Sonntag, 25. Januar 2015

J'ai peur de "Westliche Wertegemeinschaft"


Vor ein paar Wochen wurde in Paris die halbe Belegschaft von Charlie Hebdo, einem französischen Satiremagazin, von islamistisch motivierten Attentätern exekutiert. Die Welt verfiel in Schockstarre und dann in einen Solidaritätsrausch: Je suis Charlie - hieß es aller Orten und aus aller Munde.


Sogar aus Mündern, die Pressefreiheit für gewöhnlich so interpretieren, dass die jeweilig Mächtigen jene Berichterstattung zulassen, die ihnen genehm ist und jene, die unangenehm ist, nicht zulassen. Wenn nötig sogar Waffengewalt anwenden.

Slavoj Zizek sprach kürzlich im Zusammenhang mit der Händchen haltenden Solidarität der Polit-Elite angesichts des Massakers von einem Sinnbild heuchlerischer Verlogenheit. Wiewohl Zizeks Aussage keiner weiteren Untermauerung bedurft hätte, liefert der Umstand des Todes von König Abdullah von Saudi Arabien eine Demonstration dafür, wie ernst das Je suis Charlie gemeint war. In Saudi Arabien wird nämlich eben das Urteil gegen einen Polit-Blogger vollstreckt. Raif Badawi wurde wegen seines Einsatzes für Meinungsfreiheit und interreligiösen Dialog zu zehn Jahren Haft und 1000 Stockschlägen verurteilt. 1000 Stockschläge bedeuten den Tod. Auf Raten. Und das Regime, das dieses Urteil zu verantworten hat, verlor jetzt seinen König. Und die ganze westliche Wertegemeinschaft kondoliert tief betroffen.

Wolfgang Neskovic meinte vor Kurzem, dass ihm speiübel werden würde, wenn er den Begriff westliche Wertegemeinschaft hören würde - dem ist nichts hinzu zu fügen.


Mittwoch, 21. Januar 2015

John Williams: Butcher's Crossing


1873 - und das Ende des Wilden Westens schreibt sich mittels Lokomotive am Horizont. Butcher's Crossing, irgendwo in Kansas, nicht weit von Colorado, liegt an den Ausläufern der Zivilisation, wo das Ankommen der Eisenbahn noch Träume und damit Ökonomien befeuert und ein Barbier schon auch Barbar sein kann: JOE LONG, BARBAR. Nichtsdestotrotz macht sich Will Andrews auf den Weg in die Wildnis, quittiert sein Studium in Harvard, um sein wahres Selbst (his unalterable self) zu entdecken.
"It is a story you have heard before, an ur-story, one of self-discovery, a dream sought, and a setting-out fearessly and confidently to achieve this realization, a young man going west..."
...schreibt Michelle Latiolais im Vorwort. Ähnlich dem ahnungslosen Buben in Cormac McCarthys Blood Meridian lernen wir mit dem Greenhorn zu überleben, begeben uns auf einen harten Trail durch unbewohnte Prärie, erfahren von den Mühen mit einem Ochsengespann tagelang ins Nirgendwo zu pilgern, ohne genau zu wissen, wo sich das nächste Wasserloch befindet, ob - falls man keines findet - eine Umkehr noch möglich ist. Wir machen uns auf, eine der letzten großen Bison-Herden in einem veritablen Blutbad zu vernichten, lernen, wie die wertvollen Bisonhäute abgezogen werden, müssen erkennen, dass der Wert derselben an eine bestimmte Ökonomie und also auch Lebensumstände gekoppelt ist.
"During the last hour of the stand he came to see Miller as a mechanism, an automaton, moved by the moving herd; and he came to see Miller's destruction of the buffalo, not as a lust for blood or a lust for the hides or a lust for what the hides would bring, or even at last the blind lust of fury that toiled darkly within him - he came to see the destruction as a cold, mindless response to the life in which Miller had immersed himself."
Und was wenn sich diese Ökonomie ändert, die als Denkhorizont dienenden Lebensumstände sich verschieben? Am Ende sehen wir, wie das Konstrukt zusammen bricht, die vormaligen Logiken nicht mehr gelten, Träume sich auflösen, ganz konsequent: In Rauch.
"You can't deal with this country as long as you're in it; it's too big, and empty."
Butcher's Crossing folgt der Fährte eines jungen Mannes, der sich selber finden will - und das in einem Land, das selbst noch nicht bei Sinnen ist. Weshalb die Reise zu einer Frage des Überlebens werden muss. John Williams bleibt dabei der Reduktion verpflichtet. Drei Männer und die Wildnis. Durst, Hitze, Kälte, Erschöpfung, Einsamkeit, Tod. Und das Aufeinander-Angewiesen-Sein, das Voneinander-Abhängig-Sein. Auf Leute, die man im Grunde nicht aushält. Dem muss auf den Grund gegangen werden...

