Montag, 29. November 2010

wolfgang lorenz gedenkpreis 2010 an josef ostermayer

als jurymitglied hatte ich das beispiellose vergnügen am wochenende die laudatio auf die österreichische bundesregierung zu halten, und zwar für das verabschieden eines ORF-gesetzes, das nicht nur eine beleidigung für alle gebührenzahlerInnen ist, sondern dem auf grund des lobbyierens des VÖZ auch noch die fuzo geopfert wurde.

stellvertretend für diese leider einmal mehr urösterreichische nichtlösung
wurde für den WOLO2010 der Staatssekretär für Medien Josef Ostermayer nominiert.

hier die abschrift der preisrede:

nachdem ich letztes jahr die ehre hatte, die laudatio für die ORF online direktion zu halten – scheint es mehr als folgerichtig dieses jahr den spieß umzudrehen und diejenigen zu nominieren, die die voraussetzungen dafür schufen, dass aus dem ORF das wurde, was jetzt noch am küniglberg und in 9 landesstudios zu finden ist:

eine elefantenherde mit passendem parteibuch, die entsprechenden elefantengünstlinge sowie deren parasiten und die gar nicht so rare spezies der albinos, residierend in büros mit schöner aussicht, ausgestattet ohne pouvoir und vouloir.

aber, es stellt sich die frage, wie konnte es bloß soweit kommen? wie konnte es dazu kommen, dass die zentralanstalt für österreichische identität zur informations- und kutlurkörperruine (copyright gerd bacher) verkam?

am anfang war das wort – und also die notwendigkeit der verfassung eines neuen ORF-gesetzes, damit – wie spö-klubchef josef cap in der nationalratsdebatte hervor hob – der ORF mittels refundierung der rundfunkgebühren sein struktur- und sparkonzept weiterführen und seine leitmedienfunktion noch erfolgreicher erfüllen kann. die neu installierte völlig weisungsfreie und unabhängige medienbehörde, soll dabei den zweckmäßigen einsatz der gebührengelder und den öffentlich-rechtlichen auftrag überwachen.

und damit behörde behördengerecht agieren kann, wurde schon in der ausschreibung sicher gestellt, dass sich nur juristinnen und juristen bewerben können. was bedeutet: der öffentl.-rechtl. auftrag soll von rein juristischem standpunkt aus überwacht werden.

womit wiederum klar gestellt wird, dass diese behörde ebenfalls nicht dafür sorgen wird, dass die vom rechnungshof bemängelte fehlende gesamtstrategie – die weder vom generaldirektor vorgelegt, noch vom stiftungsrat eingefordert wurde - erarbeitet wird. und außerdem dafür gesorgt ist, dass die neue behörde auch nicht jenes arbeitsfähige mit beschlusskompetenz ausgestattete aufsichtsgremium ist, das vom rechnungshof eingefordert wurde.

das heißt: der generaldirektor wird weiterhin an einen stiftungsrat berichten, der alleine schon auf grund seiner größe nicht seinen aufgaben nachkommen kann. oder haben wir etwa die aufgaben nicht richtig verstanden?

armin thurnher spitzte im falter die zentrale fragestellung hinsichtlich des zu erwartenden neuen ORF gesetzes schon 2009 dahingehend zu, dass es darum ginge zu entscheiden, ob der ORF zukünftig ein überzeugungs- oder ein verführungsmedium sein soll.

da jedes öffentlich-rechtliche medium seiner idee nach überzeugungsmedium ist, sollte sich diese frage allerdings gar nicht stellen. sollte. da sich der ORF zum überwiegenden teil aus werbung finanzieren muss, ist er gezwungen sich zu kommerzialisieren und damit – in direkter konsequenz – den öffentlich-rechtlichen auftrag zu gefährden. womit klar ist, warum dieser auftrag seine formulierung nur sehr vorsichtig erfährt: alleine auf grund der budgetierung wird der ORF als zwitterding zwischen überzeugungs- und verführungsmedium positioniert und also die einflussnahme der politik gesichert.

um sich die notwendige zustimmung zum zwitterding bei den politischen parteien und also interessensgruppen zu sichern, wurde das qualitativ hochwertigste internetangebot des ORF
– nämlich die futurezone – dem verband österreichischer zeitungsverleger, kurz VÖZ, geopfert.

für dieses beispiellos abgeschmackte verfahren ersuche ich um den wolo2010 für josef ostermayer.

