Donnerstag, 30. Oktober 2014

Our Terrible Country

This wasn't the film I was looking for, sagte ein Mann am Pissoir im Künstlerhaus-Kino nach dem Ende von Mohammad Ali Attassis Dokumentarfilm über Yassin Al Haj Salehs Flucht aus Douma, einer von Free Syria befreiten Stadt in die Saleh mit seiner Frau Samira von Damaskus aus gegangen war, während im Kino sich Ali Attassi noch den Fragen des Publikums stellte. Ich weiß nicht, ob ihn jemand darauf ansprach, dass man sich des Eindrucks schwer erwehren konnte, dass er als Regisseur mindestens ebenso große Bewunderung für Saleh, den Doctor of the Revolution, erkennen ließ wie Ziad Homsi, der junge Fotograf, der Saleh auf seiner Flucht begleitete. Und damit die Grenze überschritten schien - und die Dokumentation zum bebilderten Manifest für Saleh verkam. Nein, das war auch nicht der Film, den ich sehen wollte.


Umso erstaunlicher, dass der Film in Marseille, den Grand Prix De La Compétition Internationale gewann - ich tue mir schwer, das nicht als Abbitte zu lesen, als verqueren symbolischen Akt (des intellektuellen) Europas gegenüber dem im Stich gelassenen Syrien. Und also dem Syrien, das Europa unterstützt sehen will, hier in Gestalt Yassin Al Haj Salehs, einem Intellektuellen und Dissidenten, der, nachdem er vom Assad-Regime 16 Jahre eingesperrt wurde, die Erlöserfigur gibt. Wie die Erlösung aussehen soll, bleibt unklar. Saleh flüchtet sich ins Symbolische, spricht etwa davon, dass er in Douma erlebt habe, wie eine ganze Gesellschaft Opfer von Folter geworden wäre, dass er (!) - nachdem er in die Türkei geflohen war - am meisten darunter leide, dass seine Frau nach wie vor in Douma wäre und ungewiss sei, ob sie fliehen könne. Warum er sie zurück ließ, wird nicht thematisiert. Als er schließlich vernimmt, dass seine Frau von der ISIS verschleppt wurde, wird sie zu einem weiteren Opfer, das Saleh erbringt.

Es ist ein Männer-zentrierter Film, der sich seiner Männer-Zentriertheit nicht bewusst wird. Im Gegenteil: In Aussicht stellt, dass diese Männer-Zentriertheit zum universalen Gesetz erklärt wird und also ein Männerbund durch den anderen abgelöst werden soll. Womit (unabsichtlich?) das Drama Syriens auf den Punkt gebracht wird.

Mittwoch, 29. Oktober 2014

Art and Craft - die Geschichte eines Weißen Wals


Mark Landis, ein schmaler, etwas gebückt gehender Mann, zurückhaltend, leise, kein Mensch, der sich in den Vordergrund drängt, Aufmerksamkeit erregen will (und nicht nur optisch erinnert er mich an Klaus Johannes Wolf). Seine Wohnung voll geräumt mit Bildbänden und Ausstellungskatalogen, Zeichen- und Malutensilien, Rahmen, ein Fernseher ohne Ton, wo unablässig Schwarz-Weiß-Filme laufen. Ein rotes, im Vergleich zu Landis riesenhaftes Fauteuil, direkt darüber ein imposantes Porträt seines Vaters, die Ähnlichkeit ist unübersehbar, ebenso die Differenz. Wie Tag und Nacht. Wenn er malt, ist er hoch konzentriert. Mit unfassbarer Geschwindigkeit flippt er das Blatt, das auf der Abbildung des Originals liegt, hin und her, um eine Kopie anzufertigen, mit schnellen Strichen, ohne Zögern werden die Umrisse übertragen, kurz mit dem Daumen gewischt... Er würde nie länger brauchen als zwei Stunden, um so ein Bild anzufertigen, merkt er irgendwann an. Er spricht langsam, überlegt, mit langen Pausen. So als müsste er über das nachdenken, was er eben sagte. Versucht zu konkretisieren, manchmal werden kurze Geschichten eingefügt - Sprache, so scheint es, ist ein unzureichendes Instrument, um etwas abzubilden.

