Dienstag, 2. September 2014

museum gugging: 2 mal 2 ist drei, 3 mal 3 schon einerlei

Leo Navratil, ehemaliger Primar an der Nervenheilanstalt Gugging, ließ aus einer Verlegenheit heraus seine Patienten in den frühen 80ern Testzeichnungen anfertigen, da sich damit der Verlauf der Krankheit anschaulich darstellen ließ. Er registrierte, dass einzelne Künstler-Patienten artifiziellere und ausgeprägtere Formen und Inhalte entwickelten als andere und forcierte deren Kunstproduktion. Sein Nachfolger, Johann Feilacher, entledigte sich jedes kunsttherapeutischen Ansatzes und fokussierte auf die Kunst und die Künstler. Weshalb er versuchte die Rahmenbedingungen dahin gehend zu optimieren, dass die Kreation im Vordergrund steht, die Station für Langzeitpatienten wurde zur betreuten WG, dem Haus der Künstler, sowohl eine Galerie samt Ateliers als auch ein Museum wurden errichtet.

Folgend dem Art-Brut Begriff von Jean Dubuffet ist es Feilacher angelegen die Künstler zu entstigmatisieren, also ihre Kunstproduktion von der Krankheit zu entkoppeln. Nichtsdestotrotz wird in der Präsentation die Vorgehensweise des jeweiligen Künstlers erläutert, wobei zwangsläufig der Authentizität und Ursprünglichkeit dieser Kunst das Wort geredet wird und zwangsläufig Nicht-Authentizität und Nicht-Ursprünglichkeit im Raum steht.


Wer würde angesichts dieser Montage von Franz Kamlander nicht an Andy Warhol denken? Wobei es unwahrscheinlich scheint, dass der eine vom anderen je gehört hat - was auf Grund von Kamlanders Taubstummheit sogar praktisch unmöglich gewesen wäre.



Oder wen würden Günther Schützenhöfers Abstraktionen nicht unmittelbar an Joan Miró erinnern?

Peter Pongratz formulierte betreffend Art-Brut:
Den Art-Brut Künstlern fehlen sowohl das Wissen über Tradition und Kunstgeschichte als auch der Umgang mit dem sogenannten Zeitgeist. Es fehlt ihnen vor allem dieser unglückliche Hang zu plagiieren, nämlich eben auf diesen Zeitgeist aufzuspringen (...). Sie fühlen in ihr Inneres und versuchen, dieses nach außen zu projizieren. 
Was laut Gerhard Roth auf Grund der Krankheit viel direkter möglich ist. Sowohl aus Roth als auch aus Pongratz sprechen Kunst-Romantiker, die sie als Künstler selbstredend sein müssen. Dass Kunst nur im Rahmen eines Kunstmarkts verortbar ist, scheint allerdings unumgehbar. Das heißt - die Produktion der Künstler, Art-Brut oder nicht, wird erst auf Grund der Verortung verwertbar - bekommt Wert. Es ist schwieriges Terrain, worauf sich Feilacher mit seiner Galeristin Nina Katschnig hier bewegt: Professionelle Vermarktung versus romantischer Genie-Begriff. Die Authentizität und Ursprünglichkeit der Werke ist ein wertgebender Faktor und muss deshalb auch entsprechend inszeniert werden.

Was dem Erlebnis allerdings keinen Abbruch tut. Im Gegenteil. Jedoch, als ich dann zum Künstlerhaus auf Reisen, rüber schlenderte, ertappte ich mich dabei, wie ich einen Kinderreim summte - 2 mal 2 ist drei, 3 mal 3 schon einerlei - und fragte mich, wer ihn mir ins Ohr summte.  



Donnerstag, 28. August 2014

The Broken Circle Breakdown - Townes Van Zandts Konjunktiv verfilmt

If I needed you, would you come to me,  would you come to me and ease my pain?
Townes Van Zandt erzählte, dass er diesen Song im Schlaf geschrieben und im Traum gesungen habe. Es muss ein fürchterlicher Alptraum gewesen sein.


