Freitag, 28. August 2015

Benjamin Maack: Monster - Menschen wie wir


Das Ich bekommt in Benjamin Maacks zweitem Erzählband einen Namen: Benjamin. So wie er sich im ersten Erzählband am Ich abarbeitet, will er im zweiten Benjamin habhaft werden. Folgerichtig heißt auch gleich die erste Erzählung "Viel schlimmer als die dunklen Räume sind die spiegelnden Fenster". Weil der vermeintliche Ausblick nur einen Anblick ermöglicht. Und der ist fürwahr nicht erfreulich.

Der erste Benjamin ist ein seiner Arbeit verlustig gegangener Chemielaborant, der sein Wohl in der Flucht und also Vergangenheit sucht und deshalb seine mit seinem ehemaligen Freund zusammen lebende Ex-Freundin mitten im Harz auf-sucht. Die Suche nach einem Neuanfang bedingt eine Verortung seiner selbst. So streift er wie ein postmoderner Lenz durch die Wälder und Berge, trifft im Dorf auf seltsame Personen, die sein Begehren zu deuten wissen - und in die moralischen Grenzen weisen. Das Heimelige will sich nicht einstellen. Julia Kristeva stellte fest: Fremde sind wir uns selbst - und zwar solange wir uns dem eigenen Verdrängten nicht stellen. Solange bleiben wir uns unheimlich. Benjamin fährt mit einer Leiche im Kofferraum nach Hause.

Mit der ersten Erzählung steckt Maack die Möglichkeiten dieses Erzählens ab - mit den darauf folgenden reicht er leider nicht mehr an die erste heran. Benjamine in unterschiedlichen Lebenslagen suchen nach Fenstern und finden Spiegel. Und wollen nicht erkennen, was ihnen entgegen blickt. Was als Zustandsbeschreibung einer Generation verstanden werden kann: "Ich glaube nicht an andere Menschen. Du glaubst nicht an andere Menschen. Er, sie, es glaubt nicht an andere Menschen."

Alles ist schlussendlich eine Frage des Glaubens. Was, wenn nur noch an sich geglaubt wird? Und: Ist das monströs?

Dienstag, 18. August 2015

Lucy: Ich traf Gott, sie ist blond.


Ein jüdischer Atheist namens Dylan Chenfeld wurde zur Berühmtheit, weil er I Met God, She's Black auf T-Shirts drucken ließ. Soweit geht Luc Besson mit Lucy zwar nicht, aber an der (nahezu (?) perfekten) Weiblichkeit Scarlett Johanssons ist nicht zu zweifeln. Und spätestens wenn der verhuschte französische Cop (Amr Waked) ungläubig ins Leere fragt, wo sie ist und auf seinem Handy eine SMS erscheint - I Am Everywhere - wird der Saulus zum Paulus und der/die KinogängerIn erlöst.


Einmal mehr geht es um nichts weniger: Die Welt und also die Menschheit giert nach Erlösung. Wofür Luc Besson der Evolution ein R anfügt und Lucy alles aufbürdet: Revolution durch Evolution. Oder wie Professor Norman (Morgan Freeman) ausführt: We humans are more concerned with having than with being. 

Die entsprechende Fokussierung aufs Sein erfolgt allerdings eher zufällig. Einer Drogenkurierin (Scarlett Johansson) platzt ein Säckchen des ultimativen Stoffs (CPH4) im trendigen Blau (Greetings to Heisenberg!) im Bauch und bewirkt, dass aus dem ehemaligen Partygirlie eine Superheldin und schließlich Gott entsteht. In blond. Was nichts zur Sache tut. Alles nur eine Frage der Nutzung der im menschlichen Gehirn angelegten Fähigkeiten.

Wenn wir nur wollten (bzw. die richtigen Drogen konsumierten), wir wären alle Gott. Und: Scarlett Johanssen!



Sonntag, 16. August 2015

Stewart O'Nan: alle, alle lieben dich



Stewart O'Nans Mulvaneys heißen Larsen - wo Joyce Carol Oates den Jüngsten der Mulvaneys über das Erinnern und also das Vergessene sinnieren lässt, zeigt Stewart O'Nan, wie das sich-erinnern-müssen zu einem vergessen-wollen wird.

