Freitag, 17. Oktober 2014

Revolution now: Social Freezing für alle.

Neulich räsonierte ich über die strukturellen Voraussetzungen der Shareconomy, nämlich dass - so man etwas teilen will - man zuallererst etwas haben muss. Und dass somit der Frommsche Gegensatz von Haben und Sein seine Erlösung in der Ökonomisierung findet.

Eine bedenkenswerte Ergänzung zu diesen Überlegungen lieferte eine Pressemeldung von Anfang der Woche, wo Apple und Facebook bekannt gaben, dass sie Mitarbeiterinnen finanziell unterstützen würden, so diese Eizellen einfrieren wollen würden. Die Maßnahme solle Mitarbeiterinnen dabei helfen, Karriere und Familie unter einen Hut zu kriegen. Das klingt zuallererst mal unheimlich. Wiewohl - angesichts von Unternehmenskulturen, die ihrer Mitarbeiterschaft Kindergärten zur Verfügung stellt, großzügige Elternzeiten gewährt und Baby-Prämien ausbezahlt - wieder auch nicht. Nein, im Grunde muss fest gestellt werden, die beiden Unternehmen haben ihren Gedanken bloß zu Ende gedacht: Tech-Unternehmen haben einen Frauenanteil von rund 30%. Der Prozentanteil soll erhöht werden - weil positiv für Unternehmenskultur und -klima, die Innovation befördernd etc. Dafür ist es auch nötig die Karriere von Frauen zu befördern. So lange das Kinderkriegen sich als Karriereknick darstellt, ist selbiges demnach nicht förderlich. Um diesen Knick zu verhindern, wird das Kinderkriegen hintangestellt. Wodurch wiederum das Ticken der biologischen Uhr zum Problem wird, das via Social Freezing - also dem Einfrieren von Eizellen - gelöst werden soll und damit den Frauen ermöglicht, Karriereplanung und Kinderkriegen exakt abzustimmen. Eine Win-Win-Situation? Und was hat Fromms Haben oder Sein damit zu tun?


Nun, um in den Genuss des Social Freezing-Programms von Apple oder Facebook zu kommen, muss frau dort arbeiten. Das heißt, höchstwahrscheinlich eine sehr gute Ausbildung genossen haben und demnach wiederum mit großer Wahrscheinlichkeit aus recht guten Verhältnissen kommen. Das muss frau haben, um Teil des verschobenen Kinderkriegen-Programms zu sein. Selbstverständlich hat frau die Möglichkeit, auch ohne Zutun von Apple oder Facebook Eizellen einfrieren zu lassen - gegen Bezahlung von rd. € 8.000 plus jährlichen Kosten von etwa € 400. Haben und Sein. Was wiederum bedeutet, dass es hier um Distinktion geht - und das Social Freezing-Programm nur dann als sozial bezeichnet werden dürfte, wenn es allen Frauen zur Verfügung stünde. Und nicht bloß jenen, die in den coolen Silicon Valley Firmen arbeiten oder eben aus entsprechend begüterten Verhältnissen stammen.

Donnerstag, 16. Oktober 2014

James Tiptree Jr.? Stellen Sie sich vor, Philip K. Dick wäre eine Frau gewesen.

Wenn Steven King in The Dark Half via Pseudonym die dunklen Seiten seiner selbst thematisiert und also ausmerzt, so folgt das Pseudonym von Alice B. Sheldon einem nahezu umgekehrten Interesse: Mit James Tiptree Jr. erfand sie sich die Möglichkeit ihr Schreiben von ihrer Person und insbesondere von ihrem (biologischen) Geschlecht zu entkoppeln. So die grundlegende Formel für Philip K. Dicks Schreiben, diejenige ist, dass Realität als Funktion von Raum und Zeit konstruiert und also befragt wird, fügt Tiptree der Gleichung das Geschlecht hinzu.


