Freitag, 7. Juni 2013

Evil Dead - everything's gonna be okay...

Zuallererst tut man etwas, was man besser nicht getan hätte. Im Fall von Mia (Jane Levy): Mit Drogen rumspielen. Im Fall von Mias Bruder David (Shiloh Fernandez), seiner Freundin Natalie, Eric und Olivia, die miteinander Mia beim kalten Entzug in der verlassenen Hütte beistehen wollen: Sie wären besser nicht in den Keller gegangen und hätten das Buch mitgenommen. Mia: You shouldn't have touched anything from the basement. Nachher ist man immer klüger.

(c) Sony Pictures

Fede Alvarez' Remake von Sam Raimis Evil Dead stellt den an sich gleich gebliebenen Plot in einen neuen - Spannung generierenden - Bedeutungszusammenhang: Die Hütte, fünf College-Studenten, das Böse - der Entzug. Womit der Entzug mit dem Teuflischen parallelisiert wird und dieser Kontext immer auch eine andere Lesart des Szenarios zu lässt. Was allerdings etwas kopflastig ist. Geb' ich unumwunden zu.

In erster Linie ist Alvarez' Evil Dead wohl als Hommage an das Original zu begreifen, ein durchaus ehrfürchtiger und liebevoller Kommentar, der eine behutsame Modernisierung vornimmt, ohne in die Falle des kompletten Nerdisms via Digitalisierung zu gehen, sondern eher einem gewissen Heimwerker-Charme huldigt - wenn etwa das elektrische Brotmesser zum bevorzugten Mittel der Amputation mutiert und Eric nichts Besseres zu Natalie, die sich eben den Arm absäbelte, zu sagen weiß wie: Everything's gonna be okay. You're fine.

(c) Sony Pictures

Oder die vom Dämon besessene Mia die Buben mittels Akku-Tacker fixiert und Eric lakonisch bemerkt, dass sich bei ihm der Eindruck verstärkt, dass sie es hier nicht mit einer durchgeknallten Panikattacke zu tun haben. No, not at all. You're all going to die tonight.



Mittwoch, 5. Juni 2013

Legitim oder legal - die Gretchenfrage in postmoralischen Zeiten.


Man empört sich. Alfred Gusenbauer, der Ex-Bundeskanzler der Republik, zieht neben dem Ex-EU-Komissar Günther Verheugen in den Aufsichtsrat der deutschen Tochter von Novomatic ein. Der Jugendforscher Bernard Heinzlmaier ruft gar: Gusenbauer sei untragbar geworden. Ernüchtert muss er konstatieren, sein Gefühl betreffend Gusenbauer hätte ihn getäuscht. Zwar muss eingewendet werden, dass sich Heinzlmaiers Gefühlsausbrüche schon hinreichend oft prosaisch in Text ergossen und als solche eher poetisch denn argumentativ bewertet werden sollten - dennoch: Auch Armin Thurnher warf in seinem Leitartikel einen beinahe flehenden Blick auf Gusenbauer und also dessen Engagement beim niederösterreichischen Glückspielkonzern, um Gusenbauer am Ende nahe zu legen, doch noch einmal gründlich darüber nachzudenken...  Und schließlich Norbert Leser: Gusenbauer stehe so wie Franz Vranitzky für einen Wertewandel - genauer: Werteverlust - in der Sozialdemokratie. Enrichissez-vous - trat als Prämisse anstelle des Klassenkampfs. Von Vranitzky über Klima bis zu Gusenbauer lässt sich dieser Werteverfall nachzeichnen, der mit Gusenbauers Beratungstätigkeit für einen Diktator am Nullpunkt angelangt ist. Christian Brodas harter Kern des Sozialismus, die Idee der Gleichheit, zerbröselte angesichts der sozialdemokratischen Interpretation der Ich-AG.  

Einmal mehr wird Moral eingemahnt. Politik und dementsprechend (Ex-)Politikerinnen und (Ex-)Politikern hätten eine Vorbildfunktion und müssen der Bevölkerung moralische Verhaltensweisen vorexerzieren. Je plakativer desto Plakat: Was uns marketingtechnisch dann beispielsweise Sorgenfalten zur Schau stellende Politiker samt Gummistiefeln in Hochwassergebieten beschert. So wie von einem sich (noch) im Amt befindlichen Lebensminister erwartet wird, dass er sich für das Überleben der Bienen in die Bresche wirft und also die Zukunft im Auge hat, wird von Ex-Politikern ein Rückgrat verlangt, das sie teilweise schon in ihrer aktiven Zeit vermissen ließen.