Mehr als 50 Museen in 20 Bundesstaaten spendete Landis eines seiner Bilder - und keinem Verantwortlichen fiel es auf. Er hätte den soft spot getroffen, führt ein Kurator aus, da kommt jemand ins Museum, mitunter mit Priesterkragen, erzählt, er hätte eine Erbschaft, ein Bild, das schon seit langem in Familienbesitz sei und er denke, dass es gut wäre, wenn es der Allgemeinheit zugänglich wäre - wer würde da übertrieben misstrauisch sein? Eben.

Und warum das alles? Geld? Nachdem er weder Geld verlangte, noch die Bilder steuerlich als Spenden abschrieb, gibt es kein ökonomisches Motiv. Ruhm? Da er immer im Hintergrund blieb und nie als reicher Spender öffentlich auftrat, ebenfalls auszuschließen. Rache, weil verkannt? Wenn Landis von seinen Versuchen an Kunstuniversitäten erzählt, ist ersichtlich, dass der akademische Zugang zu Kunst ihm gänzlich fremd blieb. Was ihn interessierte, war das Handwerk. Selbst befragt, führt er einigermaßen erratisch aus, dass er eine Sucht nach dem Respekt, der ihm situationsgemäß erwiesen wurde, entwickelt hätte. Hilfreich vielleicht der biographische Hinweis: Sein erstes Bild spendete er nach dem Tod seines Vaters, zum Gedenken an ihn. Seine Mutter, bei der er damals schon wohnte, war schwer beeindruckt.

Aufgedeckt wurde die Geschichte schließlich durch Matthew Leininger, 2008, Archivar im Oklahoma City Museum, dem Landis ebenfalls ein Bild spendete und wo Leininger das Bild als Fälschung verifizierte. Und wie die erste Spende Landis dazu brachte, daraus eine Sucht zu entwickeln, verbiss sich Leininger in die Suche nach Landis-Fälschungen in den USA. Was schließlich dazu führte, dass das Oklahoma City Museum ihn entließ, nachdem ihm verboten (!) wurde weitere Landis-Nachforschungen im Rahmen der Arbeit zu betreiben und Leininger sich offenbar nicht daran hielt (halten konnte?). Und vor meinem geistigen Auge pflügt ein weißer Wal durchs Meer und ein einbeiniger Captain Ahab, fest an ihn geschnürt, schreit nach Rache. (He piled upon the whale's white hump the sum of all the general rage and hate felt by his whole race from Adam down; and then, as if his chest had been a mortar, he burst his hot heart's shell upon it.)

Leininger, ein typischer Vertreter der weißen amerikanischen Mittelschicht im Mittelwesten. Ein nettes Haus in der Vorstadt, Kleinfamilie mit Hund. Ein Mann der Gut und Böse trennen kann, dessen Ordnungsgefüge auf Grund Landis durch einander kam. Weshalb er ihn zur Strecke bringen muss. Für Gott und Vaterland. Wo Landis - wahrscheinlich - Verständnis (und hierin ein Geistesverwandter von Klaus Johannes Wolf) sucht, ist von Leininger nur Unerbittlichkeit (Ahab) zu bekommen.

Als sich die beiden zu guter Letzt bei einer Ausstellung von Landis' Werken mit dem Titel Faux Real an der Universität Cincinnati nach fünf Jahren das erste Mal von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen, sie einander vorgestellt werden, Leininger, gehetzt, irgendwie Erlösung erhofft, von Landis fordert, dass er mit der Fälscherei aufhören möge, die Aufregung sich in Leiningers Gesicht schreibt und man meint, seinen Angstschweiß im Kino zu riechen und Landis, ruhig, beinahe heiter, anmerkt, Nice to meet you, well, I didn't read your Emails, not one of it, because I thougt that they are simply bad news - wird klar: Der weiße Wal hat seinen Ahab noch nicht gefunden.

Dienstag, 28. Oktober 2014

A Girl Walks Home Alone at Night: Warst Du auch bestimmt kein böser Junge?


Ein Bastard aus frühem Jim Jarmusch und David Lynch, gemixt mit Graphic-Novel-Charme und Vampir-Story - Ana Lily Amirpour situiert ihre 50er-Jahre Liebes-Schnulze A Girl Walks Home Alone at Night in einer Stadt namens, Bad City, ein Ort, der nichts Gutes zulässt, auch wenn man hoffnungslos romantisch ist. Manche wissen das von vornherein, andere müssen es erst lernen. Zumal, wenn man Frau ist. Bis zu dem Moment, wo plötzlich ein Mädchen erscheint, in schwarzem Cape und mit unschuldigem Blick - und die bösen Männer bezahlen lässt. Mit Blut.