O'Nan inszeniert den amerikanischen Traum in Kingsville, Vater, Mutter, zwei Töchter, eine, die ältere, knapp 18 Jahre jung und ausnehmend schön, die andere, zwei Jahre jünger, strebsam und ernst.   Der Vater Immobilienmakler, gebeutelt von der Finanzkrise, die Mutter Krankenschwester, pragmatisch und organisiert. Und von einem Tag auf den anderen, es ist Sommer - und Kim, die ältere Tochter, gerade mal zwei Wochen bevor sie am College beginnen soll, verschwindet. Vom Weg von zu Hause zu ihrem McJob. Einfach weg. Spurlos.

O'Nan kriecht in seine Figuren hinein, stellt dar, wie sie versuchen mit der Katastrophe umzugehen, beschreibt ihre Ängste, das Erschrecken, wenn das Telefon läutet, die Ohnmacht gegenüber dem Polizeiapparat, die gefühlte Notwendigkeit, die Dinge selbst in die Hände zu nehmen, die Frustration, die Müdigkeit, die Ausgebranntheit, die Angst zu wenig zu trauern.

O'Nan erzählt alles - und kommentiert nichts. Falls mal jemand einen Text zur Darstellung des Prinzips show don't tell benötigt: Here you go.

Samstag, 8. August 2015

Paul Auster: Bericht aus dem Inneren - oder wo es war, muss ich werden



Du liest Paul Austers Bericht aus dem Inneren, während du selbst an einem Erinnerungstext schreibst, wo du deiner eigenen Kindheit nachspürst, ihren Gerüchen, ihrem Klang, ihren Farben. Wo du heraus zu finden versuchst, was von dieser Kindheit im Dorf übrig blieb und was genau dich zu dem machte, was du heute bist.

Paul Auster stellt bezüglich seinem erinnerten Ich und dessen Erinnerungen fest:
Zumindest denkst du, dass du dich erinnerst, du glaubst dich zu erinnern, aber vielleicht erinnerst du dich gar nicht oder erinnerst dich an eine spätere Erinnerung dessen, was du in jener fernen Zeit, die jetzt für dich so gut wie verloren ist, gedacht zu haben glaubst.
Zuerst hältst du Paul Austers Erzählform für maniriert, denkst, dass dieser sich selbst ansprechende Erzähler nicht durch zu halten ist (Vor deinem geistigen Auge doziert Gustav Ernst, der Leondinger Literaturakademie-Papst, in bekannt verschmitzter Weise: "Das geht sich nicht aus."), dass diese Künstlichkeit den Text irgendwann zerreißen wird. Du liest weiter und kommst dir ein bisschen vor wie jemand, der einem Schiff beim Sinken zusieht, beobachtest wie die Passagiere die Rettungsboote besteigen, wie sie zu Wasser gelassen werden, der Kapitän und der Steuermann oben auf der Kommandobrücke stehen und dem Treiben ruhig zusehen. Du gestikulierst, schreist, argumentierst, musst schließlich zur Kenntnis nehmen, dass du nichts unternehmen kannst. Nur warten...