Wie am Reißbrett exemplifiziert in der bekanntesten - auch mit dem Nebula Award ausgezeichneten -Erzählung Houston, Houston bitte kommen: Drei Raumfahrer in einer Raumkapsel nach einer Sonnenumkreisung auf dem Heimweg, setzen diesen aus Funk- und Fernsehen bekannten Spruch ab. Und es antworten: Frauen. Und nicht von Mama Erde. Drei Raumfahrer, so wie sie sein sollen und müssen, wie von Anbeginn der Raumfahrt an. Der gottesfürchtige, entschlossene, vertrauenswürdige Captain, den nichts und niemand aus der Ruhe bringt, der virile, witzig-laute Ingenieur und der verkorkst-verschlossene Wissenschafter voller Minderwertigkeitskomplexe. Drei Raumfahrer, passend in ein hinlänglich bekanntes (Erzähl-)Paradigma, hinein gestoßen in eine andere Raumzeit...

Der fabulöse Septime Verlag startete im Jänner 2011 eine Werkausgabe der Autorin in sieben Bänden, davon sind inzwischen drei Bände erhältlich. In sorgfältiger Neuübersetzung und perfekter Aufmachung. Einem Erwerb muss unbedingt das Wort geredet werden.

Dienstag, 14. Oktober 2014

Stephen King: The Dark Half


Es ist ein bemerkenswertes Unterfangen, wenn Stephen King in The Dark Half die eigenen Dämonen mittels Roman tot schreibt: Quasi ein Befreiungsschlag gegen Abhängigkeiten, von Kokain war die Rede, Alkohol, Hustensaft. Und seinem Pseudonym: Richard Bachman.

Thad Beaumont, ein eher nicht so erfolgreicher Schriftsteller, gibt sich ein Pseudonym unter dessen Namen er wilde Horror-Slasher-Stories verfasst. Damit feiert er große Erfolge und finanziert sich so sein Leben. Als ihm jemand auf die Schliche kommt, beschließt er, das als Chance zu begreifen und sein Pseudonym zu enttarnen. Ein People-Magazine Artikel erscheint, wo er mit seiner Frau George Stark (so der Name seines Alter Egos) auf dem Friedhof publikumswirksam beerdigt. Am Grabstein steht zu lesen: Not A Very Nice Guy. Was sich bewahrheiten soll, da George sich auflehnt und kurz entschlossen das Grab wieder verlässt, um sich an seinen Mördern schadlos zu halten... Eine krude mitunter schwer ins Groteske abdriftende Story, die konsequenterweise nur in einem Endkampf zwischen den beiden Autoren münden kann - der umgekehrten Ingeborg-Bachmann-Preis-Situation quasi: Einem Wettschreiben. Es kann nämlich nur - wie wir spätestens seit dem Highlander wissen - einen geben.

Das Interessante an dem Buch ist jetzt nicht so sehr die Ausführung - das Buch zerfasert und zerfällt beinahe so wie der Dämon seiner Form verlustig geht - als das Thema selbst. King holt seine Dämonen in die Romanstory, gibt ihnen Raum, materialisiert sie in der Person des George Stark, der all das ist, was er an sich fürchtet, was er glaubt, unterdrücken und also los werden zu müssen: Benennt das Fremde (Kristeva). Um festzustellen: Es ist er. Und umgekehrt. Weshalb der Sheriff zum Schluss anmerkt:
“Standing next to you (Beaumont) is like standing next to a cave some nightmarish creature came out of. The monster is gone now, but you still don't like to be too close to where it came from. Because there might be another... And even if the cave is empty forever, there are the dreams. And the memories. There's Homer Gamache, for instance, beaten to death with his own prosthetic arm. Because of you. All because of you.”
Auch die Benennung des Fremden macht es nicht weniger fremd.

P.S.: Als ich vor kurzem Tom Hillenbrands Drohnenland las, dachte ich sofort, er sei ein Pseudonym von Marc Elsberg. Oder umgekehrt. Was tragisch ist, da in keinem der beiden Bücher irgend etwas Dunkles verborgen liegt. Flach wie das Meer bei Flaute.

Samstag, 11. Oktober 2014

Shareconomy - Haben oder Sein?

80 % der produzierten Produkte sind Einwegprodukte, 99 % aller produzierten Produkte landen nach sechs Monaten auf dem Müll (Kurt Matzler, Univ. Innsbruck). Was zuerst mal schockierend klingt, ist Ausdruck einer ökonomischen Logik, was einst als Befreiung gefeiert wurde, entwickelte sich zum Fluch: Throw Away Living.