Montag, 22. November 2010

andrea morgenthaler: rest in peace

was sind das für menschen, deren arbeitsinhalt die wortwörtliche substanz des todes - die leichen - sind? die dokumentarfilmerin andrea morgenthaler begibt sich rund um den globus auf spurensuche: so zeigt sie in der ersten von acht episoden einen bestatter in harlem, der dem tod seinen schrecken nimmt, indem er den leichen jede erinnerung an den tod austreibt und sie nach allen regeln der kunst wie friedlich entschlafene, direkt im himmel gelandete und also glückliche personen arrangiert. folgerichtig ist das zentrale element dieser episode die dankeshymne eines um seine gattin trauernden an den leibhaftigen, endend im tränenüberströmten exaltierten "amen".

schon am beispiel des bestatters wird klar, dass für den umgang mit den toten der jeweilige funktionale hintergrund ausschlaggebend ist, der den arbeitenden die struktur vorgibt, in welcher erklärungskontexte für das phänomen tod geliefert werden. wo der bestatter notwendigerweise den fokus auf das aussehen der toten legt, referenziert der kriminalbiologe auf die funktion des todes im artentechnischen miteinander und füreinander: als forensischer entomologe bestimmt er an hand von larven und insekten in und an leichen den todeszeitpunkt und die todesumstände. der tod und das altern von säugetieren und also menschen sind eine notwendige maßnahme der natur, um das fortbestehen wie auch die weiterentwicklung der arten zu gewährleisten (da hat jemand seinen dawkins ausführlichst gelesen...).

morgenthaler interessiert sich offensichtlich genau für diese diametral entgegen gesetzten zugänge und interpretationen: der ökologisch inspirierten schwedin, die sich für eine wortwörliche transkription des "soil to soil" stark macht, wird die nepalesische feuerbestattung gegenüber gestellt, mit der sich der/die verstorbene einen unmittelbaren zugang ins paradies erkaufen kann. dem ansatz, dass der leichnam nach wie vor ein quasi unerschöpfliches reservoir an ersatzteilen birgt, wird die kryonik entgegen gesetzt, also die idee, leichen einzufrieren, um sie zu einem zeitpunkt wieder aufzutauen, wo die medizintechnologie soweit fort geschritten ist, dass die bis dahin unheilbaren krankheiten kuriert werden können.

es ist eine zweifellos interessante reise, die morgenthaler unternimmt. recht beiläufig - unaufdringlich - schweift die kamera, über die objekte und also leichen. sie verwehrt nichts, verfällt aber auch keiner sensationslüsternheit. die großaufnahmen sind zumeist den protagonisten gewidmet, die in großer selbstverständlichkeit berichten. und jede dieser selbstverständlichkeiten hat ihre eigene logik. so wie das leben.

Sonntag, 7. November 2010

jonathan franzen: freiheit

(c) joe kohen/getty images

der begriff freiheit, seine symbolik und folgedessen funktion für das selbstverständnis der amerikanerinnen und amerikaner im späten 20. und im ersten jahrzehnt des 21. jahrhunderts ist der dreh- und angelpunkt für jonathan franzens roman und dient damit als scharnier zwischen politischem und privatem. das eine beeinflusst immer das andere - nichts und niemand ist jemals unpolitisch, nichts und niemand ist jemals privat.

