Dienstag, 19. August 2014

Harald Darer: Wer mit den Hunden schläft - oder die Prosawerdung einer Schwab-Figur

Harald Darer, (c) Simon Jappel

Wie eine in die zivilisierte Prosa entlassene Schwab-Figur, so wird uns Herr Norbert von Harald Darer vorgestellt: Ein Wiener Straßenbahnfahrer der nach einem von ihm verursachten Blutbad therapiert wird, er und sein Hund Kreisky. Oder er mittels Hund Kreisky. Eine Schwab-Figur, deren Prosa-Werdung ob Thomas-Bernhard-Fegefeuer erzielt werden soll und jetzt in einer Art iterativ-mäandernden Prozess auf der Suche nach der eigenen Stimme ist und deshalb immer wieder bei der einzig unbestechlichen und also vertrauenswürdigen Instanz sich seiner selbst versichert: Kreisky. Wirklich wahr. Sag' ich zu ihm. Schließlich weiß er aus eigener Erfahrung, nicht einmal sich selbst ist zu trauen:
Eine schöne Melodie kann dir wirklich die Wahrnehmung verwischen, Kreisky. Weil der Mensch ein Gefühlstier ist. Weil er sich leicht verführen lässt durch so angenehme Klänge
Alles hätte im Grunde seine Ordnung, wäre nicht diese Gefühlstierischheit, die den Menschen gefangen hält und zum Opfer macht.
Opfer bist du so wie du ein Deppenmagnet bist: Du kannst es dir leider Gottes nicht aussuchen, Kreisky, wirklich wahr, (...).
Harald Darer beschreibt in seinem Erstling, Wer mit den Hunden schläft, eine ausweglose Welt, mit vorgezeichnetem Schicksal und erbarmungsloser Logik. Und Herr Norbert und sein Hund Kreisky sind die Dokumentaristen dieser Welt und wenn selbiger irgendwann fest stellt:
Die Wirklichkeit macht die erinnerte Heimat zur Fremde, mit der du nichts mehr anzufangen weißt, die dich abschreckt und dir feindselig vorkommt, (...).
Dann beschreibt das die Funktionsweise des Texts ebenso: Es ist ein sich der Erinnerung aussetzen und also Therapie und Suche nach den geeigneten Worten und der Sprache. Leider ist das Gegenüber von Herrn Norbert ein nicht massiv motivierter Lebensberater, weshalb die Ausführungen zwar die Geschichte weiter erzählen aber dem Herrn Norbert selbst nicht weiter auf die Sprünge helfen. Weil morgen ist zwar auch ein Tag, aber er wird um nichts besser sein.


Freitag, 8. August 2014

Sowpiercer - Jesus ist ein Kannibale

Wir befinden uns in einem Zug. Einem Zug, der unermüdlich rund um die zur Eishölle erstarre Erdkugel kreist. Innen drinnen, die letzten der Spezies Mensch. Ganz vorn: Der Ingenieur und Geist der Maschine, Wilford (Ed Harris). Ganz am Ende: Das Lumpenpack und Proletariat, Material zur Erhaltung der Maschine.


Bong Joon-Ho erzählt auf Grundlage der französischen Graphic Novel Le Transperceneige von der Revolution und also Erlösung: Was wenn der Pöbel den ihm zugeordneten Platz nicht mehr akzeptiert und der Maschine den Geist austreiben will? Jede Revolution braucht ihren Anführer - Curtis (Chris Evans), ein seelisch Verkrüppelter, der in seiner Jugend anstatt selbst ein Bein oder einen Arm der Allgemeinheit zu opfern, dem Kleinkindfleisch treu blieb, macht den reuigen Lumpen-Jesus. Und opfert sich konsequenterweise für die Zukunft, die nur in der Vernichtung der Maschine - und also: im Außen - liegen kann.  