Donnerstag, 8. Januar 2015

Urs Widmer: Die sechste Puppe im Bauch der fünften...

..., denn ein Kunstwerk muß mit Toten enden, weil es eine Metapher für das Leben ist, von dem wir nie vergessen, daß es auf den Tod zugeht. 
(c) DPA

Am Ende hatte es der eigene seine müssen. Urs Widmer starb am 2. April 2014 in Zürich. Schlussendlich war der Tod keine Metapher mehr, sondern Endpunkt einer schweren Krankheit. Er hinterlässt eine Frau, eine Tochter, ein Werk. Und eine Poetik - die er 1991 in Graz für eine Vorlesungsreihe aufbereitete: Die sechste Puppe im Bauch der fünften Puppe im Bauch der vierten und andere Überlegungen zur Literatur. Von welcher Realität ist die Schreibe und welche Realität wird erlesen? Widmer macht sich auf die Suche nach den Spuren der Realität im Schreiben und deren Verhältnis zu Fiktion.
Jedes einzelne Wort ist durch eine nur dem Autor bewußte Nabelschnur mit einer wirklichen Erfahrung verbunden, das Ganze aber die reine Fiktion. Hunderttausend Mosaiksteine aus dem Steinbruch der Wirklichkeit, der Erinnerung, zusammengesetzt zu etwas, was eine neue Realität ist, die erfundene Wahrheit, die oft wahrer ist als die wirkliche. 
Und also die sich logisch daran anknüpfende Frage nach der Wahrheit und dem Sinn des Unterfangens. Literatur ist Glückssuche - so der hehre Anspruch, sowohl an Schreibende als auch Lesende. Literatur ist immer Arbeit und immer eine, die kein Ende kennt, denn
Schreiben ist Erinnern, und Erinnern ist eine Arbeit, die ganz nie geleistet werden kann.
Glücklicherweise. Jeder Schriftsteller und jede Schriftsellerin sei Elefant in Sachen Erinnerung. Und das durchaus unfreiwillig. Dem Jean Paulschen Erinnerungsparadies muss eine entsprechende Erinnerungshölle gegenüberliegen und die Vorstellung des Paradieses ist unmittelbar mit der Vertreibung aus selbigem verbunden. Entscheidend ist das Verhältnis und Verhalten, allerdings:
Als Therapie ist Literatur ungeeignet, für den Leser und vor allem und gewiß für den Schreiber. 
Bezeichnend, dass sich die schreibende Zunft mit der dritten großen Kränkung der Menschheit - nach der des Kopernikus, daß die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums sei, der Darwins dann, daß der Mensch nicht die Krönung der Schöpfung, sondern ein Affe wie alle andern sei, nämlich mit der Freuds (nicht einmal Herr im eigenen Haus zu sein), am schwersten getan hat: Wer schreibt, wenn ich es nicht bin? Was die klassische Autorenfigur noch angst und bange macht, sollte den modernen Autor/die moderne Autorin nicht weiter beunruhigen: Denn er/sie weiß nicht. Muss nicht mal so tun und - viel wichtiger - darf auch nicht. Was wissen wir schon? Urs Widmer mittlerweile etwas mehr.

Mittwoch, 7. Januar 2015

Jüdisches Museum Wien: Das Südbahnhotel. Am Zauberberg der Abwesenheit.