exemplifiziert wird das konzept am großen familienroman - mehrmals wird auf tolstois krieg und frieden verwiesen: mit dem dreigestirn walter/patty/richard werden die prägenden charaktere eingeführt und an ihnen beziehungs- und also besitzverhältnisse durchexerziert. freedom's just another word for nothing left to lose, sang janis joplin in den späten 60ern - der hippieske zynismus verkommt im späten 20. jahrhundert zur option, um des eigenen begehrens willen sprichwörtlich alles zu zerstören: vom privaten familienglück über den umweltschutz bis zum amerikanischen feldzug im irak - hinter jeder ambition steht persönliches interesse.

so weit, so gut und ungeschminkt. allerdings verfolgt franzen auch ein therapeutisches ansinnen: amerika verlangt nach genesung - zu tief sind die wunden von 9/11 und zweier bush-administrationen. die möglichkeit zur ver/besserung muss eingerichtet werden, weshalb das ende des romans beinahe in der versöhnungsdramaturgie zu verklumpen droht. oder es auch tut... hollywood schießt es einem wie mir dann durch den kopf - jetzt hat hollywood also auch die literatur erreicht.

Donnerstag, 4. November 2010

viennale: red shirley

(c) viennale

einer (wenn nicht der höhepunkt) der viennale, fand gestern im gartenbaukino seine aufführung: der viennale direktor hans hurch durfte lou reed begrüßen und seinen film red shirley aufführen.

im grunde ein kleines, feines stück oral history, das lou reed mit dem interview seiner inzwischen 102-jährigen cousine shirley einfängt. was jetzt noch nicht die große kunst wäre, da man einer geschichte wie derjenigen von shirley schon alleine aus verblüffung über all die wendungen schon gespannt folgen würde: geboren in polen, WK I erlebt ebendort, 1928 emigriert - 19-jährig, allein, bewaffnet mit zwei koffern und keinem wort englisch - nach kanada, das dann als zu provinziell erlebt wurde, weswegen sie illegal weiter nach new york reiste, dort als näherin in der textilbranche fuß fasste (u.a. ein kleid für liza minelli fertigte) und schließlich innerhalb der italienischen gewerkschaft den widerstand anführte... allerdings beweist reed herz und humor, wenn er bei details kurz nachfragt, anmerkt, dass das jetzt wohl nicht ihr ernst sein kann (cheating?), er zeigt, dass es ihm vielmehr um die person geht, als um die geschichte. was jetzt wohl einige kritiker vermessen finden, denn das wäre ja schließlich die voraussetzung für dokumentarfilmer. man bekommt allerdings den eindruck, dass lou reed seinen film so auch nicht verstanden wissen will. red shirley soll bestimmt keine doku im herkömmlichen sinn sein, es ist eine liebeserklärung an eine bemerkenswerte frau.

das anschließende publikumsgespräch mit hans hurch und edek bartz (warum auch immer der mensch da teilnahm...) war dann mitunter durchaus lustig anzuhören. hurch erschöpfte sich in technischen details, bartz versuchte es über die geschichte - reeds antworten gerieten in der mehrzahl knapp. nachdem er die nase davon voll hatte, leitete er kurzerhand zu den publikumsfragen über - maybe we should end our little talk here, die allerdings jetzt auch nicht zu sehr viel ausführlicheren statements geführt hätten. nunja, mr. reed scheint nicht der mann der großen worte, allerdings: einen guten sager hat er immer auf der lippe...

Mittwoch, 3. November 2010

viennale: curling


im publikumsgespräch nach der aufführung seines films im gartenbaukino, führte der überaus symphatische denis coté aus, worum es ihm beim filmemachen gehe - nämlich darum, filme zu machen, die erst durch ihre lektüre entstehen. und zwar in jedem einzelnen kopf aufs neue. auf andere weise, weil andere fantasien hervorrufend oder auf andere rezeptionsgewohnheiten treffend... weshalb seine filme sich ausschließlich mit der gegenwart beschäftigen. keine rückblenden, keine erzählpointen oder -volten, dramaturgische kniffe. dieser logik immanent ist eine prinzipielle offenheit - und zwar in alle richtungen: nach vorne und hinten, offene episoden mitten drin. nichts wird zu ende gebracht, kann zu ende gebracht werden. nichts erklärt sich von selbst. vielmehr geht es um stimmungen, um ein setting, um bewegungen, um etwas, nie um alles.