Felix Van Groeningen bereitet uns mit The Broken Circle einen eben solchen. Filmischen. Ein Banjo-Spieler, Didier (Johan Heldenbergh), und eine Tätowiererin, Elise (Veerle Batens), lernen sich kennen und lieben, bekommen ein Kind, obwohl der Musiker von Amerika, Prärie und Freiheit träumt, sind glücklich, wie es ein Paar nur sein kann - dann wird bei der inzwischen sechs Jahre alten, nach Johnny Cashs Schwiegermama Maybelle, benannten Tochter Krebs diagnostiziert. Und Townes Van Zandts Song über den Konjunktiv, intoniert von den beiden samt Bluegrass-Band, erlebt seine Realisation. Die Tochter stirbt und Didier und Elise stehen Seite an Seite auf der Bühne - und keinem von beiden ist es möglich, dem anderen in seinem/ihrem Leid bei zu stehen. Was wütend macht: Auf die hilflose Ärzteschaft, den anderen und die andere, die Ungerechtigkeit der Welt und also: Gott, sich selbst.


Was ein herkömmliches Melodrama sein könnte, verarbeitet Van Groeningen in einer Art Songstruktur, mit wiederkehrenden Elementen und Erzählteilen, assoziativ miteinander verknüpft, verzichtend auf Linearität. So wird der Film zum Song, Didier und Elise auf der Bühne, die Bluegrass-Band schrammelt, die Außenwelt dringt nur phasenweise durch, liefert Eck- und Angelpunkte, aber der Song selbst, er muss bis zum Ende gesungen werden. Van Groeningen schließt das individuelle Drama mit der Weltpolitik kurz, 9/11 versus Kindersarg, begibt sich auf die Suche nach Sinn und Identität in einer von Gott verlassenen Welt, lässt diese wiederum mit einer kollidieren, wo Gott niemals war. Es ist ein Ringen um nichts weniger als die Existenz und der Versuch einer Antwort auf die Frage, was heißt tot.


Dienstag, 26. August 2014

The Wolf of Wallstreet - oder: It's a Man's World

Martin Scorseses Beitrag zur Finanzkrise, The Wolf of Wallstreet, wiegt in etwa so schwer wie David Schalkos Braunschlag. Nicht die Ursachen der Krise sind relevant, sondern das Menschliche und Allzumenschliche, weshalb das Ansinnen beinahe zwangsläufig in der Groteske enden muss. Scorsese ist dabei darauf bedacht, jede Subtilität zu vermeiden: Jordan Belfort (Leonardo DiCaprio), die historisch verbürgte Figur auf dessen Memoiren der Film beruht, machte via Pennystocks und Kursmanipulationen in den 90ern Millionen und Abermillionen, indem er dem kleinen Mann von der Straße, das Blaue vom Himmel versprach - und also den Wunsch reich zu werden instrumentalisierte.
The real question is this: was all this legal? Absolutely fucking not. But we were making more money than we knew what do with.

Womit im Grunde die wesentliche Problemstellung, die Scorsese sich aufmacht zu erörtern, angelegt ist: Was zum Teufel mit all der verdammten Kohle anstellen? Und man glaubt es kaum, die Antwort ist auch in den 90ern: Sex, Drugs & Alcohol. Nur mehr davon und also exzessiver. Womit die Buben (weil Frauen kommen quasi nur objektal vor) auch schon hinreichend beschäftigt sind. Und Scorsese indem er das Treiben bebildert - und klar ist: The Wolf ist ein Männerfilm für eine Männerwelt.

Bettete Scorsese seinen Abgesang auf Las Vegas, Casino, noch in eine breite Rahmenhandlung, zeigte die Gründe auf, wie es dazu kam und wie es weiter ging, exemplifizierte die Geschichte an Ace (Robert DeNiro) und Ginger und Nicky und malte dabei Portraits mit zeitloser Gültigkeit, bleibt Jordan Belfort an der Oberfläche und erleidet damit ein ähnliches Schicksal wie David Cronenbergs Simon Packer. Mit dem Unterschied, dass Belfort, den Schritt über seine Grenzen hinaus nicht geht. Nicht gehen muss: Weil sich seine Überzeugungen, nie ändern (müssen?), weil eine Welt, wo moralische Werte gleichbedeutend neben materiellen Werten bestehen, für Belfort nicht existiert.
Let me tell you something. There's no nobility in poverty. I've been a poor man, and I've been a rich man. And I choose rich every fucking time.
Soweit, so simpel. Demnach ein Finanzhai, jenseits jeder Moralvorstellungen, der seine Kunden fickte. Verfilmt nach 2008, wo die Finanzkrise drastisch vor Augen führte, welch destruktives Pouvoir die Systematik der Finanzindustrie beherbergt. Worüber der Film allerdings nichts erzählt, sondern vielmehr über die Erzählung über die Finanzkrise. Die nämlich darin bestand, einige Proponenten anzuklagen und für schuldig zu erklären, des Betrugs und der Zockerei, böse aber auch, um dann möglichst schnell wieder zur Tagesordnung überzugehen. Die da lautete: Mehr Bankenregulierung ist schlecht für die Industrie, Investmentgesellschaften abzuspalten ein unlauterer Eingriff in die Geschäftspraktiken, die Forderung nach mehr Eigenkapital kann nur via Mehrkosten für die Kunden erfüllt werden, etc.

