Freitag, 21. November 2014

A Walk On The Moon - von der Schwierigkeit sich/etwas zu ändern

In jenem Sommer, als die Menschheit einen Riesensprung (That’s one small step for man… one… giant leap for mankind.) und sich die Gegenkultur via Woodstock unsterblich machen sollte, sind Pearl (Diane Lane) und Marty (Liev Schreiber) mit Tochter, Sohn und Schwiegermama auf dem Weg von New York City in die Catskills, wo die Familie in einem Camp mit Dutzenden anderen jüdischen Familien ihren Sommer verbringen will. Und so vergnügt und aufgeregt das Szenario ist, es sind die Zwischentöne, die offenbar werden lassen, dass die großen Veränderungen in Zeit und Geschichte auch die kleine heile jüdische Welt an der Ostküste nicht unbeeinflusst lassen werden - wenn etwa der Bub fragt, warum sie den Sommer immer am gleichen Ort verbringen und Marty nach kurzem Zögern antwortet: Good Question. Oder Pearl versonnen zur Seite blickt, so als ob sie nicht wissen würde, was zum Teufel sie eigentlich hierher verschlagen hat.


Pearl und Marty sind ein eingespieltes Team, lernten sich schon in der Schule kennen und lieben, heirateten als Teenager, weil Pearl schwanger war. Mittlerweile ist Alison (Anna Paquin), ihre Tochter, selbst ein Teenager, beinahe gleich alt wie sie, wo sie ihr erstes Kind bekam.

Marty bleibt - wie der größere Teil der jüdischen Väter - die Woche über in New York, wo er als Fernsehmechaniker arbeitet, am Wochenende pendelt er raus in die Catskills. Die Frauen verbringen ihre Zeit mit Haushalt und Smalltalk in den Vorgärten. Mitunter kommt ein fahrender Händler vorbei, der Second-Hand Ware - vorzüglich für Frauen - verkauft. In einem großen Bus - die Tür schwingt auf und gibt den Blick frei auf eine andere Welt, ein anderes Verständnis von Leben. Pearls Frust ob ihrer verlorenen Jugend und nie ausgelebten Freiheit findet ihr Ventil in Jerome Walker, dem Blouse Man (Viggo Mortensen), der kontrapunktisch - auch physisch - all das verkörpert, was Marty nicht ist. Und nicht sein kann.


Es geht um unerforschtes Terrain - Neil Armstrong setzt seinen Fuß als erster Mensch auf den Mond, Pearl schleicht in die Nacht hinaus, um sich mit Walker zu treffen und später mit ihm Woodstock zu erleben - von ihrer Tochter zur Rede gestellt, ob sie Walker mehr liebe als die Familie, antwortet sie: No. Sometimes it's easier to be different with a different person. Und zurück bleibt die Frage, welcher Mensch will ich sein... ein großartiger Film.
   

Mittwoch, 19. November 2014

The Homesman und Jauja - zur Unmöglichkeit Frauen zu verstehen

Er sollte der brave, verlässliche Mann sein, fürsorglich und rücksichtsvoll, eine treue und brave Seele. Zu Gesicht bekommen wir ihn zuallererst in Unterwäsche, rußverschmiert mit grauen Federn, die in alle Richtung stehen und einer exzentrischen Bartkonstruktion. Er wurde ausgeräuchert, da er die Farm eines Mitbürgers besetzt hat - wofür er hängen soll.


Und dann kommt die wahrhaftig Heimelige: Mary Bee Cuddy (Hillary Swank). Sie schneidet ihn vom Strick, im Gegenzug dafür muss er sie bei ihrer Mission begleiten. Drei Ehefrauen der umliegenden Farmen wurden auf Grund der Lebensumstände in der kargen Einöde Nebraskas verrückt und Cuddy hat sich bereit erklärt, sie zurück in die Zivilisation zu bringen. Wobei ihr George Briggs (Tommy Lee Jones) zur Hand gehen soll: Hunderte Meilen durch die endlose Prärie, wo maximal Indianer oder Banditen anzutreffen sind. Also niemand, den man treffen will und niemand von dem Hilfe erwartet werden kann.


So ausgesetzt Cuddy und Biggs auf ihrer Reise erscheinen, so ausgesetzt und verlassen scheinen die drei dem Wahnsinn anheim gefallenen Frauen: Die innere Leere der Frauen korrespondiert mit der grenzenlosen Leere in der Prärie. Und so gerät Tommy Lee Jones' zweite Regiearbeit zum Versuch eines Mannes die Frau an sich zu begreifen. Was naturgemäß nicht gelingen und folgerichtig nur in einem Besäufnis enden kann.