Von diesem du auf kalkulierte Distanz gehalten, bemerkst du, wie du mehr und mehr zum Über-Ich des sich selbst bestätigenden Ichs gerätst. Zuerst fühlst du dich ein klein wenig hintergangen, ausgenutzt, ob der zugeschriebenen Rolle, der sich der Erzähler selbst damit elegant entledigt und das ödipale Dreieck für die Erinnerungsarbeit instrumentalisiert: Auf der Suche nach den Spuren des Kindes, das er einst war, befragt er sich selbst, gräbt nach und fördert Verunsicherungen zu Tage. Wo es war, muss ich werden, heißt es bei Freud. Du erinnerst dich - oder glaubst, dich zu erinnern, dass Auster bei einem Interview einmal erzählte, dass er während eines Wienbesuchs auch das Freud-Museum in der Berggasse besichtigte, beim hinaus Gehen einen Blick auf die Postkästen im Eingangsbereich warf und in schallendes Gelächter ausbrach, als er dort auf den Namen Kafka stieß. Es sind nicht zuletzt solche Zufälle, die das Leben ausmachen, Zufälle, gepaart mit Rahmenbedingungen - wie der Tatasche, als Jude zur Welt zu kommen, oder die katastrophale Ehe der eigenen Eltern, oder der Stolz, als Amerikaner zur Welt gekommen zu sein.
Vergiss nie, was für ein Glück du hast. Amerikaner sein, das heißt, am größten menschlichen Unternehmen seit Erschaffung des Menschen teilzunehmen.
Dir ist von vornherein klar, dass dieses Glück nicht von langer Dauer sein kann, dass die Enttäuschung kommen muss, so wie du ahntest, dass es unwahrscheinlich ist, dass ein kleiner Bub von einem landesweit bekannten Baseball-Star besucht wird, nur damit er ihm die Hand schütteln kann. Nein, nein, sagt das Über-Ich, nein, nein, es ist auch bestimmt nicht nur ein Glück Amerikaner zu sein und du solltest Recht behalten, die späten 60er bringen Rassenunruhen und Vietnam und Krisen und alles verschwimmt, selbst die Grenzen zwischen Fiktion und Realität. Beinahe amüsiert liest du die kommentierenden Fußnoten, diesen zum Scheitern verurteilten Versuch, eine Ordnung aufrecht zu erhalten, die nie aufrecht zu erhalten war, denn du weißt,
dass die Welt, in der du lebst, nicht mehr dieselbe ist wie zwei Stunden zuvor, dass sie nie mehr dieselbe sein wird. 
Und wo eben noch ein Schiff war, ist jetzt nichts mehr zu sehen und du bist dir nicht sicher, ob da jemals etwas gewesen ist.

Gerhard Richter: „Seestück (See-See)“, 1970

Donnerstag, 30. Juli 2015

Hedi steckt fest - und nicht nur sie

"Einen Royal mit Pommes und 'ne Cola", bestellt Hedi (Laura Tonke) im stecken gebliebenen Aufzug beim Störungsdienst. "Sind Sie das, Frau Schneider?"


Sie ist gute 30, hat einen vielleicht zehnjährigen Sohn und einen Mann, der von Afrika träumt und unbedingt als Entwicklungshelfer dort hin will. Und dann steckt sie fest. Zuerst im Aufzug, dann in ihrem Kopf. Eben noch am Vögeln am Küchenfußboden, ist irgendwas komisch, bemächtigt sich ihrer, sie vermeint, sterben zu müssen, bekommt keine Luft mehr und hyperventiliert bis der Krankenwagen kommt. Eine Frohnatur wie Hedi, blond, bunt und mädchenhaft, die den ernsten Seiten des Lebens mit Humor gegenüber tritt, mit offenem Visier und einem breiten, lauten Lachen dahinter, muss fortan mit der Angst leben - und eigentlich: Der Angst vor der Angst. Wird richtig gehend zu Angst.

Übrig bleibt der Wunsch nach angstfreien Momenten. Kosten sie, was sie wollen. Tabletten, Alkohol, beides. Daneben stehen ratlos, ihr Sohn Finn (Leander Nitsche) und ihr Mann Uli (Hans Löw). Von anfänglicher Besorgtheit und Unsicherheit über Ohnmacht bis zu Wut reicht das Spektrum der gefühlsmäßigen Reaktion, allein - an der Tatsache ist nicht zu rütteln: Es ist auch ihre Angst. "Was ist, wenn wir die Monster (vulgo Angst) wieder vertreiben?", schlägt Finn vor. "Gute Idee", sagt Uli und schreitet mit Hedi zur Tat. Schrei sie raus, beschimpf sie, schlag auf sie ein, rät er ihr und macht auf Angst, um Hedi anschließend zu sagen: Das kommt alles aus Dir. Und die eigene Angst zu ignorieren. Hedi geht zum Psychotherapeuten, erklärt ihm, "dass sie nicht von einem stummen, großen Indianer erstickt werden will", der weiß nicht, wovon sie spricht, versichert ihr allerdings, dass das hoch unwahrscheinlich ist.