Und: Welche Rolle hat Masuka?

Montag, 27. Oktober 2014

Der Unfertige - ein Mensch, wie wir alle


Ein Bett, darauf ein schmaler, nackter Mann in Ketten. Lederriemen um Hals und Fuß- und Handgelenke. Würdest Du Dich kurz vorstellen, fragt es aus dem Off. Der Angesprochene blickt direkt in die Kamera, weder Scham noch Provokation im Blick, sondern Besonnenheit. ODW-Gay, oder Gollum, oder Klaus, 60 Jahre alt, schwul, Sklave. Es sind diese Augen, wohin die Kamera am Ende zurück kehren muss, nachdem sie uns unaufdringlich und distanziert durch Klaus' Leben führt - vielmehr: geleitet wird. Alltag wie Kochen und Rasieren steht neben Erzählungen über seine Kindheit im Dritten Reich, einem Wochenende im Sklavencamp und dem wöchentlichen Besuch bei einem Bekannten, wo er nackt putzt, ein paar Schläge kriegt und seinen Herrn zu guter Letzt oral befriedigt. Sie verabschieden sich freundlich und wünschen sich eine schöne Woche. Eine Szene, die sich beinahe genau so abspielt, wenn Klaus das Camp verlässt. Pass auf Dich auf. Am Ende, wenn Jan Soldat von seiner Reise an den Anfang zurück kehrt, eröffnet Klaus: Es geht mir nicht darum, Zärtlichkeit in anderen Männern zu finden. Das, was ich suche, ist Verständnis.

Im anschließenden Publikumsgespräch wird Klaus Johannes Wolf (so der vollständige Name) dann erzählen, dass der Film ihrer beider Projekt gewesen sei, also seines und das von Jan Soldat. Ersterer, um sich mittels Offenbarung ein Stück weit fertiger zu erleben, zweiterer, um der Welt und dem Leben ein Stück hinzu zu fügen und sich selbige deshalb für uns einen Moment lang fertiger anfühlen kann. Wofür ihnen zu danken ist. Ihnen beiden. Von ganzem Herzen.

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Absolute Reproduktion

Die Zeit machte eine Umfrage um die Haltung der Deutschen zum Thema Social Freezing heraus zu finden. Nicht überraschend: Junge Menschen (14-29-Jährige) sprechen sich mehrheitlich dafür aus. Also jene Gruppe von Menschen, die mit dem neoliberalen Paradigma aufwuchsen und sozialisiert wurden. Die Selbstoptimierung - und also Einpassung in die gängige ökonomische Logik - wird als natürlich erlebt, ethische Fragen werden nicht gestellt, strukturelle Konsequenzen nicht als störend erlebt.

Das erinnert mich an jene Geschichte, die Byung-Chul Han in einem Interview mit der Zeit erwähnte, dass ein Mädchen, ob der Tatsache, dass ein Primark in Berlin errichtet werden würde, ihr Leben als perfekt bezeichnete. Bizarrerweise liegt diese Perfektionierung darin, dass das Mädchen sich via Primark in der Lage sieht, mit möglichst wenig Geld sehr viele Kleider zu kaufen, die sie dann in einer Art Laufsteg-Situation zu Hause vorführt und sich dabei filmt. Und diese Videos werden dann auf Youtube ihrer Peer-Group präsentiert. Dass für dieses Verhalten etwa in Bangladesch Arbeiterinnen und Arbeiter in desolaten Fabriken schuften und mitunter verbrennen, ist bedeutungslos.
 

"Es ist ein absoluter Konsum entstanden, der vom Gebrauch der Dinge entkoppelt ist," so Byung-Chul Han. In Analogie zu diesem Bild ließe sich beim Social Freezing von der Entkopplung der Reproduktion von der Sexualität fantasieren und also von einer absoluten Reproduktion. Naheliegenderweise wäre es demnach auch Männern anzuraten ein gewisses Reservoir an gesunden Spermien anzulegen, die dann im Fall der Fälle - also wenn Frau glaubt, auf den richtigen Mann zu treffen - entsprechend aus dem Gefrierschrank zu holen wären.

Dienstag, 21. Oktober 2014

Welcome to Hell


Frau Föderl-Schmidt nimmt im Standard die Social Freezing Geschichte zum Anlass, um darzustellen, was hierzulande Tatsache ist: Frau zu sein, ist ein Wettbewerbsnachteil, ganz ohne Zweifel. Auf der anderen Seite fühlt sich der Focus-Chefredakteur Ulrich Reitz dazu verleitet, damit die Quoten-Debatte für überflüssig zu erklären.