So weit, so solide. Außergewöhnlich - wenn auch nahe liegend - ist die Dramaturgie. Die Revolution ist keine Vertikale. Nicht die da oben müssen besiegt und gestürzt werden, sondern die an der Spitze. Folglich führt der Weg von einem Waggon zum nächsten, was Joon-Ho die Möglichkeit, die Revolte als Aneinanderreihung von Episoden zu inszenieren: Quasi ein Kreuzweg. Vom splattermäßigen Gemetzel über eine Sushi-Verköstigung im rollenden Aquarium bis zur Comic-grellen Heldenverehrung von Wilford in einem Klassenzimmer und der Verbeugung vor dem Saunageschlitze in Cronenbergs Eastern Promises.

Dass der widerwillige Schmerzensmann zu guter Letzt noch versucht werden muss und also mit dem Angebot konfrontiert wird, selbst Geist und Maschine zu werden, versteht sich - und dass die Trennung von vorn und hinten so scharf nicht zu machen ist, da der Zug als autarkes System betrachtet werden muss, ist nur logisch. Was sich allerdings nicht erschloss, war, weshalb musste Tilda Swinton so entstellt werden?



Mittwoch, 6. August 2014

Ulrike Schmitzer: Die Flut


Eine rote Flut überschwemmt das Land, ohne sich anzukündigen, aus rotem Himmel. Und vernichtet alles tierische Leben, das mit der Schlammflut in Berührung kommt. Bis auf die Schweine, denen scheint der Schlamm gut zu bekommen. Die Haut der Menschen verfärbt sich allmählich schwarz.

In kurzen, knappen Sätzen skizziert Ulrike Schmitzer ein apokalyptisches Szenario. Wie schon bei Marc Elsberg in Blackout befördert ein umfassender Stromausfall die Menschen von einem Tag auf den anderen zurück auf die Bäume. Wo sich sinnigerweise der Bauer und Held der Geschichte im Angesicht der Flut wieder findet.
Er stapfte durch die Flut, bis er spürte, dass sich seine Plastikstiefel verformten. Sie begannen sich aufzulösen. Noch bevor er die rote Masse auf seiner Haut spüren konnte, kletterte er auf einen Baum und warf die Stiefel von sich.
Mit dem Bauern installiert Schmitzer einen von Anbeginn an Widerständigen. Einer, der der Obrigkeit nie über den Weg traute, der immer schon, seine Eigenständigkeit favorisierte, indem er etwa einen Brunnen sein eigen nennt und sich einen Bunker einrichtete, weil man ja nie weiß. Und außerdem einen Pragmatiker, der nicht lang über die Ursachen eines Problems sinniert, sondern schnurstracks die Lösung anvisiert: Geht es zuallererst darum, den Alltag angesichts der geänderten Rahmenbedingungen zu bewältigen, macht sich der Bauer später auf die Suche nach seinem Enkelsohn, um heraus zu finden, dass Schwarz-Weiß-Logiken ebenfalls umkehrbar sind. Aber es wäre kein Bauer, gäbe es keine passende Lösung.

So gesehen eine Erlösungsgeschichte, die - wiederum ganz konsequent - nur auf einer Art Arche Noah enden kann.



Donnerstag, 31. Juli 2014

Pete Dexter: The Paperboy


Ist Pete Dexters Deadwood als Abgesang auf das Wilde im Westen zu lesen, so erzählt er in The Paperboy vom Ende der Lokalzeitungen in den 60er Jahren, wo im Zuge des Aufstiegs von Fernsehen und Radio den Provinzblättern zunehmend die Anzeigenkunden abhanden kamen. Was wiederum zu einer Veränderung im Journalismus selbst führte: Waren das in Zeiten der Lokalzeitung noch Personen mit entsprechender Bindung und entsprechenden Verbindungen vor Ort, wurden die Stories später von überregionalen Offices in Auftrag gegeben und junge, hungrige Männer auf die Jagd geschickt.
What moved them was not to know things, but to tell them. For a little while, it made them as important as the news itself.
Womit das Machtgefüge in den Provinzstädten zu wanken begann, die informellen Strukturen hinterfragt wurden und allmählich zerbröselten.