Sonja Heiss' Film ist eine Annäherung von beiden Seiten: Sie versucht Bilder zu finden, die die Veränderungen illustrieren, auf beiden Seiten. Ihre Angst betrifft, macht betroffen, zeigt Grenzen auf - und fordert auf, sie zu überschreiten: Wenn man schon nicht die ganze Zeit glücklich sein kann, dann versuchen wir es doch zumindest einen Tag lang.

Montag, 27. Juli 2015

Clemens Meyer: Im Stein - oder wie Fleisch zur Aktie wird

Ostdeutschland nach der Wende - Helmut Kohls blühende Landschaften manifestieren sich bei Clemens Meyers Im Stein im Renditeversprechen der Aktie Fick: Einem boomenden Wachstumsmarkt. Schätzungweise 400 000 Prostituierte, davon 80% nicht aus Deutschland stammend, 95% Frauen, 95% der Kunden sind Männer. Gebumst wird immer. Es wuchern die Sauna Clubs neben FKK-Erlebnisparks, Elendsbordelle neben Wohnungsprostitution.


Clemens Meyer zeigt, wie die ehemaligen Zuhälter im ökonomischen Sog der einmal angeworfenen kapitalistischen Maschine versuchen, wieder Fuß zu fassen: Zu Immobilienvermittlern und -entwicklern werden (müssen), um gesetzliche Regelungen für das Gewerbe kämpfen (müssen), neue Vermarktungsmethoden und Öffentlichkeiten zu bedienen haben, sich mit Allianzen zwischen Politik und Ökonomie zu arrangieren haben, schließlich mit der Polizei und ihr Terrain absteckenden Motorradgangs. Zuweilen werden sie wehmütig, schwadronieren von den guten alten Zeiten, wo es nur um das eine ging, um dann flugs die Logiken der neuen Geschäftswelt durch zu deklinieren: Französisch ohne, anal mit, Fistfucking und Körperbesamung. Und dann sitzen die in die Jahre gekommenen Männer hinter ihren Spiegeln und sinnieren über das Treiben vor ihren Augen, um schließlich an allem zu zweifeln: Mit der Profitmaximierung geht der Sinn flöten, so die unheimliche Conclusio der Nachdenkerei.

Meyer zeigt eine Welt, die ihrer Werte verlustig ging, eine Welt ohne Moral - denn der Markt hat keine Moral (mehr) - und schon gar nicht das Milieu. Quasi quadrierte Unmoral. Nur die Mädels - die haben "Herzen wie Diamanten". Reden sich ihr Leben schön, auch wenn es keinen Anlass dafür gibt, nur um des Überlebens willen, träumen weiter vom Ausstieg und der kleinbürgerlichen Familie, während draußen der kapitalistische Sturm über das Land hinweg fegt.

Keine Werte und deshalb keine Erzählung

Meyer verlässt sich auf einen Chor von Zuhälterstimmen, Huren und Polizisten, Väter auf der Suche nach ihren verlorenen Töchtern, innere Monologe und Bewusstseinsströme, pfeilschnell durch Zeit und Raum, nichts ist sicher, selbst der Boden unter den Füßen ist durchlöchert, gibt Leichen und Geschichten frei, die sich wiederum jeder eindeutigen Zuordnung versagen. Betriebswirtschaft ersetzt schuldig/nicht schuldig, schicke smarte Anzüge die Lederjacken, die verlebten Visagen verschwinden in dem Rauchschwaden des Krematoriums, übrig bleibt der Geruch von Melancholie.




Donnerstag, 16. Juli 2015

Griechenland - oder: Der Abgrund sind wir selbst


Yanis Varoufakis sagt in einem Interview mit dem New Statesman, dass er nicht wollte, dass der Grexit zu so etwas wie Nietzsches Abgrund werden würde: Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein. (Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse)

Dennoch spricht er von Abgründen, die sich ihm während seiner Tätigkeit als griechischer Finanzminister bei den Verhandlungen mit der Eurogruppe auftaten - einer Gruppe übrigens, die ähnlich der österreichischen Landeshauptleutekonferenz keine rechtliche Grundlage besitzt. Aber trotzdem die Finanzpolitik der EU bestimmt. - Abgründe auf Grund vollkommener Verständnislosigkeit:
You put forward an argument that you’ve really worked on – to make sure it’s logically coherent – and you’re just faced with blank stares. It is as if you haven’t spoken. What you say is independent of what they say. You might as well have sung the Swedish national anthem – you’d have got the same reply.
Was hier zum Ausdruck kommt, ist das Aufeinandertreffen zweier komplett unterschiedlicher Welten, Slavoj Zizek spricht gar vom Kampf um die Leitkultur. Und ich fühlte mich kurz an Alexander Van der Bellen erinnert, wo er Heinz Christian Strache im Parlament vorführte, von Voodoo sprach und von Glauben.