Oder im Nichts: In Jauja (Regie: Lisandro Alonso) versucht ein dänischer Hauptmann (Viggo Mortensen) im Argentinien des späten 19. Jahrhunderts seine Tochter wieder zu finden, die mit einem jungen Soldaten durchgebrannt ist. Als Vater zuerst noch damit beschäftigt, die aufdringliche Umwerbung der Tochter durch einen Offizier abzuwehren, begibt er sich anschließend allein auf die Suche. Doch, was er zu finden hofft, ist schon längst ein Hirngespinst - die Bande zwischen Vater und Tochter ist für immer gekappt, was er als Besitz betrachtete, beansprucht Unabhängigkeit. Und wird zum Abbild des Kolonialismus.


Zu Beginn des Films wird die Geschichte von Jauja erzählt, dem Land, wo Milch und Honig fließen, wo niemand arbeiten muss und alle glücklich sind. Allerdings ist jeder, der sich bisher auf die Suche danach machte, verschwunden. So ist die Suche des Hauptmanns nicht bloß der Versuch eines Vaters seine Tochter (für immer) zu beschützen/-sitzen, sondern steht prototypisch für jene Sehnsucht, das ewige Glück zu finden. Und darunter lässt sich trefflich leiden,

Mittwoch, 12. November 2014

Haruki Murakami: 1Q84

Haruki Murakami soll angeblich den Auftrag zur Heilung der japanischen Gesellschaft bekommen haben, von einem Psychologen namens Kawai Hayao, den er Mitte der 90er in den USA traf. Hayao stellte die Prämisse auf, dass der/die JapanerIn von heute ein sehr einsames Wesen habe und demzufolge auf der beständigen Suche nach einem/r ewigen BegleiterIn wäre.


Tengo und Aomame, so die Namen der beiden Einsamen, die durch das seltsame Jahr 1Q84 streifen, wo die japanische Version des Big Brother - nämlich: die Little People - das Sagen haben und Puppen aus Luft weben, so sie sich den Weg aus dem Inneren der Menschen ins Freie gekämpft haben. Darüber scheinen zwei Monde, einer sieht so aus wie gewohnt und verhält sich auch so, der andere wie der missgestaltete Zwillingsbruder unseres gewohnten, bohnenförmig und grünlich gefärbt. Zwei Geschichten der Einsamkeit also, die Aomames, der kleinen Erbse, Serienkillerin und Tochter von unbeugsamen Zeugen Jehowas, und die von Tengo, Ex-Athlet, Ex-Mathematik-Genie und Möchtegern-Schriftsteller, Sohn eines Telekomgebühreneintreibers, der von seiner Frau betrogen und verlassen wurde und Tengo keine Liebe geben konnte oder wollte. Die Sünden der Vorgängergeneration kommen auf die Kinder nieder: Tengo und Aomame, beide um die Elternliebe betrogen, versehrte Seelen, suchen nach dem, was fehlt - und während der Zeit, wo der Mond seinen missgestalteten Bruder findet, entsinnen sie sich ihrer Vergangenheit, wo sie den einen magischen Moment erlebten und sich vollständig fühlten, als sie sich als Zehnjährige einen kurzen Moment lang an den Händen nahmen.


Abwechselnd entrollt Murakami die beiden Geschichten mit präzisen, knappen Strichen, entwickelt eine obskure Mischung, zwischen an europäischer Literaturgeschichte ausgerichteter Motivik, quer gelesen mit Elementen des amerikanischen Thrillers, bebildert aus dem poppigen Fundus japanischer Mangas. Was zur Folge hat, dass die Figuren wie hinein geworfen wirken, in eine verrissene Realität und damit die Figuren umso verlorener: Es wird gearbeitet, geredet, gegessen, geschwitzt und viel gevögelt - aber zurück bleibt der Eindruck einer merkwürdigen Unbeteiligt- und Distanziertheit. So als würden nicht sie die Geschichte erleben, sondern wären die Betrachter ihrer selbst und Murakami würde ihnen eine Gute-Nacht-Geschichte erzählen, wo am Schluss natürlich alles gut werden muss.