Die Geschichte beginnt damit, dass Thurmond Call, der Sheriff von Moat County im Bundesstaat Florida, von oben bis unten aufgeschlitzt auf dem Highway gefunden wird. Der Sheriff war kein guter, offen rassistisch hat er sogar für einen Südstaaten-Sheriff eine unangemessen hohe Zahl an Afro-Amerikanern umgebracht. Und dann fällt ihm noch einer von den Van Wetters vor die Füße, einem ortsbekannten Clan, der im Sumpf wohnt und von der Alligatorjagd lebt. Und bevor er sich's versieht, hat er ihn doch glatt zu Tode getreten. So ein Mann war der Sheriff - und als er dann auf der Straße liegt, wie ein ausgeweideter Alligator, wird flugs einer der Van Wetters angeklagt und nach Old Sparkey geschickt, wo er fortan den Todeszellentrakt schmückt. Dass rund um die Verurteilung nicht alles blitzsauber bewiesen wurde, im Gegenteil Beweise verschwanden, möglicherweise gar nicht existierten, Zeugen nicht geladen und also kein großes Aufhebens gemacht wurde, interessierte in der guten, alten Zeit niemanden. Schließlich hatte man Bindungen und Verbindungen.

Wie schon in Deadwood nimmt Dexter die Perspektive einer Person ein, die diese Geschichte erzählt. Es ist Jack, der 17-jährige Sohn des Moat County-Zeitungsherausgebers, der für seinen älteren Bruder Ward und dessen Partner, die im Sold der Miami Times stehen - der größten und wichtigsten Zeitung im Bundesstaat, während der Recherche des Falles den Chauffeur macht. Und passend zum Terrain wird es immer sumpfiger, je tiefer die beiden graben - und was schwarz weiß beginnt, verläuft sich allmählich und unaufhaltsam in verwaschenem Grau.
You can't ever know exactly who somebody is.

Samstag, 26. Juli 2014

Nicolas Winding Refn - Bronson: Ce n'est pas une film

When lights go low, there's no help, no.
Ein nackter, muskulöser, dreckverschmierter Körper in einem in rotes Licht gehüllten Käfig, dynamisch tänzelnd, boxt, duckt sich ab, hoch konzentriert, vier Gefängniswärter, die sich bereit für ihren Einsatz machen.
Kill me, and kill me, and kill me.

Michael Gordon Peterson alias Charles Bronson ist Großbritanniens gewalttätigster Gefangener und Nicolas Winding Refn geht es einmal mehr nicht ums erklären: Bronson ist keine Lebensgeschichte und kein Biopic, sondern ein Versuch über die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz. Als einzige Möglichkeit seiner Existenz Bedeutung zu geben, bekennt Bronson (fantastisch: Tom Hardy!): My name is Charles Bronson. And all my life I wanted to be famous.

So startet Refns Abhandlung - und wird konsequenterweise zur Aufführung. Seine Bühnen sind die Gefängniszellen Großbritanniens, sein Publikum sind wir. Refn inszeniert eine Aufführung für uns, Bronson gibt den Alleinunterhalter. Er erzählt aus seinem Leben, wie alles begann und wie er langsam berühmt und zur Legende wird, wie sie ihn in ein Irrenhaus stecken und er sogar entlassen wird und er in Freiheit weiter lebt, als wäre er nach wie vor eingesperrt. Bis er wieder eingesperrt wird und wir mit ihm. Als sich ihm - und mit ihm uns - die Rehabilitation via Kunst anbietet, nimmt er seinen Kunstlehrer als Geisel, malt sich schwarz an und erwartet mit Melone wie ein Wiedergänger René Magrittes das Einsatzkommando: Ce n'est pas un artiste.

Und wir sehen keinen Film. Großartig.