Das stärkste Erlebnis aber war der Blick in den Nebel, der jeden Blick wehrte. Er kam in der Mittagsstunde, löschend alle Bergschrift von der Himmelstafel. Die Landschaft lag eingehüllt in graues Nichts. Aber die Seele, das Ewige ahnend, fühlte in einem Gefühl Nahe und Ferne, Endlichkeit und Unendlichkeit. (Alfred Polgar: Kleine Schriften, Bd. 2)
(c) Yvonne Oswald

Yvonne Oswald gelingt es mit ihren Fotografien, dieses Gefühl zu bannen, den Moment konkret werden zu lassen, wo sich die Endlichkeit im Unendlichen verliert, die Nähe sich in der Ferne aufzulösen beginnt und das Abwesende im Anwesenden sichtbar wird. Fast vermeint man die einstige Wiener Gesellschaft noch durch die Räumlichkeiten flanieren zu sehen, das angeregte Geplauder, verhaltenes Lachen hinter vorgehaltener Hand. Und es verliert sich in Stille. Man versucht dem Nachhall noch nach zu lauschen, wie er durch die Fotografien streicht, mitunter glaubt man, eine Tür hätte sich im Luftzug bewegt.

(c) Yvonne Oswald

Noch bis zum 11. Jänner - Empfehlung.

Dienstag, 6. Januar 2015

Miró in der Albertina: Eine Verweigerung

Nach René Magritte und Max Ernst setzt die Albertina ein weiteres Mal auf einen Säulenheiligen des Surrealismus: Joan Miró. Da kann nichts schief gehen (als Besucher wühlt man sich durch Tausendschaften anderer Besucher, mitunter erhascht man einen kurzen Moment freien Blicks auf ein Gemälde). Eine Malerei, die vollkommen zum Design durchvermarktet wurde, deren Motivik und Farben es bis in den IKEA Katalog geschafft haben. Welch' Ironie, wenn man sich vorstellt, dass der Mann, Miró, sich zum Ziel setzte, die Malerei zu ermorden. Das gelang ihm, allerdings nicht so, wie er sich das vorstellte.


Die Albertina zeigt ein paar Gemälde seiner Frühphase, wo er noch figürlich am Kubismus orientiert arbeitete und wo von Werk zu Werk die Abstraktion immer stärker überhand nimmt. Mit der Abstraktion entwickelt Miró dann die ihm eigene Formen- und Farbsprache und reduziert aufs Notwendigste. Die Schöpfung selbst sollte möglichst unbewusst von statten gehen, Verweigerung der Konventionen schrieb sich auch als Verweigerung des konventionellen Materials.


Dass die Verweigerung so weit ging, dass er schlussendlich seine Bilder selbst zerstörte, aufschlitzte und verbrannte - das verweigert uns dann die Albertina. Ordnung muss sein. Noch bis zum 11. Jänner.

Dienstag, 16. Dezember 2014

George Packer: Die Abwicklung

Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, vom Tellerwäscher zum Millionär - die zum Staat geronnene Utopie ist am Ende: George Packer begräbt in Die Abwicklung den American Dream, begräbt den Glauben daran, dass man den Aufstieg auf Grund eigener Leistung schaffen könnte, so man genug Einsatz und Durchhaltewillen zeigt. Spätestens mit den 70er Jahren, wo die Reallöhne zu stagnieren begannen und die Industrieproduktion allmählich in Billiglohnländer verlegt wurde, die Gewerkschaften immer wieder auf Deals zu Gunsten der Arbeitgeber eingingen und Institutionen wie Schulwesen und Gemeinden anfingen zu zerfallen, begann eine neue Macht die entstehende Lücke zu füllen: Die Finanzwirtschaft. Heute ist sie doppelt so groß wie der gesamte Produktionssektor in den USA.

