich endgültig verloren, schließlich auch aus den Augen. Was blieb, war die Trauer. In ihren Herzen.

Sie leiden und trauern unterschiedlich: Sie, zwischen hysterisch nervös bis aggressiv wütend, er, ruhig und gefasst, rationalisierend und beschwichtigend. Es müsse schließlich weiter gehen. Es. Das Leben. Sie entgegnet, “ich mache mit, mehr kann  man von mir nicht verlangen.” Michael Schottenberg greift wenig gestaltend ein, ein Raum zwei Personen, Momentaufnahmen. Er verlässt das Labor. Sie bleibt. Die Erlösung will nicht kommen.

Freitag, 13. Februar 2015

Interstellar - oder warum Hollywood überlebenswichtig ist

War es Zufall, dass ich eben noch an einer Geschichte schrieb, wo ich mich zu erinnern suchte an jene Faszination, die Star Trek seinerzeit bei mir auslöste, für die unendlichen Weiten des Weltraums, sich konkretisierend im Moment, wo Captain Kirk seinen Navigator anwies: Energie! Oder sprach mein Vater zu mir?


Christopher Nolan nimmt in Interstellar eine Gegenwart zum Ausgangspunkt, der diese Faszination verloren ging im Angesicht des Weltuntergangs: Die Handlung setzt ein in der Dustbowl, die ihrem Namen mehr als gerecht werden soll. Sandstürme vernichten die Ernten, die Menschheit sieht sich mit dem Hungertod konfrontiert. Weshalb die alte Überlebenskunst der Bauern favorisiert wird, anstatt der Träume von Wissenschaftern. Realität wird über Geschichte transportiert, die Mondlandung als Propaganda-Aktion der USA gegenüber der UdSSR dargestellt: Man ist drauf und dran der Menschheit ihre Träume auszutreiben. (Nur über die Leiche Hollywoods!)

Jesus heißt bei Nolan Cooper (Matthew McConaughey) und ist der prototypische amerikanische Westernheld (eine der nachhaltigsten Erfindungen Hollywoods): Grenzen sind dafür da, überschritten zu werden. Er entstammt noch der Generation, wo träumen erlaubt war: "We used to look up at the sky and wonder at our place in the stars." Als solcher hat er das Potenzial, der Menschheit eine neue Zukunft mittels Husarenritt durch ein Wurmloch zu eröffnen. An seiner Seite die Tochter (Anne Hathaway) des Hirns der Mission (Michael Caine) - weshalb die eigene Tochter dem Hirn als kongeniale Assistentin und Nachfolgerin (Jessica Chastain) überlassen werden kann. Dass so ein Vatertausch nicht reibungslos von Statten gehen kann liegt auf der Hand: "I love you forever, you hear me? I love you forever, and I’m coming back. I’m coming back.“

Und wir finden uns flugs in einer interstellaren Familienaufstellung wieder, mit einem Schwarzen Loch (nicht zu verwechseln mit dem die Reise veranstaltenden wurmförmigen Bruder im Geiste) in therapeutischer Funktion. Nach erfolgreicher Sitzung im Tesserakt und Übertragung der Weltformel via Morsezeichen ist die Zukunft gerettet, Jesus überlebt und macht sich auf, ein neues Menschengeschlecht zu gründen, somewhere behind the wormhole.

It's Hollywood, stupid.



