Mittwoch, 27. Mai 2015

Rinko Kawauchi im Kunsthaus Wien: Die Poesie des Augenblicks

Für Search for the Sun kam Rinko Kawauchi nach Österreich, um am Dachstein zu fotografieren. Ein kleiner Film dokumentiert ihre Arbeit. Er wird in ihrer Retrospektive im Kunsthaus Wien gezeigt, neben einigen der großformatigen Fotos der Reihe. Im Film sagt sie, dass sie versuche im Augenblick zu leben. Nicht in der Vergangenheit, nicht in der Zukunft. Im hier und jetzt. Und das sei sehr schwer.


Ihre Fotografien atmen diese Poesie des Augenblicks: Das Kleinkind, dem ein Tropfen Milch auf dem Kinn steht, auf den die Kamera fokussiert - der Vogel, eben noch am Fels sitzend, der sich in den Abgrund stürzt...


Kawauchi lenkt den Blick auf das Unscheinbare, das Unbeachtete - und mitunter Ab-Seitige. Schafft Bedeutung, wo Indifferenz herrscht. Belichtet, was für gewöhnlich im Dunklen gelassen wird.


Sie selbst sagt, dass sie die Welt mit einem Gefühl des Gleichgewichts erlebe und damit auch stets auf der Suche nach dieser Balance sei. Das Bild allein, seine Komposition, das Handwerk - sei noch kein Kunstwerk. Erst der Kontext, seine Einbettung und also der dadurch entstehende Erzählraum, macht es zu einem. Dementsprechend bevorzugt Kawauchi für die Präsentation ihrer Arbeiten Fotobücher: 2011 veröffentlichte sie drei Fotobücher gleichzeitig und wurde damit einer größeren Öffentlichkeit bekannt.  

Nichtsdestotrotz ist der Kuratorin Verena Kaspar-Eisert ein schöner Querschnitt gelungen, arbeitend mit verschiedenen Formaten und Darstellungsformen - unter anderem der Projektionsserie aus Illuminance, wo Kawauchi immer zwei Videosequenzen parallel montiert: Ein zum Film gewordenes Blättern in einem Buch - man hängt noch den Gedanken nach, sieht das Schilf, wie es sich im Wind wiegt, auf der gegenüber liegenden Seite wimmeln Menschen über eine Kreuzung, wir verlieren uns im Gewirr während das Schilf einer Baumkrone weicht, die Sonne bricht durch das Laub, lässt jenes unwirkliche Licht entstehen, das man mit Indian Summer assoziiert... eine poetische Versuchsanordnung, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Freitag, 22. Mai 2015

James Tiptree Jr.: Quintana Roo - oder warum ihr dieses Buch kaufen müsst

Treffen sich Mars und Erde - ersterer meint: "Meine Liebe, Du siehst gar nicht gut aus?" Worauf Mutter Erde antwortet: " Kein Wunder, ich hab' Homo Sapiens." Mars, beruhigend: "Ach, mach Dir keine Sorgen, das geht ganz schnell wieder vorbei."


James Tiptree Jr. erzählt von eben diesem Befall - und der Relativität von Zeit. Quintana Roo versammelt drei Erzählungen in denen die Region, ihre Geschichte und ihre Mythen die eigentliche Hauptrolle spielen, bedrängt von ihrem Widersacher, der Zivilisation. Und das Erzählen... das magische Erzählen. Die Erzählungen erschaffen die Realität des Erzählten - mit dem Kniff, dass das Erzählte selbst Erzähltes ist. Ein Ich-Erzähler (ob jeweils der selbe bleibt unklar), männlich, weiß, im besten Alter, trifft auf drei Personen, die ihm jeweils eine Geschichte erzählen.

Die erste Geschichte erzählt ein junger Amerikaner, der am Strand entlang wandert, zufällig auf den Erzähler trifft und als Dank für Wasser und etwas zu Essen von einem seltsamen Erlebnis berichtet: Es wäre Vollmond gewesen, die Ebbe besonders niedrig und er hätte einen Menschen auf einem Wrack auf einem nahen Riff gesehen, ihn gerettet - und anschließend nicht mit Sicherheit sagen können, ob dieser Mensch Mann oder Frau war - und ob er nicht direkt aus der Vergangenheit kam oder einem Traum.

