Dienstag, 30. August 2011

jeder ist masochist, der seine kinder solchen lehrkräften überlässt

da fordert ein junglehrer eine nachhaltige bildungsreform und schreibt im nächsten satz, dass es ordentliche arbeitsplätze braucht, sozialarbeiterInnen, flächendeckende nachmittagsbetreuung, laptops, whiteboards und beamer für alle klassen - und hätte er nur das geschrieben, hätte ich mir wohl nur gedacht: stimmt.

dem ist leider nicht so. der mann übertitelte sein lamento mit "müssen zukünftige lehrer masochisten sein?" - ohne seine rhetorische frage (?) beantworten zu wollen. im gegenteil: es wird zwar das spannungsfeld eltern, kollegInnen, öffentlichkeit, schülerInnen und behörden erkannt - aber es werden keine schlüsse gezogen. wozu auch: die aufgabe der lehrkraft, wie der mann die lehrenden zu bezeichnen pflegt, wäre ja klar - nämlich wissensvermittlung. und schluss. keine rede von sozialem lernen und wertevermittlung - im gegenteil: die schule wird dazu gezwungen, erzieherische versäumnisse nachzuholen.

hier wird einem schul- und lehrerbild das wort geredet, das längst ausgedient hat - aber nicht etwa von einem lehrenden eben dieser vergangenen generation, nein, der mann ist junglehrer: ich kann mir im grunde nichts schrecklicheres vorstellen, als das so jemand auf kinder los gelassen wird...

Montag, 29. August 2011

kurt palm: bad fucking

was dem genre krimi zugeordnet wurde, entpuppt sich als groteske posse rund um das ende - was an sich nichts neues wäre, da sich ja jede geschichte eines solchen bedient. allerdings beschwört kurt palm eine beinah mythische finalität: sintflutliche wassermassen samt donnerwetter und der gesamteuropäischen aalpopulation, die den bad fuckinger höllensee mit der saragassosee verwechselt, finden sich ein, um die begleitmusik zum untergang von bad fucking zu geben.

und das alles erzählt kurt palm für hadschi halef omar ben hadschi abul abbas ibn hadschi dawud al gossarah - und der hätte es, so es sich um eine historische persönlichkeit handelte, mit bestimmtheit zu schätzen gewusst. schon die titelgebende ortschaft dient einer unmenge von sprachspielereien als aufhänger (man stelle sich vor, auf einen tramper zu treffen, auf dessen schild bad fucking zu lesen steht...), das personal vor ort scheint einer durchgeknallten löwinger-bühne entsprungen, seitenhiebe betreffend österreichischer tagespolitik werden ebenso lustvoll angebracht (so wird dem landeshauptmann erwin pröll kurzerhand eine prölliade in radlbrunn verehrt) wie versatzstücke anderer genres (vom agententhriller bis zum familiendrama). um die erwartungshaltung der leserInnen in die richtige richtung zu lenken, hat palm dem roman dankenswerter weise das wohl wichtigste zitat von fred sinowatz voraus gestellt: "es ist alles sehr kompliziert."

Freitag, 26. August 2011

paris, london - mistelbach?

hielt ich die argumentation 9/11 für die schuldenkrise verantwortlich zu machen für wahnwitzig und die erklärung, dass die clinton-administration schuld an der finanzkrise sei für billig - stockt mir angesichts der realitätsverweigerung der AHS-direktorin in mistelbach, isabelle zins, der atem: die einführung der comprehensive schools sei entscheidend für die randale in london gewesen, schreibt sie im standard, sie hätte die chancen bildungsferner familien aufzusteigen halbiert und massiv zum niveauverlust in britischen (sie meint wahrscheinlich englischen) schulen beigetragen.

auch wenn sie diesen beitrag als bundesobfrau der vereinigung christlicher lehrerInnen schrieb und also in ausübung ihrer interessenpolitischen funktion, ist er in seiner argumentation haarsträubend verquer. einmal öfter werden unter dem vorwand der verteidigung der interessen der mittelschicht, die aufstiegsmöglichkeiten der unterschicht geopfert - klientelpolitik par excellence ohne blick aufs größere ganze...

