Donnerstag, 30. Juli 2015

Hedi steckt fest - und nicht nur sie

"Einen Royal mit Pommes und 'ne Cola", bestellt Hedi (Laura Tonke) im stecken gebliebenen Aufzug beim Störungsdienst. "Sind Sie das, Frau Schneider?"


Sie ist gute 30, hat einen vielleicht zehnjährigen Sohn und einen Mann, der von Afrika träumt und unbedingt als Entwicklungshelfer dort hin will. Und dann steckt sie fest. Zuerst im Aufzug, dann in ihrem Kopf. Eben noch am Vögeln am Küchenfußboden, ist irgendwas komisch, bemächtigt sich ihrer, sie vermeint, sterben zu müssen, bekommt keine Luft mehr und hyperventiliert bis der Krankenwagen kommt. Eine Frohnatur wie Hedi, blond, bunt und mädchenhaft, die den ernsten Seiten des Lebens mit Humor gegenüber tritt, mit offenem Visier und einem breiten, lauten Lachen dahinter, muss fortan mit der Angst leben - und eigentlich: Der Angst vor der Angst. Wird richtig gehend zu Angst.

Übrig bleibt der Wunsch nach angstfreien Momenten. Kosten sie, was sie wollen. Tabletten, Alkohol, beides. Daneben stehen ratlos, ihr Sohn Finn (Leander Nitsche) und ihr Mann Uli (Hans Löw). Von anfänglicher Besorgtheit und Unsicherheit über Ohnmacht bis zu Wut reicht das Spektrum der gefühlsmäßigen Reaktion, allein - an der Tatsache ist nicht zu rütteln: Es ist auch ihre Angst. "Was ist, wenn wir die Monster (vulgo Angst) wieder vertreiben?", schlägt Finn vor. "Gute Idee", sagt Uli und schreitet mit Hedi zur Tat. Schrei sie raus, beschimpf sie, schlag auf sie ein, rät er ihr und macht auf Angst, um Hedi anschließend zu sagen: Das kommt alles aus Dir. Und die eigene Angst zu ignorieren. Hedi geht zum Psychotherapeuten, erklärt ihm, "dass sie nicht von einem stummen, großen Indianer erstickt werden will", der weiß nicht, wovon sie spricht, versichert ihr allerdings, dass das hoch unwahrscheinlich ist.

Sonja Heiss' Film ist eine Annäherung von beiden Seiten: Sie versucht Bilder zu finden, die die Veränderungen illustrieren, auf beiden Seiten. Ihre Angst betrifft, macht betroffen, zeigt Grenzen auf - und fordert auf, sie zu überschreiten: Wenn man schon nicht die ganze Zeit glücklich sein kann, dann versuchen wir es doch zumindest einen Tag lang.

Montag, 27. Juli 2015

Clemens Meyer: Im Stein - oder wie Fleisch zur Aktie wird

Ostdeutschland nach der Wende - Helmut Kohls blühende Landschaften manifestieren sich bei Clemens Meyers Im Stein im Renditeversprechen der Aktie Fick: Einem boomenden Wachstumsmarkt. Schätzungweise 400 000 Prostituierte, davon 80% nicht aus Deutschland stammend, 95% Frauen, 95% der Kunden sind Männer. Gebumst wird immer. Es wuchern die Sauna Clubs neben FKK-Erlebnisparks, Elendsbordelle neben Wohnungsprostitution.


Clemens Meyer zeigt, wie die ehemaligen Zuhälter im ökonomischen Sog der einmal angeworfenen kapitalistischen Maschine versuchen, wieder Fuß zu fassen: Zu Immobilienvermittlern und -entwicklern werden (müssen), um gesetzliche Regelungen für das Gewerbe kämpfen (müssen), neue Vermarktungsmethoden und Öffentlichkeiten zu bedienen haben, sich mit Allianzen zwischen Politik und Ökonomie zu arrangieren haben, schließlich mit der Polizei und ihr Terrain absteckenden Motorradgangs. Zuweilen werden sie wehmütig, schwadronieren von den guten alten Zeiten, wo es nur um das eine ging, um dann flugs die Logiken der neuen Geschäftswelt durch zu deklinieren: Französisch ohne, anal mit, Fistfucking und Körperbesamung. Und dann sitzen die in die Jahre gekommenen Männer hinter ihren Spiegeln und sinnieren über das Treiben vor ihren Augen, um schließlich an allem zu zweifeln: Mit der Profitmaximierung geht der Sinn flöten, so die unheimliche Conclusio der Nachdenkerei.