Interessant scheint mir dabei zu sein, dass einmal mehr, die strukturellen Konsequenzen dieser Maßnahme nicht zur Diskussion stehen. Dass, wenn Facebook und Apple dieses Angebot machen, es logischerweise um Selbstoptimierung geht. Dass damit das Unternehmen Kind im Rahmen der Familienplanung möglichst optimal in die unternehmerischen Abläufe der Konzerne eingepasst werden soll. Ist das von vornherein abzulehnen?

Zu bedenken ist auf alle Fälle, dass die Verantwortung zur Optimierung mit der Maßnahme in die Hände der jeweiligen Mitarbeiterin gelegt wird - und somit auch die Anforderung die Produktivität entsprechend zu maximieren. Das heißt in dieser Logik: Die Bedürfnisse der Unternehmen werden unter dem Deckmantel von Freiheit zu den Bedürfnissen der Mitarbeiterin gemacht. Die von Byung-Chul Han konzedierte Leibeigenschaft der digitalen Feudalherren schreibt sich als tatsächlicher, zukünftiger Körper.

Beiderlei - der bestehende wie auch der zukünftige - müssen perfektioniert werden, um die besten Voraussetzungen für Selbstausbeutung zu garantieren. Und zwar im Wettbewerbsmodus als regulierendes Prinzip. Da diese Perfektionierungsmaßnahmen einen gewissen sozialen Status voraus setzen wird damit Polarisierung forciert und die Anordnung gemahnt an ein sozialdarwinistisches Planspiel. Sir Karl Popper schrieb, "der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, erzeugt stets die Hölle" (Die offene Gesellschaft und ihre Feinde). Welcome.

Freitag, 17. Oktober 2014

Revolution now: Social Freezing für alle.

Neulich räsonierte ich über die strukturellen Voraussetzungen der Shareconomy, nämlich dass - so man etwas teilen will - man zuallererst etwas haben muss. Und dass somit der Frommsche Gegensatz von Haben und Sein seine Erlösung in der Ökonomisierung findet.

Eine bedenkenswerte Ergänzung zu diesen Überlegungen lieferte eine Pressemeldung von Anfang der Woche, wo Apple und Facebook bekannt gaben, dass sie Mitarbeiterinnen finanziell unterstützen würden, so diese Eizellen einfrieren wollen würden. Die Maßnahme solle Mitarbeiterinnen dabei helfen, Karriere und Familie unter einen Hut zu kriegen. Das klingt zuallererst mal unheimlich. Wiewohl - angesichts von Unternehmenskulturen, die ihrer Mitarbeiterschaft Kindergärten zur Verfügung stellt, großzügige Elternzeiten gewährt und Baby-Prämien ausbezahlt - wieder auch nicht. Nein, im Grunde muss fest gestellt werden, die beiden Unternehmen haben ihren Gedanken bloß zu Ende gedacht: Tech-Unternehmen haben einen Frauenanteil von rund 30%. Der Prozentanteil soll erhöht werden - weil positiv für Unternehmenskultur und -klima, die Innovation befördernd etc. Dafür ist es auch nötig die Karriere von Frauen zu befördern. So lange das Kinderkriegen sich als Karriereknick darstellt, ist selbiges demnach nicht förderlich. Um diesen Knick zu verhindern, wird das Kinderkriegen hintangestellt. Wodurch wiederum das Ticken der biologischen Uhr zum Problem wird, das via Social Freezing - also dem Einfrieren von Eizellen - gelöst werden soll und damit den Frauen ermöglicht, Karriereplanung und Kinderkriegen exakt abzustimmen. Eine Win-Win-Situation? Und was hat Fromms Haben oder Sein damit zu tun?


Nun, um in den Genuss des Social Freezing-Programms von Apple oder Facebook zu kommen, muss frau dort arbeiten. Das heißt, höchstwahrscheinlich eine sehr gute Ausbildung genossen haben und demnach wiederum mit großer Wahrscheinlichkeit aus recht guten Verhältnissen kommen. Das muss frau haben, um Teil des verschobenen Kinderkriegen-Programms zu sein. Selbstverständlich hat frau die Möglichkeit, auch ohne Zutun von Apple oder Facebook Eizellen einfrieren zu lassen - gegen Bezahlung von rd. € 8.000 plus jährlichen Kosten von etwa € 400. Haben und Sein. Was wiederum bedeutet, dass es hier um Distinktion geht - und das Social Freezing-Programm nur dann als sozial bezeichnet werden dürfte, wenn es allen Frauen zur Verfügung stünde. Und nicht bloß jenen, die in den coolen Silicon Valley Firmen arbeiten oder eben aus entsprechend begüterten Verhältnissen stammen.