Da moralische bzw. politische Verantwortung als Kategorie ausgedient zu haben scheint, wird und muss umso mehr Energie in die juristische Aufklärung etwaiger Vergehen bzw. Versäumnisse aufgebracht werden. Die Gretchenfrage in postmoralischen Zeiten wie unseren lautet demnach: Legitim oder legal.

Dienstag, 4. Juni 2013

ORF. Wir sind Werbewirtschaftsfutter.

(c) ORF Kundendienst

ORF. Wie Wir. Die neue Imagekampagne (on Air seit 15. Mai) soll zeigen, dass das vom ORF ausgestrahlte Programm die Vielfalt des Publikums entsprechend reflektiert und für alle das Passende bietet. Freilich - es stellt sich die Frage, wen dieses alle umschließen soll. Stermann und Grissemann vermissen den ORF-Ahmet (oder so ähnlich...), Luzia Puiu vermeint strahlende, glückliche, hübsche, gesunde, entspannte und vor allem junge Menschen zu sehen, die alle einen einfachen Namen haben und zärtlich umkränzt von der Frühlingssonne definitiv weder den Akt des Fernsehens noch den der Arbeit anvisieren können. Als Identifikationsangebot firmieren also durchwegs hübsch anzusehende, gut ausgeleuchtete Personen im Freien, die gut gelaunt und direkt in die Kamera gucken. Gut so. Man will sich schließlich nicht mit einem hässlichen, trübsinnig vor der Glotze sitzenden Menschen identifizieren. Oder? Das wäre ja wie wenn ein Fastfood-Konzern eine Horde Übergewichtiger als Testimonials casten würde. Wir sind ja nicht blöd, Mann.

Würden die Regeln der Privatwirtschaft anzuwenden und also der ORF ein Privatsender sein, würde diese Logik stimmen und mich die Kampagne weiter nicht bewegen. Allerdings - der ORF ist kein Privatsender. Der ORF hat einen öffentlich-rechtlichen Auftrag und hat neben der Mehrheit auch die Minderheiten zu bedienen, hat sich der ausschließlichen Kommerzialisierung zu entziehen und sich möglichst umfassend und breit zu positionieren. Diese umfassende Positionierung leistet - meines Erachtens - diese Kampagne nicht. Im Gegenteil - sie ist eine Zuspitzung. Sie fokussiert die werberelevante Zielgruppe - wie's im Marketing so schön heißt. Und nicht uns.

Dementsprechend muss diese Kampagne als eine den Einschaltquoten geschuldete verstanden werden. Hier geht es nicht um uns. Genauer: Nicht um uns persönlich. Sondern um eine Darstellung der Menschen, die von der Werbewirtschaft via ORF am besten erreicht werden können. Sollen. Das sind wir. Werbewirtschaftsfutter.

Dienstag, 28. Mai 2013

The Cabin in the Woods - wir sind der Horror!


Man nehme fünf junge (US-amerikanische) Erwachsene - prototypisch: den Quarterback, den Nerd, den Kiffer, das All-American-Girl, die Jungfrau -, schicke sie in eine einsame Hütte mitten im Wald, um dort Party zu machen und lasse blutrünstige Zombies wüten.


Es hätte allerdings auch ganz anders kommen können und beispielsweise ein Werwolf sein Unwesen treiben oder der Teufel selbst erscheinen können. Im Keller der Hütte befindet sich nämlich ein Sammelsurium an Dingen, die - je nachdem welches davon (zufällig) aktiviert wird - bestimmen, welches Szenario in Kraft tritt. Gesteuert wird all das, von einem Kontrollraum tief unter der Erde, wo zwei mittelalte Typen in Labormänteln, vor einer Unmenge von Bildschirmen und Schalttafeln sitzen und das Leben und Sterben der Schau-Spieler begleiten. Und nebenbei noch Wetten einsammeln, welches Schicksal gewählt werden wird. Die Party, die an sich in der Hütte hätte statt finden sollen, findet in den Kontrollräumen ihre Aufführung. Oder im Kino, oder bei uns zu Hause. Mit Chips und Cola.