Bei den Verhandlungen mit Griechenland ging es um nichts weniger: Nämlich um Glauben. Und also Voodoo. Um ein semi-religiöses Festhalten an einem Paradigma, das schon bewiesen hat, dass es nicht funktioniert. Was aber egal ist, weil: Religion braucht sich nicht beweisen, generiert die Logik für eine andere Realität. Und so scheinen die Verantwortlichen der Eurogruppe auf das sprichwörtliche Wunder zu warten. Auf Kosten von Griechenland, dem ein Vertrag oktroyiert wurde, der keine weitere Hoffnung zu- und keinen Funken Würde übrig lässt, Es werden Milliardenkrediten weitere Milliardenkredite hinterher geworfen, ohne jede Aussicht auf Rückzahlbarkeit (was übrigens inzwischen auch der IWF so sieht). Hauptsache es wird verfahren, wie immer schon verfahren wurde, Ausnahmen können nicht geduldet werden. Die regierungsfreundlichen Medien führten einen an inquisitorischen Eifer gemahnenden Stimmungskrieg gegen die unheilige Allianz der links- und rechtsextremen Griechen. Unheilig, was sonst. Schon schreitet vor meinem geistigen Auge der deutsche Finanzminister übers Wasser. Europa und also die Eurogruppe sprechen den Markt heilig und behaupten das sei die Basis für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie (wiewohl demokratisch nicht legitimiert). Kollateralschäden spielen in dieser Welt keine Rolle.

Varoufakis' erzählt, dass der deutsche Finanzminister ihm gegenüber recht unmissverständlich klar gemacht hätte: “This is a horse and either you get on it or it is dead.” Angesichts des Ergebnisses der Verhandlungen könnte man den Eindruck bekommen, es wäre besser gewesen, dem Pferd den Gnadenschuss zu verpassen.

Barbara Eder zeigt in ihrer Doku Profiler bei ihrer Arbeit, das Privatleben bleibt weitgehend im Hintergrund. Zwei Welten. Manchmal sickert es durch, blitzt auf. Fast, so scheint es, müssen die beiden Welten strikt getrennt gehalten werden, weil sonst offenbar würde: Der Abgrund sind wir selbst.

Montag, 6. Juli 2015

Was der Bachmannpreis mit den ertrinkenden Flüchtlingen im Mittelmeer zu tun hat und Nora Gomringer mit alten Männern

Bild: ORF/Puch Johannes

Nora Gomringer ist Bachmannpreisträgerin 2015 - und es darf von einem kleinen Wunder gesprochen werden, angesichts des Bestemms vom Juryvorsitzenden Hubert Winkels und des Juryneulings Klaus Kastberger ihre Favoritinnen zu befördern. Ersterer gratulierte bei seiner Abschlussrede der Preisträgerin, wiewohl er ja gerne jemanden anderen gewinnen hätte sehen wollen, zweiterer betonte bei der Abstimmung, dass er keine Kompromisse mache und seiner Favoritin treu bleibe. Vor seiner Laudatio für die von ihm nominierte Valerie Fritsch, die sowohl Kelag- als auch Publikumspreis gewann, stellte Kastberger fest, dass es sich um die Rede handelt, die er für den Fall des Sieges vorbereitet habe.