Und kurz durchfährt es mich: Womöglich hat Scorsese recht, wir leben schon längst in einer Welt jenseits jeder Moralvorstellung und ich habe dieses grausame Schlussbild vor Augen, wo Belfort einmal mehr einer euphorisierten Meute erklärt, wie man einen Kugelschreiber verkauft...








Sonntag, 24. August 2014

Klick (Teil 3)

À propos Party – wo alle sagten, jetzt sei die Party over and out, wo sie die Lehman Brothers über die Klinge springen ließen und kräftig mit der Regulierungskeule winkten, das war in etwa so wie wenn der DJ ein paar Trance­-Tracks in sein Set einwebt. Alles wurde diesen Tick sphärischer, melodiöser – bis die Bankenrettung anlief. Hardcore. Anstatt die faulen Kredite abschreiben zu müssen, mit denen unsere Maschine einige Jahre betrieben wurde, hat die Industrie durchgesetzt, dass staatliche Garantien gegeben werden. Too big to fail. Nach außen hin lief die Marketingmaschine, das Geld müsse in die Realwirtschaft weiter gegeben werden, müsse bei den Unternehmen anlangen, somit Arbeitsplätze sichern, den Konsum ankurbeln. Marketing. Ein paar symbolische Köpfe mussten ebenfalls rollen, das Schmerzensgeld war ansehnlich. Nach wie vor ging der Großteil der Investitionen in die Märkte und führte konsequenterweise zu einer Hausse bei Aktien, Rohstoffen und Immobilien. Die größeren Investmenthäuser meldeten im Jahr nach der Krise durchgehend Rekordgewinne. Von wegen Realwirtschaft. Kein DJ lässt sich vom Publikum sagen, was er als nächstes spielt. Und wenn es eine Hausse gibt musst du haussieren, du gehst long und versuchst die Stimmung noch weiter aufzuheizen. Die Frage, welche Realität die Kurse dann noch abbilden, war nicht mehr relevant, was zählte, war die Phantasie, die Lust, die Gier – wer soll eine drauf los stampfende Bullenherde aufhalten können? Gib ihnen die Beats, spüre den Flow, ficke sie.

Und wenn dann deine Zutrittskarte plötzlich nicht mehr funktioniert, du vor dem Drehkreuz stehst, wieder und wieder die Karte vor den Leser hältst und kein Entriegelungsgeräusch zu hören ist, du zu fluchen beginnst, meinst der Chip sei kaputt, schon auf dem Weg zum Empfang bist, wenn zwei Securities auf dich zukommen und dich informieren, dass sie dich zu deinem Arbeitsplatz eskortieren werden, wo du deinen Kram zusammen packen und dein Firmentelefon gleich abgeben sollst, auch den Laptop – und du denkst: Jetzt ist es dein Kopf. Du fieberhaft überlegst, was du verkehrt gemacht hast, ob du eine Position zu früh aufgegeben hast, Verluste realisiert, die besser noch in den Büchern geblieben wären, vielleicht doch zu riskant auf weitere Kursanstiege gewettet hast, besser gestern doch noch auf Tokyo gewartet hättest... – wenn also der ansehnlich abgefundene symbolische Kopf sich als der deinige erweist und die Party ohne dich weiter gehen soll – das ist, wie wenn sie dich direkt vom Parkett holen würden, mitten aus der frenetisch feiernden Menge, zwei Hünen mit Stöpseln im Ohr und tätowierten Armen, Widerrede zwecklos. Sie bringen dich zur Hintertür und schubsen dich hinaus. Wortlos. Es ist totenstill, wie aus der Zeit gefallen. Unterschreiben Sie hier. Informationen zum weiteren Prozedere würden postalisch erfolgen. Auf Wiedersehen. Ich. Gekündigt. Verrückt. Fließbandarbeiter werden gekündigt, Beamte abgebaut, Personalstand wird reduziert. In der produzierenden Industrie wird restrukturiert, werden Unternehmensberater beauftragt, dem Management dabei zu helfen, das Kerngeschäft wieder in den Fokus zu rücken, nicht profitable Segmente abzustoßen, letztlich die Märkte und damit Aktionäre zu beruhigen. Von einem Tag auf den anderen. Gekündigt. Ich?