Samstag, 19. Juli 2014

Der offene Brief und die Schlacht bei den Thermopylen

Haben also über 800 mehr oder weniger honorige Damen und Herren einen offenen Brief an Bildungs- und Frauenministerin Heinisch-Hosek wie auch Wissenschafts- und Wirtschaftsminister Mitterlehner unterzeichnet, sie mögen dafür sorgen, dass wieder zur sprachlichen Normalität zurück gekehrt werde - und zwar via amtlichem Regelwerk. In Zeiten des Aufschreis fand toute suite eine kunterbunte Kontroverse ihre Aufführung - auf Twitter unter dem Hashtag #wirsind800.


Und wo ich diesen Brief las, den Hashtag noch in Ohren, fühlte ich mich an Zack Snyders 300 erinnert: Vor meinem geistigen Auge formierten sich blut- und schweißüberströmte heroische Kämpfer, die sich todesmutig in die Schlacht gegen die kämpferischen Sprachfeministinnen werfen. Männer wie Konrad Paul Liessmann oder Peter Kampits, Geistesgrößen wie Rudolf Taschner und Klaus Albrecht Schröder. 90 Prozent der Staatsbürger (es ist zu vermuten, dass der weibliche Anteil der Bevölkerung mit gemeint ist, generisch, wie gesagt wird) würden diese ideologisch motivierten Verunstaltungen der deutschen Sprache nicht mehr hinnehmen wollen, weshalb es hoch an der Zeit gewesen wäre, so die 800, dem einen Riegel vorzuschieben. Die Spartaner, c'est nous - schallt es in meinen Ohren. Kämpfend für die Mehrheit, allerdings im Gefecht in der Minderheit. Noch. Schon eilt der Boulevard herbei, um den wackeren Recken den Rücken zu stärken, schon spitzen meinungsmutige Journalisten die Feder. Dem Häuflein Heldenmut (Maskutieren) gegenüber, ein jedes demokratischen Ansatzes spottendes, diktatorisches Gleichbehandlungsregime. Nicht einmal auf die schwächsten Glieder der Gesellschaft wird Rücksicht genommen, weder auf unsere Kleinen, noch Menschen mit besonderen Bedürfnissen und solchen, die Deutsch als Fremdsprache lernen: Es wird ihnen damit verwehrt, sinnerfassend lesen zu lernen und also die Verständlichkeit am Altar des Feminismus geopfert. Ein fürchterliches Gemetzel.

Als Zack Snyder nach dem Anlaufen seiner Verfilmung des Frank Miller Comics massiv mit Rassismus- und Faschismusvorwürfen konfrontiert wurde, wiegelte er ab, mit Politik habe er nichts am Hut, ihm wäre es einzig darum gegangen, dem Publikum unterhaltsame Stunden zu bescheren. Ähnlich kreuzbrav und naiv die Briefunterzeichner am Sprachthermopylenpass: Es wird einfach verweigert, Sprache als Ausdruck der Wirklichkeit wahrzunehmen, Sprache dient ausschließlich der problemlosen Verständigung. Und hätte demnach keine politische bzw. ideologische Funktion. Um das zu unterstreichen, wird von Tradition und Gewohnheit geredet, als ob selbige keine ideologische Funktion hätten. Von Professoren. Von Sprachphilosophen (ich frage mich, wie Herr Kampits zu Wittgenstein je Vorlesungen hat halten können).

Die angesprochenen sprachlichen Verunstaltungen konkretisieren sich den Unterzeichnern zufolge als Binnen-I, hoch gestellte Buchstaben bei akademischen Titeln, Klammern und Schrägstriche. Diese müssten eliminiert werden, um das Schriftbild wieder in Ordnung zu bringen. Der martialische Duktus verrät, hier geht es um mehr. Vor nicht allzu langer Zeit lamentierte Christian Rainer im Profil über die Bösartigkeit im Netz und forderte dazu auf, dass unsere Rechtsordnung (sic!) auch in Neuland (c Angela Merkel) installiert werden müsse. Seine Forderung wurde kurz darauf von den Meinungsmutigen aufgenommen und in eine Initiative übergeführt, die sich dafür stark macht, dass die Klarnamenpflicht im Netz durch gesetzt wird. Damals fragte ich mich, wovor diese alten Männer solche Angst haben? Marlene Streeruwitz verweist zu Recht auf die Machtdimension, spricht von einer Generation, die einer inzwischen verschwundenen Hegemonie nachhängt und sich ihren (verdrängten?) Niedergang mittels eines schnellen Siegs via Krone und Gaballier verschönern will.