Die zweite Geschichte erzählt ein Fischer, der dem Erzähler zu Dank verpflichtet ist, da dieser ihm reichen Fang bescherte: Der Fischer hätte einen Freund gehabt, in jungen Tagen, einen Maya, den besten Taucher weit und breit, der schließlich das Wasserski-Fahren populär machte. Und der hätte auf den Skiern von Cozumel zum Festland fahren wollen. Und er hätte ihm geholfen. Und als sie dort ankamen, hätten sie nicht bloß den Raum durchquert, sondern auch die Zeit.

Die dritte Geschichte schließlich erzählt ein leidenschaftlicher Taucher - von einem schwer zugänglichen und gefährlichen Tauchspot, den der Erzähler aufsuchen wollte und vor dem er vom Taucher gewarnt wurde. Er wäre nämlich dort beinahe gestorben, weil alles, was er gesehen hätte, nicht das gewesen wäre, was er zu sehen geglaubt hatte.

Fügt Tiptree in ihren Science Fiction Stories der Philip K. Dickschen Logik Realität ist ein Funktion von Raum und Zeit das Geschlecht hinzu, so stellt sie in Quintana Roo die Frage, was denn selbiges ausmacht - und beantwortet es mit Geschichten: Von Lippfischen, die ihr Geschlecht wechseln können, von einem/einer Gestrandeten, wo der Retter anschließend nicht mehr weiß, ob er/sie Frau oder Mann war, von einem Tauchgang, wo der Müll im Riff zu leben beginnt und nach dem Taucher greift. Das Geschlecht selbst wird zur Geschichte. Und die Geschichten selbst via Binnen-Erzählung zur Tauschware und via Buch zur Handelsware.

Es bleibt zu empfehlen, den Kreislauf nicht zu unterbrechen: Kauft.

Montag, 18. Mai 2015

Angry Young Men im Hamakom-Theater: Was Mann zornig macht

In den 50er und 60er Jahren bekamen die zornigen jungen Männer ihr Etikett ab - in England, als Harold Pinter, John Osborne, Kingsley Amis etc. den unteren Bevölkerungsschichten eine Bühne gaben, deren Sorgen und Lebensrealität thematisierten und in bewusstem Kontrast zu (bildungs-)bürgerlichen Vorstellungen inszenierten.


Martin Grubers Skizzen im Hamakom-Theater beruhen auf Interviews mit jungen Männern, Wolfgang Mörth nahm sprachliche Verdichtungen vor: Es geht um nichts weniger, als um die männliche Identität. Was ist man(n) - befragten wir uns und die Männlichkeit in den frühen 90ern angesichts der Wende, Aids und Feminismus. Was ist man(n), fragen sich fünf junge Männer in martialischen Tarnhosen und schwarzen Unterleibchen. Was darf man(n), muss man(n), kann man(n)?

Man(n) schwadroniert. Vor allem. Biegt sich wörtlich die Welt zurecht. Man(n) kommuniziert nicht, man(n) kategorisiert. Und urteilt: In einer Welt, wo die Butter immer zu hart ist (und Margarine selbstredend schwul), wo Frauen sich Lippen und Brüste aufspritzen lassen und Dürüm straflos in den Öffis gegessen werden darf, einer Welt, wo man(n) schon mal von einem Fahrradfahrer über den Haufen gefahren werden kann, wo Bakterien und Viren zunehmend ALLES verseuchen, einer Welt, die immer unübersichtlicher wird und wo die gängigen Schwarz-Weiß-Schemata immer wieder zu verschwimmen drohen. Da kann man(n) dann schon mal wütend werden. Kacke noch mal. Und laut. Da kann man(n) dann schon mal rum brüllen, drauf hauen und alles und jeden kurz und klein schlagen wollen, die Matchbox-Autos im Schraubstock malträtieren, aber eigentlich bloß die Prinzessin retten wollen.

Die Verlorenheit dieser jungen Männer wird kontrastiert mit der Dringlichkeit der Aussagen von Holger Meins, Anders Breivik, Mohammed Atta und Joseph Goebbels. Die Ausrichtung der Worte erfolgt, die Wut wird zielgerichtet: Und schon werden die Auto-Miniaturen real - und Plastiksprengstoff zerfetzt sie in Einzelteile, und die Prinzessin steht für unsere Kultur, für die in den heiligen Krieg gezogen werden muss.

