Foto: ORF/Hubert Mican
2007, nach der Rückkehr zur Normalität und also großen Koalition stellte sich der Prä-2000-Stillstand wieder ein und die Republik kam wieder zur Ruhe. Auch der Heldenplatz war wieder frei von Demos. Die ÖVP übt sich seither in der Auswechslung ihres Führungspersonals, die SPÖ koaliert primär mit dem Boulevard.
Waren die Person wie auch die Geschäftspraktiken von Karl-Heinz Grasser schon während seiner aktiven Zeit als Finanzminister zumindest umstritten, so verdichteten sich die Hinweise im Zuge der staatsanwaltlichen Ermittlungen um die Privatisierungsprojekte, dass die Abläufe und Geldfllüsse nicht nur die Republik als Begünstigte zum Ziel hatten. Die Unschuldsvermutung verkommt zum geflügelten Wort - in der Bevölkerung verfestigt sich der Eindruck, dass ein Netzwerk von Grasser-Freunderln sich hemmungslos am Familiensilber der Republik bediente.
Angesichts dieser Vorgeschichte ließe sich vermuten, dass es in Österreich ein beträchtliches Potenzial an mit der Politik unzufriedenen Menschen gibt.
Die ab 2007 als Subprimekrise in den USA um sich greifende Finanzkrise, wird zur Bankenkrise und in Europa schließlich zur Staatsschulden- und also Eurokrise. Wurde 2008 noch ein Bankenrettungspaket verabschiedet, das dazu diente, Banken, die auf Grund hochriskanter Spekulationen in Schieflage gerieten, zu stabilisieren, muss 2009 gegen vier Euro-Länder das Defizitverfahren wegen Verstoßes gegen die Maastrichtkriterien eingeleitet werden. Das hohe Haushaltsdefizit veranlasst die maßgeblichen Ratingagenturen die Bonität der betroffenen Länder nach und nach herab zu stufen und damit den Schuldendienst entsprechend zu verteuern. Die EU steuert mit Notfallplan und Rettungsschirm dagegen und verpflichtet sich schließlich zu strengeren Haushaltsregeln. In Österreich werden die Anforderungen generell als Aufruf zum Sparen interpretiert. Lange in Aussicht gestellte Reformprojekte kommen nicht vom Fleck, werden von den Koalitionspartnern zu Gunsten der jeweils zu bedienenden Klientel blockiert.
Auch die internationalen politischen Rahmenbedingungen tragen nicht unbedingt zur Beruhigung bei - so man zur Panik neigt, wie etwa ein beträchtlicher Anteil der in der Finanzwirtschaft Tätigen, hätte man gute Gründe zum panisch werden.
Trotzdem dominiert Politik- und PolitikerInnenverdrossenheit breite Schichten der österreichischen Bevölkerung - laut einer IMAS-Umfrage im September 2011 setzen sich 3/4 der ÖsterreicherInnen wenig bis gar nicht mit innenpolitischen Fragen auseinander.
Roland Düringer mimt in der letzten Folge von Alfred Dorfers Donnerstalk im ORF den Wutbürger. Beinahe alle oben genannten durchaus als Wutgrund taugenden Umstände werden dabei herbei geredet und zur Identifikation mittels gemeinsamer Hymne eingeladen ("Ich bin wütend!"). Mit "Vom Systemtrottel zum Wutbürger" schrieb das Autorenduo Schulak/Taghizadegan die Vorlage für Düringers kabarettistische Ausformulierung der Problemstellung - die er im nachhinein noch als seine eigene Meinung deklariert... So man sich die wutbürgerliche Rede ein bisschen genauer anhört, wird klar, hier geht es um die Verteidigung des Status Quo. Hier spricht die Mittelschicht, die Angst hat. Angst vor dem Abstieg. Und deshalb wütend ist. Weil sie sich von denen da oben nicht mehr vertreten fühlt. Logisch, dass dieses reaktionäre Moment in der Wutbürgerrede entsprechend rasch, Gegenrede zur Folge hatte. "Ich bin nicht wütend", formuliert beispielsweise Niko Alm und versucht den Wutdüringer im Detail zu entkräften. Was irgendwie kleinkrämerisch wirkt, weil Alm dabei notwendigerweise die Satire ernst nehmen muss.
In hinlänglich bekannter, oberlehrerhafter Weise stellt Martin Blumenau dem Wutbürger den Leberkäswappler zur Seite: Der fehlende zivilgesellschaftliche Esprit führe dazu, dass es in Österreich maximal zu Wurstsemmelaktivismus reicht, der da bedeutet, dass, wenn ein besoffener Banker eine Leberkässemmel nach einem umtriebigen Parteichef wirft, die (linken) Stammtische jubeln und damit die Absenz eigener Überlegung übertünchen. Bezeichnend und gleichzeitig Armutszeichen.
Interessant der Hinweis von Harald Betke, die Relationen dabei im Auge zu behalten: Wer regte sich denn da auf? Sieht man sich die absoluten Zahlen an, so fällt auf, dass sowohl die Aufrufe des Wutdüringers auf YouTube als auch die Fananzahl der Wurstbürger nicht auffallend hoch ist. Knapp die Hälfte der ÖsterreicherInnen sei durchaus glücklich und habe noch dazu den Eindruck, dass alles besser wird. Und mehr als 3/4 der ÖsterreicherInnen interessiert Politik sowieso nicht. Demnach ein absolutes Minderheitenprogramm, dieses wütend sein. Oder eben nicht-wütend sein. Im Grunde egal. Eben. Wuascht.

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