Dieser Verschiebung spürt George Packer nach, an Hand von Individualgeschichten. Da finden sich exemplarische Amerikaner und Amerikanerinnen wie Newt Gingrich, der mit der Einführung des totalen Kriegs in der politischen Sprache die Tea Party alphabetisierte, oder Oprah Winfrey, die es schafft, acht Millionen AmerikanerInnen täglich aufs Neue zu erklären, dass sie es ebenfalls schaffen können, wenn sie nur die Hoffnung nicht fahren lassen. Oder der erbarmungs- und komplett skrupellose Sam Walton (Gründer von Wal-Mart), dessen Erben heute soviel besitzen wie die unteren 30% der amerikanischen Bevölkerung, schließlich der Musterschüler in Sachen soldatisches Pflichtbewusstsein, Colin Powell, der heute noch wegen des Irakkriegs und seiner Äußerungen dazu unter Schlafstörungen leidet. Gleichberechtigt daneben Opfer der De-Industrialisierung im Mittelwesten, der Immobilienblase in Florida und diejenigen, die naiv dem amerikanischen Heilsversprechen hinterher trotteten - wie etwa Dean Price:
Er lauschte den Lastwagen, die über die Route 220 nach Süden rauschten, um lebendige Hühner zu den Schlachthäusern zu bringen. Sie fuhren nur, wenn es dunkel war, sie waren Drogenschmuggler, und was sie verschoben, waren mit Hormonen vollgepumpte Tiere, die so fett waren, dass sie unter ihrer eigenen Last zusammenbrachen. (...) Er dachte daran, dass das Fleisch in einer blubbernden Fritteuse versenkt würde, von Angestellten, die ihre Arbeit hassten und ihren Hass auf Tellern zu den Gästen trugen, die ihn hinunterschlangen, die fett wurden und mit Diabetes oder Herzversagen im Krankenhaus (...) landeten, wo sie auf Kosten der Allgemeinheit versorgt wurden. Später waren diese Leute so schwer, dass sie in Elektrokarts durch Wal-Mart (...) fuhren, genau wie die hormonverseuchten Hühner konnten sie sich nicht mehr auf den eigenen Beinen halten.
Und sich mehr und mehr des Eindrucks nicht mehr erwehren konnten, dass sie einer Lüge aufsaßen.

Die Abwicklungsgeschichten ganzer Industrien und damit Landstriche werden gegen gelesen mit den Erfolgsgeschichten der Wall Street und dem Silicon Valley. Bei Donald Ray Pollock witzeln zwei erzkonservative alte Knacker, the Democrats gonna be the ruination of this country. Und tatsächlich, als Bill Clinton 1999 den Glass-Steagall-Akt aufheben lässt, sind damit die letzten regulierenden Kräfte für den Bankensektor außer Kraft gesetzt.
Niemand sah hin, als die Banken immer riskantere Kreditgeschäfte mit Privatkunden machten, bei Hypotheken, Kreditkarten und selbst Autokrediten. Die Banken nahmen den Verbrauchern das Versprechen ab, ihre Schulden abzutragen, bündelten und verbrieften diese Versprechen verkauften sie an Investoren.
1999 wechselte Robert Rubin in den Vorstand der Citgroup, der damals größten Bank der USA, nachdem er vier Jahre lang unter Clinton Finanzminister war und also die Beerdigung von Glass-Steagall maßgeblich mitbetrieben hatte. Die Citigroup investierte unter Rubins Vorsitz rund 34 Mrd. Dollar in CDOs (Kreditausfallversicherungen), zur Finanzkrise stellten sie sich als mehrheitlich wertlos heraus, schließlich war die Bank gezwungen 65 Mrd. Dollar abzuschreiben.
Rubin hatte seine ganze Karriere damit zugebracht, seine eigenen Interessen und die der Wall Street mit denen des Landes zu harmonisieren. Als er 2008 erkannte, dass das nicht möglich war, tauchte er unter.
Jeff Conaughton, vom Joe-Biden-Groupie an der Uni zum Wall Street Banker, schließlich Wahlkampfhelfer seines Idols, will nach Jahren des Einsatzes von Biden Unterstützung, damit er einen Top-Job im Weißen Haus bekommt. Es bleibt ein einseitiges Wollen. Der Stabschef Bidens kommentiert lakonisch:
Nimm es nicht persönlich, Jeff. Biden lässt jeden hängen. Er diskriminiert nicht, wenn es darum geht, seine eigenen Leute im Stich zu lassen. 
Diese drei Sätze komprimieren, was sich im Gefolge, der Verknüpfung der (ökonomischen) Interessen von Politik und Finanzwirtschaft (Wall Street) als logische Konsequenz ergab: Ein moralischer Niedergang.
Als an der Wall Street und in Washington auf einmal unglaublich viel verdient wurde, als es plötzlich möglich war, riesige Summen in die eigene Tasche zu wirtschaften (...), als bestimmte Praktiken kaum noch ernsthafte Konsequenzen hatten, als Verhaltensnormen wegbrachen, die zumindest die schlimmsten Exzesse der Geldmacherei verhindert hatten, kippte plötzlich die gesamte Kultur. Und zwar gleichzeitig an der Wall Street und in Washington.
Die Spielregeln sind geändert worden: Auf der einen Seite die globalisierten Konzerne im Zusammenspiel mit Finanzwirtschaft und Politik, auf der anderen Seite, das Individuum im Kampf um seine Existenz, mit der Hoffnung, dass es den Aufstieg schaffen könnte. Und dem Wissen, dass es nicht mehr in seiner Macht liegt.