Produzent und Co-Autor Joss Whedon und Regisseur Drew Goddard holen die Zuschauer in den Film, machen sie zur alles entscheidenden Instanz:
Marty (der Kiffer): Giant evil gods. 
Dana (die Jungfrau): I wish I could have seen them. 
Marty (der Kiffer): I know. That would have been a fun weekend.
Ein Film von Fans für Fans - wo Zombies nicht bloß Zombies sind, sondern eine Zombie Redneck Torture Family (Entirely seperate thing!). Wo die gewählten Szenarios, immer im genretypischen Kontext gelesen werden müssen - wo Flucht als nicht-systemimmanent nicht gelingen kann. Vorderhand. Und wenn, dann nur indem alle Konventionen über Bord geworfen werden, zertrümmert und drauf rum getrampelt, sodass am Ende alles in einem gigantischen See aus Blut schwimmt. Grandios.





Vertrauen? Wem jetzt?


Ein Mann, der sich Lebensminister nennen lässt und recht unverholen die Interessen der Agrarindustrie vertritt, allfällige Kollateralschäden - in diesem Fall: Bienen - spielen eine untergeordnete Rolle. Ein Sittenbild. Nein, nicht der österreichischen Politik, sondern logische Konsequenz in postmoralischen Zeiten. Auch in der Politik bekommen moralische Fragestellungen vorderhand keine Priorität mehr gegenüber ökonomischen Interessen eingeräumt, denn mit Moral - so scheint es - sind keine Wahlen zu gewinnen.

Wenn einerseits die zunehmende Ökonomisierung (und also: Vermarktung) aller Lebensbereiche zur Verdrängung moralischer Fragestellungen aus dem persönlichen Bewusstsein führt, ist andererseits - so der Eindruck - der Entrüstungssturm umso lauter und intensiver (was mit Sicherheit auch den Eigentümlichkeiten der Sozialen Medien anzurechnen ist), wenn jemand (Person oder Unternehmen) seiner bloß ökonomischen Überlegungen geschuldeten Handlungen überführt wird. Und es drängt sich die Frage auf - wieso eine derartige Aufgeregtheit?

Der/die gelernte Österreicher/in sollte sich doch mittlerweile mit den systemischen Gegebenheiten abgefunden und also arrangiert haben. Die mächtigen Bünde, Kammern und Landeshauptleute, die Medienkonzentration, der ORF und seine politisierte Verfasstheit etc. Vielleicht weil man sich inzwischen selbst aller moralischen Maßstäbe entledigt hat? Worauf beispielsweise verweisen könnte, dass obige Überführungen bisweilen in ein Einlenken münden können - Im Zweifel für die Bienen. - oder auch nicht, wie etwa im Zusammenhang mit Red Bulls Engagement im Extremsport und der Einberechnung von Todesfällen in den Werbewert. Für beide Fälle gilt: Am System selbst ändert die Aufregung nichts. Es ist eine Aufregung, der Aufregung halber. Um zumindest an der Oberfläche ein Zeichen gesetzt zu haben: Petition unterschrieben, Facebook-Seite geliked. Blogpost geschrieben. Daumen hoch und ab in die nächste Aufregung. Es bleibt wie es ist, weil es immer schon so war und sich gar nicht ändern soll.

Im Grunde. Solange man sich als Erste-Welt-BewohnerIn auf der Gewinner-Seite  wähnt, die Schattenseiten unseres Lebensstils, unseres Reichtums, unserer Verschwendung die Anderen be-/trifft, die Dritte-Welt-BewohnerInnen beispielsweise, deren Ressourcen durch Erste-Welt-Konzerne schonungslos ausgebeutet werden, denen nach Ab- und Weiterzug alle Umwelt-Folgeschäden bleiben und darüber hinaus erfolgreich verhindert wird, dass Ökozid von den Vereinten Nationen als Verbrechen gegen die Menschheit anerkannt wird. Oder die Zweite-Welt-BewohnerInnen, deren atemberaubendes Wirtschaftswachstum mit der Zerstörung bestehender Mikroökonomien, massiver Landflucht und unmenschlicher Arbeitsbedingungen einher geht. Oder die Peripherie Europas, die faulen Südländer, die nie Steuern zahlten und sich von uns aushalten ließen und nun die Rechnung präsentiert bekommen. Was kümmert uns eine mehr als 50% Jugendarbeitslosigkeit, so lange wir für unseren Nachwuchs die gewohnten privilegierten Strukturen aufrecht erhalten können, wo schon durch den Besuch der richtigen Mittelschule der Grundstein für die spätere Karriere gelegt werden kann (Wider die Zwangstagsschule!). Das politische und also moralische Subjekt fühlt sich auf Grund des massiven Einsatzes von Marktmechanismen weitest gehend seiner persönlichen Verantwortung enthoben. Entscheiden soll der Markt.