Meyer zeigt eine Welt, die ihrer Werte verlustig ging, eine Welt ohne Moral - denn der Markt hat keine Moral (mehr) - und schon gar nicht das Milieu. Quasi quadrierte Unmoral. Nur die Mädels - die haben "Herzen wie Diamanten". Reden sich ihr Leben schön, auch wenn es keinen Anlass dafür gibt, nur um des Überlebens willen, träumen weiter vom Ausstieg und der kleinbürgerlichen Familie, während draußen der kapitalistische Sturm über das Land hinweg fegt.

Keine Werte und deshalb keine Erzählung

Meyer verlässt sich auf einen Chor von Zuhälterstimmen, Huren und Polizisten, Väter auf der Suche nach ihren verlorenen Töchtern, innere Monologe und Bewusstseinsströme, pfeilschnell durch Zeit und Raum, nichts ist sicher, selbst der Boden unter den Füßen ist durchlöchert, gibt Leichen und Geschichten frei, die sich wiederum jeder eindeutigen Zuordnung versagen. Betriebswirtschaft ersetzt schuldig/nicht schuldig, schicke smarte Anzüge die Lederjacken, die verlebten Visagen verschwinden in dem Rauchschwaden des Krematoriums, übrig bleibt der Geruch von Melancholie.




Donnerstag, 16. Juli 2015

Griechenland - oder: Der Abgrund sind wir selbst


Yanis Varoufakis sagt in einem Interview mit dem New Statesman, dass er nicht wollte, dass der Grexit zu so etwas wie Nietzsches Abgrund werden würde: Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein. (Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse)

Dennoch spricht er von Abgründen, die sich ihm während seiner Tätigkeit als griechischer Finanzminister bei den Verhandlungen mit der Eurogruppe auftaten - einer Gruppe übrigens, die ähnlich der österreichischen Landeshauptleutekonferenz keine rechtliche Grundlage besitzt. Aber trotzdem die Finanzpolitik der EU bestimmt. - Abgründe auf Grund vollkommener Verständnislosigkeit:
You put forward an argument that you’ve really worked on – to make sure it’s logically coherent – and you’re just faced with blank stares. It is as if you haven’t spoken. What you say is independent of what they say. You might as well have sung the Swedish national anthem – you’d have got the same reply.
Was hier zum Ausdruck kommt, ist das Aufeinandertreffen zweier komplett unterschiedlicher Welten, Slavoj Zizek spricht gar vom Kampf um die Leitkultur. Und ich fühlte mich kurz an Alexander Van der Bellen erinnert, wo er Heinz Christian Strache im Parlament vorführte, von Voodoo sprach und von Glauben.

Bei den Verhandlungen mit Griechenland ging es um nichts weniger: Nämlich um Glauben. Und also Voodoo. Um ein semi-religiöses Festhalten an einem Paradigma, das schon bewiesen hat, dass es nicht funktioniert. Was aber egal ist, weil: Religion braucht sich nicht beweisen, generiert die Logik für eine andere Realität. Und so scheinen die Verantwortlichen der Eurogruppe auf das sprichwörtliche Wunder zu warten. Auf Kosten von Griechenland, dem ein Vertrag oktroyiert wurde, der keine weitere Hoffnung zu- und keinen Funken Würde übrig lässt, Es werden Milliardenkrediten weitere Milliardenkredite hinterher geworfen, ohne jede Aussicht auf Rückzahlbarkeit (was übrigens inzwischen auch der IWF so sieht). Hauptsache es wird verfahren, wie immer schon verfahren wurde, Ausnahmen können nicht geduldet werden. Die regierungsfreundlichen Medien führten einen an inquisitorischen Eifer gemahnenden Stimmungskrieg gegen die unheilige Allianz der links- und rechtsextremen Griechen. Unheilig, was sonst. Schon schreitet vor meinem geistigen Auge der deutsche Finanzminister übers Wasser. Europa und also die Eurogruppe sprechen den Markt heilig und behaupten das sei die Basis für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie (wiewohl demokratisch nicht legitimiert). Kollateralschäden spielen in dieser Welt keine Rolle.

Varoufakis' erzählt, dass der deutsche Finanzminister ihm gegenüber recht unmissverständlich klar gemacht hätte: “This is a horse and either you get on it or it is dead.” Angesichts des Ergebnisses der Verhandlungen könnte man den Eindruck bekommen, es wäre besser gewesen, dem Pferd den Gnadenschuss zu verpassen.