Mittwoch, 11. Februar 2015

The Salvation - oder ein langer Film für den Abspann

1871, ein dänischer Ex-Soldat, Mads Mikkelsen als Jon, der sich in der Neuen Welt ein neues Leben aufbauen will und nach sieben Jahren des Schuftens seine Frau und seinen Sohn aus der Alten Welt nachkommen lässt. Eine Bahnhofsszene wie in Sergio Leones Spiel mir das Lied vom Tod, nur ist die Zivilisation schon angekommen, geschäftiges Treiben, Menschenströme, von hier nach da, mitten drinnen die beiden Dänen, Jon und sein Bruder (Mikael Persbrandt), nervös der eine, der andere sucht ihn zu beruhigen. Der Zug fährt ein, Jon irrt hin und her, schließlich erkennt er seine Frau, blond, schön, mit einem Jungen, den er noch nie gesehen hat. Begrüße Deinen Vater. Der Bub schüchtern. Der Vater ebenfalls. Sie besteigen eine Kutsche, zuerst mit einem anderen Paar, das dann rüde ihrer Plätze zu Gunsten zweier Männer verwiesen wird. Womit die Zivilisation ihr Ende findet: Die Kutsche bewegt die Insassen in vogelfreies Gebiet.


Kristian Kevring hat mit dem Opening alles richtig gemacht, nur weiß er dann nichts daraus zu machen. Nichts, was nicht schon Sergio Leone oder Sergio Corbucci stringenter erzählt hätten  - wie etwa entlang der Genre-Konventionen die Geschichte des Kapitalismus in den USA entwickelt werden kann. Oder Michael Cimino, wenn er das Ende des Wilden Westens als Schlacht zwischen europäischen Kleinbauern und Rinderbaronen inszeniert.

Und am Ende, nach dem Showdown, hat man gar das Gefühl einem bemühten B-Movie beigewohnt zu haben, wo im Studio eine Plastikwesternwelt nach gebaut wurde, wo sogar das Blut wie Lack wirkt. Die Erlösung ist somit der Abspann.

Jim Gavin: Middle Men - Living in times where dreams don't come true.


Jim Gavin erzählt von Männern. Alten, jungen und solchen, die noch nicht einmal Männer genannt werden können. Sie versuchen ihren Weg zu gehen. Wobei nicht so klar ist, wie der aussehen soll und ob das ihrer ist. Weshalb sie mitunter nicht mal so genau wissen, ob das Gehen an sich besonders sinnvoll ist. So viel scheint allerdings sicher: Es muss gegangen werden, um zu überleben. Ein quasi existenzielles Gehen. Das einen formt. Sich - und das Leben. Und die Beziehungen zu allem und jedem. Nur: All das, was Mann sich einmal für sich vorstellte, was einen abhob, von all den anderen, es scheint sich abzuzeichnen am Horizont, es war eine Fata Morgana. Eine bloße Illusion, wabernd am kalifornischen Wüstenhimmel. Eine Erinnerung an vergangene Zeiten und ausgeträumte Träume.

In einer Geschichte erzählt Gavin von einem jungen Mann, der sich in eine etwas ältere Frau verliebt, die nach einer ihn aus seinem Trott schmeißenden Affäre auf die Bermudas zieht und ihm von da Briefe schreibt, die er dann aufbehält - und zwar nicht aus einer romantischen Haltung heraus, sondern weil sie ihn an eine Zeit erinnern, wo Träume noch verwirklicht werden konnten.
(...) they are the last real letters anyone has ever sent me. (...) as if they have arrived from a lost age of steamships and parasols. 

Donnerstag, 5. Februar 2015

A Touch of Sin: China oder die reale Dystopie


Es fühlt sich an wie eine Dystopie, wenn Dao durch die zusehends verfallende Stadt schlendert, früher wahrscheinlich aufstrebend, wo noch alle an dem durch die gemeinsame Kohlemine erwirtschafteten Wohlstand teil hatten. Nur, die Kohlemine wurde verkauft. Profitiert haben die höheren Kader und der Bürgermeister, der sich gar einen Privatjet ergaunerte. Mit dunklen Sonnenbrillen und Maserati und Model-Freundin. Klischees aus dem Westen werden realisiert. Und Dao will das alles nicht so einfach hin nehmen. Er will klagen, ist wütend, schreit seinen Frust in die Gegend. Und bekommt Schläge. Woraufhin er zu seiner Schrotflinte greift... und dann endlich: lächelt.