Jahrzehnte stellten sie die intellektuelle Elite, beherrschten über Universität und etablierte Massenmedien den Diskurs und müssen nun miterleben, wie sie auf Grund des Strukturwandels der Öffentlichkeit (c Habermas) in Folge der digitalen Revolution stetig an Einfluss verlieren. Sie fürchten das Neue, weil es die Welt verändern und ihre eigene Welt vernichten wird, schreibt Ursula Weidefeld in Kinder des 20. Jahrhunderts über die Babyboomer-Intellektuellen. Sie würden die fundamentalen Gewissheiten ihres Lebens in Frage gestellt sehen, durch die veränderten strukturellen Gegebenheiten der zunehmend digitalisierten Medien.

Angesichts dessen, könnte man sich gemütlich zurück lehnen und Popcorn-essend dabei zu gucken, wie die 800 schließlich überrollt werden wie Leonidas bei den Thermopylen.

Dienstag, 15. Juli 2014

Martin Pollack: Kontaminierte Landschaften

Es solle doch endlich die Vergangenheit in Ruhe gelassen und nicht immer wieder in der Geschichte herum gestochert werden. Die Vergangenheit ist vergangen und dort soll sie auch bleiben. So ähnlich ein Eisverkäufer in Auschwitz nachdem ihn Martin Pollack danach fragte, wie es ist, in einer Stadt mit dieser Vergangenheit zu leben.


Martin Pollack, der Sohn von SS Sturmbannführer Gerhard Bast, macht sich in seinem Essayband Kontaminierte Landschaften auf die Suche nach den vergessenen Massengräbern in Mittel- und Osteuropa - und fast scheint es: Wo immer er zu graben beginnt, ob im idyllischen Südburgenland oder den Weiten der Ukraine, stößt er auf die Überreste vergangener Verbrechen. Er könne mittlerweile, führt er im Standard-Interview aus, Landschaft kaum mehr unkontaminiert denken. Er hege ein tiefes Misstrauen gegenüber schönen Landschaften. Und man fühlt sich unmittelbar an David Lynchs Blue Velvet erinnert, Blumen blühen vor strahlend weißen Gartenzäunen, akkurat geschnittene Rasenflächen, wo ein abgeschnittenes Ohr rumliegt... alles nur eine Frage des Blicks.


Und Martin Pollack ist davon überzeugt, dass es besser ist hin zu schauen. Womit er sich naturgemäß nicht allzu viele Freunde macht.
Die Gespenster, so hoffen sie, lassen sich mit Schweigen und behördlich verordnetem Vergessen besänftigen oder bannen, die Wahrheit hingegen kennt kein Erbarmen.
Auf Grund der Erbarmungslosigkeit der Wahrheit halten sich denn auch hartnäckig Gerüchte und Geschichten rund um die kontaminierten Orte und Landstriche. Was mitunter soweit geht, dass die Verbrechen sich als Fluch zu manifestieren scheinen.
Der Boden hier ist verflucht auf ewige Zeiten, denn das, was man den Juden angetan hat, war eine Sünde, eine schreckliche Sünde.
Die Verdrängung gelingt nicht, das Verdrängte kehrt wieder. Oder mit Julia Kristeva: Unheimlich sind wir uns selbst. Demzufolge müsste, wie Martin Pollack ausführt, eine Landkarte der kontaminierten Orte gezeichnet werden, eine Topographie des Terrors, um der Verdrängung eine Erinnerungs- und Verortungsstruktur entgegen zu halten und so Zukunft erst möglich zu machen.