Du stehst vor dem Turm, die verspiegelten Glasfassaden mulitplizieren einander, die geballte Macht des Finanzplatzes, du spürst die von ihm ausgehende Energie, ahnst den Beat, fühlst das Vibrato bis in die Knochen, sehnst dich danach dazu zu gehören, die Arme in die Höhe zu recken und eins zu sein mit Tanz und Tanzenden, mit Masse und Markt im Rhythmus des unaufhörlichen Auf­und­Abs der Börsenverläufe – stehst da mit der Erinnerung an diesen Vietnamfilm, wo ein GI nach Ende des Kriegs in Saigon bleibt, um dort in einem Casino immer wieder Russisches Roulette zu spielen – nimmt den Revolver, setzt ihn an die Schläfe, Großaufnahme der Augen, starr in die Ferne gerichtet, Großaufnahme Faust, Finger, die Muskeln spannen sich, der Zeigefinger zieht durch: Klick. Das Drehkreuz öffnet sich.


Klick (Teil 2)


Wobei, Empathie zähle ich nicht unbedingt zu meinen Stärken. Wenn du dein Leben in den Dienst der Menschheit stellen willst, dann gehst du nicht in die Finanzindustrie. Du bist dort, weil du hungrig und von dir und deiner Leistungsfähigkeit überzeugt bist, weil du süchtig nach Erfolg und risikobereit bist. Du bist weiß und männlich und jung und hältst dich für das größte Talent und den schärfsten Analytiker. Dass moralische Grenzen überschritten und gesetzliche Regeln umgangen werden, betrachtest du als Herausforderung, als Eintrittspreis in den Club der unbegrenzten Möglichkeiten. Sonst wärst du und all die anderen nicht da – und es gäbe die Märkte nicht.

Dass unsere Vermögens­-Umverteilungsmaschine die Märkte beeinträchtigen werden würde,
war evident. Aber: Wer sagt, dass mit einbrechenden Märkten nicht wiederum gut Geld verdient werden kann? Wer sagt, dass Angst kein gewinnbringender Marktfaktor sein kann? Was heißt schon Verlust? Geld verschwindet nicht, wird auch nicht vernichtet – abgesehen von Inflation – sondern wird umverteilt. Hat einer weniger, hat ein anderer mehr – und je mehr man hat, desto mehr lässt sich einsetzen und also mit dem Einsatz verdienen. So einfach ist das mit dem Geld. Geld korelliert immer mit Schulden. Und Schulden werden verzinst. Die Verschuldung selbst ist damit der Treibstoff der Finanzindustrie. Mit deren Produkten werden alle anderen Märkte betrieben. Demzufolge alles nur eine Frage des passenden Finanzprodukts – und also Sounds. Es geht um den Kick. Ein DJ steht auf seinem Pult und dirigiert die Massen. Und die Masse will beherrscht werden. Du siehst es in ihren flehenden Augen, so eine verschämte Lüsternheit, eine Gier nach dem Überproportionalen. Wie viel kannst du bewegen? Ein paar hunderttausend? Eine Million? Zehn? Hundert? Kannst du Marktimpulse geben, kannst du Märkte manipulieren. Wenn von Problemen die Rede war, dann hieß die Lösung logischerweise Markt. Wo keiner war, musste bloß einer geschaffen werden. Wir waren Marktgläubige – vergleichbar mit dem Glauben von Taufscheinchristen. In rudimentärer Art und Weise vorhanden, in der Praxis vollkommen inkonsequent: Du glaubst an Gott, weil du weißt, wie du ihn austricksen kannst. Wir glaubten an den Markt, weil wir wussten, wie und wo wir die unsichtbare Hand schütteln konnten. Wir glaubten nicht nur an ihn, wir waren der Markt. Alles ließ sich auf den Begriff reduzieren, die Welt auf den Punkt gebracht: Markt.