Jia Zhangke erzählt Geschichten von einem Land im Umbruch. Und Menschen, die an diesen Umbrüchen zerbrechen. Verlustig gehen. Sich selbst verlieren, nicht wissen, woran sie sich noch orientieren können. Die Menschen bleiben in Bewegung, sind auf der Suche - und dann Momente, wo Ruhe einkehrt, plötzlich alles richtig scheint. Im Sinne von Remineszenz. Es ist vorbei. Und was kommt, verheißt nichts Gutes. 

Montag, 2. Februar 2015

Ferdinand von Schirach: Schuld - ein Plädoyer für den Zynismus


War es Ferdinand von Schirach in Verbrechen noch primär angelegen, den Kausalzusammenhang, der zu einem Kapitalverbrechen führt und die sich daraus ergebende Konsequenz für die Rechtssprechung darzustellen (was ist ein Verbrechen?), nimmt er in Schuld die Rolle der Justiz zurück. Und zertrümmert den Begriff Schuld als strafrechtliche Kategorie.

Schirach 2.0: Die Stories härter, die geschilderte Realität auswegloser, das Strafrecht, ein Apparat ohne Moral. Letztlich entscheidet ein Richter darüber, ob eine Frau, die Jahrzehnte von ihrem Mann geschlagen und gequält wurde und ihn schließlich umbringt, verurteilt wird oder nicht. Ein anderer darüber, ob die Mitglieder einer Blasmusikkapelle, die eine Kellnerin gruppenvergewaltigt haben, schuldig sind - oder nicht. Handeln die Richter dem Strafgesetzbuch gemäß, bildet das ihr Schuldhaftigkeit nur teilweise - manchmal gar nicht - ab. Als Strafanwalt muss man Zyniker werden. Und sich einweisen lassen.

Donnerstag, 29. Januar 2015

Ferdinand von Schirach: Verbrechen - ein Plädoyer für die Rechtssprechung


Es ist die Kargheit, das Reduzierte, die Lakonie, die Ferdinand von Schirachs Geschichten auszeichnen. Und im Grunde seinen Stil. Man wird keine Metaphern finden, keine langen Erklärungen, die psychische Konstitution der Personen betreffend. Es erklärt sich alles aus der Geschichte. Alles hat Logik, folgt einer nachvollziehbaren Kausalität. Und Schirach sieht seine Aufgabe darin, festzustellen, wo die Schuldfrage innerhalb dieser Kausalkette zu verorten sei.

Was heißt Schuld, wer ist Schuld und was soll Strafe? Im Grunde bewegt sich Schirach nach Darlegung seiner Geschichten auf rechtsphilosophischem Terrain. Das heißt, jede Geschichte ist immer auch Abhandlung betreffend die philosophische Dimension von Rechtssprechung. Und: Moral spielt dabei keine Rolle. Oder: Das moralische Empfinden deckt sich nicht mit der Schuldfrage im Sinne der Rechtssprechung. Auch Wahrheit ist für die verteidigende Instanz letztlich irrelevant. Sympathie sowieso nicht.

Die Stärke der Geschichten ist gleichzeitig ihre Schwäche: Sie konstruieren Kausalität, wo - möglicherweise - eine solche nicht war. Erst durch den Verteidigerblick entsteht. Aber das: In einzigartiger Weise.

Sonntag, 25. Januar 2015

J'ai peur de "Westliche Wertegemeinschaft"


Vor ein paar Wochen wurde in Paris die halbe Belegschaft von Charlie Hebdo, einem französischen Satiremagazin, von islamistisch motivierten Attentätern exekutiert. Die Welt verfiel in Schockstarre und dann in einen Solidaritätsrausch: Je suis Charlie - hieß es aller Orten und aus aller Munde.


Sogar aus Mündern, die Pressefreiheit für gewöhnlich so interpretieren, dass die jeweilig Mächtigen jene Berichterstattung zulassen, die ihnen genehm ist und jene, die unangenehm ist, nicht zulassen. Wenn nötig mit Waffengewalt.