Eine Logik, die zwangsweise zu den schockierenden Bildern von verendeten Wasservögeln und Fischen, deren Körper mit Plastikmüll vollgestopft sind (Great Pacific garbage patch), führen muss. Die durchschnittliche Bohrmaschine wird in ihrem gesamten Produktleben 13 Minuten genutzt (brand eins), der durchschnittliche PKW steht 95% seiner Zeit unbenutzt in der Gegend herum, 80% der Produkte, die wir besitzen, benützen wir weniger als einmal pro Monat (Bootsmann & Rogers). Das heißt: Es wird auf Halde konsumiert. Weshalb Anbieter von Lagerräumlichkeiten sich die Hände reiben. Self-Storage ist in den USA der am schnellsten wachsende Sektor im Gewerbeimmobilienbereich.

2012 wurde Seoul zur Sharing City erklärt. Das Motto der Cebit 2013 lautete Shareconomy - Tauschen und Teilen wird als Gegenbewegung zu Überproduktions- und Wegwerfkultur installiert. Entsprechend versehen mit Wohlfühl-Utopie (Evgeny Mozorov) und Ressourcenschongerede. Mittels der Infrastruktur Internet (Amir Kassaei) wird aus den Bemühungen um Nachhaltigkeit Shareconomy. Die dritte Phase des Kapitalismus (Shoshana Zuboff) hebelt bestehende Marktregularien aus und etabliert in rauschhafter Geschwindigkeit neue Geschäftsmodelle, indem bisher ungenutzte Ressourcen einbezogen werden.
  • Ich habe ein Auto, also bin ich Taxi (Uber). Eine App vermittelt Privatfahrer/innen und -wagen an Personen, 20% des Fahrpreises bleiben bei Uber. Keine Nebenkosten wie etwa Steuern oder Gewerbebeschein.
  • Ich habe ein freies Zimmer, also bin ich Hotel (Airbnb). Via Internet oder App können Privatpersonen eine Unterkunft anbieten, 10-15% des Preises behält Airbnb ein. Keine Nebenkosten.
Das heißt, zuallererst muss ich etwas haben, um zu sein. Und dieses etwas wird mittels digitaler Infrastruktur zum Marktfaktor - die konsequente Fortsetzung der Ökonomisierung aller Lebensbereiche, Neoliberalismus auf Steroide (Mozorov). Die bestehende Sharingkultur, die mittels Steuern für Umverteilungen und Verteilungsgerechtigkeit sorgte, bleibt dabei auf der Strecke.

Nach Home Office und Erreichbarkeitsfuror wird nun die Freizeit und das Private vermarktet. Es ist ein Kapitalismus des Zugriffs (Wolf Lotter), der den Long Tail für die totale Dienstleistungsgesellschaft aufbereitet. Und es sollte allen klar sein: Am Ende ist auch Teilen ein Geschäft und der von Erich Fromm postulierte Gegensatz zwischen Haben und Sein erfährt seine Erlösung in der Shareconomy.

Mittwoch, 8. Oktober 2014

Tom Hillenbrand: Drohnenland - in der Zukunft nichts Neues


Tom Hillenbrand ist nicht Marc Elsberg. Aber aus dem selben Holz geschnitzt (um mich seinem und Herrn Elsbergs Sprachduktus zu bedienen). Wie auch ihre beiden Helden. Ein Mann, ein Holz, gewissermaßen. Wieder ein Journalist, der sich in den sicheren Hafen der Literatur rettet. Wieder ein Held wie aus einem Hardboiled-Krimi der 30er und 40er. Wieder eine Frau, die dem Charme-losen Kerl erliegen muss. Obwohl selbst super-cool. Das muss unweigerlich zum Spiegel-Bestseller führen, die Spiegel-Leserinnen und -Leser gieren nach Schonkost: Die Zutaten sind demzufolge wohl dosiert und leicht verdaulich. Für die passenden Mägen.