Winkels und Kastberger, zwei alte Männer, die es nicht (ganz) verwinden können, dass ihr Urteil, ihre Meinung nicht sakrosankt sind und sie sich der demokratischen Wahl der Jury beugen müssen, lassen an jenen Trend denken, dass zunehmend (ehemalige und also in die Jahre gekommene) Literaturkritiker/innen sich auch im primären Fach üben und Prosa veröffentlichen - und dabei das legendäre Zitat von Hans Krankl in Erinnerung rufen: Wir müssen gewinnen, alles andere ist primär. Der Gewinn, so scheint es, ist ihnen sicher, allein schon kraft ihres Namens. Wer würde wagen, einen Text und also ein Urteil einer solchen Geistesgröße anzuzweifeln? Auf gar keinen Fall die zeitgenössische Literaturkritik - und übt sich in Lobhudelei, spricht gar von "großen Würfen" und trägt damit zur weiteren Verflachung und also dem Verschwinden von Kultur bei. Ilija Trojanow vermerkt, "die Tatsache, dass jedermann meint, einen Roman schreiben zu müssen, zeugt von einer völligen Unterschätzung der Komplexität der Form und führt zu einer Banalisierung der Literatur." 

Nicht nur der Literatur - sondern: Der Banalisierung von Welt. Es nimmt nicht Wunder, wenn dir ein gestandener Sozialdemokrat fortgeschrittenen Alters bei einem Sommerfest angesichts der ertrinkenden Flüchtlinge im Mittelmeer ins Gesicht sagt: Wir können schließlich nicht alle aufnehmen. Ein Sozialdemokrat mit unbestreitbarem historischen Wissen, der um das Herkommen seiner Bewegung Bescheid weiß, um Ideologie und philosophische Hintergründe, knickt angesichts der gegenwärtigen Krise ein und zitiert rechtspopulistischen Zynismus. Zwei Wochen später verkündete Hans Niessl, dass er im Burgenland mit den Freiheitlichen koalieren werde.

Die große Erzählung, die Komplexität der Form, von der Trojanow spricht, ist selbst Geschichte, bestenfalls Erinnerung, die einmal im Jahr am 1. Mai zitiert und dann wieder fein säuberlich im Keller verstaut wird. Wir leben in einer Welt des "als ob" - nämlich in einer Welt, die mitunter so scheint, als ob es neben den alten Männern keine Instanzen mehr gäbe. Umso schöner, wenn dann eine Frau wie Nora Gomringer den Bachmannpreis gewinnt.

PS: Ich vermisse Daniela Strigl.


Mittwoch, 27. Mai 2015

Rinko Kawauchi im Kunsthaus Wien: Die Poesie des Augenblicks

Für Search for the Sun kam Rinko Kawauchi nach Österreich, um am Dachstein zu fotografieren. Ein kleiner Film dokumentiert ihre Arbeit. Er wird in ihrer Retrospektive im Kunsthaus Wien gezeigt, neben einigen der großformatigen Fotos der Reihe. Im Film sagt sie, dass sie versuche im Augenblick zu leben. Nicht in der Vergangenheit, nicht in der Zukunft. Im hier und jetzt. Und das sei sehr schwer.


Ihre Fotografien atmen diese Poesie des Augenblicks: Das Kleinkind, dem ein Tropfen Milch auf dem Kinn steht, auf den die Kamera fokussiert - der Vogel, eben noch am Fels sitzend, der sich in den Abgrund stürzt...


Kawauchi lenkt den Blick auf das Unscheinbare, das Unbeachtete - und mitunter Ab-Seitige. Schafft Bedeutung, wo Indifferenz herrscht. Belichtet, was für gewöhnlich im Dunklen gelassen wird.


Sie selbst sagt, dass sie die Welt mit einem Gefühl des Gleichgewichts erlebe und damit auch stets auf der Suche nach dieser Balance sei. Das Bild allein, seine Komposition, das Handwerk - sei noch kein Kunstwerk. Erst der Kontext, seine Einbettung und also der dadurch entstehende Erzählraum, macht es zu einem. Dementsprechend bevorzugt Kawauchi für die Präsentation ihrer Arbeiten Fotobücher: 2011 veröffentlichte sie drei Fotobücher gleichzeitig und wurde damit einer größeren Öffentlichkeit bekannt.  