Im Takt eines hämmernden Schlagzeugs und treibenden Gesängen: We're One Force.

Mittwoch, 13. Mai 2015

The World according to Clarice Lispector: The Hour of the Star

Danach gefragt, warum er keine Romane schriebe, bemerkte Raymond Carver:
"To write a novel, it seemed to me, a writer should be living in a world that makes sense, a world that the writer can believe in (...)."
Carver verbrachte den größten Teil seines Lebens mit dem Kampf um die schiere Existenz. Er heiratete früh, wurde Vater und nahm jeden Job an, den er kriegen konnte. Abends, wenn dann alle schliefen, stahl er sich hinaus ins Auto, wo er schrieb. Das war der einzige Ort, an dem er allein sein konnte.
"Along with this there has to be a belief in the essential correctness of that world."
Den Glauben an eine gerechte Welt verlor er - und wurde zum Alkoholiker. Wie schon sein Vater. Carver sollte nie Gelegenheit bekommen einen Roman zu schreiben.
"It is the writer's particular and unmistakeable signature on everything he writes. It is his world and no other."

Clarice Lispectors Welt in The Hour of the Star ist von Unsicherheit geprägt, von Ohnmächtigkeit: Macabéa, Lispectors Heldin, kommt aus dem Nordosten des Landes und aus ärmlichen Verhältnissen nach Rio de Janeiro. Und der Erzähler versucht die Geschichte Macabéas zu erzählen, wobei er die Heldin immer wieder aus dem Fokus verliert, sich seiner selbst versichert, versichern muss, mitunter der Verzweiflung nah.
"Why do I write? What do I know? No idea." 
Was lässt sich schreiben, was mit Bestimmtheit sagen? Welche existenzielle Rolle können Worte schon haben?
"All the world began with a yes. One Molecule said yes to another molecule an life was born. But before prehistory was the prehistory of prehistory and there was the never and there was the yes. It was ever so. I don't know why, but I do know that the universe never began."
Logik ist eine mit der Existenz unvereinbare Vorstellung: "Existing isn't logical." Die Vorstellung einer Existenz muss demzufolge zur Vor-Stellung werden. Lispectors Roman liest sich wie ein Theaterstück, wo man als Zuseher nicht vor der Bühne sitzt, sondern sowohl einen Blick auf die Bühne gewährt bekommt als auch hinter die Kulissen sehen kann, die Regisseurin sieht, wie sie noch letzte Anweisungen gibt, die Schauspielerinnen und Schauspieler, wie sie zwischendurch verschnaufen, die Theaterschminke auffrischen und auf das Stichwort warten. Wobei sich der Erzähler Zeit lässt, manchmal abschweift, den Fortgang hinauszögert, kommentiert.
"Life is a punch in the stomach."
Und schlussendlich ist man unsicher: Wer ist bemitleidenswerter, die arme junge Frau aus dem Nordosten, die, unschuldig wie sie ist, unter die sprichwörtlichen Räder kommt - oder der sich selbst bemitleidende Erzähler, der seine Unsicherheit hinter Arroganz verbirgt?

Dienstag, 28. April 2015

Das Grüne Dilemma

...auf den Punkt gebracht, haben die Wiener Grünen selbst:


Nach dem unrühmlichen Wechsel von Senol Akkilic zur SPÖ, beeilten sich die Grünen zu versichern, dass sie in der Regierung bleiben würden. Vor die Wahl gestellt, den zukünftigen Koalitionspartner zu vergrämen oder gute Miene zum bösen SPÖ-Spiel zu machen, entschied man sich für's Spiel: Und drückte dem Michi Häupl Gaffaband in die Patschhändchen. Und die Mary ließ sich zum Spaß fest picken. Aber sie lacht eh. Schließlich wollen wir alle nur spielen. Und man könnte den Eindruck bekommen, es gehe im Grunde viel eher darum:


Wie Humor geht, haben übrigens monochrom vor über zehn Jahren demonstriert.


Montag, 27. April 2015

The world according to Raymond Carver: Call if you need me

Claire Dederer bemerkte zu Raymond Carver, "once [he] had been a writer; now he was a way of writing."