Wir befinden uns im Europa der Zukunft, Holland ist überschwemmt, Portugal der reichste EU-Staat auf Grund von Gezeiten-Kraftwerken und in Nordafrika wurden inzwischen Solarkriege geführt. Es regnet permanent (wir imaginieren Harrison Ford im Blade Runner), alles und jeder wird immer überwacht und die Daten gespeichert (und das hat der Herr Hillenbrand nachweislich! VOR den Enthüllungen des Herrn Snowden geschrieben, darauf verweist der Verlag mit Hilfe des allgegenwärtigen Internetverstehers Sascha Lobo). Trotzdem passieren noch Morde - und diesmal erwischt es nicht irgend jemand, sondern einen EU-Abgeordneten. Der Humphrey Bogart der Zukunft findet sich fix in einem Verwirrspiel der politischen Intrige vermittels simulierter Realität und digitaler Fälschung - und am Ende (Achtung: Spoiler!) in den Armen der toughen Schönen auf einer Mittelmeerinsel Erlösung. Hallelujah, alles ist gut.




Dienstag, 2. September 2014

museum gugging: 2 mal 2 ist drei, 3 mal 3 schon einerlei

Leo Navratil, ehemaliger Primar an der Nervenheilanstalt Gugging, ließ aus einer Verlegenheit heraus seine Patienten in den frühen 80ern Testzeichnungen anfertigen, da sich damit der Verlauf der Krankheit anschaulich darstellen ließ. Er registrierte, dass einzelne Künstler-Patienten artifiziellere und ausgeprägtere Formen und Inhalte entwickelten als andere und forcierte deren Kunstproduktion. Sein Nachfolger, Johann Feilacher, entledigte sich jedes kunsttherapeutischen Ansatzes und fokussierte auf die Kunst und die Künstler. Weshalb er versuchte die Rahmenbedingungen dahin gehend zu optimieren, dass die Kreation im Vordergrund steht, die Station für Langzeitpatienten wurde zur betreuten WG, dem Haus der Künstler, sowohl eine Galerie samt Ateliers als auch ein Museum wurden errichtet.

Folgend dem Art-Brut Begriff von Jean Dubuffet ist es Feilacher angelegen die Künstler zu entstigmatisieren, also ihre Kunstproduktion von der Krankheit zu entkoppeln. Nichtsdestotrotz wird in der Präsentation die Vorgehensweise des jeweiligen Künstlers erläutert, wobei zwangsläufig der Authentizität und Ursprünglichkeit dieser Kunst das Wort geredet wird und zwangsläufig Nicht-Authentizität und Nicht-Ursprünglichkeit im Raum steht.


Wer würde angesichts dieser Montage von Franz Kamlander nicht an Andy Warhol denken? Wobei es unwahrscheinlich scheint, dass der eine vom anderen je gehört hat - was auf Grund von Kamlanders Taubstummheit sogar praktisch unmöglich gewesen wäre.



Oder wen würden Günther Schützenhöfers Abstraktionen nicht unmittelbar an Joan Miró erinnern?

Peter Pongratz formulierte betreffend Art-Brut:
Den Art-Brut Künstlern fehlen sowohl das Wissen über Tradition und Kunstgeschichte als auch der Umgang mit dem sogenannten Zeitgeist. Es fehlt ihnen vor allem dieser unglückliche Hang zu plagiieren, nämlich eben auf diesen Zeitgeist aufzuspringen (...). Sie fühlen in ihr Inneres und versuchen, dieses nach außen zu projizieren. 
Was laut Gerhard Roth auf Grund der Krankheit viel direkter möglich ist. Sowohl aus Roth als auch aus Pongratz sprechen Kunst-Romantiker, die sie als Künstler selbstredend sein müssen. Dass Kunst nur im Rahmen eines Kunstmarkts verortbar ist, scheint allerdings unumgehbar. Das heißt - die Produktion der Künstler, Art-Brut oder nicht, wird erst auf Grund der Verortung verwertbar - bekommt Wert. Es ist schwieriges Terrain, worauf sich Feilacher mit seiner Galeristin Nina Katschnig hier bewegt: Professionelle Vermarktung versus romantischer Genie-Begriff. Die Authentizität und Ursprünglichkeit der Werke ist ein wertgebender Faktor und muss deshalb auch entsprechend inszeniert werden.