Den Menschen ist demnach nicht mehr zu trauen, da selbigen das eigene Hemd immer näher sein muss. Was wiederum Ausdruck einer tiefen Verunsicherung ist: Wenn dem eigenen Werte-Katalog bzw. seiner Umsetzung nicht mehr vertraut werden kann, dann logischerweise auch dem der Anderen und also Konkurrenz nicht. Umso grotesker und verzweifelter muten die Versuche politischer Parteien an, Werte zu vereinnahmen: Die Werte müssen stimmen. Und weil das den Österreicherinnen und Österreichern im Grunde nicht zuzutrauen ist, so gut kennt man sich schließlich selbst, wird das zumindest von allfälligen Zuwanderern verlangt. Allein - die Vertrauenswerte in die heimische Politik sinken. Ungehindert. Unabhängig davon, wie laut und bombastisch die Werte-Show abgezogen wird. Unter dem gleichen Gesichtspunkt müssen dann auch Strategien wie einerseits Mehr Privat, weniger Staat oder andererseits die Transparenzgesellschaft gesehen werden. War es Schüssel mit seinem Slogan ein Anliegen, dem starken Staat eine Gesellschaft von Ich-AGs entgegen zu setzen, die nur hinreichend aktiv sein muss, um ihre Arbeitskraft (bis hin zum eigenen Gesicht) auch entsprechend zu Geld machen zu können, war die logische Folge, dass der Staat seiner Verantwortung zu Gunsten seiner BürgerInnen enthoben wurde. Grundannahme dieser Logik war, dass dem Staat und also der Politik nicht vertraut werden kann und ihm bzw. ihr folglich das Vertrauen entzogen werden muss (nicht ganz zu unrecht, wie sich in der Aufarbeitung der Skandale der Ära Schüssel in den U-Ausschüssen zeigt und zeigte). Konsequenz dieser Vertrauenskrise sind immer schärfere Transparenzregeln: Nachdem nichts und niemandem mehr vertraut werden darf - Vertrauen als soziale Praxis ist ein Auslaufmodell -, muss alles kontrolliert werden. Transparenz schafft kein Vertrauen, sondern schafft es ab.

Insofern wiederum nicht weiter verwunderlich, wenn sich mitunter das Gefühl aufdrängt, in einer mehr und mehr mittels Ge- und Verboten sich regulierenden Gesellschaft zu leben, wo auf Zigarettenpackungen Warnhinweise prangen müssen, es Mobiltelefonierverbote braucht und Hundegackerlsackerl aufgehängt werden müssen. Die Zivilgesellschaft müsse gestärkt und Solidarität gelebt werden, so das Rezept zur Behebung der Misere. Vergessen wird, dass es dafür Vertrauen bräuchte. In erster Linie sich selbst und den eigenen Werten gegenüber - und dann den anderen gegenüber. Dass es eine prinzipielle Offenheit zur Diskussion dieser Werte bräuchte - und nicht bloß ein Bestemm hinsichtlich der eigenen (ökonomischen) Interessen. Wofür es Werte bräuchte - und nicht bloß Interessen...





Donnerstag, 23. Mai 2013

Wenn ein Hundertjähriger türmt - untermalt von volkstümlicher Schlagermusik


Was Vea Kaiser das Leben in der österreichischen Provinz und also dem Bergdorf ist, ist Jonas Jonasson der schwedische Süden: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand ist ein fürchterlich liebenswerter Schelmenroman, der zeitgemäß jede politische Stellungnahme verweigert. Lässt Jonasson seinen schwedischen Forrest Gump, nach dem Leitsatz seiner Mutter durch die Welt(-geschichte) schlurfen und torkeln (weil ein richtiges Gespräch unter Männern lässt sich nur mit entsprechender Alkoholisierung in Szene setzen), Es ist, wie es ist, und es kommt, wie es kommen muss, bauen die putzigen Dörflerinnen und Dörfler bei Vea Kaiser ihr Leben auf die Weisheit s'is halt so. So ein Zufall auch. 