und da fällt es mir wie schuppen von den augen: die frau hat angst! vor der drohenden verrohung mistelbachs nach einführung der gesamtschule und also dem verlust der letzten bastion wahrer bürgerlichkeit, der AHS. was wenn die hauptschulen mistelbachs mit der AHS (die übrigens auf der offiziellen homepage mistelbachs gar nicht aufscheint) zusammen gelegt werden würden, was wenn die natürliche ordnung durcheinander gerät und tottenham in mistelbach entsteht? na dann, meine herrschaften - gute nacht abendland!


hauptsache neoriberar: lechts und rinks kann velwechsert welden

(c) APA/MATTHIAS CREUTZIGER

gibt patrick bernau in der FAZ eine wahnwitzige erklärung für die schuldenkrise - sie sei nämlich eine folge von 9/11 - gibt es christian ortner in der presse etwas billiger: schlussendlich sei es die clinton-administration (und also: die linken) gewesen, die die US-banken dazu zwang, kredite an nicht kreditwürdige zu vergeben. und diese haben in direkter folge den immobilien-crash provoziert und damit die finanzkrise ausgelöst. der staat hätte versagt, die regulierungen der finanzmärkte wären ja schlussendlich aufgabe des staats und nicht etwa der märkte selbst. den märkten dann den schwarzen peter zuzuschieben, hätte in etwa die logik wie der schwerkraft die schuld an flugzeugabstürzen zu geben. womit ortners logik auch schon wieder am ende ist: wir lernen daraus - wenn wir die linken ans steuer lassen, müssen wir mit abstürzen rechnen.

grund für diese abenteuerlichen bzw. billigen ausführungen ist die schirrmacher-debatte.
frank schirrmacher, mitherausgeber der FAZ, hatte mit seinem an charles moore im daily telegraph angelehnten artikel "ich beginne zu glauben, dass die linke recht hat" die debatte auf den kontinent gebracht - und seither knallen die geschütze. linke kommentatorInnen freuen sich ob des rückenwinds von ungewohnter seite, konservative geister versuchen sich in grenzziehungen bzw. -verwischungen: was ist schon links heutzutage, was rechts, wo wir uns doch hauptsächlich mittig mit unseren zehen vergnügen...

brisanz gewinnt die wohl definitiv nicht neue debatte auf grund der londoner riots und der unerklärbarkeit derselben. in den redaktionsstuben wird orakelt, sind diese ausbrüche symptom für den zusammenbruch eines systems? so konstatiert etwa heribert prantl in der süddeutschen, dass der kapitalsimus eine ähnlich frevlerische wirtschaftsform ist,
wie sie der kommunismus war.
"Er frevelt heute auf Kosten der Menschen und Staaten. Zuletzt vermochte er es gar, den Staat davon zu überzeugen, dass dieser die vom Kapitalismus angehäuften Schulden tragen muss."
oder jakob augstein im spiegel:
"Die Neoliberalen können jetzt neben den Linken ihren Platz auf dem Scherbenhaufen der Ideologien einnehmen."
werte müssten wieder her, moral müsse in die märkte. deshalb die rede von links und rechts, deshalb die schirrmachersche klage, dass die CDU ihre werte den finanzmärkten geopfert hätte. es geht um nichts weniger als um die rettung des systems - auch wenn dafür linke positionen eingenommen werden müssen.

allerdings - die (längst) notwendigen paradigmatischen veränderungen im herrschenden produktions- und konsummodell will niemand befördern. wenn pragmatische vermögende - wie unlängst warren buffet in den USA - selbst drauf hinweisen, dass vermögen höher besteuert werden müssen, da die systemischen voraussetzungen dazu führen, dass sich die wirtschaftsmacht auf eine vergleichsweise kleine elitäre schicht auf grund der politischen verflechtungen konzentriert und zu einer immer stärkeren entdemokratisierung führt, dann wird einerseits drauf verwiesen, dass das amerikanische system ja keinesfalls mit europa verglichen werden darf und andererseits süffisant fest gestellt: der hat gut reden, der hat ja schon genug...