Nur, nachdem sie zu Ende ist, liegen sie nach wie vor allein in ihrem Bett und das Mondlicht scheint durchs Fenster und es ist unklar, ob es ein oder zwei Monde gibt und ob des Nächtens nicht doch ein paar Little People eine Puppe aus Luft zu weben beginnen.



Samstag, 8. November 2014

Leviafan - Allmacht und Besinnungslosigkeit

Wenn am Ende der Bagger das Holzhaus von Kolya (Aleksey Serebryakov) dem Erdboden gleich macht, jenes Haus, wo seine Familie seit Generationen lebte und um das er bis zur Besinnungslosigkeit kämpfte, so scheint es fast so, als ob das Ungeheuer selbst dem Meer entstiegen wäre, um die letzten Spuren Kolyas - und also der Menschheit - zu tilgen.


Die in epischer Breite erzählte Geschichte von Andrey Zvyagintsevs ist eingerahmt von zwei Sequenzen, wo die unbändige und brodelnde Substanz des Planeten ins Bild gesetzt wird, archaische, unberührt scheinende Landschaften, tosende Brandung, gewaltige Felsformationen, ein Himmel, der keinen Anfang und kein Ende kennt, unterlegt mit minimal variierten Streicher-Akkorden (Philip Glass): Die Natur in ihrer ewigen Unermesslichkeit. Mit einem unmerklichen Schwenk rücken Überreste menschlicher Zivilisation ins Bild, die Gerippe gestrandeter Schiffe, ähnlich wie das Skelett eines Wals gemahnen sie an die Vergänglichkeit alles Lebendigen.


Zvyagintsev nimmt sich Zeit. Und Raum. Der Mythos des Leviathan wird durchbuchstabiert - und Kolya zum ungläubigen Hiob erklärt. Denn auch die religiösen Vertreter scheinen sich gegen ihn verschworen zu haben, in diesem russischen Dorf an der Barentssee, dem sprichwörtlichen Ende der Welt, wo sich der korrupte Bürgermeister vom Popen beraten und auch die Beichte abnehmen lässt, wo Recht mittels Anklage gesprochen und die Verteidigung abgewiesen und schlussendlich mit blutiger Nase zurück in die Hauptstadt, ins ferne Moskau, geschickt wird. Moskau entspricht strukturell in etwa Gott: Was zählt, ist die Vertretung vor Ort, die bestimmt, was wahr ist und was falsch, das Individuum hat sich den Richtsprüchen zu beugen - um das zu ertragen, wird literweise Wodka konsumiert. Die einzige Ausflucht liegt in der Besinnungslosigkeit.

Donnerstag, 6. November 2014

Politisches Desinteresse als Gefahr für Medien und Demokratie oder warum es ein Krokodil braucht

Der VÖZ und Karlheinz Kopf, Zweiter Präsident des Nationalrats, luden heute Vormittag zur Matinee Politisches Desinteresse als Gefahr für Medien und Demokratie? Warum dem Titel ein Fragezeichen nachgestellt wurde, erschloss sich mir nicht ganz, da einhellig die Meinung vertreten wurde, dass es sich um eine solche handelte. Also Gefahr. Und eigentlich: Im Verzug. Weil, wie Prof. Wolfgang Donsbach von der TU Dresden ausführte: Medien wären dafür da, eine freie und öffentliche Meinungsbildung zu ermöglichen. Die Medienkrise (Boulevardisierung, Konvergenz) führe allerdings dazu, dass sich die Medien in ihrer unabhängigen Berichterstattung mehr und mehr bedroht sehen. Darüber hinaus führe der Wertewandel dazu, dass Politik einen immer geringeren Stellenwert im persönlichen Wertekanon einnehmen würde und zwar in Abhängigkeit der jeweiligen sozialen Zugehörigkeit. Womit das ödipale Dreieck der Medienpolitik hinreichend dargestellt wäre: Politik - Medien - Öffentlichkeit. Jede der Säulen benötigt die jeweiligen zwei anderen und hegt eigene Interessen, die von anderer Seite instrumentalisiert werden (können).