Call if you need me versammelt fünf Stories, ein paar Essays des Autors über das Schreiben - und also das Leben, sowie Reviews. Interessant daran ist, dass den Geschichten teilweise noch das Unfertige abzulesen ist. Thematisch bewegen sie sich im typischen Carver-Territorium, in Lebensentwürfen und -verläufen, die sprichwörtlich im Sand verlaufen müssen, in der Tonalität gibt es allerdings Ungenauigkeiten, es fehlt die Carversche Dringlichkeit, so als ob die Geschichten auch anders erzählt hätten werden können.  

Carver selbst bemerkt zum Schreiben von Stories: "Get in, get out. Don't linger." Bei diesen Geschichten vermeint man allerdings ein kurzes Zögern zu vernehmen, eine ungewohnte Unentschiedenheit. Der Weg scheint noch nicht so klar vorgezeichnet, muss erst gefunden werden.  

Samstag, 25. April 2015

Haben - Frauenherzen als Mördergruben

Kein Sein ohne Haben. Weshalb Julius Hay eine Art Lehrstück zum Haben schrieb. 1938, schon im  Exil. Ein anderer Exilant, Róbert Alföldi bringt dieses Lehrstück im Volkstheater zur Aufführung - und die Lehre gerät zur Leere: Was eine schwarze Komödie sein hätte können, wird mittels überbordender Symbolik zur naturalistischen Tragödie, Humor wird nur noch brachial und als Schwank verhandelt.

In einer Grube (Bühnenbild Róbert Menczel) mit zentraler Marienstatue wird das Schicksal eines Dorfs aufgerollt. Wir sind am Übergang von feudalen zu kapitalistischen Strukturen - und wer nichts hat, bleibt auf der Strecke. Unter Anleitung der örtlichen Hebamme (Erni Mangold) stellen die Frauen die Besitzverhältnisse im Dorf via Heirat und anschließender zielgerichteter Vergiftung der Angetrauten auf den Kopf. Dramatische Ausmaße erhält die Szenerie über eine Liebesgeschichte zwischen dem karrieregeilen Dorfgendarmen Dani (Aaron Friesz) und der jungen Schönheit Marí (Andrea Bröderbauer), die dem reichen Bauern Dávid (Haymon M. Buttinger) anverheiratet wird.


Alföldi lässt 22 Personen und also beinahe das gesamte Volkstheater-Ensemble aufmarschieren, um die desaströsen Auswirkungen des Kapitals auf die Menschheit zu demonstrieren - getreu dem Warholschen Versprechen, dass jedem seine fünf Minuten des Ruhms zustehen würden. Alföldi will das in einem Stück eingelöst wissen. Wir dürfen den versoffenen Dorfpfarrer erleben, den räsonierenden Polizeiinspektor, den revolutionierenden Agitator, die geifernden Witwen, das bigotte Lehrer-Ehepaar - kein Klischee wird ausgelassen, alles muss durchlitten werden, da kennt Alföldi keine Gnade. Und weil wir im Volkstheater sind, wo Gefühle groß sein müssen und Liebe besinnungslos macht, wird kurzerhand das Ende melodramatisiert. Jössas.

Sonntag, 19. April 2015

I'm Fiction - Moon

Planet Earth is blue 
and there's nothing I can do...

David Bowies Sohn Duncan Jones hat Filmbilder für die Hymne seines Vaters erfunden, die treffender nicht sein könnten. Schuf Bowie mit der Space Oddity den Soundtrack zur Verlorenheit des Menschen im All, verortet sein Sohn in Moon die menschliche Existenz in den Erzählraum: Der Mensch ist Erinnerung.


Sam lebt als einziger menschlicher Bewohner auf einem Habitat von Lunar Industries auf der erdabgewandten Seite vom Mond, um dort den vollautomatischen Abbau von Helium 3 zu überwachen und die Maschinen zu warten - irgendwann in der Zukunft, wo die Energieprobleme der Erde mittels Rohstoffabbau am Mond gelöst wurden. In ein paar Wochen läuft sein 3-Jahres Vertrag aus und er kann zurück auf die Erde, zurück zu seiner Erinnerung. Die da besteht in Frau und Tochter, die ihm immer wieder mal Videos zukommen lassen, wo er dann mit feuchten Augen vor dem Bildschirm sitzt, kurz mit dem Zeigefinger über die abgebildeten Gesichter streicht. Er war ein schlimmer Finger, aber er bekam ein zweite Chance: Drei Jahre auf dem Mond und damit eine Zukunft für sich und seine Familie. Er ist euphorisch. In den Nächten plagen ihn Alpträume, tagsüber glaubt er plötzlich Personen zu sehen.