Was dem Erlebnis allerdings keinen Abbruch tut. Im Gegenteil. Jedoch, als ich dann zum Künstlerhaus auf Reisen, rüber schlenderte, ertappte ich mich dabei, wie ich einen Kinderreim summte - 2 mal 2 ist drei, 3 mal 3 schon einerlei - und fragte mich, wer ihn mir ins Ohr summte.  



Donnerstag, 28. August 2014

The Broken Circle Breakdown - Townes Van Zandts Konjunktiv verfilmt

If I needed you, would you come to me,  would you come to me and ease my pain?
Townes Van Zandt erzählte, dass er diesen Song im Schlaf geschrieben und im Traum gesungen habe. Es muss ein fürchterlicher Alptraum gewesen sein.


Felix Van Groeningen bereitet uns mit The Broken Circle einen eben solchen. Filmischen. Ein Banjo-Spieler, Didier (Johan Heldenbergh), und eine Tätowiererin, Elise (Veerle Batens), lernen sich kennen und lieben, bekommen ein Kind, obwohl der Musiker von Amerika, Prärie und Freiheit träumt, sind glücklich, wie es ein Paar nur sein kann - dann wird bei der inzwischen sechs Jahre alten, nach Johnny Cashs Schwiegermama Maybelle, benannten Tochter Krebs diagnostiziert. Und Townes Van Zandts Song über den Konjunktiv, intoniert von den beiden samt Bluegrass-Band, erlebt seine Realisation. Die Tochter stirbt und Didier und Elise stehen Seite an Seite auf der Bühne - und keinem von beiden ist es möglich, dem anderen in seinem/ihrem Leid bei zu stehen. Was wütend macht: Auf die hilflose Ärzteschaft, den anderen und die andere, die Ungerechtigkeit der Welt und also: Gott, sich selbst.


Was ein herkömmliches Melodrama sein könnte, verarbeitet Van Groeningen in einer Art Songstruktur, mit wiederkehrenden Elementen und Erzählteilen, assoziativ miteinander verknüpft, verzichtend auf Linearität. So wird der Film zum Song, Didier und Elise auf der Bühne, die Bluegrass-Band schrammelt, die Außenwelt dringt nur phasenweise durch, liefert Eck- und Angelpunkte, aber der Song selbst, er muss bis zum Ende gesungen werden. Van Groeningen schließt das individuelle Drama mit der Weltpolitik kurz, 9/11 versus Kindersarg, begibt sich auf die Suche nach Sinn und Identität in einer von Gott verlassenen Welt, lässt diese wiederum mit einer kollidieren, wo Gott niemals war. Es ist ein Ringen um nichts weniger als die Existenz und der Versuch einer Antwort auf die Frage, was heißt tot.


Dienstag, 26. August 2014

The Wolf of Wallstreet - oder: It's a Man's World

Martin Scorseses Beitrag zur Finanzkrise, The Wolf of Wallstreet, wiegt in etwa so schwer wie David Schalkos Braunschlag. Nicht die Ursachen der Krise sind relevant, sondern das Menschliche und Allzumenschliche, weshalb das Ansinnen beinahe zwangsläufig in der Groteske enden muss. Scorsese ist dabei darauf bedacht, jede Subtilität zu vermeiden: Jordan Belfort (Leonardo DiCaprio), die historisch verbürgte Figur auf dessen Memoiren der Film beruht, machte via Pennystocks und Kursmanipulationen in den 90ern Millionen und Abermillionen, indem er dem kleinen Mann von der Straße, das Blaue vom Himmel versprach - und also den Wunsch reich zu werden instrumentalisierte.
The real question is this: was all this legal? Absolutely fucking not. But we were making more money than we knew what do with.

Womit im Grunde die wesentliche Problemstellung, die Scorsese sich aufmacht zu erörtern, angelegt ist: Was zum Teufel mit all der verdammten Kohle anstellen? Und man glaubt es kaum, die Antwort ist auch in den 90ern: Sex, Drugs & Alcohol. Nur mehr davon und also exzessiver. Womit die Buben (weil Frauen kommen quasi nur objektal vor) auch schon hinreichend beschäftigt sind. Und Scorsese indem er das Treiben bebildert - und klar ist: The Wolf ist ein Männerfilm für eine Männerwelt.