Barbara Eder zeigt in ihrer Doku Profiler bei ihrer Arbeit, das Privatleben bleibt weitgehend im Hintergrund. Zwei Welten. Manchmal sickert es durch, blitzt auf. Fast, so scheint es, müssen die beiden Welten strikt getrennt gehalten werden, weil sonst offenbar würde: Der Abgrund sind wir selbst.

Montag, 6. Juli 2015

Was der Bachmannpreis mit den ertrinkenden Flüchtlingen im Mittelmeer zu tun hat und Nora Gomringer mit alten Männern

Bild: ORF/Puch Johannes

Nora Gomringer ist Bachmannpreisträgerin 2015 - und es darf von einem kleinen Wunder gesprochen werden, angesichts des Bestemms vom Juryvorsitzenden Hubert Winkels und des Juryneulings Klaus Kastberger ihre Favoritinnen zu befördern. Ersterer gratulierte bei seiner Abschlussrede der Preisträgerin, wiewohl er ja gerne jemanden anderen gewinnen hätte sehen wollen, zweiterer betonte bei der Abstimmung, dass er keine Kompromisse mache und seiner Favoritin treu bleibe. Vor seiner Laudatio für die von ihm nominierte Valerie Fritsch, die sowohl Kelag- als auch Publikumspreis gewann, stellte Kastberger fest, dass es sich um die Rede handelt, die er für den Fall des Sieges vorbereitet habe.

Winkels und Kastberger, zwei alte Männer, die es nicht (ganz) verwinden können, dass ihr Urteil, ihre Meinung nicht sakrosankt sind und sie sich der demokratischen Wahl der Jury beugen müssen, lassen an jenen Trend denken, dass zunehmend (ehemalige und also in die Jahre gekommene) Literaturkritiker/innen sich auch im primären Fach üben und Prosa veröffentlichen - und dabei das legendäre Zitat von Hans Krankl in Erinnerung rufen: Wir müssen gewinnen, alles andere ist primär. Der Gewinn, so scheint es, ist ihnen sicher, allein schon kraft ihres Namens. Wer würde wagen, einen Text und also ein Urteil einer solchen Geistesgröße anzuzweifeln? Auf gar keinen Fall die zeitgenössische Literaturkritik - und übt sich in Lobhudelei, spricht gar von "großen Würfen" und trägt damit zur weiteren Verflachung und also dem Verschwinden von Kultur bei. Ilija Trojanow vermerkt, "die Tatsache, dass jedermann meint, einen Roman schreiben zu müssen, zeugt von einer völligen Unterschätzung der Komplexität der Form und führt zu einer Banalisierung der Literatur." 

Nicht nur der Literatur - sondern: Der Banalisierung von Welt. Es nimmt nicht Wunder, wenn dir ein gestandener Sozialdemokrat fortgeschrittenen Alters bei einem Sommerfest angesichts der ertrinkenden Flüchtlinge im Mittelmeer ins Gesicht sagt: Wir können schließlich nicht alle aufnehmen. Ein Sozialdemokrat mit unbestreitbarem historischen Wissen, der um das Herkommen seiner Bewegung Bescheid weiß, um Ideologie und philosophische Hintergründe, knickt angesichts der gegenwärtigen Krise ein und zitiert rechtspopulistischen Zynismus. Zwei Wochen später verkündete Hans Niessl, dass er im Burgenland mit den Freiheitlichen koalieren werde.

Die große Erzählung, die Komplexität der Form, von der Trojanow spricht, ist selbst Geschichte, bestenfalls Erinnerung, die einmal im Jahr am 1. Mai zitiert und dann wieder fein säuberlich im Keller verstaut wird. Wir leben in einer Welt des "als ob" - nämlich in einer Welt, die mitunter so scheint, als ob es neben den alten Männern keine Instanzen mehr gäbe. Umso schöner, wenn dann eine Frau wie Nora Gomringer den Bachmannpreis gewinnt.

PS: Ich vermisse Daniela Strigl.


Mittwoch, 27. Mai 2015

Rinko Kawauchi im Kunsthaus Wien: Die Poesie des Augenblicks

Für Search for the Sun kam Rinko Kawauchi nach Österreich, um am Dachstein zu fotografieren. Ein kleiner Film dokumentiert ihre Arbeit. Er wird in ihrer Retrospektive im Kunsthaus Wien gezeigt, neben einigen der großformatigen Fotos der Reihe. Im Film sagt sie, dass sie versuche im Augenblick zu leben. Nicht in der Vergangenheit, nicht in der Zukunft. Im hier und jetzt. Und das sei sehr schwer.