Wo Jonasson die literarischen Gemeinplätze Schwedens pragmatisch durchdekliniert - vom Einsatz tierischen Personals (Sonja! Und nein, sie ist kein Pferd) über die tumbe, beinah' Mitleid erregende Motorradgang (ohne Motorräder) bis zum im Herzen guten Kleinkriminellen... -, setzt Vea Kaiser auf den ewigen Gegensatz in der österreichischen Literatur der Nachkriegszeit: Provinz versus Stadt. Wo der in Sachen Chronik geschulte Journalist souverän durch Raub, Mord und Totschlag pflügt, züchtet die angehende Altphilologin im alpinen Dorf einen Nachfolger Herodots heran. Beide lieben ihr Figurenarsenal, hätscheln es und befrachten es mit allen aus Literaturgeschichte, Film und Fernsehen bekannten Eigen- und Abgedrehtheiten, witzeln und sprach- bzw. sprechspielen auf lustig komm' raus, allein: Es bleiben erzkonservative, biedermeierliche Angelegenheiten. Der Mensch denkt - und Gott (oder wer auch immer sonst) lenkt. Weshalb einem wie mir sogar noch die Flucht in den Alkohol vergehen müsst', angesichts der in beiden Romanen vorgesehenen alkoholischen Begradigungen: Wenn der Schwede nicht mehr weiter weiß, greift er zum Schnaps (und nur nicht Likör! Pfui Teufel.), während Frau Kaiser dem Österreicher Adlitzbeerbrand anempfiehlt.

PS: Jonassons Roman bekommt übrigens in den Vororten Stockholms eben die passende Antwort gereicht. Die Menschen dort dürften genug vom Biedermeier und der Verdrängung aller sozialen Probleme haben...

Dienstag, 21. Mai 2013

Otto Basil: Wenn das der Führer wüsste


Otto Basil, Herausgeber der zentralen Nachkriegs-Literaturzeitschrift PLAN, veröffentlichte 66 seine Fundamentalsatire Wenn das der Führer wüsste - und das Geschrei war groß. Darf überhaupt der literarischen Idee Raum gegeben werden, dass Hitler den 2. WK gewinnen hätte können? Und wenn, dann ist es zumindest als verwerflich zu betrachten, all die Unmenschlichkeit der Nazi-Ideologie ohne Kontrapunkt in die Zukunft zu spinnen. Auf Gedeih und vielmehr Verderb.

Genau diesem Projekt fühlt sich Basil verpflichtet, wenn er den ostmärkischen Gyromanten (sein Geschäft ist das Auspendeln von Lebensumständen) Albin Totila Höllrigl durch das siegreiche Germanische Großreich schickt, das nach 30 Jahren Nationalsozialismus etwas angegriffen erscheint, verlottert beinah. Intern gibt es Rangeleien, wer die Nachfolge des Führers antreten wird, der kroatische Hardliner und die rechte Hand Adolfs des Großen, Ivo Köpfler, der eine Re-Ideologisierung mittels 3. WK anstrebt - oder aber der Arme Konrad, eine politische Verbindung die die Normalisierung favorisiert. Der Feind von Außen - einst eng mit dem Reich verbündet, die Gelben, scheint stark wie nie zuvor, die Drohungen werden immer unmissverständlicher. Und dann geht es Schlag auf Schlag: Der Führer stirbt. Odin ruft seinen Meldegänger nach Walhall. Oder aber: Ivo Adolf Köpfler lässt Odin rufen und verfasst praktischerweise auch gleich den letzten Willen des vormaligen Führers samt letztem Willen und Hinweis hinsichtlich der Nachbesetzung der vakanten Stelle. Heil Köpfler. Das muss der bestürzte Gyromant aus verräterischem Mund erfahren - wie er überhaupt mit Sittenverfall aller Orten konfrontiert wird. Speichelleckerische Dichter, die sich via Opportunisten-Reim in politische Stellung bringen (nein, sie heißen nicht Heimito), Philosophen, denen es angelegen ist Tatsachen von der Tat zu trennen, eine psychoanalytische Geheim-Gesellschaft, ein sterbender Jude und Kapitalist, der von sich behauptet, dem Führer mit seinem Geld an die Macht verholfen zu haben.
"Der vergangene Tag, den er den Jüngsten nannte, hatte ihm die Augen geöffnet. Endgültig. (...) Es gab nichts, was irgendwie wert wäre. Der Führer war tot, und damit hatte seine (...) Welt jedweden Sinn verloren. Das Leben hatte keinen Sinn und der Tod erst recht keinen."  
Bleibt die Frage: Was hätte der Führer wissen sollen? Höllriegl muss bis in die Arktis fliehen, um zu erkennen, das seine favorisierte Ideologie ins sprichwörtliche eisige Nichts führt, dass Sinnkonstruktion nicht möglich ist, sich letztlich alles als Schwindel erweist und demnach um nichts besser ist als irgendeine andere Ideologie. Armer Führer.