Bei einer Wartungsmission verunglückt Sam schließlich mit seinem Mondfahrzeug, weil er glaubt, neben dem Abbauroboter eine Frau aus seinen Träumen zu sehen. Er erwacht im Habitat, neben ihm sein Roboter GERTY. Was fehlt, ist die Erinnerung an das, was passiert ist. Und - was ist Mensch, ohne Erinnerung?

Ground Control to Major Tom
Your circuit's dead, there's something wrong...

Samstag, 18. April 2015

Das finstere Tal muss ein helleres werden, koste es, was es wolle

Wildnis und Zivilisation sind die beiden Kategorien, entlang denen das Western-Genre verhandelt wird: Der Dualismus muss zu Gunsten der Zivilisation mit allen damit einher gehenden Verlusterfahrungen aufgelöst werden. Luzi (Paula Beer), die Erzählerin der Geschichte, wird am Ende feststellen: "Die Freiheit ist ein Geschenk, das sich nicht jeder gern machen lässt." 


Andreas Prochaska bewegt sich souverän entlang der Genre-Gesetzmäßigkeiten (nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Willmann): Ein wortkarger Fremder, namens Greider (Sam Riley), kommt knapp vor Wintereinbruch in ein abgelegenes Dorf in den Alpen, das vom alten Patriarchen Brenner mittels seiner Söhne regiert wird. - Und im Frühjahr, wenn er das Dorf wieder verlässt, ist alles ganz anders. Dazwischen kommt der Winter und Prochaska lässt an Sergio Corbuccis Leichen pflastern seinen Weg denken, wenn Pferde durch tief verschneite Winterlandschaften galoppieren und die Männer unter ihren Hüten Tücher um ihre Ohren gewickelt haben. Sam Riley gibt den Stummen, Tobias Moretti macht den Loco - nur nicht ganz so böse und exaltiert.

Was Prochaska im Mise en Scène wie schlafwandlerisch zu glücken scheint, die Herstellung der Stimmung im Dorf, in den Häusern, die Verknüpfung der Landschaften mit den Physiognomien der Menschen, entgleitet ihm im Dramaturgischen zusehends. Das Dämonische des Patriarchen findet keine überzeugende bildliche Umsetzung, die Entwicklung des Konflikts hat zu wenig Dynamik, der Showdown zwischen dem Fremden und den Söhnen des Brenner ist schlicht: langweilig.



Dienstag, 7. April 2015

Christian Kracht: Der gelbe Bleistift


An Hand seiner Geschichten aus Südostasien und Japan (für die Welt am Sonntag) zeigt Christian Kracht, dass mit wohl kalkulierter Amoral und prononciertem Dandytum auch im verstaubten Genre der Reisereportage ein bisschen Pop unter zu bringen ist. Auch wenn das ganz schön in die Hose gehen kann...
Was uns vor wenigen Stunden in Berlin noch als herrlich subversive Tat vorgekommen war, nämlich das wahllose Mitmarschieren bei unsinnigen Demonstrationen, hielt uns hier mit einem lastwagengroßen Spiegel unser wahres Gesicht vor: Wir waren feige Popper. Und wir erkannten: Hier in Kambodscha hört die Popkultur auf. Es gab hier keinen ironischen Bruch zwischen dem, was ist und dem, was sein sollte.
Der gelbe Bleistift zeichnet demnach eine feine Linie - zwischen dem was ist und dem, was sein sollte. Bestenfalls mit Ironie. Was mitunter gut gelingt. Mitunter wirklich komisch ist. Und manchmal bleibt einem der Lacher dann im Hals stecken.
Du hast dich in die Kalaschnikow verliebt, sagte Ibrahim Khan zu mir. Wir alle lieben hier die Kalaschnikow, sie ist die Waffe der Männer hier oben, sie ist unsere Freundin, unsere Geliebte. Sie ist Schwert und Schild des Islams.
Von "reaktionärem Schnöseltum" (Woche) bis zu "sozialen Überlegenheitsposen eines wohlhabenden Taugenichts" (Zeit) war angesichts Krachts' Kolumnen die Schreibe: Wie jemand Panzerfaust schießen mit Chips essen vergleichen könne, wie von Kambodscha berichten ohne die Roten Khmer erwähnen? Wie? Genau so.