Bettete Scorsese seinen Abgesang auf Las Vegas, Casino, noch in eine breite Rahmenhandlung, zeigte die Gründe auf, wie es dazu kam und wie es weiter ging, exemplifizierte die Geschichte an Ace (Robert DeNiro) und Ginger und Nicky und malte dabei Portraits mit zeitloser Gültigkeit, bleibt Jordan Belfort an der Oberfläche und erleidet damit ein ähnliches Schicksal wie David Cronenbergs Simon Packer. Mit dem Unterschied, dass Belfort, den Schritt über seine Grenzen hinaus nicht geht. Nicht gehen muss: Weil sich seine Überzeugungen, nie ändern (müssen?), weil eine Welt, wo moralische Werte gleichbedeutend neben materiellen Werten bestehen, für Belfort nicht existiert.
Let me tell you something. There's no nobility in poverty. I've been a poor man, and I've been a rich man. And I choose rich every fucking time.
Soweit, so simpel. Demnach ein Finanzhai, jenseits jeder Moralvorstellungen, der seine Kunden fickte. Verfilmt nach 2008, wo die Finanzkrise drastisch vor Augen führte, welch destruktives Pouvoir die Systematik der Finanzindustrie beherbergt. Worüber der Film allerdings nichts erzählt, sondern vielmehr über die Erzählung über die Finanzkrise. Die nämlich darin bestand, einige Proponenten anzuklagen und für schuldig zu erklären, des Betrugs und der Zockerei, böse aber auch, um dann möglichst schnell wieder zur Tagesordnung überzugehen. Die da lautete: Mehr Bankenregulierung ist schlecht für die Industrie, Investmentgesellschaften abzuspalten ein unlauterer Eingriff in die Geschäftspraktiken, die Forderung nach mehr Eigenkapital kann nur via Mehrkosten für die Kunden erfüllt werden, etc.

Und kurz durchfährt es mich: Womöglich hat Scorsese recht, wir leben schon längst in einer Welt jenseits jeder Moralvorstellung und ich habe dieses grausame Schlussbild vor Augen, wo Belfort einmal mehr einer euphorisierten Meute erklärt, wie man einen Kugelschreiber verkauft...








Sonntag, 24. August 2014

Klick (Teil 3)

À propos Party – wo alle sagten, jetzt sei die Party over and out, wo sie die Lehman Brothers über die Klinge springen ließen und kräftig mit der Regulierungskeule winkten, das war in etwa so wie wenn der DJ ein paar Trance­-Tracks in sein Set einwebt. Alles wurde diesen Tick sphärischer, melodiöser – bis die Bankenrettung anlief. Hardcore. Anstatt die faulen Kredite abschreiben zu müssen, mit denen unsere Maschine einige Jahre betrieben wurde, hat die Industrie durchgesetzt, dass staatliche Garantien gegeben werden. Too big to fail. Nach außen hin lief die Marketingmaschine, das Geld müsse in die Realwirtschaft weiter gegeben werden, müsse bei den Unternehmen anlangen, somit Arbeitsplätze sichern, den Konsum ankurbeln. Marketing. Ein paar symbolische Köpfe mussten ebenfalls rollen, das Schmerzensgeld war ansehnlich. Nach wie vor ging der Großteil der Investitionen in die Märkte und führte konsequenterweise zu einer Hausse bei Aktien, Rohstoffen und Immobilien. Die größeren Investmenthäuser meldeten im Jahr nach der Krise durchgehend Rekordgewinne. Von wegen Realwirtschaft. Kein DJ lässt sich vom Publikum sagen, was er als nächstes spielt. Und wenn es eine Hausse gibt musst du haussieren, du gehst long und versuchst die Stimmung noch weiter aufzuheizen. Die Frage, welche Realität die Kurse dann noch abbilden, war nicht mehr relevant, was zählte, war die Phantasie, die Lust, die Gier – wer soll eine drauf los stampfende Bullenherde aufhalten können? Gib ihnen die Beats, spüre den Flow, ficke sie.

