Montag, 22. November 2010

andrea morgenthaler: rest in peace

was sind das für menschen, deren arbeitsinhalt die wortwörtliche substanz des todes - die leichen - sind? die dokumentarfilmerin andrea morgenthaler begibt sich rund um den globus auf spurensuche: so zeigt sie in der ersten von acht episoden einen bestatter in harlem, der dem tod seinen schrecken nimmt, indem er den leichen jede erinnerung an den tod austreibt und sie nach allen regeln der kunst wie friedlich entschlafene, direkt im himmel gelandete und also glückliche personen arrangiert. folgerichtig ist das zentrale element dieser episode die dankeshymne eines um seine gattin trauernden an den leibhaftigen, endend im tränenüberströmten exaltierten "amen".

schon am beispiel des bestatters wird klar, dass für den umgang mit den toten der jeweilige funktionale hintergrund ausschlaggebend ist, der den arbeitenden die struktur vorgibt, in welcher erklärungskontexte für das phänomen tod geliefert werden. wo der bestatter notwendigerweise den fokus auf das aussehen der toten legt, referenziert der kriminalbiologe auf die funktion des todes im artentechnischen miteinander und füreinander: als forensischer entomologe bestimmt er an hand von larven und insekten in und an leichen den todeszeitpunkt und die todesumstände. der tod und das altern von säugetieren und also menschen sind eine notwendige maßnahme der natur, um das fortbestehen wie auch die weiterentwicklung der arten zu gewährleisten (da hat jemand seinen dawkins ausführlichst gelesen...).

morgenthaler interessiert sich offensichtlich genau für diese diametral entgegen gesetzten zugänge und interpretationen: der ökologisch inspirierten schwedin, die sich für eine wortwörliche transkription des "soil to soil" stark macht, wird die nepalesische feuerbestattung gegenüber gestellt, mit der sich der/die verstorbene einen unmittelbaren zugang ins paradies erkaufen kann. dem ansatz, dass der leichnam nach wie vor ein quasi unerschöpfliches reservoir an ersatzteilen birgt, wird die kryonik entgegen gesetzt, also die idee, leichen einzufrieren, um sie zu einem zeitpunkt wieder aufzutauen, wo die medizintechnologie soweit fort geschritten ist, dass die bis dahin unheilbaren krankheiten kuriert werden können.

es ist eine zweifellos interessante reise, die morgenthaler unternimmt. recht beiläufig - unaufdringlich - schweift die kamera, über die objekte und also leichen. sie verwehrt nichts, verfällt aber auch keiner sensationslüsternheit. die großaufnahmen sind zumeist den protagonisten gewidmet, die in großer selbstverständlichkeit berichten. und jede dieser selbstverständlichkeiten hat ihre eigene logik. so wie das leben.

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