Mittwoch, 10. Dezember 2014

Hypo: Zur fehlenden Moral in der Politik

Die Aufregung war groß, als Andreas Khol bei Armin Wolf in der ZIB2 betreffend politischer Verantwortung ausführte, dass die Übernahme derselben in der Hypo-Causa letztlich nur dazu führen könne, das Amt zu verlieren oder eben nicht mehr gewählt zu werden. Was bei den möglicherweise betroffenen Personen nicht mehr möglich ist. Christoph Chorherr präzisierte am nächsten Tag:
"(...) politische Verantwortung heißt: 'Ich habe die Macht etwas zu tun'. Nicht mehr und nicht weniger." 
Was nicht wesentlich zur Beruhigung beitrug. Insbesondere festzustellen wäre nämlich:
Die Macht und auch den Auftrag
Was angesichts des Schlusssatzes der Griss-Kommission, dass dem Bund nicht zugebilligt werden kann, dass er seine Entscheidungen als Alleineigentümer der Hypo zum Wohle der Bank und der Allgemeinheit getroffen hat, nahe legt: Der Bund kam seinem Auftrag nicht nach, insofern er sich der Allgemeinheit verpflichtet fühlen müsste.

Nachdem Allgemeinwohl eine nicht allein ökonomisch zu fassende Größe darstellt, monierte ich, dass politische Verantwortung immer auch moralische Verantwortung impliziere, die sich wiederum mit dem kategorischen Imperativ kurz fassen lässt: Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. Am Wochenende versuchte Michael Köhlmeier im Standard anlässlich des Mediengipfels in Lech sein Unwohlsein mit der Demokratie in Worte zu fassen:
Demokratie wird konsumiert wie Junkfood - man stopft es in sich hinein und fragt sich nicht, wer es hergestellt hat, wie und wo es hergestellt worden ist; es macht fett, das genügt, am Schluss hält man nur noch eine Serviette in der Hand, um sich mit ihr Mund und Hände, (...) später auch noch den Hintern abzuwischen.
Köhlmeier mahnt eine verloren gegangene Ernsthaftigkeit in Sachen Demokratie ein, erinnert daran, dass für diese Staatsform gekämpft, getötet und gestorben wurde - und dass diese Geschichte vergessen wurde. Oder: Gegessen ist. Dass jenes Volk, dem die Herrschaft überantwortet wurde, nicht elegant und schneidig, sondern geschmacklos und schäppchenhaft billig ist - und also käuflich und manipulierbar. Weshalb von Seiten der Politik um Volkes Stimme zu erreichen, schon seit Beginn an auf Populismus gesetzt wurde und wird, um die Fress-, Sauf- und Fickmaschinen (c Köhlmeier) entsprechend zu instrumentalisieren (auch Faschismus und Nationalsozialismus waren demokratische Bewegungen).

Diese Instrumentalisierung geschieht wesentlich über die Medien, weshalb die Causa Hypo eben auch als massives Versagen der Vierten Gewalt angesehen werden muss. Und schreibt sich als Medienpolitik via Inserat (Medialpartnerschaft, (c) Armin Thurnher).

(c) Dinko Fejzuli (Twitter)

Wenn am Tag nach Veröffentlichung des Berichts der Untersuchungskommission die drei auflagenstärksten Blätter in Österreich selbigen auf der Titelseite nicht erwähnen, dann ist das nicht bloß Symptom für den verheerenden Geschmack der Plebs, sondern Resultat einer zwingenden Logik.