Donnerstag, 16. Oktober 2014

James Tiptree Jr.? Stellen Sie sich vor, Philip K. Dick wäre eine Frau gewesen.

Wenn Steven King in The Dark Half via Pseudonym die dunklen Seiten seiner selbst thematisiert und also ausmerzt, so folgt das Pseudonym von Alice B. Sheldon einem nahezu umgekehrten Interesse: Mit James Tiptree Jr. erfand sie sich die Möglichkeit ihr Schreiben von ihrer Person und insbesondere von ihrem (biologischen) Geschlecht zu entkoppeln. So die grundlegende Formel für Philip K. Dicks Schreiben, diejenige ist, dass Realität als Funktion von Raum und Zeit konstruiert und also befragt wird, fügt Tiptree der Gleichung das Geschlecht hinzu.


Wie am Reißbrett exemplifiziert in der bekanntesten - auch mit dem Nebula Award ausgezeichneten -Erzählung Houston, Houston bitte kommen: Drei Raumfahrer in einer Raumkapsel nach einer Sonnenumkreisung auf dem Heimweg, setzen diesen aus Funk- und Fernsehen bekannten Spruch ab. Und es antworten: Frauen. Und nicht von Mama Erde. Drei Raumfahrer, so wie sie sein sollen und müssen, wie von Anbeginn der Raumfahrt an. Der gottesfürchtige, entschlossene, vertrauenswürdige Captain, den nichts und niemand aus der Ruhe bringt, der virile, witzig-laute Ingenieur und der verkorkst-verschlossene Wissenschafter voller Minderwertigkeitskomplexe. Drei Raumfahrer, passend in ein hinlänglich bekanntes (Erzähl-)Paradigma, hinein gestoßen in eine andere Raumzeit...

Der fabulöse Septime Verlag startete im Jänner 2011 eine Werkausgabe der Autorin in sieben Bänden, davon sind inzwischen drei Bände erhältlich. In sorgfältiger Neuübersetzung und perfekter Aufmachung. Einem Erwerb muss unbedingt das Wort geredet werden.

Dienstag, 14. Oktober 2014

Stephen King: The Dark Half


Es ist ein bemerkenswertes Unterfangen, wenn Stephen King in The Dark Half die eigenen Dämonen mittels Roman tot schreibt: Quasi ein Befreiungsschlag gegen Abhängigkeiten, von Kokain war die Rede, Alkohol, Hustensaft. Und seinem Pseudonym: Richard Bachman.

Thad Beaumont, ein eher nicht so erfolgreicher Schriftsteller, gibt sich ein Pseudonym unter dessen Namen er wilde Horror-Slasher-Stories verfasst. Damit feiert er große Erfolge und finanziert sich so sein Leben. Als ihm jemand auf die Schliche kommt, beschließt er, das als Chance zu begreifen und sein Pseudonym zu enttarnen. Ein People-Magazine Artikel erscheint, wo er mit seiner Frau George Stark (so der Name seines Alter Egos) auf dem Friedhof publikumswirksam beerdigt. Am Grabstein steht zu lesen: Not A Very Nice Guy. Was sich bewahrheiten soll, da George sich auflehnt und kurz entschlossen das Grab wieder verlässt, um sich an seinen Mördern schadlos zu halten... Eine krude mitunter schwer ins Groteske abdriftende Story, die konsequenterweise nur in einem Endkampf zwischen den beiden Autoren münden kann - der umgekehrten Ingeborg-Bachmann-Preis-Situation quasi: Einem Wettschreiben. Es kann nämlich nur - wie wir spätestens seit dem Highlander wissen - einen geben.