Ihre Fotografien atmen diese Poesie des Augenblicks: Das Kleinkind, dem ein Tropfen Milch auf dem Kinn steht, auf den die Kamera fokussiert - der Vogel, eben noch am Fels sitzend, der sich in den Abgrund stürzt...


Kawauchi lenkt den Blick auf das Unscheinbare, das Unbeachtete - und mitunter Ab-Seitige. Schafft Bedeutung, wo Indifferenz herrscht. Belichtet, was für gewöhnlich im Dunklen gelassen wird.


Sie selbst sagt, dass sie die Welt mit einem Gefühl des Gleichgewichts erlebe und damit auch stets auf der Suche nach dieser Balance sei. Das Bild allein, seine Komposition, das Handwerk - sei noch kein Kunstwerk. Erst der Kontext, seine Einbettung und also der dadurch entstehende Erzählraum, macht es zu einem. Dementsprechend bevorzugt Kawauchi für die Präsentation ihrer Arbeiten Fotobücher: 2011 veröffentlichte sie drei Fotobücher gleichzeitig und wurde damit einer größeren Öffentlichkeit bekannt.  

Nichtsdestotrotz ist der Kuratorin Verena Kaspar-Eisert ein schöner Querschnitt gelungen, arbeitend mit verschiedenen Formaten und Darstellungsformen - unter anderem der Projektionsserie aus Illuminance, wo Kawauchi immer zwei Videosequenzen parallel montiert: Ein zum Film gewordenes Blättern in einem Buch - man hängt noch den Gedanken nach, sieht das Schilf, wie es sich im Wind wiegt, auf der gegenüber liegenden Seite wimmeln Menschen über eine Kreuzung, wir verlieren uns im Gewirr während das Schilf einer Baumkrone weicht, die Sonne bricht durch das Laub, lässt jenes unwirkliche Licht entstehen, das man mit Indian Summer assoziiert... eine poetische Versuchsanordnung, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Freitag, 22. Mai 2015

James Tiptree Jr.: Quintana Roo - oder warum ihr dieses Buch kaufen müsst

Treffen sich Mars und Erde - ersterer meint: "Meine Liebe, Du siehst gar nicht gut aus?" Worauf Mutter Erde antwortet: " Kein Wunder, ich hab' Homo Sapiens." Mars, beruhigend: "Ach, mach Dir keine Sorgen, das geht ganz schnell wieder vorbei."


James Tiptree Jr. erzählt von eben diesem Befall - und der Relativität von Zeit. Quintana Roo versammelt drei Erzählungen in denen die Region, ihre Geschichte und ihre Mythen die eigentliche Hauptrolle spielen, bedrängt von ihrem Widersacher, der Zivilisation. Und das Erzählen... das magische Erzählen. Die Erzählungen erschaffen die Realität des Erzählten - mit dem Kniff, dass das Erzählte selbst Erzähltes ist. Ein Ich-Erzähler (ob jeweils der selbe bleibt unklar), männlich, weiß, im besten Alter, trifft auf drei Personen, die ihm jeweils eine Geschichte erzählen.

Die erste Geschichte erzählt ein junger Amerikaner, der am Strand entlang wandert, zufällig auf den Erzähler trifft und als Dank für Wasser und etwas zu Essen von einem seltsamen Erlebnis berichtet: Es wäre Vollmond gewesen, die Ebbe besonders niedrig und er hätte einen Menschen auf einem Wrack auf einem nahen Riff gesehen, ihn gerettet - und anschließend nicht mit Sicherheit sagen können, ob dieser Mensch Mann oder Frau war - und ob er nicht direkt aus der Vergangenheit kam oder einem Traum.

Die zweite Geschichte erzählt ein Fischer, der dem Erzähler zu Dank verpflichtet ist, da dieser ihm reichen Fang bescherte: Der Fischer hätte einen Freund gehabt, in jungen Tagen, einen Maya, den besten Taucher weit und breit, der schließlich das Wasserski-Fahren populär machte. Und der hätte auf den Skiern von Cozumel zum Festland fahren wollen. Und er hätte ihm geholfen. Und als sie dort ankamen, hätten sie nicht bloß den Raum durchquert, sondern auch die Zeit.