Mittwoch, 2. Juli 2014

WIG 64 - oder die Erfindung des Sozialen Grüns


Am 16. April 1964 wurde der Donauturm gemeinsam mit der Wiener Gartenschau, der WIG 64, eröffnet. Eine neues Wahrzeichen, eine schlanke Nadel als Ausdruck des Wirtschaftsaufschwungs, des Wiederaufbaus, des allgemein sicht- und spürbaren Erfolgs. Inmitten einer bis ins kleinste Detail durchgeplanten Gartenanlage, wo Pensionistinnen und Pensionisten Domino spielen und die Kinder mit Spielplätzen versorgt werden sollten. Zwischen Sommerblumenbeeten und Stauden sollte sich das Paradies in der Nussschale offenbaren, wie Bundespräsident Adolf Schärf formulierte.


Konsequenterweise wurde dieses Paradies auf einer kontaminierten Landschaft errichtet: Das Fundament bildete eine riesige Mülldeponie, der Bruckhaufen, die mit der Inbetriebnahme vom Flötzersteig ausgedient hatte. Zuvor diente das Areal als Militärschießstätte und später, während der Nazizeit, als Hinrichtungsplatz, wo Wehrmachtsangehörige, die der Zersetzung der Wehrkraft überführt wurden oder Fahnenflucht begingen, exekutiert wurden. Es dauerte übrigens - entsprechend guter, alter, österreichischer Tradition - bis 1984 ehe ein Gedenkstein errichtet wurde.

Im Zuge der Errichtung des Paradieses wurde auch ein weiterer Schandfleck getilgt: Das Bretteldorf - wo sich seit Ende des 19 Jahrhunderts rund um den Müllplatz eine illegale Ansammlung von Behausungen der Müllstierler gebildet hatte, Brutstätte für Ratten und menschliches Ungeziefer - auch dieses Kapitel Wiener Stadtgeschichte sollte unter einer akkurat geschnittenen Rasenfläche für immer verschwinden.

Das Soziale Grün, demnach ein nationaler Akt der Psychohygiene: Über Müll und also Geschichte und damit Erinnerung sollte üppiges Grün wachsen, rund 7.000.000 Bäume, Blumen und Stauden, sodass jeder Österreicher und jede Österreicherin einen symbolischen Neuanfang im Nachkriegsösterreich bekam.

Nichtsdestotrotz - vergegenwärtigt werden muss die schiere Größe des Projekts, mehr als 800.000 Quadratmeter wurden erschlossen und bebaut, stadtplanerisch in Grünfläche übergeführt. Wiewohl mittlerweile auf Grund von UNO City und anderen Projekten schon etwas geschrumpft, allerdings im Vergleich zu beispielsweise dem Seepark Aspern, wo 50.000 Quadratmeter verplant werden: Ein visionärer Zugang, definitiv kein Kleingeist - und nicht zu vergleichen mit der gegen- und mitunter widerwärtigen Bobo-Kuschelpolitik. Hier wurde geklotzt, nicht gekleckert, man hatte ein Programm, man verfolgte Ziele (abseits von Wiederwahl). Neben dem Donauturm wurden eine Seebühne, ein Kino, diverse Pavillons, der Ruthnerturm (Vertical Farming!) wie auch ein Sessellift errichtet, mit welchem es sich gemütlich übers Blumenmeer schweben ließ - und den man natürlich vermissen muss... (er wurde Anfang der 80er Jahre abgebaut)