Gott? Ja, ich glaube an ihn. Irgendwie. Die zehn Gebote. Klar, die gibt’s. Und die sind schon... gut. Allerdings braucht es Anpassungen das moderne Leben betreffend: Die Wirtschaft und die Börsen kennen keine Moral. Die Wirtschaft raubt länder­- und kontinentübergreifend ganze
Bevölkerungen aus, treibt Nationen in den Ruin und Raubbau mit den Ressourcen. Die Vermögens­Umverteilungsmaschine raubt die Guthaben von Millionen von Sparern und zukünftigen Pensionisten. Mit dem Unterschied, dass – wie es sich für einen anständigen
Räuber gehören würde, die primär verwendeten Werkzeuge nicht Dietrich oder Schweißbrenner sind, sondern global operierende Unternehmen, Börsen und Finanzmärkte. Ganz legal werden Milliarden am Fiskus vorbei in die Karibik und sonst wohin verschoben. Moral? Ficken und gefickt werden. Survival of the fittest,­ Biene, Gepard oder Pfau, globale Unternehmen, Börsen, Steueroasen. Es ist Gott vollkommen egal. Mehr als 80% unserer Investitionen gingen in Finanzprodukte, befeuerten also die Finanzmärkte, die wir selbst wiederum manipulierten. Eine besonders skurrile Note bekam dieser semi­religöse Ansatz bei US­-amerikanischen Investmentbankern, die ausschließlich mit dem schneller­-höher­-stärker Paradigma argumentierten: Heldentum erklärt sich eins­-zu­-eins mit der Höhe der Boni. Woran sich unmittelbar dein Status knüpft: Wer mehr verdient, ist mehr wert, bekommt die meiste Anerkennung. Geld ist der Maßstab. Für alles. 18­ Stunden­Tage waren die Norm, Wochenend­Arbeit ebenfalls, spontane Dienstreisen über den Globus nichts Besonderes. Freundschaften und soziale Kontakte beschränkten sich aufs Berufsumfeld. War ja schließlich auch die einzige Instanz deren Anerkennung zählte – und je mehr es davon gab, desto selbstsicherer und bestimmter fielen deine Deals aus, desto mehr Risiko warst du bereit zu nehmen. Risiko? Kommt ja auch niemand bei einer Techno­-Party auf die Idee, die Risiken von Ectasy­-Konsum zu diskutieren. Wenn du im Flow bist, bist du der Index, die Graphen sind deine Gehirnströme, es gibt nichts neben dir oder außerhalb, du bist schließlich der Markt.

(Teil 3)


Klick (Teil 1)

Erzählung - Manfred Bruckner

Techno Galaxy Violet Enhanced
by txvirus

Das ist wie Techno. Das Intro stimmt ein, markiert den Übergang, definiert den Rhythmus und montiert die Beats – du beginnst dich langsam zu bewegen, der Rhythmus umfängt dich und verselbständigt sich. Es ist, als ob du getanzt wirst, du der Tanz und zugleich alle Tanzenden bist, bloße Energie, in dir, mit dir, durch dich... und irgendwann merkst du, dass sich die Beatanzahl reduziert – und da musst du dann raus, gehe short, sofort. Wette drauf, dass das Ding den Bach runter geht. Du verlierst ein paar Worte über möglicherweise nicht so berauschende Quartalszahlen in der Bar, wo die Wirtschaftsjournalisten verkehren. Wenn das dann über die Newsticker rauscht, bist du schon lange draußen.