Die dritte Geschichte schließlich erzählt ein leidenschaftlicher Taucher - von einem schwer zugänglichen und gefährlichen Tauchspot, den der Erzähler aufsuchen wollte und vor dem er vom Taucher gewarnt wurde. Er wäre nämlich dort beinahe gestorben, weil alles, was er gesehen hätte, nicht das gewesen wäre, was er zu sehen geglaubt hatte.

Fügt Tiptree in ihren Science Fiction Stories der Philip K. Dickschen Logik Realität ist ein Funktion von Raum und Zeit das Geschlecht hinzu, so stellt sie in Quintana Roo die Frage, was denn selbiges ausmacht - und beantwortet es mit Geschichten: Von Lippfischen, die ihr Geschlecht wechseln können, von einem/einer Gestrandeten, wo der Retter anschließend nicht mehr weiß, ob er/sie Frau oder Mann war, von einem Tauchgang, wo der Müll im Riff zu leben beginnt und nach dem Taucher greift. Das Geschlecht selbst wird zur Geschichte. Und die Geschichten selbst via Binnen-Erzählung zur Tauschware und via Buch zur Handelsware.

Es bleibt zu empfehlen, den Kreislauf nicht zu unterbrechen: Kauft.

Montag, 18. Mai 2015

Angry Young Men im Hamakom-Theater: Was Mann zornig macht

In den 50er und 60er Jahren bekamen die zornigen jungen Männer ihr Etikett ab - in England, als Harold Pinter, John Osborne, Kingsley Amis etc. den unteren Bevölkerungsschichten eine Bühne gaben, deren Sorgen und Lebensrealität thematisierten und in bewusstem Kontrast zu (bildungs-)bürgerlichen Vorstellungen inszenierten.


Martin Grubers Skizzen im Hamakom-Theater beruhen auf Interviews mit jungen Männern, Wolfgang Mörth nahm sprachliche Verdichtungen vor: Es geht um nichts weniger, als um die männliche Identität. Was ist man(n) - befragten wir uns und die Männlichkeit in den frühen 90ern angesichts der Wende, Aids und Feminismus. Was ist man(n), fragen sich fünf junge Männer in martialischen Tarnhosen und schwarzen Unterleibchen. Was darf man(n), muss man(n), kann man(n)?

Man(n) schwadroniert. Vor allem. Biegt sich wörtlich die Welt zurecht. Man(n) kommuniziert nicht, man(n) kategorisiert. Und urteilt: In einer Welt, wo die Butter immer zu hart ist (und Margarine selbstredend schwul), wo Frauen sich Lippen und Brüste aufspritzen lassen und Dürüm straflos in den Öffis gegessen werden darf, einer Welt, wo man(n) schon mal von einem Fahrradfahrer über den Haufen gefahren werden kann, wo Bakterien und Viren zunehmend ALLES verseuchen, einer Welt, die immer unübersichtlicher wird und wo die gängigen Schwarz-Weiß-Schemata immer wieder zu verschwimmen drohen. Da kann man(n) dann schon mal wütend werden. Kacke noch mal. Und laut. Da kann man(n) dann schon mal rum brüllen, drauf hauen und alles und jeden kurz und klein schlagen wollen, die Matchbox-Autos im Schraubstock malträtieren, aber eigentlich bloß die Prinzessin retten wollen.

Die Verlorenheit dieser jungen Männer wird kontrastiert mit der Dringlichkeit der Aussagen von Holger Meins, Anders Breivik, Mohammed Atta und Joseph Goebbels. Die Ausrichtung der Worte erfolgt, die Wut wird zielgerichtet: Und schon werden die Auto-Miniaturen real - und Plastiksprengstoff zerfetzt sie in Einzelteile, und die Prinzessin steht für unsere Kultur, für die in den heiligen Krieg gezogen werden muss.

Im Takt eines hämmernden Schlagzeugs und treibenden Gesängen: We're One Force.