Ebenso der gleichen Meinung war man in der Einschätzung der Situation mit Fred Sinowatz: Es ist alles sehr kompliziert. Und zwar ob des Ineinandergreifens der Wirkungsräume der Beteiligten. Karlheinz Kopf brachte es auf den simplen Nenner: Politik und Medien sitzen in einem Boot (Ich frage mich: Wo ist die Öffentlichkeit in diesem Bild? Das Wasser, worauf Politik und Medien schwimmen oder blinder - und also ohnmächtiger - Passagier?). Das war wiederum ein Satz, der unwidersprochen blieb und seine Wiederholungen fand. Beispielsweise vom oben erwähnten Prof. Donsbach, der an Karlheinz Kopf anknüpfend anmerkte, dass damit das Wesentliche gesagt sei. Das stimmt, sofern man außer Acht lässt, dass es mit dem im Boot sitzen allein noch nicht getan ist, sondern es vielmehr darauf ankommt, ob die Ruderer sich imstande fühlen, in die selbe Richtung zu rudern. Was den Richtungsentscheid anging, also wohin das Boot denn fahren soll, konnte keine eindeutige Antwort gegeben werden, da weder eine richtungsweisende Person aus dem Bildungsministerium noch eine hinsichtlich Medienpolitik anwesend war. Das war schade.

Stattdessen fand die Familienministerin den Weg aufs Podium (warum auch immer), konstatierte eine Phase des medialen Umbruchs, wo das Vertrauen in Politik und Medien schwinde, weshalb angeraten sei, ein Fach Medienkompetenz im Pflichtschulbereich zu installieren (politische Bildung ist offenbar nicht so dringlich)... Man gab sich generös und widersprach dem ministeriellen Machtwort nicht direkt, sondern eher indirekt, indem etwa Andreas Koller von den Salzburger Nachrichten anmerkte, dass die demokratische Entwicklung, die Förderung demokratischer Kultur in Österreich bei der Politik nur auf Desinteresse stoße. Was sich beispielsweise an der Absenz des Medienministers bei dieser Veranstaltung oder bei den Medientagen zeige, wohingegen bei der Zehnjahresfeier eines Boulevardblattes sieben Minister anwesend sind. Einschließlich des Medienministers. Vor diesem Hintergrund verwies Andreas Koller dann noch kurz auf die Demokratieförderung via Inseratenpolitik. Mir standen die Tränen in den Augen, ich war gerührt.


Den würdigen Schlusspunkt setzte Robert Stachel von den umtriebigen Mediensatirikern Maschek, dem offensichtlich (und durchaus passend) die Rolle des Podiumkrokodils zugewiesen wurde, indem er darauf hinwies, dass es doch bezeichnend sei, dass, wenn ein Problem dargestellt und erörtert werde, die besprochene Generation selbst nicht vertreten ist. Weder am Podium. Noch im Publikum. Würde es uns nicht auch verdrossen machen, wenn dauernd über unsere Köpfe hinweg über uns verhandelt werden würde?  


Mittwoch, 5. November 2014

Concerning Violence


Ein schwedisches Missionspaar beim Interview, im Hintergrund graben eine Hand voll Tansanier am Fundament für ein Kirche, die die beiden beauftragt haben. Es ist heiß, die beiden wirken sauber und adrett. Sie werden gefragt, welche Religion die Leute hier früher hatten, sie antworten etwas befremdet, unsicher, afrikanische, welche Auswirkungen die Mission auf die Familienstrukturen habe, die Polygamie hätte verboten werden müssen, wo denn in der Bibel stehe, dass diese verboten sei, ob dieses Verbot nicht bloß ein europäisches sei? Unbehagen schreibt sich in die Gesichter, Ratlosigkeit. Der Interviewer fragt, ob es wahr sei, dass vor Schule und Krankenhaus hier ein Kirche gebaut werde, die Gesichter hellen sich auf, ja, das sei dringlicher.

Göran Hugo Olsson unternimmt einen Versuch über die Verdammten der Erde (The Wretched of the Earth) nach Frantz Fanon, entlang von Auszügen aus dessen Kolonialismustheorie, die er - schon todkrank - seiner Frau diktierte, atemlos und getrieben, wissend, um sein baldiges Ableben. Lauryn Hill skandiert diesen Text, der sich gleichzeitig in weißer Serifenschrift über die Bilder legt - sie gleichsam beherrscht, Bilder, die Olsson aus Material von 1966-84 gesampelt hat, neun-strophig: Nine Scenes from the Anti-Imperialistic Self-Defense.

