Samstag, 28. August 2010

richard obermayr: das fenster. roman.


(c) ursula röck



"die kugel dringt von einem leben in ein nächstes wie ein still weitergereichtes pfand. um es einzulösen, bin ich aufgebrochen." es ist ein verzweifeltes unterfangen, eines, das verzweifeln lässt an raum und zeit - oder aber: zweifeln lässt an der prinzipiellen möglichkeit zu erinnern. vielmehr etabliert erinnerung möglichkeitsszenarien, tableaus, die ihr eigenleben entfalten, unabhängig von ihrer realisierung. folgerichtig funktioniert das fenster wie ein gemälde. richard obermayr malt mit worten, portraitiert die vergangenheit aus der erinnerung: farben werden aufgetragen, szenen angedeutet, themen variiert, verknüpft, geben den metaphernraum der durchdekliniert werden muss.


"die patrone im lauf des gewehrs, die kugeln in der trommel des revolvers, der schrei im hals eines vogels, sie stecken zwischen zwei sekunden wie ein sandkorn im schmalen sund des glases einer sanduhr fest. aus seiner hand bricht die zeit los, und sie zielt auf mich, und was sich eben noch gegen jede bewegung behauptete, fällt nun hintereinander geordnet in das leben, und der schuss sprengt ihnen den raum frei, in dem diese ganze welt platz findet, und all diese stunden, die neben mir her vergangen waren, ohne ihre bestimmung gefunden zu haben, schlüpfen wie entpuppt, ordnen sich hintereinander an zu einem verwunschenen, langen weg, der mich am fluss entlang und durch eine allee und den garten zum haus führt, mich durch die tür treten und einen dunklen korridor entlanggehen lässt." der schuss als zentrales organisationsprinzip des erinnerungsraums hallt durch den text und gibt ihm, als das immer schon passierte, eine beinahe tödliche logik: immer wieder verfängt sich die erinnerung im haus seiner kindheit, dort wo die zeit aufhört zu existieren (dort, wo "der tag die zeit verträumt") und der schuss als bloße möglichkeit im raum steht. in scheinbar endlosen variationen von szenen und alltäglichkeiten rund um mutter, vater und kindheit erweist sich zeit als unbrauchbare kategorie in sachen erinnerung, da sie nur den raum für tatsächlich erlebte ereignisse abbildet, aber den möglichkeitsraum ausblendet.


"ich wünschte, ich könnte einfach erzählen, wie sich alles zugetragen hat, auch wenn das bedeutete, so zu tun, als würden ereignisse plötzlich in die taghelle wirklichkeit tauchen, nicht anders als stiere aus dem dunkel der katakomben in die arena stürmen, als habe die geschichte tatsächlich geduldig darauf gewartet, dass wir platz nehmen, ehe sie sich vor unseren augen ereignet." was muss erzählt werden, um ereignisse im rahmen einer geschichte wirklich werden lassen zu können? wie viel mehr und darüber hinaus? wo und wann beginnt die geschichte - und vor allem: wie? in der nachschrift heißt es, dass obermayr beim nachdenken über den beginn der geschichte ein bub in den sinn kam, den er im wartesaal eines bahnhofs beim zeichnen beobachtete. und während der bub zeichnet, scheinen in der zeichnung schon erinnerungen durch, nehmen gestalt an, entwickeln eigenleben - der bub gerät zur allgegenwärtigen mutter: "wer hat denn hier nicht aufgeräumt? ich tippte mit dem finger auf die zeichnung; dem elefanten fehlt der schweif. den dürfe ich zeichnen, und ich nahm den stift auf und fügt ihn hinzu und kam mir wie ein könig vor, der das vom beauftragten schreiber gesetzte signum eigenhändig durch einen strich vervollständigt und damit die rechtsgültigkeit der urkunde bekräftigt, der schweif, der den elefanten beglaubigt und in die wirklichkeit entlässt."


anfang? ende? wirklichkeit? was für ein buch!



Montag, 23. August 2010

riegler und neugebauer: es turbolenzt

riegler: stöh da vua - ausgrechnet in da kronen-zeitung hat da faymann de lehrerarbeitszeit wieda anzunden!
neugebauer: linka hund.
riegler: i reg mi jo nimma auf, hob i gsogt, drum hob i da eva gsogt: reg du di auf...
neugebauer: und?
riegler: sie hot turboliert...