womit wir beim kern der frage angelangt wären: was ist genug? und womit außerdem klar wird, diese debatte hat sowohl eine wirtschaftspolitische als auch eine moralische dimension.
wirtschaftspolitische ansätze müssen konsequenterweise das vorhandene finanzsystem transformieren wollen - fragen stellen wie: dürfen banken systemrelevant sein und damit die macht haben, den staat zu erpressen? darf es steueroasen geben, die die möglichkeit schaffen, den staaten steuergeld zu entziehen? dürfen finanztransaktionen weiterhin steuerfrei getätigt werden und somit gegenüber erwerbsarbeit begünstigt sein? wäre es nicht viel sinnvoller erwerbsarbeit gegenüber kapitaleinkommen zu bevorteilen? wären gemeinwohlorientierte banken anstelle der gewinnorientierten für das gesellschaftliche fortkommen nicht sehr viel passender? außerdem muss schleunigst die lüge der win-win-situationen enttarnt werden und ökologische wie auch soziale kostenwahrheiten eingeführt werden: globalisierungslogiken gaukeln ein nullsummenspiel vor, ohne den dritten miteinzubeziehen - also denjenigen, der die doppelten gewinne zu bezahlen hat, sei es durch die zerstörte umwelt in rohstoffproduzierenden ländern, seien es die ausgebeuteten humanressourcen (und ich verwende hier mit absicht dieses wortMONSTER). jede wirtschaftliche transaktion birgt einen moralischen imperativ:
"Wenn zwei oder mehr einen Profit machen, suche den ausgeschlossenen Dritten, der die gesamte Zeche bezahlt!"
womit die moralische dimension ihre benennung erfährt. ja, die britischen jugendlichen fühlen sich genau so, als ob sie an der zeche mit bezahlen. und ja, sie hatten einfach keine lust mehr weiter zu bezahlen. dass dieses gefühl jederzeit überall wieder aufkommen kann, bedarf wohl keiner weiteren erklärung.

ob das verwechseln von lechts und rinks über die krise des systems hinwegretten kann, darf bezweifelt werden, ob der illtum zur veränderung führt ebenfalls.


Freitag, 19. August 2011

tun, was man tun muss // erzählung

ich habe diesen text für das free.space festival 2011 geschrieben - da wurde darum gebeten, einen kurztext zu den themen freiheit und raum zu verfassen. mir erscheint der text aktueller denn je...

ich bin ein käfer, ein bild, das mich seit der ersten lektüre von kafkas text verfolgt: der riesenhafte, am rücken liegende käfer, der verzweifelt versucht sich umzudrehen, die beine wirbeln durcheinander, die mundwerkzeuge kreiseln - wie oft habe ich als kleiner bub dieses spektakel verfolgt, in der hocke, vornüber gebeugt, den augenblick abwartend bis der käfer sich aus seiner misslichen lage befreite, um ihn sofort wieder auf den rücken zu befördern - und das spiel begann von neuem. wenn ich es schließlich satt hatte, zertrat ich ihn. zumeist.

jetzt also ich, das klopfen an der tür - erschrocken fahre ich aus meinen träumen hoch, meine mutter in der tür sagt, dass ich spät dran sei, mich beeilen müsse. springe aus dem bett und unter die dusche, schlüpfe in den nächst besten anzug, runter in die küche, frischer kaffee am tisch, meine mutter mit leicht vorwurfsvollem gesicht – wer weggeht des nächtens...
während ich ihr ein kompliment für ihre frisur mache, ritze ich mit dem frühstücksmesser unbemerkt ein loch ins tischtuch. einer der nachteile, wenn man so lange bei seinen eltern lebt – beständiges objekt der belehrung zu bleiben. allerdings, wo sonst lässt es sich so billig und komfortabel wohnen, warmes abendessen, waschsalon samt bügelautomat und zimmerservice -
und darüber hinaus: ein sich selbstständig befüllender kühlschrank! im gegenzug dafür ein paar gut gemeinte ratschläge – d’accord! da muss man nicht gleich zum schlächter werden wie jener lowell lee andrews, der in den späten 50ern im dumpfesten mittelwesten der USA eltern und geschwister erschoss, nur weil er die ewigen vorwürfe seines vaters satt hatte. er hätte bloß getan, was er tun musste, gab er zu protokoll, auf seinen vater hatte er insgesamt 17 schüsse abgegeben. das musste also getan werden, damals, als die revolution noch über die leichen der väter führte.