Nichtsdestotrotz ist der Kuratorin Verena Kaspar-Eisert ein schöner Querschnitt gelungen, arbeitend mit verschiedenen Formaten und Darstellungsformen - unter anderem der Projektionsserie aus Illuminance, wo Kawauchi immer zwei Videosequenzen parallel montiert: Ein zum Film gewordenes Blättern in einem Buch - man hängt noch den Gedanken nach, sieht das Schilf, wie es sich im Wind wiegt, auf der gegenüber liegenden Seite wimmeln Menschen über eine Kreuzung, wir verlieren uns im Gewirr während das Schilf einer Baumkrone weicht, die Sonne bricht durch das Laub, lässt jenes unwirkliche Licht entstehen, das man mit Indian Summer assoziiert... eine poetische Versuchsanordnung, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Freitag, 22. Mai 2015

James Tiptree Jr.: Quintana Roo - oder warum ihr dieses Buch kaufen müsst

Treffen sich Mars und Erde - ersterer meint: "Meine Liebe, Du siehst gar nicht gut aus?" Worauf Mutter Erde antwortet: " Kein Wunder, ich hab' Homo Sapiens." Mars, beruhigend: "Ach, mach Dir keine Sorgen, das geht ganz schnell wieder vorbei."


James Tiptree Jr. erzählt von eben diesem Befall - und der Relativität von Zeit. Quintana Roo versammelt drei Erzählungen in denen die Region, ihre Geschichte und ihre Mythen die eigentliche Hauptrolle spielen, bedrängt von ihrem Widersacher, der Zivilisation. Und das Erzählen... das magische Erzählen. Die Erzählungen erschaffen die Realität des Erzählten - mit dem Kniff, dass das Erzählte selbst Erzähltes ist. Ein Ich-Erzähler (ob jeweils der selbe bleibt unklar), männlich, weiß, im besten Alter, trifft auf drei Personen, die ihm jeweils eine Geschichte erzählen.

Die erste Geschichte erzählt ein junger Amerikaner, der am Strand entlang wandert, zufällig auf den Erzähler trifft und als Dank für Wasser und etwas zu Essen von einem seltsamen Erlebnis berichtet: Es wäre Vollmond gewesen, die Ebbe besonders niedrig und er hätte einen Menschen auf einem Wrack auf einem nahen Riff gesehen, ihn gerettet - und anschließend nicht mit Sicherheit sagen können, ob dieser Mensch Mann oder Frau war - und ob er nicht direkt aus der Vergangenheit kam oder einem Traum.

Die zweite Geschichte erzählt ein Fischer, der dem Erzähler zu Dank verpflichtet ist, da dieser ihm reichen Fang bescherte: Der Fischer hätte einen Freund gehabt, in jungen Tagen, einen Maya, den besten Taucher weit und breit, der schließlich das Wasserski-Fahren populär machte. Und der hätte auf den Skiern von Cozumel zum Festland fahren wollen. Und er hätte ihm geholfen. Und als sie dort ankamen, hätten sie nicht bloß den Raum durchquert, sondern auch die Zeit.

Die dritte Geschichte schließlich erzählt ein leidenschaftlicher Taucher - von einem schwer zugänglichen und gefährlichen Tauchspot, den der Erzähler aufsuchen wollte und vor dem er vom Taucher gewarnt wurde. Er wäre nämlich dort beinahe gestorben, weil alles, was er gesehen hätte, nicht das gewesen wäre, was er zu sehen geglaubt hatte.

Fügt Tiptree in ihren Science Fiction Stories der Philip K. Dickschen Logik Realität ist ein Funktion von Raum und Zeit das Geschlecht hinzu, so stellt sie in Quintana Roo die Frage, was denn selbiges ausmacht - und beantwortet es mit Geschichten: Von Lippfischen, die ihr Geschlecht wechseln können, von einem/einer Gestrandeten, wo der Retter anschließend nicht mehr weiß, ob er/sie Frau oder Mann war, von einem Tauchgang, wo der Müll im Riff zu leben beginnt und nach dem Taucher greift. Das Geschlecht selbst wird zur Geschichte. Und die Geschichten selbst via Binnen-Erzählung zur Tauschware und via Buch zur Handelsware.

Es bleibt zu empfehlen, den Kreislauf nicht zu unterbrechen: Kauft.