Und wenn dann deine Zutrittskarte plötzlich nicht mehr funktioniert, du vor dem Drehkreuz stehst, wieder und wieder die Karte vor den Leser hältst und kein Entriegelungsgeräusch zu hören ist, du zu fluchen beginnst, meinst der Chip sei kaputt, schon auf dem Weg zum Empfang bist, wenn zwei Securities auf dich zukommen und dich informieren, dass sie dich zu deinem Arbeitsplatz eskortieren werden, wo du deinen Kram zusammen packen und dein Firmentelefon gleich abgeben sollst, auch den Laptop – und du denkst: Jetzt ist es dein Kopf. Du fieberhaft überlegst, was du verkehrt gemacht hast, ob du eine Position zu früh aufgegeben hast, Verluste realisiert, die besser noch in den Büchern geblieben wären, vielleicht doch zu riskant auf weitere Kursanstiege gewettet hast, besser gestern doch noch auf Tokyo gewartet hättest... – wenn also der ansehnlich abgefundene symbolische Kopf sich als der deinige erweist und die Party ohne dich weiter gehen soll – das ist, wie wenn sie dich direkt vom Parkett holen würden, mitten aus der frenetisch feiernden Menge, zwei Hünen mit Stöpseln im Ohr und tätowierten Armen, Widerrede zwecklos. Sie bringen dich zur Hintertür und schubsen dich hinaus. Wortlos. Es ist totenstill, wie aus der Zeit gefallen. Unterschreiben Sie hier. Informationen zum weiteren Prozedere würden postalisch erfolgen. Auf Wiedersehen. Ich. Gekündigt. Verrückt. Fließbandarbeiter werden gekündigt, Beamte abgebaut, Personalstand wird reduziert. In der produzierenden Industrie wird restrukturiert, werden Unternehmensberater beauftragt, dem Management dabei zu helfen, das Kerngeschäft wieder in den Fokus zu rücken, nicht profitable Segmente abzustoßen, letztlich die Märkte und damit Aktionäre zu beruhigen. Von einem Tag auf den anderen. Gekündigt. Ich?

Du stehst vor dem Turm, die verspiegelten Glasfassaden mulitplizieren einander, die geballte Macht des Finanzplatzes, du spürst die von ihm ausgehende Energie, ahnst den Beat, fühlst das Vibrato bis in die Knochen, sehnst dich danach dazu zu gehören, die Arme in die Höhe zu recken und eins zu sein mit Tanz und Tanzenden, mit Masse und Markt im Rhythmus des unaufhörlichen Auf­und­Abs der Börsenverläufe – stehst da mit der Erinnerung an diesen Vietnamfilm, wo ein GI nach Ende des Kriegs in Saigon bleibt, um dort in einem Casino immer wieder Russisches Roulette zu spielen – nimmt den Revolver, setzt ihn an die Schläfe, Großaufnahme der Augen, starr in die Ferne gerichtet, Großaufnahme Faust, Finger, die Muskeln spannen sich, der Zeigefinger zieht durch: Klick. Das Drehkreuz öffnet sich.


Klick (Teil 2)


Wobei, Empathie zähle ich nicht unbedingt zu meinen Stärken. Wenn du dein Leben in den Dienst der Menschheit stellen willst, dann gehst du nicht in die Finanzindustrie. Du bist dort, weil du hungrig und von dir und deiner Leistungsfähigkeit überzeugt bist, weil du süchtig nach Erfolg und risikobereit bist. Du bist weiß und männlich und jung und hältst dich für das größte Talent und den schärfsten Analytiker. Dass moralische Grenzen überschritten und gesetzliche Regeln umgangen werden, betrachtest du als Herausforderung, als Eintrittspreis in den Club der unbegrenzten Möglichkeiten. Sonst wärst du und all die anderen nicht da – und es gäbe die Märkte nicht.