die tageszeitung am frühstückstisch verkündet: paris brennt - darunter ein auto in flammen. in den pariser banlieues wird revoltiert, die vorstadtjugend fordert ihre republikanischen rechte der gleichheit und brüderlichkeit ein – die regierung spricht von gesindel und einer sandkastenrevolution. während lowell lee andrews’ wut sich gegen seine eltern richtete und zu einem blutbad führte, reagieren sich die französischen immigranten zweiter und dritter generation an den dingen ab. nicht jeder scheint mit einem loch im tischtuch zufrieden. der mangel an perspektive, an zukunft, schlägt unmittelbar auf die gegenwart durch: wir sind menschen, wir leben – die brennenden autos sind der beweis, wird ein vermummter jugendlicher zitiert. nicht dass ich mir selbst nie die frage stellen würde, ob es nicht an der zeit wäre, mich zu emanzipieren, mein leben zu leben – aber – am ende des tages - ist das eine frage von prioritäten: wilder sex um vier uhr morgens am küchentisch oder niemals bad und klo putzen.

nehme einen schluck kaffee und löffle mein müsli - der erfolgreichste finanzminister aller zeiten verteidigt den verkauf der bundesimmobilien, es wäre eine win-win-situation für die republik gewesen! darunter das gewinnende antlitz des ministers, unterstellungen, dass dabei möglicherweise etwas nicht in ordnung gewesen wäre, würden jeder grundlage entbehren. die staatsfinanzen hätten schließlich auf vordermann gebracht werden müssen, mehr privat, weniger staat, ein einmaliges window-of-opportunity: der staat hätte sich von altlasten befreien müssen, er hätte nur getan, was getan werden musste. nicht dass meine eltern mir nachdrücklich nahe legten, mir endlich eine eigene bleibe zu suchen - trotzdem sah ich mich kürzlich auf ihre frage hin dazu veranlasst, ihnen darzulegen, dass mein zu hause wohnen bleiben, sowohl ökonomisch als auch familiär eine win-win-situation für uns alle ist: keine doppelten haushaltsführungskosten, keine investitionen in mittelfristig inadäquate wohnlösungen, permanenter kontakt würde die sonst unvermeidliche entfremdung verhindern. mein vater, der während meiner ausführungen unablässig einen apfel polierte, warf ihn mir am ende wortlos zu. meine mutter wirkte angeekelt.

falte die zeitung zusammen, bemerke einen käfer, der entlang der fliesenkante in richtung fenster krabbelt, und zertrete ihn im aufstehen. durcheinander wirbelnde beine, kreiselnde mundwerkzeuge – das traumbild vor augen, spüre ich einen wuchtigen schlag gegen die brust, der mich taumeln lässt, mir atem und sinne nimmt. den dazu gehörigen schuss höre ich nicht mehr. die folgenden ebenfalls nicht. meine mutter breitet das tischtuch über meine leiche. das loch, das ich in das tischtuch ritzte, ist nicht zu sehen.

es klopft an der tür.

Mittwoch, 17. August 2011

paris - london - und dann?

einer der ersten artikel, die ich über die randale in london zu lesen kriegte, war übertitelt mit "london brennt" - und augenblicklich fühlte ich mich an die ausschreitungen in den pariser banlieues 2005 erinnert, die nach dem tod zweier jugendlicher um sich griffen und über monate in frankreich tobten. ähnlich zu london führte ein zumindest aufklärungswürdiger polizeieinsatz zum ausbruch der gewalt - ähnlich zu london waren beobachter von der heftigkeit der unruhen nicht überrascht.

durchgehend ist die rede von der unterschicht - die perspektivenlos in ihrem ghetto haust, die - so sich eine gelegenheit auftut - versucht, sich selbst zu bedienen, die ihrer wut und hoffnungslosigkeit dann in einem einzigen, rauschhaften moment raum gibt und die bestehenden machtverhältnisse aufhebt. es gehe im unterschied zu den nordafrikanischen revolutionen nicht um eine neue politische ordnung, basierend auf freiheit, gerechtigkeit und demokratie, sondern es handle sich, um "aspirational rioting": von der gesellschaft entkoppelte menschen ("broken society") inszenieren den "britischen sommerschlussverkauf" - und es interessiert einen scheiß, ob dabei jemand zu schaden kommt oder nicht...