Dass das Soziale Grün nicht ausschließlich psychohygienische Ziele verfolgte, liegt auf der Hand. Wie schon beim sozialen Wohnbau in den 20er und 30er Jahren wurde die soziale Agenda mit handfesten ökonomischen Interessen abgesichert. War der soziale Wohnbau den gesellschaftlichen Herausforderungen nach dem 1. Weltkrieg geschuldet, um Wohnungsnot, Epidemien und Arbeitslosigkeit einzudämmen, sah man sich in den 50er Jahren massiv mit den Herausforderungen des Wiederaufbaus konfrontiert. Mit dem Sozialen Grün wurden einerseits die zerstörten und kontaminierten Landschaften beseitigt und die Stadt als Lebensraum neu definiert, andererseits für die lokalen Betriebe und Unternehmen Unmengen von Aufträgen und Arbeitsplätzen geschaffen wie auch eine Neupositionierung der Stadt Wien verfolgt. Nichts weniger als Wien in eine Reihe mit den Internationalen Metropolen zu stellen, das war der Plan. Weshalb insbesondere Wert darauf gelegt wurde, dass sich andere Länder an der Ausstellung beteiligten (von Brasilien bis zu den USA) und sogar ein Konferenzbus durch Europa geschickt wurde, wo Pressekonferenzen und Empfänge abgehalten wurden, um auf die entsprechend WIG aufmerksam zu machen.

Noch bis 31. August im Wien Museum.

Freitag, 27. Juni 2014

Rainald Goetz = Johann Holtrop


Johann Holtrop, Vorstandsvorsitzender eines mächtigen Medienkonzerns und Held von Rainald Goetz' als Roman getarntem Abriss der Gesellschaft, moniert gedanklich angesichts eines Unter, der die Usancen im Umgang mit dem Ober ignoriert: Was erlauben Salger! Salger, so der Name des Unter, der sich erdreistet, Holtrops positive Eigenschaften simpel zu übernehmen, wiewohl sein Rang ihm ein solches Verhalten nicht erlaubte.

Und mir fährt ins Hirn - was erlauben Goetz! Angesichts der aufgeregten Kritik an diesem Schlüsselroman, diesem Gesellschaftspanorama unserer Zeit. Erdreistet sich dieser Goetz also einen Roman zu schreiben. Roman nennt er das, weil es als Wirtschaftsthriller oder Finanzkrimi ob seiner Ungenauigkeiten nicht durch geht. Weil es vor Fehlern und vor Ahnungslosigkeit strotzt, wird gegeifert. Der Mann, Goetz, hätte keinen blassen Schimmer, wovon er schreibt. In der Sache nämlich - da würden kurzer Hand Begriffe erfunden, die Realität zurecht gebogen, eine Wirtschaftsungeheuerlichkeit deklamiert...

Fast so, wie es damals war, kommt mir in den Sinn - als einer derjenigen, der mit einer Agentur den ganzen New Economy Wahnsinn der späten 90er und frühen Nuller-Jahre miterleben durfte. Vom coolen Startup, über Risikokapital und Börsegang bis zum kapitalen Bauchfleck, wo die Party vorbei war und die Stunde der Spießer schlug. Inhaltsleerer Business-Talk? Bedeutunsglose Buzzword-Haufen? Vorstandsvorsitzende auf Aufputschmittel in grenzenloser Selbstüberschätzung? Die Lektüre evozierte nostalgische Gefühle, erinnerte mich an die Zeit, wo Wirtschaft Kunst geworden war, der schönste und größte Weltfreiraum für alle abenteuerlich gesinnten Menschen, der Kapitalismus leuchtete, hell und wild wie noch nie. Ja, so fühlten wir uns damals. Ganz genau so. Zahlen, harte Fakten, Wirklichkeit? Das war für Weicheier und Controller. Was ist, das langweilt mich! Der Realismus sei ja keine Form der Welterfassung, gerade für die Wirtschaft nicht - lässt Goetz Holtrop denken und es klingt als ob Goetz aus Holtrop tropfte, als ob Holtrop schon die Verteidigungsrede für seinen Autor formulierte. Oder - wie Richard Kämmerlings in Anlehnung an Flaubert und Madame Bovary formulierte: Holtrop, c'est moi. Realismus? Überschätzt.