Slavoj Zizek sprach kürzlich im Zusammenhang mit der Händchen haltenden Solidarität der Polit-Elite angesichts des Massakers von einem Sinnbild heuchlerischer Verlogenheit. Wiewohl Zizeks Aussage keiner weiteren Untermauerung bedurft hätte, liefert der Umstand des Todes von König Abdullah von Saudi Arabien eine Demonstration dafür, wie ernst das Je suis Charlie gemeint war. In Saudi Arabien wird nämlich eben das Urteil gegen einen Polit-Blogger vollstreckt. Raif Badawi wurde wegen seines Einsatzes für Meinungsfreiheit und interreligiösen Dialog zu zehn Jahren Haft und 1000 Stockschlägen verurteilt. 1000 Stockschläge bedeuten den Tod. Auf Raten. Und das Regime, das dieses Urteil zu verantworten hat, verlor jetzt seinen König. Und die ganze westliche Wertegemeinschaft kondoliert tief betroffen.

Wolfgang Neskovic meinte vor Kurzem, dass ihm speiübel werden würde, wenn er den Begriff westliche Wertegemeinschaft hören würde - dem ist nichts hinzu zu fügen.


Mittwoch, 21. Januar 2015

John Williams: Butcher's Crossing


1873 - und das Ende des Wilden Westens schreibt sich mittels Lokomotive am Horizont. Butcher's Crossing, irgendwo in Kansas, nicht weit von Colorado, liegt an den Ausläufern der Zivilisation, wo das Ankommen der Eisenbahn noch Träume und damit Ökonomien befeuert und ein Barbier schon auch Barbar sein kann: JOE LONG, BARBAR. Nichtsdestotrotz macht sich Will Andrews auf den Weg in die Wildnis, quittiert sein Studium in Harvard, um sein wahres Selbst (his unalterable self) zu entdecken.
"It is a story you have heard before, an ur-story, one of self-discovery, a dream sought, and a setting-out fearessly and confidently to achieve this realization, a young man going west..."
...schreibt Michelle Latiolais im Vorwort. Ähnlich dem ahnungslosen Buben in Cormac McCarthys Blood Meridian lernen wir mit dem Greenhorn zu überleben, begeben uns auf einen harten Trail durch unbewohnte Prärie, erfahren von den Mühen mit einem Ochsengespann tagelang ins Nirgendwo zu pilgern, ohne genau zu wissen, wo sich das nächste Wasserloch befindet, ob - falls man keines findet - eine Umkehr noch möglich ist. Wir machen uns auf, eine der letzten großen Bison-Herden in einem veritablen Blutbad zu vernichten, lernen, wie die wertvollen Bisonhäute abgezogen werden, müssen erkennen, dass der Wert derselben an eine bestimmte Ökonomie und also auch Lebensumstände gekoppelt ist.
"During the last hour of the stand he came to see Miller as a mechanism, an automaton, moved by the moving herd; and he came to see Miller's destruction of the buffalo, not as a lust for blood or a lust for the hides or a lust for what the hides would bring, or even at last the blind lust of fury that toiled darkly within him - he came to see the destruction as a cold, mindless response to the life in which Miller had immersed himself."
Und was wenn sich diese Ökonomie ändert, die als Denkhorizont dienenden Lebensumstände sich verschieben? Am Ende sehen wir, wie das Konstrukt zusammen bricht, die vormaligen Logiken nicht mehr gelten, Träume sich auflösen, ganz konsequent: In Rauch.
"You can't deal with this country as long as you're in it; it's too big, and empty."
Butcher's Crossing folgt der Fährte eines jungen Mannes, der sich selber finden will - und das in einem Land, das selbst noch nicht bei Sinnen ist. Weshalb die Reise zu einer Frage des Überlebens werden muss. John Williams bleibt dabei der Reduktion verpflichtet. Drei Männer und die Wildnis. Durst, Hitze, Kälte, Erschöpfung, Einsamkeit, Tod. Und das Aufeinander-Angewiesen-Sein, das Voneinander-Abhängig-Sein. Auf Leute, die man im Grunde nicht aushält. Dem muss auf den Grund gegangen werden...