Donnerstag, 13. Januar 2011

zur schuldebatte: eine strukturelle annäherung

schule und schulpolitik - ein thema, wo offensichtlich jedeR etwas beizutragen hat und - was das wirklich bemerkenswerte daran ist - offensichtlich auch: will. nun mag in meinem fall noch hinzukommen, dass ich eben auch kurzzeitig mal lehrer war und durchaus ernsthaft überlegte, daraus meinen brotberuf zu machen und also ein quasi persönlich-historisches interesse an der thematik habe - wesentlich ist aber vielmehr, dass jedeR in irgendeiner art betroffen ist. sei es in primärer form im erweiterten ödipalen dreieick - eltern, lehrkörper, kind - oder sekundär als ehemaligeR schüler/in und jetzigeR steuerzahler/in. je nach art der betroffenheit wird eine unterschiedliche diskursebene bemüht und je nach position im ödipalen dreieck werden im jeweiligen diskurs unterschiedliche motivationen schlagend:
  1. der lehrkörper (und damit seine lobby) neigt dazu, positionen einzunehmen, die erstens den status quo (wohlerworbene rechte) erhalten und zweitens strukturell zu einer aufwertung des berufs und also der schule im allgemeinen führen - beispiele für diese position sind etwa neugebauer/riegler/... anzumerken ist hier leider, dass die lehrerInnenschaft recht wenig ambition erkennen lässt konstruktiv zur diskussion beizutragen...
  2. die position der eltern wird insbesondere dadurch charakterisiert, dass sie für ihre sprösslinge das bestmögliche erreichen wollen. wohlgemerkt: ihre sprösslinge - nicht notwendigerweise alle kids. als fahnenträger dieser ausrichtung hat sich die ÖVP mit ihrem bildungskonzept profiliert. und damit auch die allianz mit dem AHS-lehrkörper zementiert. mit ihrem selbstverständnis als partei der bürgerlichen ist es der ÖVP seit jeher ein anliegen diese bürgerlichkeit auch via separater bürgerlicher ausbildungseinrichtung - sprich gymnasium - zu fördern, weshalb darauf zu verzichten eine absolute unmöglichkeit darstellt. die er/klärende worthülse, die in diesem zusammenhang anwendung findet, lautet: einheitsbrei. den darf es nämlich nicht geben, denn dann hätten ja womöglich alle die gleichen chancen. das soll aber ganz bestimmt nicht sein, weil dann wäre für die eigenen sprösslinge nicht das bestmögliche erreicht worden. es soll aber auch nicht behauptet werden, dass dies eine position wäre, die nur von der ÖVP-klientel unterstützt wird, im gegenteil, diese position findet wahrscheinlich sogar mehrheitlichen zuspruch.
  3. da die schülerInnenschaft großteils in vorfeldorganisationen der parteien organisiert ist, entsprechen die positionen im wesentlichen der jeweiligen parteilinie. eine neutrale lobby und interessenvertretung ist nicht eingerichtet und wahrscheinlich auch unerwünscht (interessantes detail am rande: das bildungskonzept der AKS ist bei weitem umfangreicher und detaillierter als jenes mit pomp von der ÖVP kürzlich veröffentlichte; bezeichnend ist auch, dass sich bei der schülerunion nichts dergleichen finden lässt).
  4. kommentare und reflexionen, deren ziel es ist, aus eigener schülerInnenerfahrung perspektiven für eine mögliche zukunft zu entwickeln, mangelt es meist an tatsachenkenntnis und realitätsbezug. dass sich das schulsystem seit den 70ern nicht wesentlich verändert hat, ändert nichts an der tatsache, dass mittels schulversuchen und entsprechend ambitioniertem lehrpersonal sehr gute ergebnisse auch im bestehenden system erzielt wurden. allerdings beruhend auf den anstrengungen einzelner und nicht als logische folge des systems. nichtsdestotrotz erinnert die kommentarflut bei jedem debattenbeitrag an das diktum, dass österreich soviele fußballtrainer hat wie männliche einwohner.
  5. aus makroökonmischer sicht als steuerzahlerIn interessiert eher die relation input/output. wenn die PISA-studie als maßstab für den output hergenommen wird, dann bedeutet dies eben, dass ein land dessen ausgaben für schule im oberen drittel der vergleichsstaaten rangieren, mit leistungen im unteren drittel aufscheint. damit kann niemand zufrieden sein. verständlicherweise wird zur entkräftung dieser argumentation, die PISA-studie an sich diskreditiert - womit man sich erspart, über die ergebnisse zu reden und eventuell unumgängliche maßnahmen abzuleiten (z.B. wird die studie im ÖVP-konzept mit keinem wort erwähnt).
ein durchaus wesentlicher faktor in der schulpolitischen debatte ist dann noch die relevanz im rahmen einer allfälligen verwaltungsreform - wir erinnern uns an die diskussion, ob lehrerInnen hinkünftig ganz in die hände der wohlmeinenden landesväter und -mütter übergeben werden sollen. diese inhaltlich scheinbar unbedeutende frage ist für den ausgang der diskussion um die zukunft unserer schulen hochrelevant, nämlich deshalb, weil damit die strukturelle fragestellung (wer bestimmt über die lehrerInnenschaft?) im parteipolitischen kontext erscheint: der ÖVP-obmann (selbiges gilt für die SPÖ) kann bei dieser fragestellung nie über den schatten seiner landeshauptleute springen - wenn die wollen, dann hat er zu wollen. womit wiederum in kauf genommen werden muss, dass es parteipolitische einflussnahme auf den lehrkörper immer geben wird.

wie also umgehen, mit dieser durchaus diffizilen situation?
was müsste ein verantwortungsvolles schul- und bildungskonzept leisten, um angesichts obiger interessenslagen auch chance auf umsetzung zu haben?
vielleicht muss, wie peter michael lingens ausführt, akzeptiert werden, dass es die beste schule schlicht nicht gibt, dass es wahrscheinlich eher darum geht, beharrlich in die - zumindest vermeintlich - richtige richtung zu arbeiten. und möglicherweise lässt sich wirklich einfach nur mal froh drüber sein, dass das ÖVP-bildungskonzept zumindest teilweise, als schritt in die richtige richtung interpretiert werden kann. statt stillstand, kleine schritte.

allerdings läuft man dieser logik folgend gefahr, das große bild aus den augen zu verlieren. wichtig wäre nämlich, zuallererst mal zu klären, welche erwartungen an die schule tatsächlich heran getragen werden, wofür die schule hinkünftig herhalten muss... welches bild von gesellschaft soll mittels dieser schule befördert werden? was sind die rahmenbedingungen, die dem normschüler/der normschülerin unterlegt werden? wieviel zuwendung und förderung erfährt er/sie zu hause, was muss die schule leisten? ist nachhilfe teil des systems? oder hat die schule versagt, wenn schülerInnen nachhilfe brauchen? abgeleitet aus den antworten auf diese fragen, ließe sich ein schulprofil und damit auch anforderungsprofil für die lehrerInnenschaft entwickeln, das wiederum für die ausbildungslogik verbindlich wäre.

nachdem es aber illusorisch ist, dass sich die beiden parteien bei der beantwortung obiger fragen einigen können, ist es wahrscheinlich am besten, kleine schritte zu tun, auf die gefahr hin, mitunter im kreis zu gehen...

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