Donnerstag, 9. Mai 2013

Helmar Büchel: Die Dunkle Seite von Red Bull - Brot und Spiele


Kürzlich wurde von der ARD die Dokumentation von Helmar Büchel über Red Bull gezeigt, wo versucht wird, die Dunkle Seite des Energy-Drink-Herstellers zu ergründen. Es geht dabei, um die Vermarktung von Extrem-Sportlerinnen und Sportlern durch Red Bull - und, so die These, die Unausweichlichkeit von Kollateralschäden, die in diesem Zusammenhang möglicherweise den Tod der Involvierten nach sich ziehen. An Hand einiger Fälle, wo Athleten im Rahmen von Red Bull-Veranstaltungen bzw. Dreharbeiten zu Tode kamen und der Aussagen von Medien-Experten, Ex-Red Bull-Athleten etc. geht die Doku der Frage nach, inwiefern auch der Konzern Schuld an diesen Unglücksfällen trägt, bzw. der Tod kalkuliertes Risiko der Vermarktungsstrategie ist (beispielsweise im Zusammenhang mit dem spektakulären Stratos-Projekt von Felix Baumgartner - es hätte keinen Unterschied für den Werbewert des Events gemacht, wenn der Protagonist dabei verstorben wäre, im Gegenteil, die Möglichkeit eines Unglücks muss als Moment der Faszination und somit Strukturelement der Kampagne begriffen werden).

Red Bull selbst verweigerte jeden Kommentar für den Film, da "Motivation und Ausrichtung dieses TV-Beitrags (...) schon im Vorhinein völlig offensichtlich" waren, "weswegen (...) auf Gespräche mit den Produzenten verzichtet" wurde. So die Konzern-Presseaussendung am Tag nach der Ausstrahlung, wo es weiter heißt: "Dass die Vorhaltungen gegenstandslos sind, ist für jeden offensichtlich, der weiß, wie Medien funktionieren, und der uns auch nur im Entferntesten kennt".

Auffallend an der anschließenden medialen Aufarbeitung war, dass es in österreichischen Medien zumeist nur zu kurzen Inhaltsangaben plus einigen Zitaten aus der APA-Meldung des Konzerns reichte (Kurier, SNTT). Die Vermutung liegt nahe, dass es sich in Österreich kein Medium mit einem derart umsatzstarken Markenartikler im Werbe- und Anzeigenmarkt verderben wollte. Soviel zur Unabhängigkeit. Der Standard-Sportredakteur Philip Bauer verfasste einen Kommentar, wo er die Frage, was denn am Engagement von Red Bull im Extremsport moralisch verwerflich sei, sich selbst mit einem schlichten nichts beantwortet. Wenn Red Bull nach einem Todesfall erklärt:
Es war, ist und wird uns immer ein Anliegen sein, außergewöhnlichen Menschen bei der Erreichung ihrer außergewöhnlichen Ziele zu helfen. Viele dieser Ziele sind mit kleinen, andere mit größeren Risiken verbunden. (Das Zitat entstammt der Doku.)
Dann heißt das - Philip Bauers (schlichter, weil ökonomische Rahmenbedingungen gänzlich außer Acht lassende) Argumentation folgend - nichts anderes als: Die Athleten würden mit Red Bull ein Geschäft auf Augenhöhe eingehen. Am Ende könne jede/r selbst entscheiden, ob er/sie einen Sprung/Stunt/... mache, oder eben nicht. In Marktlogik gesprochen: Red Bull hat es verstanden, ein Geschäftsmodell für die Vermarktung von ExtremsportlerInnen zu entwickeln. Wie viel die MarktteilnehmerInnen investieren liegt allein an ihnen. Der Markt kennt keine Moral, weshalb die moralische Argumentation prinzipiell daneben liegen muss und Red Bulls Verhalten nicht moralisch verwerflich sein kann. (Zynisch erscheint in diesem Zusammenhang die Aktion Wings for Life, wo Red Bull die Rückenmarksforschung unterstützt - was jetzt: Markt oder Moral?)