Und so ließe sich denn Goetz' Abriss auch als Künstlerroman lesen und also als Abgesang auf das Genie, den Visionär, in einer Welt, wo Spießer regieren, der Inhaltismus, getrieben von einem neuen Breed von Finanzfachleuten, die eher wie genialisch gestimmte Pianisten oder Jungphilosophen daherkamen, in heiterster Weise identisch mit ihrer Welt der Spekulation, vom Geist beseelte, hochabstrakte Naturelle, denen eindeutig und offensichtlich (...) die heutige, jetzige Zukunft gehörte.

Was erlauben Salger - wird somit zum Moment der Erkenntnis. Für Holtrop wie für Goetz. Die Zukunft, die kommen würde, würde nicht mehr mit dem eigenen Handeln verknüpft sein, denn: Es gibt kein richtiges Leben im Denken, (...). Und wie Simon Packer in Cosmopolis oder Patrick Bateman in American Psycho, muss Holtrop seine Grenzen überschreiten, um heraus zu finden, worum es im Leben geht.

Freitag, 13. Juni 2014

Donald Ray Pollock: The Devil All the Time

The Democrats gonna be the ruination of this country.
Eine boshafte Variation auf die Grumpy Old Men von Walter Matthau und Jack Lemmon trifft sich in einem gottverlassenen Kaff in einem dieser Diner, wo ein viel zu junges Mädel abgestandenen Kaffee serviert.  Der eine mit Stetson und Pailletten-Verzierungen in den Stickmustern seines properen Cowboy-Anzugs und einer Winchester auf der Gürtelschnalle, o-beinig, als ob er nach einem wahnsinnig langen Ritt eben von seinem Pferd gestiegen wäre (or was hiding a cucumber up his ass...), der andere im dunklen Anzug mit Medaillen und Schleifen und einer Veteranenkappe, verwegen schief auf seinem kahlen Schädel. Beide, schwer besoffen, stieren Blicks, lamentieren darüber, dass Buben mittlerweile lange Haare tragen - just like a girl, clear down over his ears.

Turn one of them goddamn things into a pet, that's what I'd like to do, sagt der Cowboy, einen Klumpen braunen Schleim in den Aschenbecher rotzend, Bub oder Mädel, der andere, Hell, they look the same, don't they, was zu Essen, You know damn well, what I'd feed it... - und beide lachen dreckig. Und während die beiden alten Säcke ihre Männermachtphantasien ausformulieren, sitzt neben ihnen ein unscheinbarer Typ, der eben überlegt, wie es wäre, die beiden umzunieten, sie vorher vielleicht noch ein bisschen zu quälen, den Cowboy in die Veteranenkappe scheißen zu lassen - er ist sich verdammt sicher das hin zu kriegen, nur eine Frage der Entscheidung.


Amerika in den 50ern, südliches Ohio an der Grenze zu West Virginia, Donald Ray Pollock ist dem Teufel auf der Spur.
It’s hard to live a good life. It seems like the Devil don’t ever let up.
Der American Dream hat kein Happy End und der Summer of Love lässt noch auf sich warten. Pollocks Blick auf die Verhältnisse im amerikanischen Hinterland der 50er ist ähnlich erbarmungslos wie sein Figuren-Ensemble: Carl und Sandy ziehen Hitchhiker-mordend durchs Land, ein Spinnen-fressender Wanderprediger mit seinem pädophilen, querschnittgelähmten Cousin, ein Aushilfspfarrer, der seine Vertrauensstellung für die Entjungferung der weiblichen Dorfjugend nützt, ein traumatisierter Kriegsheimkehrer, der Blutopfer für seine krebskranke Frau bringt. Alle haben ihr Kreuz zu tragen und sind gleichzeitig das Kreuz für jemanden anderen. Alles nur eine Frage der Entscheidung.

Grau ist keine Farbe, es ist ein Zustand auf dem Weg von schwarz zu weiß und umgekehrt. Am Ende muss alles seine Ordnung haben und des Menschen einzige Aufgabe ist es, das zu akzeptieren: Some people were born just so they could be buried.