Vor einigen Wochen lud der VÖZ und der Zweite Präsident des Nationalrats, Karlheinz Kopf, zur Matinee Politisches Desinteresse als Gefahr für Medien und Demokratie? Einhellig wurde fest gestellt, dass Politik- bzw. Demokratiekrise untrennbar mit der Medienkrise verbunden seien, dass beide - Politik und Medien - in einem Boot säßen, allerdings nicht wüssten, wohin gerudert werden solle und außerdem, wo die zu erreichende Öffentlichkeit zu verorten sei, im Boot oder außerhalb. Was angesichts der demonstrierten Haltung der Politik gegenüber der Öffentlichkeit in der Hypo Causa aber völlig irrelevant erscheint: Politische wird von moralischer Verantwortung getrennt angesehen, die Beteiligten sind ausschließlich (Partei-)Interessen verpflichtet, das Allgemeinwohl ist eine via Medien zu manipulierende Größe.

Demnach konnte es nicht verwundern, als Irmgard Griss am Ende einer enervierenden Diskussion bei Ingrid Thurnher Im Zentrum fest stellte, es sei ganz und gar sinnlos mit den anwesenden Politikern (es waren neben Griss und Thurnher nur Männer zugegen) die Vorgänge zu erörtern, da selbige nicht primär an einer Lösung der Probleme interessiert wären, sondern bloß Eigeninteressen verfolgten. Was das Drama auf den Punkt bringt: Auf der einen Seite ein boulevardisiertes Publikum, das nach Jahrzehnten des Demokratiekonsums fett gefressen auf dem Sofa vor der Glotze hockt, auf der anderen Seite eine Parteiendemokratie, die mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln ihr Machtmonopol zu behaupten versucht - dass selbige die Probleme beheben wird, die sie selbst zu verantworten hat, ist schlichtweg naiv. Weshalb im Ernstfall immer wieder mit Argumentationen wie alternativlos oder Notverstaatlichung zu rechnen sein wird.

Freitag, 5. Dezember 2014

Hypo: Zur politischen Verantwortung

Lieber Christoph Chorherr, vielen Dank für Deinen kurzen Versuch längeres Nachdenken in kühle Gedanken zu fassen. Nach dem Auftritt von Andreas Khol bei Armin Wolf in der ZIB2, wo versucht wurde, dem Begriff politische Verantwortung Bedeutung zu geben und gleichzeitig parallel im Twitterversum der Beweis erbracht wurde, dass der von Andreas Khol präsentierte Gehalt den Anforderungen nicht genügen wird, war es umso wichtiger, die Worte noch einmal auf die Waagschale zu werfen.

Du schreibst, abgeleitet von der politischen Funktion Josef Prölls, "politische Verantwortung heißt: 'Ich habe die Macht etwas zu tun'. Nicht mehr und nicht weniger." Was den Fokus auf Verantwortung legt und das Politische dabei außer Acht lässt. Bezeichnend ist, dass Du dann die unternehmerische Verantwortung als Vergleichsbegriff heranziehst. Wo Du wiederum das Unternehmerische nicht weiter thematisierst.

Auch wenn die MitarbeiterInnen die Folgen tragen müssen, verpflichtet ist der Generaldirektor primär seinen Eigentümern, so wie der Politiker/die Politikerin seinen/ihren WählerInnen verpflichtet ist. Und nicht etwaigen Interessensgruppen - muss dann angefügt werden. Weshalb es - im Unterschied zum Unternehmerischen - um Moral gehen muss. Politische Verantwortung ist immer auch moralische Verantwortung, da sie für das Gemeinwohl und -wesen übernommen wird. Umso desaströser ist es, wenn die Untersuchungskommission fest hält: Dem Bund kann nicht zugebilligt werden, dass er seine Entscheidungen als Alleineigentümer der Hypo zum Wohle der Bank und der Allgemeinheit getroffen hat.

Weshalb meines Erachtens durchaus fest zu stellen ist: Nein, Josef Pröll ist seiner politischen Verantwortung nicht in geeigneter Weise nach gekommen, da seine Entscheidungen nicht zum Wohle der Allgemeinheit getroffen wurden.