Schließlich wussten wir ja, wie es um die Anlagen konkret stand. Im Unterschied zu den Anlegern. Da ging es um zig Milliarden. Natürlich haben wir ihnen diese Produkte verkauft, das war schließlich unser Job. Ziel war es, so viel Geld in so wenig Zeit wie möglich zu machen, auf wessen Kosten – war egal. Geschäfte entwerfen und die Kunden dazu bringen, sie abzuschließen – und dir eine Menge Geld dafür zu geben. Wir waren Huren. Und unser Arbeitsplatz ein Edelpuff. Die Vorstände sorgten dafür, dass genug Kundschaft kam. Die wussten um den wirtschaftlichen Druck im Sektor und die Klemme in der die Kunden steckten – und wir ließen alle Wünsche wahr werden. Alle. Das Kreditgeschäft wirft zu wenig Erträge ab? Sie suchen nach einer lukrativen, vermögensintensiven Alternative? Nun ja, diese Transaktionen sind vielleicht nicht ganz in ihrem angestammten Geschäftsfeld enthalten – für solche Fälle empfehlen wir die Einrichtung von Zweckgesellschaften, zur Umgehung der formalen Hinderungsgründe. Etwa in Irland, da haben wir in der Vergangenheit schon sehr positive Erfahrungen gemacht. In dem Moment, wo wir die Maschine in Betrieb genommen hatten, stellte sich nur noch die Frage, wie lange es uns gelingen würde, genug Kapital heran zu schaffen, um die Preise entsprechend hoch zu halten. Wir hatten aus dem simplen Hypothekargeschäft via Verpackung in komplexe Finanzprodukte eine hocheffektive Vermögens­Umverteilungsmaschine entwickelt. Angetrieben durch einen entsprechend lobbyierten tiefen Zinssatz suchten massive Vermögenswerte nach besserer Veranlagung – und wir machten dafür den Christo und kreierten die hübschesten noch­-nie­-da-gewesenen Verpackungen für ein an sich sterbenslangweiliges Geschäft. Ein Side­-Effekt war allerdings, dass einige Kunden ziemlich einseitig in diesen Produkten veranlagt waren – und dann beim Platzen der Blase recht massiv unter die Räder kamen, weil viel zu verklumpt. Da waren wir natürlich schon lange draußen.

Surfst am Outro in den nächsten Track. Der DJ pitcht die Nummer hoch und du bist sofort wieder im Flow. Es geht genau um dieses körperliche Glücksgefühl, es geht darum, im Flow zu sein, möglichst dauerhaft und durchgehend. Du hörst den Rhythmus, spürst den Rhythmus, bist der Rhythmus – und also: Alle. Das ist wie Mitgefühl. Echtes Mitgefühl. Das ist im Zusammenhang mit einer entsprechend differenzierten, weiter führenden Anlageberatung eine lohnende Taktik. Natürlich muss das Portfolio bereinigt werden, den Marktgegebenheiten angepasst und ausgerichtet werden, Positionen müssen aufgegeben andere eingerichtet werden. Natürlich geht das nicht ganz ohne Nebengeräusche. Natürlich muss mit Abschlägen gerechnet werden, schließlich war ja bekannt, dass ein durchaus erhebliches Risiko in Kauf genommen wurde. Natürlich. Das ist wie in der Tierwelt. Eine Spezies vermehrt sich so lange, bis die Ersten auf Grund zu weniger Ressourcen verhungern. Und die größten Wunder der Natur – das Staatswesen der Bienen, die Schnelligkeit der Geparden, das schillernde Pfauengefieder – sind letztlich nichts anderes als das Resultat eines unendlich langen Wettrüstens – und von mindestens ebenso viel Leid. Und irgendjemand musste dieses Leid schließlich auf sich nehmen. Mitgefühl, wie gesagt. Ein Investment wie jedes andere. Die einen mussten leiden, die anderen fühlten mit. Und profitierten. So muss es betrachtet werden.

(Teil 2)

Dienstag, 19. August 2014

Harald Darer: Wer mit den Hunden schläft - oder die Prosawerdung einer Schwab-Figur