in curling geben ein vater mit seiner rund 12-jährigen tochter das setting. sie wohnen irgendwo in kanada, ein bisschen abseits des ortes. an einer landstraße, wo hin und wieder autos vorbei fahren. rund herum felder und wälder, schneebedeckt. der vater macht wartungsarbeiten in einer bowlinghalle und putzt in einem motel. er versucht seine tochter weitgehend von der umwelt zu fern zu halten, weshalb er sie auch zu hause unterrichtet. er spricht vom bösen da draußen. eines tages findet die tochter einen haufen leichen im angrenzenden wald - nachdem sie zuerst weg rennt, geht sie immer wieder zu (ihren) leichen, freundet sich mit ihnen an. der vater findet am heimweg auf der straße ein kind, das angefahren wurde. er bringt es im auto nach hause. als er ankommt ist es tot. diese beiden begegnungen bringen bewegung in das fest gefahrene gefüge von vater und tochter, machen es notwendig dinge zu ändern...

coté lässt sich zeit mit den einstellungen, er hat keine eile. vater und tochter wandern durch die einsame, stürmische winterlandschaft. ein polizeiwagen überholt sie langsam, bleibt quer vor ihnen stehen. dem polizisten kommt es seltsam vor, dass dei beiden zu fuß unterwegs sind - fragt sie, wo sie her sind, wohin sie unterwegs sind, warum: zu fuß? er bietet ihnen an, sie mit zu nehmen, der vater lehnt ab... ganz normale leute, irgendwie dann aber auch nicht...

Montag, 1. November 2010

viennale: meek's cutoff

kelly reichardt wendet das genre gegen sich selbst: das setting - mit allen genretypischen zutaten versehen - ist schnell erklärt. drei siedler-familien und ihr scout meeks (beruhend auf einer historisch belegbaren figur), der sie überredet den legendären oregon-trail zu gunsten einer abkürzung zu verlassen, sind auf dem weg nach westen. aber schon bei den ersten einstellungen ist klar, reichardt geht es ganz bestimmt nicht um eine möglichst dramatische darstellung des mühevollen siedleralltags: geduldig folgt die kamera der überquerung eines flusses, ein ochsengespann nach dem anderen, dahinter die frauen, auf dem kopf, zerbrechliche dinge transportierend, vorsichtig. am anderen ufer wird holz gesammelt, die wasservorräte werden aufgefüllt, der halbwüchsige bub ritzt in einen alten verwitterten baumstamm das wort lost.

womit im grunde alles erklärt ist. es geht reichardt um die darstellung dieses verlorenseins - und die auswirkungen auf diese schicksalsgemeinschaft: nach einigen tagen ohne wasser werden die siedler unruhig - an den fähigkeiten des scouts werden zweifel angemeldet. als dann auch noch ein indianer auftaucht, den meeks zusammen mit einem siedler gefangen nimmt, scheiden sich die geister, wie mit ihm verfahren werden soll: meeks will ihn sofort töten, die siedler vertrauen auf seine ortskenntnis und lassen sich von ihm weiter führen. allerdings ist die angst, dass der indianer sie in einen hinterhalt führen könnte, ständig präsent. was die psychologische folie für eine strukturelle krise gibt: die frauen, die zu beginn des films immer einige schritte hinter den wagen herlaufen, die - wenn die männer über das weitere vorgehen beraten - im hintergrund warten und sich fragen, wie entschieden werden wird, werden tonangebend - übernehmen im wortwörtlichen sinn die zügel...

in dieser neuen welt, da - wo ein goldfund angesichts von nicht vorhandenem wasser nichts zählt, müssen alte machtstrukturen überdacht werden, autoritäten hinterfragt und loyalitäten neu definiert werden. reichardt liefert ein dichtes, sehr behutsames über weite strecken unfassbar stilles portrait, dieser in der absoluten kargheit ums überleben kämpfenden gesellschaft.