Dekolonialisierung bedeutet zuallererst den Kolonialismus verstehen: colonialism is not a thinking machine, nor a body endowed with reasoning faculties. It is violence in its natural state, and it will only yield when confronted with greater violence. Olssons Panoptikum folgt der Spur der Gewalt: Wie in Apocalypse Now fegen Hubschrauber über die Savanne, unten fliehen Kühe halb verrückt vor Angst, kurze Feuerstöße aus automatischen Waffen lassen sie abrupt zusammen brechen. Es folgt eine Großaufnahme auf die vertrauensseligen, toten Augen der Kühe, Blut quillt aus den Nasenlöchern. Die Befreiung Angolas in den späten Siebzigern, der Unabhängigkeitskrieg in Guinea Bissau, Szenen aus Rhodesien, ein Streik in Liberia, die Freiheitskämpfer in Mozambique, schließlich der afrikanische Che Guevara, Thomas Sankara, in Burkina Faso - wo eben ein weiteres Kapitel geschrieben wird. Nach 27 Jahren  Herrschaft wurde Blaise Compaoré aus dem Land gejagt. Compaoré war derjenige, der mit Hilfe der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich und den USA den Revolutionär Sankara ermorden ließ und seither als Statthalter für die westlichen Machtansprüche fungierte. Und da er nicht vom Militär geputscht wurde, ist gar vom Printemps noir die Rede. Sollte sich Dekolonialisierung im 21. Jahrhundert tatsächlich weniger blutig schreiben lassen, sollte es wirklich möglich sein, die ewigen alten Männer, also jene, die nach den Kolonialherren ihr Amt antraten und ihre Regimes seither mit Zähnen und Klauen verteidigten, so wie sie es von ihren ehemaligen Herren lernten, dass diese alten Männer ohne großes Schlachten vertrieben werden können?


Decolonisation, which sets out to change the order of the world, is, obviously, a programme of complete disorder. Dass dieses Chaos nicht ausschließlich negativ konnotiert werden muss - auch dafür findet Olsson die passenden Bilder. Er zeigt Frauen im Soldatendrillich, die völlig gleich berechtigt in der Frelimo (Mozambikanische Befreiungsfront) kämpfen, zeigt eine Frau, die einen Arm verlor und ihr Baby, dem ein Bein abgetrennt wurde. Sie nimmt es an die Brust und stillt es. Mutter Afrika wird weiter leben, ganz gleich was ihr angetan wird.

Donnerstag, 30. Oktober 2014

Our Terrible Country

This wasn't the film I was looking for, sagte ein Mann am Pissoir im Künstlerhaus-Kino nach dem Ende von Mohammad Ali Attassis Dokumentarfilm über Yassin Al Haj Salehs Flucht aus Douma, einer von Free Syria befreiten Stadt in die Saleh mit seiner Frau Samira von Damaskus aus gegangen war, während im Kino sich Ali Attassi noch den Fragen des Publikums stellte. Ich weiß nicht, ob ihn jemand darauf ansprach, dass man sich des Eindrucks schwer erwehren konnte, dass er als Regisseur mindestens ebenso große Bewunderung für Saleh, den Doctor of the Revolution, erkennen ließ wie Ziad Homsi, der junge Fotograf, der Saleh auf seiner Flucht begleitete. Und damit die Grenze überschritten schien - und die Dokumentation zum bebilderten Manifest für Saleh verkam. Nein, das war auch nicht der Film, den ich sehen wollte.


Umso erstaunlicher, dass der Film in Marseille, den Grand Prix De La Compétition Internationale gewann - ich tue mir schwer, das nicht als Abbitte zu lesen, als verqueren symbolischen Akt (des intellektuellen) Europas gegenüber dem im Stich gelassenen Syrien. Und also dem Syrien, das Europa unterstützt sehen will, hier in Gestalt Yassin Al Haj Salehs, einem Intellektuellen und Dissidenten, der, nachdem er vom Assad-Regime 16 Jahre eingesperrt wurde, die Erlöserfigur gibt. Wie die Erlösung aussehen soll, bleibt unklar. Saleh flüchtet sich ins Symbolische, spricht etwa davon, dass er in Douma erlebt habe, wie eine ganze Gesellschaft Opfer von Folter geworden wäre, dass er (!) - nachdem er in die Türkei geflohen war - am meisten darunter leide, dass seine Frau nach wie vor in Douma wäre und ungewiss sei, ob sie fliehen könne. Warum er sie zurück ließ, wird nicht thematisiert. Als er schließlich vernimmt, dass seine Frau von der ISIS verschleppt wurde, wird sie zu einem weiteren Opfer, das Saleh erbringt.