eine parallelität zwischen den vorfällen in paris und in london stach mir besonders ins auge: der verweis auf die perspektivenlosigkeit. ich entsinne mich noch ziemlich genau eines interviews mit einem der an den randalen beteiligten pariser jugendlichen. geboren in algerien, aufgewachsen in paris, arbeitslos, chancenlos. trocken stellte er fest, dass es nichts zu erreichen gäbe für ihn, in dieser gesellschaft, da sie für ihn keine aufstiegsperspektive bereit hält: weder real, noch als utopie. nicht dass die reale perspektivenlosigkeit nicht schon schlimm genug wäre, ins katastrophale kippt sie allerdings, wenn keine glaubhaften utopischen modelle mehr zur verfügung stehen. in ermangelung einer perspektive wird das hier und jetzt zum einzig vorstellbaren fluchtort: im hier und jetzt gilt es die eigene existenz abzufeiern und sich seiner selbst zu versichern - und zwar über den fetischierten konsum. "die jugend im nahen osten erhebt sich für ihre grundrechte. die jugend in london erhebt sich für einen
42-zoll-plasma-fernsehbildschirm", war auf twitter zu lesen - und das war kein zynismus.

wen sollte das allerdings groß wundern? angesichts (finanz-, banken-, euro-, ....) krisen aller orten und der unnachgiebigkeit und uneinsichtigkeit der eliten, dass der einzige weg aus dieser abwärtsspirale nur über paradigmatische änderungsszenarien führen kann. der jedoch unausweichlicherweise zur folge hätte, dass die eliten ihre eigenen ansprüche zu gunsten einer längerfristigen entwicklungsperspektive zur disposition stellen müssten, was sie - so lang wie irgend möglich - nicht tun werden. christian schneider konstatiert im brand eins vom august, dass es an entsprechenden heldengestalten fehle, die als projektionsgestalten für utopien herhalten, weswegen der gesellschaftliche zusammenhalt immer brüchiger wird und konsequenterweise mit immer repressiveren maßnahmen von regierungsseite zu rechnen ist (am 9/8 waren schon 16.000 polizisten auf den straßen londons).

wie wäre auch anzunehmen, dass so ein zusammenhalt existiert - beispielsweise in london, wo 10% der bevölkerung mehr als 100-mal so viel besitzen wie die untersten 10%? oder aber - in spanien, wo 45% der 16- bis 24-jährigen arbeitslos sind? oder in griechenland, wo die furcht grassiert, auf das niveau der 60er zurück zu fallen, weil seit dem EU-beitritt auf pump gelebt wurde? schneiders heldentypologie folgend bräuchte es einen ödipus - also jemanden der den vater ermordet und damit die erneuerung erst möglich macht. womit wir bei den nordafrikanischen revolutionen angelangt wären, wo ein tunesischer gemüsehändler mit seiner selbstverbrennung die aufstände auslöste oder in ägypten der tod eines bloggers dazu führte, dass der pharao gestürzt wurde. um hier schneider nicht falsch zu zitieren: er stellt in diesem zusammenhang unmissverständlich klar, dass diese "märtyrerfiguren" im grunde nicht als helden taugen, da das kollektiv - anlässlich des märtyrertods - dann zum helden wird und nicht eine einzelne person.

schneider konstatiert, dass der gesellschaftsvertrag wackelt - was so wohl auch für österreich gilt. und es demnach absehbar ist, dass - wenn das untere drittel der gesellschaft genug von doku-soaps und "helden von morgen" hat - sich wohl nur noch die frage stellt: wo wird es sein, das deutsche bzw. österreichische tottenham? wo wird er sein, der deutsche bzw. österreichische tahrir-platz?