Harald Darer, (c) Simon Jappel

Wie eine in die zivilisierte Prosa entlassene Schwab-Figur, so wird uns Herr Norbert von Harald Darer vorgestellt: Ein Wiener Straßenbahnfahrer der nach einem von ihm verursachten Blutbad therapiert wird, er und sein Hund Kreisky. Oder er mittels Hund Kreisky. Eine Schwab-Figur, deren Prosa-Werdung ob Thomas-Bernhard-Fegefeuer erzielt werden soll und jetzt in einer Art iterativ-mäandernden Prozess auf der Suche nach der eigenen Stimme ist und deshalb immer wieder bei der einzig unbestechlichen und also vertrauenswürdigen Instanz sich seiner selbst versichert: Kreisky. Wirklich wahr. Sag' ich zu ihm. Schließlich weiß er aus eigener Erfahrung, nicht einmal sich selbst ist zu trauen:
Eine schöne Melodie kann dir wirklich die Wahrnehmung verwischen, Kreisky. Weil der Mensch ein Gefühlstier ist. Weil er sich leicht verführen lässt durch so angenehme Klänge
Alles hätte im Grunde seine Ordnung, wäre nicht diese Gefühlstierischheit, die den Menschen gefangen hält und zum Opfer macht.
Opfer bist du so wie du ein Deppenmagnet bist: Du kannst es dir leider Gottes nicht aussuchen, Kreisky, wirklich wahr, (...).
Harald Darer beschreibt in seinem Erstling, Wer mit den Hunden schläft, eine ausweglose Welt, mit vorgezeichnetem Schicksal und erbarmungsloser Logik. Und Herr Norbert und sein Hund Kreisky sind die Dokumentaristen dieser Welt und wenn selbiger irgendwann fest stellt:
Die Wirklichkeit macht die erinnerte Heimat zur Fremde, mit der du nichts mehr anzufangen weißt, die dich abschreckt und dir feindselig vorkommt, (...).
Dann beschreibt das die Funktionsweise des Texts ebenso: Es ist ein sich der Erinnerung aussetzen und also Therapie und Suche nach den geeigneten Worten und der Sprache. Leider ist das Gegenüber von Herrn Norbert ein nicht massiv motivierter Lebensberater, weshalb die Ausführungen zwar die Geschichte weiter erzählen aber dem Herrn Norbert selbst nicht weiter auf die Sprünge helfen. Weil morgen ist zwar auch ein Tag, aber er wird um nichts besser sein.


Freitag, 8. August 2014

Sowpiercer - Jesus ist ein Kannibale

Wir befinden uns in einem Zug. Einem Zug, der unermüdlich rund um die zur Eishölle erstarre Erdkugel kreist. Innen drinnen, die letzten der Spezies Mensch. Ganz vorn: Der Ingenieur und Geist der Maschine, Wilford (Ed Harris). Ganz am Ende: Das Lumpenpack und Proletariat, Material zur Erhaltung der Maschine.


Bong Joon-Ho erzählt auf Grundlage der französischen Graphic Novel Le Transperceneige von der Revolution und also Erlösung: Was wenn der Pöbel den ihm zugeordneten Platz nicht mehr akzeptiert und der Maschine den Geist austreiben will? Jede Revolution braucht ihren Anführer - Curtis (Chris Evans), ein seelisch Verkrüppelter, der in seiner Jugend anstatt selbst ein Bein oder einen Arm der Allgemeinheit zu opfern, dem Kleinkindfleisch treu blieb, macht den reuigen Lumpen-Jesus. Und opfert sich konsequenterweise für die Zukunft, die nur in der Vernichtung der Maschine - und also: im Außen - liegen kann.  


So weit, so solide. Außergewöhnlich - wenn auch nahe liegend - ist die Dramaturgie. Die Revolution ist keine Vertikale. Nicht die da oben müssen besiegt und gestürzt werden, sondern die an der Spitze. Folglich führt der Weg von einem Waggon zum nächsten, was Joon-Ho die Möglichkeit, die Revolte als Aneinanderreihung von Episoden zu inszenieren: Quasi ein Kreuzweg. Vom splattermäßigen Gemetzel über eine Sushi-Verköstigung im rollenden Aquarium bis zur Comic-grellen Heldenverehrung von Wilford in einem Klassenzimmer und der Verbeugung vor dem Saunageschlitze in Cronenbergs Eastern Promises.

Dass der widerwillige Schmerzensmann zu guter Letzt noch versucht werden muss und also mit dem Angebot konfrontiert wird, selbst Geist und Maschine zu werden, versteht sich - und dass die Trennung von vorn und hinten so scharf nicht zu machen ist, da der Zug als autarkes System betrachtet werden muss, ist nur logisch. Was sich allerdings nicht erschloss, war, weshalb musste Tilda Swinton so entstellt werden?



Mittwoch, 6. August 2014

Ulrike Schmitzer: Die Flut


Eine rote Flut überschwemmt das Land, ohne sich anzukündigen, aus rotem Himmel. Und vernichtet alles tierische Leben, das mit der Schlammflut in Berührung kommt. Bis auf die Schweine, denen scheint der Schlamm gut zu bekommen. Die Haut der Menschen verfärbt sich allmählich schwarz.