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Hypo Alpe Adria: Zum Wohl der Allgemeinheit das Schlimmste

Irmgard Griss, Leiterin, der von Michael Spindelegger eingesetzten, Hypo-Untersuchungskommission, hielt gestern, bei der Präsentation des Abschlussberichts unmissverständlich fest: Die Verstaatlichung der Hypo Alpe Adria war keineswegs alternativlos. Was anderswo dazu führen würde, dass die Regierung sofort zurück tritt und die Verantwortung übernimmt, gibt in Kakanien den Beamten Gelegenheit ihres Amtes zu walten und trotz Unmissverständlichkeit das Gegenteil zu behaupten. In rhetorischen Höchstleistungen wird die Alternativlosigkeit ob der drohenden Konsequenzen als letztes Mittel dargestellt, von anderer Seite als die beste Alternative, wiewohl keine andere zur Diskussion stand - und schließlich, mit großer Geste darauf hingewiesen: Das Hypo-Debakel ist und bleibt ein FPÖ-Skandal. Da wird weiter gespinnt, als ob an Hand der Hypo nicht gerade dargestellt worden wäre, dass das System durchgehend versagt hätte: Von allen Aufsichtsorganen (Abschlussprüfer, FMA, ÖNB) bis zu den politisch Verantwortlichen in Kärnten und schließlich im Bund. Dilettantismus und provinzieller Kleingeist. Am Ende des Berichts steht zu lesen: Dem Bund kann nicht zugebilligt werden, dass er seine Entscheidungen als Alleineigentümer der Hypo zum Wohle der Bank und der Allgemeinheit getroffen hat. Dem ist nichts hinzu zu fügen.


Außer vielleicht noch: Wo war während all der Zeit die kritische Öffentlichkeit, die Vierte Gewalt? Muss angesichts dieses Desasters nicht ebenso fest gehalten werden, dass dieses imaginierte Korrektiv, das der kritische Journalismus sein will, in analoger Art und Weise versagt hat, wie die Aufsichtsorgane? Muss deshalb ein Interessenkonflikt vermutet werden, wie ihn etwa der Bericht im Zusammenhang mit der Haftungsprovision des Landes Kärnten skizziert (der Anstieg der Haftung führte zu höheren Provision und gleichzeitig zu höherem Risiko)? Befinden sich Medienunternehmen nicht in ähnlichen Catch 22-Situationen und sind deshalb schon systemisch gar nicht in der Lage ihrer Korrektiv-Funktion nach zu kommen? Was bewirken all die Aufdecker-Geschichten und Enhüllungen?

Edward Snowden hat in einem Interview gesagt, dass das Schlimmste, was er befürchte, sei, dass nach seinen Enthüllungen nichts passiert, alles bleibt, wie es war. Es steht zu befürchten, dass das Schlimmste eintritt.




Dienstag, 2. Dezember 2014

Stermann, Grissemann und Welter im Rabenhof: Für die Eltern was Perverses

(c) Ingo Pertramer

- und eigentlich nichts. Weil im Künstlerischen, so Stermann, gibt es nichts Perverses. Was das zum Dreigestirn angeschwollene Zweigestirn nicht davon abhält, trotzdem danach zu suchen, Ausschau zu halten, naturgemäß ganz ohne Ambition, denn Ambition ist, was den Herrn grundsätzlich abgeht. Diesmal sei es, so Grissemann, eine Art resignativ-traurig-humoriges Geplänkel, das, wenn man mitunter Willkommen Österreich schaut, zu guten Teilen bekannt ist und man sich demnach immer wieder drüber freuen kann, noch nicht total dement zu sein, wenn man die eine Pointe schon mal gehört und den anderen Film schon mal gesehen hat. Die Attraktion gibt der Herr Welter als lebender Plattenspieler, dem Schlager und Geschunkel abgenötigt werden und der ob des Genötigtwerdens in Alkohohl, Masturbation und Ausfälligwerden seine Ausflucht sucht. Allerdings nicht so genau weiß, welche Darstellungsform dieser Flucht angebracht wäre und deshalb im Niemandsland zwischen Schauspiel und Kabarett verreckt. Folgerichtig hält Welter im Interview fest: Ich weiß nicht, was das ist. Stermann behauptet standhaft: Ein Theaterstück. Grissemann wahrheitsgemäß: Ein Hörspiel. Nun, man muss sich dieser Frage nicht stellen.