Dass unsere Vermögens­-Umverteilungsmaschine die Märkte beeinträchtigen werden würde,
war evident. Aber: Wer sagt, dass mit einbrechenden Märkten nicht wiederum gut Geld verdient werden kann? Wer sagt, dass Angst kein gewinnbringender Marktfaktor sein kann? Was heißt schon Verlust? Geld verschwindet nicht, wird auch nicht vernichtet – abgesehen von Inflation – sondern wird umverteilt. Hat einer weniger, hat ein anderer mehr – und je mehr man hat, desto mehr lässt sich einsetzen und also mit dem Einsatz verdienen. So einfach ist das mit dem Geld. Geld korelliert immer mit Schulden. Und Schulden werden verzinst. Die Verschuldung selbst ist damit der Treibstoff der Finanzindustrie. Mit deren Produkten werden alle anderen Märkte betrieben. Demzufolge alles nur eine Frage des passenden Finanzprodukts – und also Sounds. Es geht um den Kick. Ein DJ steht auf seinem Pult und dirigiert die Massen. Und die Masse will beherrscht werden. Du siehst es in ihren flehenden Augen, so eine verschämte Lüsternheit, eine Gier nach dem Überproportionalen. Wie viel kannst du bewegen? Ein paar hunderttausend? Eine Million? Zehn? Hundert? Kannst du Marktimpulse geben, kannst du Märkte manipulieren. Wenn von Problemen die Rede war, dann hieß die Lösung logischerweise Markt. Wo keiner war, musste bloß einer geschaffen werden. Wir waren Marktgläubige – vergleichbar mit dem Glauben von Taufscheinchristen. In rudimentärer Art und Weise vorhanden, in der Praxis vollkommen inkonsequent: Du glaubst an Gott, weil du weißt, wie du ihn austricksen kannst. Wir glaubten an den Markt, weil wir wussten, wie und wo wir die unsichtbare Hand schütteln konnten. Wir glaubten nicht nur an ihn, wir waren der Markt. Alles ließ sich auf den Begriff reduzieren, die Welt auf den Punkt gebracht: Markt.

Gott? Ja, ich glaube an ihn. Irgendwie. Die zehn Gebote. Klar, die gibt’s. Und die sind schon... gut. Allerdings braucht es Anpassungen das moderne Leben betreffend: Die Wirtschaft und die Börsen kennen keine Moral. Die Wirtschaft raubt länder­- und kontinentübergreifend ganze
Bevölkerungen aus, treibt Nationen in den Ruin und Raubbau mit den Ressourcen. Die Vermögens­Umverteilungsmaschine raubt die Guthaben von Millionen von Sparern und zukünftigen Pensionisten. Mit dem Unterschied, dass – wie es sich für einen anständigen
Räuber gehören würde, die primär verwendeten Werkzeuge nicht Dietrich oder Schweißbrenner sind, sondern global operierende Unternehmen, Börsen und Finanzmärkte. Ganz legal werden Milliarden am Fiskus vorbei in die Karibik und sonst wohin verschoben. Moral? Ficken und gefickt werden. Survival of the fittest,­ Biene, Gepard oder Pfau, globale Unternehmen, Börsen, Steueroasen. Es ist Gott vollkommen egal. Mehr als 80% unserer Investitionen gingen in Finanzprodukte, befeuerten also die Finanzmärkte, die wir selbst wiederum manipulierten. Eine besonders skurrile Note bekam dieser semi­religöse Ansatz bei US­-amerikanischen Investmentbankern, die ausschließlich mit dem schneller­-höher­-stärker Paradigma argumentierten: Heldentum erklärt sich eins­-zu­-eins mit der Höhe der Boni. Woran sich unmittelbar dein Status knüpft: Wer mehr verdient, ist mehr wert, bekommt die meiste Anerkennung. Geld ist der Maßstab. Für alles. 18­ Stunden­Tage waren die Norm, Wochenend­Arbeit ebenfalls, spontane Dienstreisen über den Globus nichts Besonderes. Freundschaften und soziale Kontakte beschränkten sich aufs Berufsumfeld. War ja schließlich auch die einzige Instanz deren Anerkennung zählte – und je mehr es davon gab, desto selbstsicherer und bestimmter fielen deine Deals aus, desto mehr Risiko warst du bereit zu nehmen. Risiko? Kommt ja auch niemand bei einer Techno­-Party auf die Idee, die Risiken von Ectasy­-Konsum zu diskutieren. Wenn du im Flow bist, bist du der Index, die Graphen sind deine Gehirnströme, es gibt nichts neben dir oder außerhalb, du bist schließlich der Markt.

(Teil 3)