Red Bull verweist in der Aussendung darauf, dass jeder, der weiß, wie Medien funktionieren, weiß, dass die Vorhaltungen gegenstandslos sind. Das würde wiederum bedeuten, Red Bull geht davon aus, dass Medien keinen moralischen Standpunkt zu vertreten haben. Und Philip Bauer pflichtet dem bei. Womit die Fragestellung eine weitere Dimension bekommt: Sind mittlerweile Medien dem selben Slogan verpflichtet wie der Energy-Drink-Hersteller? No Limit. Was wiederum die Beobachtung unterstützt, dass die Grenzen zwischen Medien und Marken immer durchlässiger werden, sich womöglich in Zukunft vollkommen auflösen. Dass es dann zu Interessenkonflikten kommen muss, erscheint in Zeiten wie diesen, wo die Unterscheidbarkeit von PR und journalistischen Inhalten zusehends verloren geht (gehen soll), wo die Unabhängigkeit der Presse zum Schlagwort verkommen ist, egal.  

Freitag, 3. Mai 2013

Western European Democratic Fake Look


Jede dritte Koreanerin unterzieht sich mittlerweile einer Schönheits-OP (Korean Plastic Fake Look), wobei es nicht ausschließlich um die Befriedigung von Eitelkeiten geht, sondern mitunter um handfeste ökonomische Interessen: Schönheit steht auch für bessere Karriere-Chancen - wie auch kürzlich im Weltjournal aus China abgehandelt, wo die Bewerbung zu einem Sekretärinnenjob auf dem Laufsteg durchgeführt wurde.

Alles ist Ware, alles ist Markt. Und weshalb sollte die totale Ökonomisierung vor dem menschlichen Antlitz Halt machen? Rhetorische Frage. Die Logik dieser galoppierenden Urbarmachung bislang ungenützter Ressourcen ist trotzdem beeindruckend. Zuallererst geht es um Zurichtungen, Einpassungen und Produktivierbarkeit. Auch aus deiner Visage lässt sich mit Hilfe entsprechender Investitionen ein ökonomischer Aktivposten machen. Die zu- und also hergerichteten Produkte gewährleisten Vergleichbarkeit und damit erst die Möglichkeit zur objektiven Bewertung. Wo noch kein Markt ist, müssen nur passende Marktmechanismen eingeführt werden, um das fairste Modell des Miteinanders vulgo Markt zu implementieren. So man/frau es sich leisten kann, um an diesem neuen Markt teilzunehmen. Wiewohl in Südkorea (wie auch in China) diese OPs zu Dumping-Preisen angeboten werden - rund € 700,- sind für eine Augenkorrektur zu berappen - ist es zuallererst Instrumentarium der Mittelschicht. Mit allen Mitteln wird um den sozialen Aufstieg bzw. um die Beibehaltung des sozialen Status Quo gekämpft. Die Optimierung seiner selbst - via zugerichteter Qualitätsmedien vorgegeben und abgebildet - folgt paradoxerweise der Logik von Selbstaufopferung: Je weniger vom selbst übrig bleibt, desto erfolgreicher. Wobei das Opfer mit Sachzwängen argumentiert wird: Weil wenn man/frau nicht, dann eben jemand anders. Das nennt man dann alternativlos.

