
(c) ursula röck
"die kugel dringt von einem leben in ein nächstes wie ein still weitergereichtes pfand. um es einzulösen, bin ich aufgebrochen." es ist ein verzweifeltes unterfangen, eines, das verzweifeln lässt an raum und zeit - oder aber: zweifeln lässt an der prinzipiellen möglichkeit zu erinnern. vielmehr etabliert erinnerung möglichkeitsszenarien, tableaus, die ihr eigenleben entfalten, unabhängig von ihrer realisierung. folgerichtig funktioniert das fenster wie ein gemälde. richard obermayr malt mit worten, portraitiert die vergangenheit aus der erinnerung: farben werden aufgetragen, szenen angedeutet, themen variiert, verknüpft, geben den metaphernraum der durchdekliniert werden muss.
"die patrone im lauf des gewehrs, die kugeln in der trommel des revolvers, der schrei im hals eines vogels, sie stecken zwischen zwei sekunden wie ein sandkorn im schmalen sund des glases einer sanduhr fest. aus seiner hand bricht die zeit los, und sie zielt auf mich, und was sich eben noch gegen jede bewegung behauptete, fällt nun hintereinander geordnet in das leben, und der schuss sprengt ihnen den raum frei, in dem diese ganze welt platz findet, und all diese stunden, die neben mir her vergangen waren, ohne ihre bestimmung gefunden zu haben, schlüpfen wie entpuppt, ordnen sich hintereinander an zu einem verwunschenen, langen weg, der mich am fluss entlang und durch eine allee und den garten zum haus führt, mich durch die tür treten und einen dunklen korridor entlanggehen lässt." der schuss als zentrales organisationsprinzip des erinnerungsraums hallt durch den text und gibt ihm, als das immer schon passierte, eine beinahe tödliche logik: immer wieder verfängt sich die erinnerung im haus seiner kindheit, dort wo die zeit aufhört zu existieren (dort, wo "der tag die zeit verträumt") und der schuss als bloße möglichkeit im raum steht. in scheinbar endlosen variationen von szenen und alltäglichkeiten rund um mutter, vater und kindheit erweist sich zeit als unbrauchbare kategorie in sachen erinnerung, da sie nur den raum für tatsächlich erlebte ereignisse abbildet, aber den möglichkeitsraum ausblendet.
"ich wünschte, ich könnte einfach erzählen, wie sich alles zugetragen hat, auch wenn das bedeutete, so zu tun, als würden ereignisse plötzlich in die taghelle wirklichkeit tauchen, nicht anders als stiere aus dem dunkel der katakomben in die arena stürmen, als habe die geschichte tatsächlich geduldig darauf gewartet, dass wir platz nehmen, ehe sie sich vor unseren augen ereignet." was muss erzählt werden, um ereignisse im rahmen einer geschichte wirklich werden lassen zu können? wie viel mehr und darüber hinaus? wo und wann beginnt die geschichte - und vor allem: wie? in der nachschrift heißt es, dass obermayr beim nachdenken über den beginn der geschichte ein bub in den sinn kam, den er im wartesaal eines bahnhofs beim zeichnen beobachtete. und während der bub zeichnet, scheinen in der zeichnung schon erinnerungen durch, nehmen gestalt an, entwickeln eigenleben - der bub gerät zur allgegenwärtigen mutter: "wer hat denn hier nicht aufgeräumt? ich tippte mit dem finger auf die zeichnung; dem elefanten fehlt der schweif. den dürfe ich zeichnen, und ich nahm den stift auf und fügt ihn hinzu und kam mir wie ein könig vor, der das vom beauftragten schreiber gesetzte signum eigenhändig durch einen strich vervollständigt und damit die rechtsgültigkeit der urkunde bekräftigt, der schweif, der den elefanten beglaubigt und in die wirklichkeit entlässt."
anfang? ende? wirklichkeit? was für ein buch!