In kurzen, knappen Sätzen skizziert Ulrike Schmitzer ein apokalyptisches Szenario. Wie schon bei Marc Elsberg in Blackout befördert ein umfassender Stromausfall die Menschen von einem Tag auf den anderen zurück auf die Bäume. Wo sich sinnigerweise der Bauer und Held der Geschichte im Angesicht der Flut wieder findet.
Er stapfte durch die Flut, bis er spürte, dass sich seine Plastikstiefel verformten. Sie begannen sich aufzulösen. Noch bevor er die rote Masse auf seiner Haut spüren konnte, kletterte er auf einen Baum und warf die Stiefel von sich.
Mit dem Bauern installiert Schmitzer einen von Anbeginn an Widerständigen. Einer, der der Obrigkeit nie über den Weg traute, der immer schon, seine Eigenständigkeit favorisierte, indem er etwa einen Brunnen sein eigen nennt und sich einen Bunker einrichtete, weil man ja nie weiß. Und außerdem einen Pragmatiker, der nicht lang über die Ursachen eines Problems sinniert, sondern schnurstracks die Lösung anvisiert: Geht es zuallererst darum, den Alltag angesichts der geänderten Rahmenbedingungen zu bewältigen, macht sich der Bauer später auf die Suche nach seinem Enkelsohn, um heraus zu finden, dass Schwarz-Weiß-Logiken ebenfalls umkehrbar sind. Aber es wäre kein Bauer, gäbe es keine passende Lösung.

So gesehen eine Erlösungsgeschichte, die - wiederum ganz konsequent - nur auf einer Art Arche Noah enden kann.



Donnerstag, 31. Juli 2014

Pete Dexter: The Paperboy


Ist Pete Dexters Deadwood als Abgesang auf das Wilde im Westen zu lesen, so erzählt er in The Paperboy vom Ende der Lokalzeitungen in den 60er Jahren, wo im Zuge des Aufstiegs von Fernsehen und Radio den Provinzblättern zunehmend die Anzeigenkunden abhanden kamen. Was wiederum zu einer Veränderung im Journalismus selbst führte: Waren das in Zeiten der Lokalzeitung noch Personen mit entsprechender Bindung und entsprechenden Verbindungen vor Ort, wurden die Stories später von überregionalen Offices in Auftrag gegeben und junge, hungrige Männer auf die Jagd geschickt.
What moved them was not to know things, but to tell them. For a little while, it made them as important as the news itself.
Womit das Machtgefüge in den Provinzstädten zu wanken begann, die informellen Strukturen hinterfragt wurden und allmählich zerbröselten.

Die Geschichte beginnt damit, dass Thurmond Call, der Sheriff von Moat County im Bundesstaat Florida, von oben bis unten aufgeschlitzt auf dem Highway gefunden wird. Der Sheriff war kein guter, offen rassistisch hat er sogar für einen Südstaaten-Sheriff eine unangemessen hohe Zahl an Afro-Amerikanern umgebracht. Und dann fällt ihm noch einer von den Van Wetters vor die Füße, einem ortsbekannten Clan, der im Sumpf wohnt und von der Alligatorjagd lebt. Und bevor er sich's versieht, hat er ihn doch glatt zu Tode getreten. So ein Mann war der Sheriff - und als er dann auf der Straße liegt, wie ein ausgeweideter Alligator, wird flugs einer der Van Wetters angeklagt und nach Old Sparkey geschickt, wo er fortan den Todeszellentrakt schmückt. Dass rund um die Verurteilung nicht alles blitzsauber bewiesen wurde, im Gegenteil Beweise verschwanden, möglicherweise gar nicht existierten, Zeugen nicht geladen und also kein großes Aufhebens gemacht wurde, interessierte in der guten, alten Zeit niemanden. Schließlich hatte man Bindungen und Verbindungen.

Wie schon in Deadwood nimmt Dexter die Perspektive einer Person ein, die diese Geschichte erzählt. Es ist Jack, der 17-jährige Sohn des Moat County-Zeitungsherausgebers, der für seinen älteren Bruder Ward und dessen Partner, die im Sold der Miami Times stehen - der größten und wichtigsten Zeitung im Bundesstaat, während der Recherche des Falles den Chauffeur macht. Und passend zum Terrain wird es immer sumpfiger, je tiefer die beiden graben - und was schwarz weiß beginnt, verläuft sich allmählich und unaufhaltsam in verwaschenem Grau.
You can't ever know exactly who somebody is.