Freitag, 30. Dezember 2011

Der Fall P: Eine Schweinerei


Wenn der sprichwörtliche Goalgetter einen Stanglpass übers Tor pfeffert, so entspricht das - Martin Blumenau folgend -, der Wrabetzschen Herzensentscheidung den "jugendlichen Politprofi" (c Blumenau) Niko Pelinka auf seinen Büroleitungsstuhl zu hieven. Der Shitstorm, der nach der Nachbesetzung über Wrabetz und Pelinka herein brach, sei überzogen, so Blumenau, weil einerseits nichts vorgefallen ist, was nicht immer schon so gewesen wäre, und andererseits es schon recht auffällig ist, dass den lautstärksten Proponenten durchaus ein politisches Interesse zu unterstellen ist und es sich also um eine plumpe, scheinheilige Instrumentalisierung handelt: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk soll destabilisiert werden

Wo dem Blumenau zweifellos zugestimmt werden muss, ist der Hinweis darauf, dass das schon immer so war. Michel Reimons bestechender Gastkommentar im Standard von gestern, zeigt hier eine interessante Parallele via Francis Fukuyama auf, wo an Hand eines ethnologischen Beispiels (Papua Neuguinea) dargelegt wird, dass Stammesorganisationen seit je via Korruption Macht organisierten: Wähler wurden für ihre Stimme bezahlt, was selbige auch erwarteten. D.h.- der jeweilige Big Man musste sich die Wählerstimmen leisten können, so er das konnte blieb er in der Machposition. Reimon zeigt am Beispiel Burgenland, dass die österreichische Demokratie durchaus als Schwester im Geiste der Stammesgesellschaften Papuas durchgeht: Angesichts bevorstehender Gemeinderatswahlen wird schon schnell mal ein Landesenergieversorger geschlachtet und aufgeteilt. Was noch nicht wahnsinnig überraschend ist - überaus interessant ist allerdings dann der Hinweis darauf, dass genau diese Aufteilung vom Stammesvolk und also den BurgenländerInnen und demnach ÖsterreicherInnen erwartet wird. Wenn also Niko Pelinka auf Grund seiner parteipolitischen Position im ORF installiert wird, so ist das als Machtdemonstration des Big Man (Laura Rudas) zu lesen. Möge die Aufregung darum noch so groß sein, die Botschaft ist und bleibt: Ich kann das bewerkstelligen, weil ich voll der Macher/die Macherin bin. Und - falls du etwas werden willst in deinem Leben, du weißt, an wen du dich zu wenden hast...

Womit das Wesen der österreichischen Lesart der Demokratie erklärt ist. Oder genauer: Das Wesen der österreichischen politischen Basisarbeit. Die Basisarbeit besteht im Wesentlichen daraus, bis in die Gemeinden hinein die Parteimitglieder in den Belohnungsprozess (ein Versorgungsposten da, eine Förderung dort, eine Umwidmung hier, ein positives Gutachten da....) der jeweiligen Big Men einzubeziehen. Und die ÖsterreicherInnen sind derartig an diese Praxis gewöhnt, dass sie - so sie sich zuwenig in die Verteilung einbezogen fühlen, sofort zur ProtestwählerInnenschaft mutieren (auch beeindruckend, demokratisches Wesen mit Protest gleich zu setzen).

Jetzt ist es zum einen hoch notwendig - quasi wutbürgerlich -, diese Zu- und Umstände anzuprangern, allerdings ist es erst der erste und wahrscheinlich einfachste Schritt. Der nächste - und viel schwierigere - ist, dieses System zu durchbrechen und sich selbst diesen Verteilungslogiken zu entziehen wie auch im persönlichen Umfeld die Krankhaftigkeit dieses Systems bewusst zu machen: Mit Reimon nicht mehr nur "ich bin wütend" zu skandieren, sondern auf die Schweinereien hinzuweisen!