Es ist ein Männer-zentrierter Film, der sich seiner Männer-Zentriertheit nicht bewusst wird. Im Gegenteil: In Aussicht stellt, dass diese Männer-Zentriertheit zum universalen Gesetz erklärt wird und also ein Männerbund durch den anderen abgelöst werden soll. Womit (unabsichtlich?) das Drama Syriens auf den Punkt gebracht wird.

Mittwoch, 29. Oktober 2014

Art and Craft - die Geschichte eines Weißen Wals


Mark Landis, ein schmaler, etwas gebückt gehender Mann, zurückhaltend, leise, kein Mensch, der sich in den Vordergrund drängt, Aufmerksamkeit erregen will (und nicht nur optisch erinnert er mich an Klaus Johannes Wolf). Seine Wohnung voll geräumt mit Bildbänden und Ausstellungskatalogen, Zeichen- und Malutensilien, Rahmen, ein Fernseher ohne Ton, wo unablässig Schwarz-Weiß-Filme laufen. Ein rotes, im Vergleich zu Landis riesenhaftes Fauteuil, direkt darüber ein imposantes Porträt seines Vaters, die Ähnlichkeit ist unübersehbar, ebenso die Differenz. Wie Tag und Nacht. Wenn er malt, ist er hoch konzentriert. Mit unfassbarer Geschwindigkeit flippt er das Blatt, das auf der Abbildung des Originals liegt, hin und her, um eine Kopie anzufertigen, mit schnellen Strichen, ohne Zögern werden die Umrisse übertragen, kurz mit dem Daumen gewischt... Er würde nie länger brauchen als zwei Stunden, um so ein Bild anzufertigen, merkt er irgendwann an. Er spricht langsam, überlegt, mit langen Pausen. So als müsste er über das nachdenken, was er eben sagte. Versucht zu konkretisieren, manchmal werden kurze Geschichten eingefügt - Sprache, so scheint es, ist ein unzureichendes Instrument, um etwas abzubilden.

Mehr als 50 Museen in 20 Bundesstaaten spendete Landis eines seiner Bilder - und keinem Verantwortlichen fiel es auf. Er hätte den soft spot getroffen, führt ein Kurator aus, da kommt jemand ins Museum, mitunter mit Priesterkragen, erzählt, er hätte eine Erbschaft, ein Bild, das schon seit langem in Familienbesitz sei und er denke, dass es gut wäre, wenn es der Allgemeinheit zugänglich wäre - wer würde da übertrieben misstrauisch sein? Eben.

Und warum das alles? Geld? Nachdem er weder Geld verlangte, noch die Bilder steuerlich als Spenden abschrieb, gibt es kein ökonomisches Motiv. Ruhm? Da er immer im Hintergrund blieb und nie als reicher Spender öffentlich auftrat, ebenfalls auszuschließen. Rache, weil verkannt? Wenn Landis von seinen Versuchen an Kunstuniversitäten erzählt, ist ersichtlich, dass der akademische Zugang zu Kunst ihm gänzlich fremd blieb. Was ihn interessierte, war das Handwerk. Selbst befragt, führt er einigermaßen erratisch aus, dass er eine Sucht nach dem Respekt, der ihm situationsgemäß erwiesen wurde, entwickelt hätte. Hilfreich vielleicht der biographische Hinweis: Sein erstes Bild spendete er nach dem Tod seines Vaters, zum Gedenken an ihn. Seine Mutter, bei der er damals schon wohnte, war schwer beeindruckt.

Aufgedeckt wurde die Geschichte schließlich durch Matthew Leininger, 2008, Archivar im Oklahoma City Museum, dem Landis ebenfalls ein Bild spendete und wo Leininger das Bild als Fälschung verifizierte. Und wie die erste Spende Landis dazu brachte, daraus eine Sucht zu entwickeln, verbiss sich Leininger in die Suche nach Landis-Fälschungen in den USA. Was schließlich dazu führte, dass das Oklahoma City Museum ihn entließ, nachdem ihm verboten (!) wurde weitere Landis-Nachforschungen im Rahmen der Arbeit zu betreiben und Leininger sich offenbar nicht daran hielt (halten konnte?). Und vor meinem geistigen Auge pflügt ein weißer Wal durchs Meer und ein einbeiniger Captain Ahab, fest an ihn geschnürt, schreit nach Rache. (He piled upon the whale's white hump the sum of all the general rage and hate felt by his whole race from Adam down; and then, as if his chest had been a mortar, he burst his hot heart's shell upon it.)