Das Interessante an dem Buch ist jetzt nicht so sehr die Ausführung - das Buch zerfasert und zerfällt beinahe so wie der Dämon seiner Form verlustig geht - als das Thema selbst. King holt seine Dämonen in die Romanstory, gibt ihnen Raum, materialisiert sie in der Person des George Stark, der all das ist, was er an sich fürchtet, was er glaubt, unterdrücken und also los werden zu müssen: Benennt das Fremde (Kristeva). Um festzustellen: Es ist er. Und umgekehrt. Weshalb der Sheriff zum Schluss anmerkt:
“Standing next to you (Beaumont) is like standing next to a cave some nightmarish creature came out of. The monster is gone now, but you still don't like to be too close to where it came from. Because there might be another... And even if the cave is empty forever, there are the dreams. And the memories. There's Homer Gamache, for instance, beaten to death with his own prosthetic arm. Because of you. All because of you.”
Auch die Benennung des Fremden macht es nicht weniger fremd.

P.S.: Als ich vor kurzem Tom Hillenbrands Drohnenland las, dachte ich sofort, er sei ein Pseudonym von Marc Elsberg. Oder umgekehrt. Was tragisch ist, da in keinem der beiden Bücher irgend etwas Dunkles verborgen liegt. Flach wie das Meer bei Flaute.

Samstag, 11. Oktober 2014

Shareconomy - Haben oder Sein?

80 % der produzierten Produkte sind Einwegprodukte, 99 % aller produzierten Produkte landen nach sechs Monaten auf dem Müll (Kurt Matzler, Univ. Innsbruck). Was zuerst mal schockierend klingt, ist Ausdruck einer ökonomischen Logik, was einst als Befreiung gefeiert wurde, entwickelte sich zum Fluch: Throw Away Living.


Eine Logik, die zwangsweise zu den schockierenden Bildern von verendeten Wasservögeln und Fischen, deren Körper mit Plastikmüll vollgestopft sind (Great Pacific garbage patch), führen muss. Die durchschnittliche Bohrmaschine wird in ihrem gesamten Produktleben 13 Minuten genutzt (brand eins), der durchschnittliche PKW steht 95% seiner Zeit unbenutzt in der Gegend herum, 80% der Produkte, die wir besitzen, benützen wir weniger als einmal pro Monat (Bootsmann & Rogers). Das heißt: Es wird auf Halde konsumiert. Weshalb Anbieter von Lagerräumlichkeiten sich die Hände reiben. Self-Storage ist in den USA der am schnellsten wachsende Sektor im Gewerbeimmobilienbereich.

2012 wurde Seoul zur Sharing City erklärt. Das Motto der Cebit 2013 lautete Shareconomy - Tauschen und Teilen wird als Gegenbewegung zu Überproduktions- und Wegwerfkultur installiert. Entsprechend versehen mit Wohlfühl-Utopie (Evgeny Mozorov) und Ressourcenschongerede. Mittels der Infrastruktur Internet (Amir Kassaei) wird aus den Bemühungen um Nachhaltigkeit Shareconomy. Die dritte Phase des Kapitalismus (Shoshana Zuboff) hebelt bestehende Marktregularien aus und etabliert in rauschhafter Geschwindigkeit neue Geschäftsmodelle, indem bisher ungenutzte Ressourcen einbezogen werden.
  • Ich habe ein Auto, also bin ich Taxi (Uber). Eine App vermittelt Privatfahrer/innen und -wagen an Personen, 20% des Fahrpreises bleiben bei Uber. Keine Nebenkosten wie etwa Steuern oder Gewerbebeschein.
  • Ich habe ein freies Zimmer, also bin ich Hotel (Airbnb). Via Internet oder App können Privatpersonen eine Unterkunft anbieten, 10-15% des Preises behält Airbnb ein. Keine Nebenkosten.
Das heißt, zuallererst muss ich etwas haben, um zu sein. Und dieses etwas wird mittels digitaler Infrastruktur zum Marktfaktor - die konsequente Fortsetzung der Ökonomisierung aller Lebensbereiche, Neoliberalismus auf Steroide (Mozorov). Die bestehende Sharingkultur, die mittels Steuern für Umverteilungen und Verteilungsgerechtigkeit sorgte, bleibt dabei auf der Strecke.

Nach Home Office und Erreichbarkeitsfuror wird nun die Freizeit und das Private vermarktet. Es ist ein Kapitalismus des Zugriffs (Wolf Lotter), der den Long Tail für die totale Dienstleistungsgesellschaft aufbereitet. Und es sollte allen klar sein: Am Ende ist auch Teilen ein Geschäft und der von Erich Fromm postulierte Gegensatz zwischen Haben und Sein erfährt seine Erlösung in der Shareconomy.