Mittwoch, 13. Mai 2015

The World according to Clarice Lispector: The Hour of the Star

Danach gefragt, warum er keine Romane schriebe, bemerkte Raymond Carver:
"To write a novel, it seemed to me, a writer should be living in a world that makes sense, a world that the writer can believe in (...)."
Carver verbrachte den größten Teil seines Lebens mit dem Kampf um die schiere Existenz. Er heiratete früh, wurde Vater und nahm jeden Job an, den er kriegen konnte. Abends, wenn dann alle schliefen, stahl er sich hinaus ins Auto, wo er schrieb. Das war der einzige Ort, an dem er allein sein konnte.
"Along with this there has to be a belief in the essential correctness of that world."
Den Glauben an eine gerechte Welt verlor er - und wurde zum Alkoholiker. Wie schon sein Vater. Carver sollte nie Gelegenheit bekommen einen Roman zu schreiben.
"It is the writer's particular and unmistakeable signature on everything he writes. It is his world and no other."

Clarice Lispectors Welt in The Hour of the Star ist von Unsicherheit geprägt, von Ohnmächtigkeit: Macabéa, Lispectors Heldin, kommt aus dem Nordosten des Landes und aus ärmlichen Verhältnissen nach Rio de Janeiro. Und der Erzähler versucht die Geschichte Macabéas zu erzählen, wobei er die Heldin immer wieder aus dem Fokus verliert, sich seiner selbst versichert, versichern muss, mitunter der Verzweiflung nah.
"Why do I write? What do I know? No idea." 
Was lässt sich schreiben, was mit Bestimmtheit sagen? Welche existenzielle Rolle können Worte schon haben?
"All the world began with a yes. One Molecule said yes to another molecule an life was born. But before prehistory was the prehistory of prehistory and there was the never and there was the yes. It was ever so. I don't know why, but I do know that the universe never began."
Logik ist eine mit der Existenz unvereinbare Vorstellung: "Existing isn't logical." Die Vorstellung einer Existenz muss demzufolge zur Vor-Stellung werden. Lispectors Roman liest sich wie ein Theaterstück, wo man als Zuseher nicht vor der Bühne sitzt, sondern sowohl einen Blick auf die Bühne gewährt bekommt als auch hinter die Kulissen sehen kann, die Regisseurin sieht, wie sie noch letzte Anweisungen gibt, die Schauspielerinnen und Schauspieler, wie sie zwischendurch verschnaufen, die Theaterschminke auffrischen und auf das Stichwort warten. Wobei sich der Erzähler Zeit lässt, manchmal abschweift, den Fortgang hinauszögert, kommentiert.
"Life is a punch in the stomach."
Und schlussendlich ist man unsicher: Wer ist bemitleidenswerter, die arme junge Frau aus dem Nordosten, die, unschuldig wie sie ist, unter die sprichwörtlichen Räder kommt - oder der sich selbst bemitleidende Erzähler, der seine Unsicherheit hinter Arroganz verbirgt?

Dienstag, 28. April 2015

Das Grüne Dilemma

...auf den Punkt gebracht, haben die Wiener Grünen selbst:


Nach dem unrühmlichen Wechsel von Senol Akkilic zur SPÖ, beeilten sich die Grünen zu versichern, dass sie in der Regierung bleiben würden. Vor die Wahl gestellt, den zukünftigen Koalitionspartner zu vergrämen oder gute Miene zum bösen SPÖ-Spiel zu machen, entschied man sich für's Spiel: Und drückte dem Michi Häupl Gaffaband in die Patschhändchen. Und die Mary ließ sich zum Spaß fest picken. Aber sie lacht eh. Schließlich wollen wir alle nur spielen. Und man könnte den Eindruck bekommen, es gehe im Grunde viel eher darum:


Wie Humor geht, haben übrigens monochrom vor über zehn Jahren demonstriert.


Montag, 27. April 2015

The world according to Raymond Carver: Call if you need me

Claire Dederer bemerkte zu Raymond Carver, "once [he] had been a writer; now he was a way of writing."


Call if you need me versammelt fünf Stories, ein paar Essays des Autors über das Schreiben - und also das Leben, sowie Reviews. Interessant daran ist, dass den Geschichten teilweise noch das Unfertige abzulesen ist. Thematisch bewegen sie sich im typischen Carver-Territorium, in Lebensentwürfen und -verläufen, die sprichwörtlich im Sand verlaufen müssen, in der Tonalität gibt es allerdings Ungenauigkeiten, es fehlt die Carversche Dringlichkeit, so als ob die Geschichten auch anders erzählt hätten werden können.  

Carver selbst bemerkt zum Schreiben von Stories: "Get in, get out. Don't linger." Bei diesen Geschichten vermeint man allerdings ein kurzes Zögern zu vernehmen, eine ungewohnte Unentschiedenheit. Der Weg scheint noch nicht so klar vorgezeichnet, muss erst gefunden werden.