Freitag, 12. August 2011

maximilian steinbeis: pascolini


er muss eine andere ausgabe mit anderem inhalt gelesen haben: oliver jungen jubiliert in seiner buchbesprechung in der FAZ in den höchsten tönen, sopranistisch quasi, ob der herrlichkeit von steinbeis' groteske, zieht parallelen zu thomas mann (sic!), spricht von "virtuosem erzählton" - einem "bild-, sprach- und phantasiemächtigem epos".

leider glänzte die ausgabe - wiewohl mit dem gleichen einband versehen -, die mir in die hände fiel, mit durchgehender unentschiedenheit. der text (und konsequenterweise: der autor), so scheint's, kann sich nicht entscheiden, wohin er will: mal zieht es ihn in richtung satire, dann wieder wird der historische roman zitiert und simplicistisch drauf los schwadroniert, um schließlich mittels postmoderner erzählmodelle die unmöglichkeit einer wahrheit zu beweisen. wofür's wohl das ganze drumherum von bayern, dem hiasl (hier wird übrigens der assoziationsraum zum bayerischen hiasl geöffnet, der im 18 Jh. als wilderer sein unwesen trieb), den katholiken und den protestanten nicht unbedingt gebraucht hätte... ein starkes lektorat hätte den autor wahrscheinlich drauf hinweisen müssen, dass jeder wirkungsmächtige text ein zentrum benötigt, das mit allen mitteln der kunst befördert werden soll. dieses wurde offensichtlich etwas aus den augen verloren, sodass der text wie eine fingerübung wirkt.

Freitag, 5. August 2011

cormac mccarthy: blood meridian


sind es in "the road" vater und sohn, die durchs biblische chaos gen westen ziehen, schickt mccarthy in "blood meridian" einen 14-jährigen buben, the kid, auf die reise - und dabei soll nichts weniger als der amerikanische mythos der eroberung des wilden westens zertrümmert werden - und zwar erbarmungslos.

angelehnt an die historische figur des john joel glanton, der von 1849-50 sein bluttriefendes gewerbe als skalpjäger an der amerikanisch-mexikanischen grenze betrieb, lässt mccarthy den namenlosen buben einem simplicius simplicissimus gleich durch die hölle stolpern, wo tote kleinkinder an bäumen hängen:
The way narrowed through rocks and by and by they came to a bush that was hung with dead babies. . . These small victims, seven, eight of them, had holes punched in their underjaws and were hung so by their throats from the broken stobs of a mesquite to stare eyeless at the naked sky.
mccarthy unterlässt es vollkommen, die vorkommnisse in einen moralischen kontext zu stellen, zu erklären oder die gedankenwelt der handelnden auszurollen - die blutigsten und grausamsten metzeleien, stehen neben den treffendsten und lyrischsten landschaftsbeschreibungen - die landschaft erklärt, wofür es keine sprache gibt:
...the mountains on the sudden skyline stark and black and livid like a land of some other order out there whose true geology was not stone but fear.
was für ein bild: das land anderer ordnung, dessen geologie nicht auf steinen sondern auf angst beruht... dieser logik folgend ist die hölle kein virtueller ort: die hölle breitet sich vor den reisenden aus:
They passed lurid and austere the black and desiccated shapes of horses and mules that travellers had stood afoot. These parched beasts had died with their necks stretched in agony in the sand and now upright and blind and lurching askew with scraps of blackened leather hanging from the fretwork of their ribs they leaned with their long mouths howling after the endless tandem suns that passed above them. The riders rode on.
anstatt das innenleben zu beschreiben, malt mccarthy hunderte von landschaften, eine höllischer und lebensfeindlicher als die andere. einzige ausnahme ist judge holden - einer aus glantons bande -, der in längeren passagen, erklärungen abgibt, interpretationsräume öffnet. holden ist gebildet, charismatisch und glantons rechte hand - ihm gegenüber steht der bube, nichts-wissend und ein mitläufer. holden verleibt sich alles ein, untersucht, dokumentiert, skizziert - mitunter wie ein runder zufriedener buddha, ruhig die szenerie überblickend, das gesicht blutverschmiert...
The judge sat with the Apache boy before the fire and it watched everything with dark berry eyes and some of the men played with it and made it laugh and they gave it jerky and it sat chewing and watching gravely the figures that passed above it… Toadvine saw him with the child as he passed with his saddle but when he came back ten minutes later leading his horse the child was dead and the judge had scalped it.
der bub trifft holden jahrzehnte später wieder, ganz im westen - während der bub, mittlerweile zum mann geworden, noch immer nicht weiß, was er mit sich anfangen soll, tanzt holden den ultimativen und somit letzten tanz - weil er weiß, dass er niemals sterben wird...
Before man was, war waited for him. The ultimate trade awaiting its ultimate practitioner. That is the way it was and will be. That way and not some other way.