Leininger, ein typischer Vertreter der weißen amerikanischen Mittelschicht im Mittelwesten. Ein nettes Haus in der Vorstadt, Kleinfamilie mit Hund. Ein Mann der Gut und Böse trennen kann, dessen Ordnungsgefüge auf Grund Landis durch einander kam. Weshalb er ihn zur Strecke bringen muss. Für Gott und Vaterland. Wo Landis - wahrscheinlich - Verständnis (und hierin ein Geistesverwandter von Klaus Johannes Wolf) sucht, ist von Leininger nur Unerbittlichkeit (Ahab) zu bekommen.

Als sich die beiden zu guter Letzt bei einer Ausstellung von Landis' Werken mit dem Titel Faux Real an der Universität Cincinnati nach fünf Jahren das erste Mal von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen, sie einander vorgestellt werden, Leininger, gehetzt, irgendwie Erlösung erhofft, von Landis fordert, dass er mit der Fälscherei aufhören möge, die Aufregung sich in Leiningers Gesicht schreibt und man meint, seinen Angstschweiß im Kino zu riechen und Landis, ruhig, beinahe heiter, anmerkt, Nice to meet you, well, I didn't read your Emails, not one of it, because I thougt that they are simply bad news - wird klar: Der weiße Wal hat seinen Ahab noch nicht gefunden.

Dienstag, 28. Oktober 2014

A Girl Walks Home Alone at Night: Warst Du auch bestimmt kein böser Junge?


Ein Bastard aus frühem Jim Jarmusch und David Lynch, gemixt mit Graphic-Novel-Charme und Vampir-Story - Ana Lily Amirpour situiert ihre 50er-Jahre Liebes-Schnulze A Girl Walks Home Alone at Night in einer Stadt namens, Bad City, ein Ort, der nichts Gutes zulässt, auch wenn man hoffnungslos romantisch ist. Manche wissen das von vornherein, andere müssen es erst lernen. Zumal, wenn man Frau ist. Bis zu dem Moment, wo plötzlich ein Mädchen erscheint, in schwarzem Cape und mit unschuldigem Blick - und die bösen Männer bezahlen lässt. Mit Blut.

Und: Welche Rolle hat Masuka?

Montag, 27. Oktober 2014

Der Unfertige - ein Mensch, wie wir alle


Ein Bett, darauf ein schmaler, nackter Mann in Ketten. Lederriemen um Hals und Fuß- und Handgelenke. Würdest Du Dich kurz vorstellen, fragt es aus dem Off. Der Angesprochene blickt direkt in die Kamera, weder Scham noch Provokation im Blick, sondern Besonnenheit. ODW-Gay, oder Gollum, oder Klaus, 60 Jahre alt, schwul, Sklave. Es sind diese Augen, wohin die Kamera am Ende zurück kehren muss, nachdem sie uns unaufdringlich und distanziert durch Klaus' Leben führt - vielmehr: geleitet wird. Alltag wie Kochen und Rasieren steht neben Erzählungen über seine Kindheit im Dritten Reich, einem Wochenende im Sklavencamp und dem wöchentlichen Besuch bei einem Bekannten, wo er nackt putzt, ein paar Schläge kriegt und seinen Herrn zu guter Letzt oral befriedigt. Sie verabschieden sich freundlich und wünschen sich eine schöne Woche. Eine Szene, die sich beinahe genau so abspielt, wenn Klaus das Camp verlässt. Pass auf Dich auf. Am Ende, wenn Jan Soldat von seiner Reise an den Anfang zurück kehrt, eröffnet Klaus: Es geht mir nicht darum, Zärtlichkeit in anderen Männern zu finden. Das, was ich suche, ist Verständnis.

Im anschließenden Publikumsgespräch wird Klaus Johannes Wolf (so der vollständige Name) dann erzählen, dass der Film ihrer beider Projekt gewesen sei, also seines und das von Jan Soldat. Ersterer, um sich mittels Offenbarung ein Stück weit fertiger zu erleben, zweiterer, um der Welt und dem Leben ein Stück hinzu zu fügen und sich selbige deshalb für uns einen Moment lang fertiger anfühlen kann. Wofür ihnen zu danken ist. Ihnen beiden. Von ganzem Herzen.