Samstag, 14. August 2010

schleifmühlgassenspaziergang

eine verlassene kohlenmine im äußersten norden gibt das setting für ville lenkkeris the place of no road (galerie momentum) - neben aufnahmen von bizarren arktischen durch den bergbau devastierten landschaften, portraitiert lenkkeri die kleine gemeinschaft der übrig gebliebenen, die mindestens ebenso musealisiert wirken wie eisbären.

(c) ville lenkkeri


valentin ruhry installiert bei christine könig new port beach - ausgehend von einem schnappschuss, ein paar am strand, entwickelt ruhry eine ode ans licht - gegenüber installiert er eine lichtwelle aus leuchstoffröhren...

(c) valentin ruhry

muntean/rosenblum verwenden schematische arrangements um selbigen mittels textzitaten - ob collagiert oder selbst verfasst - einen weiteren deutungsraum zu geben (galerie georg kargl).

(c) bruckner



Samstag, 7. August 2010

honkytonk men

es war ein zufall, dass ich eben erst scott coopers debüt crazy heart sah, wo jeff bridges die verlebte country-legende gibt - und dann im 3sat auf grund des 80ers von clint eastwood, ihn und seinen sohn kyle in honkytonk man, auf der finalen reise nach nashville.

(c) lorey sebastian

einsame helden werden hier verhandelt: und jeff bridges als bad blake rettet den film davor in der kitschigkeit zu versinken (neben dem ausgesucht guten soundtrack von t bone burnett!) - es ist ein unaufgeregter film, ohne großes drama. der abgehalfterte country-star auf seiner tournee durch den süden der USA, die ihn in die spare-rooms von bowlinghallen und kleinen bars (in den 30ern hätte man sie honkytonks genannt...) führt, wo er sich mühsam aus seinem alten pick-up kämpft, die hose offen, die zigarette zwischen den lippen, staub und grelles licht - er beugt sich zurück in den wagen, um den plastikkanister auszuleeren, wohin er während der fahrt sein geschäft hinein verrichtet hat. in kurzen knappen sequenzen zeigt uns cooper einen mann am ende seines weges, der ihm zu viel whisky, zu viele zigaretten und zu viel junk food bescherte. so weit, so bekannt - um so mehr, als die bekanntschaft mit einer journalistin den alten haudrauf dann auch noch dazu bringt, clean zu werden - demnach genügend untiefen um im sentiment zu ersaufen oder aber den lonesome cowboy einmal mehr in den sonnenuntergang zu entlassen - cooper bzw. bridges bewahren uns davor, dafür sei ihnen ganz herzlich gedankt - und auf den refrain des größten erfolgs von bad blakes karriere verwiesen: "funny how falling feels like flying... for a little while", den er auch zusammen mit seinem einstigen schützling tommy sweet (colin farrell) singt und damit ein subthema des films adressiert, tradition vs. moderne oder honkytonk-music vs. stadion-rock.


coopers film ist demnach schon lange dort angekommen, wohin eastwoods honkytonk-man den weg weist - zum plastik-country nashvilles. eastwoods held, red stovall, ist auf seiner letzten reise, ist also dort angelangt, wohin bad blakes weg unweigerlich geführt hätte, wäre ihm die journalistin nicht in die quere gekommen. und auch stovall ist seiner journalistin einmal über den weg gelaufen, wie er seinem neffen whit erzählt, damals in kalifornien - aber er ist ihr davon gelaufen und hat sich sinnlos betrunken - und so blieb er ein honkytonk man...


"i've never seen you look quite so sad
i've never felt me feel quite so bad
and i know we both feel that we habe been had
well, i gueess we were just not that strong
so i lost my woman and you lost your man
and who knows who's right and who's wrong
but i've got my guitar and i've got a plan
throw your arms around this honkytonk man."

so heißt's im titelsong von marty robbins - und es gehört zu den besten szenen, wenn clint eastwood als red stovall im studio versucht, diesen song einzuspielen und dabei beinahe verreckt...