Die Freiheit und also Dynamik der Märkte hat demnach Selbstausbeutung zur notwendigen Konsequenz (bis hin zu Hartz IV - die widerständige Unterschicht!). Das politische Hintergrundrauschen dazu entstammt für gewöhnlich der Demokratie. Demokratie und freie Marktwirtschaft - bislang die bestmögliche Kombi: Markt und Kapital versprechen uns die endlose Geldvermehrung auf Grund verordnetem Wirtschaftswachstum - und so das nicht funktioniert, liegt es nur daran, dass wir uns selbst nicht entsprechend optimal optimieren. Oder zuviel ausgeben. Zu wenig sparen, sonstwas... Und nachdem man ja an der nationalen Verschuldung beispielsweise nicht selbst Schuld sein kann, sondern vielmehr die Regierungen und also die Politik an sich, muss doch bitte ernsthaft gefragt werden dürfen: Ist Demokratie tatsächlich der beste Weg? Müsste nicht eine Elite mit der politischen Führung betraut werden, entsprechend ihrer intellektuellen Fähigkeiten und moralischen Standards? So geschehen kürzlich bei einer Konferenz in Hongkong, ausgerichtet vom Institut für Ökonomisches Denken, einem Thinktank, wo George Soros darüber nachdenken lässt, wie Welt gestaltet werden muss, damit sich das Kapital möglichst wohl fühlt. Die anwesenden ehemaligen Wirtschafts-Nobelpreisträger hatten einzig zu beanstanden, dass die möglicherweise ins uferlose ausufernde Freunderlwirtschaft zum Problem werden könnte.

Stimmt im Grunde, von Volkes Seite wäre nicht allzu viel Widerstand zu erwarten.



Mittwoch, 24. April 2013

Wer ist das Volk?


Im Grunde nicht überrascht, trotzdem enttäuscht - so meine Reaktion heute morgen, wo ich die Ergebnisse zu den beiden Volksbegehren (Demokratie und Kirchenprivilegien) nach gelesen habe. Beide Volksbegehren landeten weit unter 100.000 Unterschriften und werden demnach nicht im Nationalrat behandelt. Was wiederum eh wurst ist, wie das Bildungsvolksbegehren eindrucksvoll bewiesen hat. Trotzdem zeigt es meines Erachtens einmal mehr: Das Volk begehrt nicht. Genauer: Große Teile des Volks begehren nicht (mehr).

Klar. Jetzt lässt sich anführen, dass das Timing nicht so super war - dass dem Kirchenvolksbegehren beispielsweise die Papstwahl in die Quere kam und also die Euphorie ob des so menschennah und leutselig daher kommenden Papstes das Ergebnis drückte. Oder das Demokratievolksbegehren Opfer des Superwahljahres wurde, wo das Volk eh schon oft genug an die Urnen gerufen wird und einfach nicht Lust hat, einmal mehr ein Kreuzerl zu machen.

Allerdings: Ich wage zu behaupten, es geht nicht ums Kreuzerl. Es geht auch nicht ums sich Hinbewegen. Nein. Es geht um die Unlust sich zu informieren. Der Debatte zu folgen. Die Pros und Contras abzuwiegen. Sich eine Meinung zu bilden. Ich wage zu behaupten, die Mehrheit hat kein Interesse an politischen Fragestellungen bzw. Prozessen, die über ihren unmittelbaren Alltag hinaus Relevanz haben (Was für die österreichischen Jugendlichen ja kürzlich recht deutlich untermauert wurde.) und entwickelt demzufolge auch keine persönliche Dringlichkeit. Weshalb der Erfolg von Volksbegehren in Österreich direkt an politische und mediale Mobilmachung gekoppelt ist. So sich nicht entsprechende Institutionen/Organisationen etc. anschließen und damit die notwendige persönliche Betroffenheit herstellen (du musst hingehen, das bist du uns/der Umwelt/den nachfolgenden Generationen/deiner politischen Heimat/deiner Nachbarschaft etc. schuldig), beschäftigt sich ein verschwindend geringer Anteil der Bevölkerung mit dem Thema bzw. der Fragestellung. Wobei zu bemerken ist, dass diese Beschäftigung großteils einer beruflichen und/oder parteipolitischen Notwendigkeit geschuldet ist - und zum kleineren Teil einem zivilgesellschaftlichen Interesse. Was wiederum angesichts der zunehmenden Entsolidarisierung in der Gesellschaft nicht wunder nimmt und eine logische Antwort betreffend das mangelnde Begehren nahe legt: Das Volk begehrt nicht mehr, weil vom Volk nicht mehr die Rede sein kann.

Das Volk ist mittlerweile eine durch und durch heterogene Gruppe mit ausgeprägtem ins Private tendierenden Partikularinteresse, unterfüttert von einer visionslosen, dem Pragmatismus verpflichteten Parteipolitik und einem (Aus-)Bildungssystem, das vordringlich der Reproduktion der bestehenden Eliten verpflichtet ist. Die Erwartung, dieses System mittels Volksbegehren zu verändern, scheint utopisch und also unmöglich.