Freitag, 30. Dezember 2011

Der Fall P: Eine Schweinerei


Wenn der sprichwörtliche Goalgetter einen Stanglpass übers Tor pfeffert, so entspricht das - Martin Blumenau folgend -, der Wrabetzschen Herzensentscheidung den "jugendlichen Politprofi" (c Blumenau) Niko Pelinka auf seinen Büroleitungsstuhl zu hieven. Der Shitstorm, der nach der Nachbesetzung über Wrabetz und Pelinka herein brach, sei überzogen, so Blumenau, weil einerseits nichts vorgefallen ist, was nicht immer schon so gewesen wäre, und andererseits es schon recht auffällig ist, dass den lautstärksten Proponenten durchaus ein politisches Interesse zu unterstellen ist und es sich also um eine plumpe, scheinheilige Instrumentalisierung handelt: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk soll destabilisiert werden

Wo dem Blumenau zweifellos zugestimmt werden muss, ist der Hinweis darauf, dass das schon immer so war. Michel Reimons bestechender Gastkommentar im Standard von gestern, zeigt hier eine interessante Parallele via Francis Fukuyama auf, wo an Hand eines ethnologischen Beispiels (Papua Neuguinea) dargelegt wird, dass Stammesorganisationen seit je via Korruption Macht organisierten: Wähler wurden für ihre Stimme bezahlt, was selbige auch erwarteten. D.h.- der jeweilige Big Man musste sich die Wählerstimmen leisten können, so er das konnte blieb er in der Machposition. Reimon zeigt am Beispiel Burgenland, dass die österreichische Demokratie durchaus als Schwester im Geiste der Stammesgesellschaften Papuas durchgeht: Angesichts bevorstehender Gemeinderatswahlen wird schon schnell mal ein Landesenergieversorger geschlachtet und aufgeteilt. Was noch nicht wahnsinnig überraschend ist - überaus interessant ist allerdings dann der Hinweis darauf, dass genau diese Aufteilung vom Stammesvolk und also den BurgenländerInnen und demnach ÖsterreicherInnen erwartet wird. Wenn also Niko Pelinka auf Grund seiner parteipolitischen Position im ORF installiert wird, so ist das als Machtdemonstration des Big Man (Laura Rudas) zu lesen. Möge die Aufregung darum noch so groß sein, die Botschaft ist und bleibt: Ich kann das bewerkstelligen, weil ich voll der Macher/die Macherin bin. Und - falls du etwas werden willst in deinem Leben, du weißt, an wen du dich zu wenden hast...

Womit das Wesen der österreichischen Lesart der Demokratie erklärt ist. Oder genauer: Das Wesen der österreichischen politischen Basisarbeit. Die Basisarbeit besteht im Wesentlichen daraus, bis in die Gemeinden hinein die Parteimitglieder in den Belohnungsprozess (ein Versorgungsposten da, eine Förderung dort, eine Umwidmung hier, ein positives Gutachten da....) der jeweiligen Big Men einzubeziehen. Und die ÖsterreicherInnen sind derartig an diese Praxis gewöhnt, dass sie - so sie sich zuwenig in die Verteilung einbezogen fühlen, sofort zur ProtestwählerInnenschaft mutieren (auch beeindruckend, demokratisches Wesen mit Protest gleich zu setzen).

Jetzt ist es zum einen hoch notwendig - quasi wutbürgerlich -, diese Zu- und Umstände anzuprangern, allerdings ist es erst der erste und wahrscheinlich einfachste Schritt. Der nächste - und viel schwierigere - ist, dieses System zu durchbrechen und sich selbst diesen Verteilungslogiken zu entziehen wie auch im persönlichen Umfeld die Krankhaftigkeit dieses Systems bewusst zu machen: Mit Reimon nicht mehr nur "ich bin wütend" zu skandieren, sondern auf die Schweinereien hinzuweisen!

Womit ich wieder bei Blumenau angelangt wäre: So wie ihm zugestimmt werden muss, im Konstatieren, dass das immer schon so war, muss ihm widersprochen werden hinsichtlich der Nivellierung der Bedeutungshaftigkeit mit dem Hinweis, dass es nur um politisches Kalkül gehe. Im Gegenteil, es lässt sich meines Erachtens gar nicht laut genug Schweinerei plärren, da dieses ungenierte, dummdreiste Verteilen des Kuchens unter ParteigängerInnen österreichisches (Un-)Verständnis in Sachen Demokratie zementiert. Was wird sich der vielzitierte kleine Mann auf der Straße denn denken: Wenn die da oben das tun, dann kann ich wohl durchaus... Georg Guensberg verweist diesbezüglich auf den enormen Glaubwürdigkeitsverlust in der Politik - und meint, dass die Tragweite den handelnden Personen nicht bewusst war. Wenn ja, dann muss fest gestellt werden, dass die handelnden Personen offensichtlich Fehlbesetzungen sind, da von ihnen in ihrer Position mehr Weitblick eingefordert werden muss. Wenn nein, dann haben diese Leute offensichtlich kein Interesse an einem unabhängigen öffentlich-rechtlichen Sender. Und da ich eher von zweiterem überzeugt bin, plärre ich umso lauter: Schweinerei!

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