Womit ich wieder bei Blumenau angelangt wäre: So wie ihm zugestimmt werden muss, im Konstatieren, dass das immer schon so war, muss ihm widersprochen werden hinsichtlich der Nivellierung der Bedeutungshaftigkeit mit dem Hinweis, dass es nur um politisches Kalkül gehe. Im Gegenteil, es lässt sich meines Erachtens gar nicht laut genug Schweinerei plärren, da dieses ungenierte, dummdreiste Verteilen des Kuchens unter ParteigängerInnen österreichisches (Un-)Verständnis in Sachen Demokratie zementiert. Was wird sich der vielzitierte kleine Mann auf der Straße denn denken: Wenn die da oben das tun, dann kann ich wohl durchaus... Georg Guensberg verweist diesbezüglich auf den enormen Glaubwürdigkeitsverlust in der Politik - und meint, dass die Tragweite den handelnden Personen nicht bewusst war. Wenn ja, dann muss fest gestellt werden, dass die handelnden Personen offensichtlich Fehlbesetzungen sind, da von ihnen in ihrer Position mehr Weitblick eingefordert werden muss. Wenn nein, dann haben diese Leute offensichtlich kein Interesse an einem unabhängigen öffentlich-rechtlichen Sender. Und da ich eher von zweiterem überzeugt bin, plärre ich umso lauter: Schweinerei!

Donnerstag, 29. Dezember 2011

WAR ON TERROR TM


realität ist das, was medial vermittelt wird - oder mit karl rove, einem berater von george w. bush: "wenn wir handeln, schaffen wir unsere eigene realität. (...) wir sind akteure der geschichte, ihr könnt unser tun nur studieren." die doku von sebastian j.f. zielt auf dieses "gemachte" von realität. es sind zumeist fernsehbilder, bilder von youtube, fotos, quer geschnitten mit interviewpassagen mit dem damaligen UN-sonderberichterstatter manfred nowak, der amerikanischen journalisten amy goodman von democracy now und ehemaligen guantanamo häftlingen, die sebastian j.f. dafür heranzieht, diese medienrealität zu dekonstruieren als eine prinzipiell einem ziel dienende: der einleitung, argumentation und USA-freundlichen darstellung des war on terror. wobei den medien hier unterschiedliche aufgaben zukamen:
  1. die vorbereitung des (angriffs-)kriegs, die argumentation desselben, mit dem dramaturgischen höhepunkt der rede von colin powell vor dem UN-sicherheitsrat, die im kern aus unbewiesenen behauptungen bzw. unter folter erpressten geständnissen bestand.
  2. die mediale dauerunterstützung der kriegsargumentation auf den größten amerikanischen fernsehsendern, die dazu führte, dass die anfänglich gegen einen krieg gerichtete stimmung in eine bedingungslose unterstützung mündete.
  3. der via embedded media aufbereitete kriegsschauplatz ohne stimmen von außen garantierte eine USA- und alliierten-freundliche berichterstattung.
  4. die außerstreitstellung der angewendeten kriegstaktikten und -techniken auf grund der ansage, dass  es sich beim feind um terroristen handele. womit auch der einsatz von folter gerechtfertigt wurde - parallel dazu lief auf fox aufklärungsunterricht in sachen notwendigkeit von foltermethoden: kiefer sutherland gibt jack bauer und schreckt vor elektroschocks um ein geständnis zu erreichen mit sicherheit nicht zurück. der mit der bush-administration etablierte einsatz von drohnen für "gezielte tötungen" stellt zudem die künstlichkeit und also "vermitteltheit" dieser art des kriegs sehr anschaulich heraus.
nicht dass wir diese bilder, diese reden, diese argumentationen nicht gesehen und gehört hätten - die zeitliche distanz öffnet den horizont, lässt die logiken klarer in den vordergrund treten, nimmt die atemlosigkeit der tagesktuellen berichterstattung heraus und lässt fokussierung zu. und findet einen passenden abschluss im statement von manfred nowak: 
"Wenn der Präsident der Vereinigten Staaten zugibt, Waterboarding angeordnet zu haben, selbst wenn es nur für die 15 Top Gefangenen war und dann noch sagt: "Ich würde es wieder so machen" Welche Beweise braucht es noch ?
.... Gar keine Frage also, dass Präsident Obama, oder die Obama Admnistration, durch internationale Verträge verpflichtet ist, George W. Bush vor Gericht zu stellen, wegen der Folter, die er befohlen hat."

an sich ist das im grunde genommen etwas demokratieverachtendes


sagt medienstaatssekretär josef ostermayer im interview mit der wiener zeitung. und wo man verleitet wäre, sofort zu sagen: ja! recht hat er! - und überrascht wäre, ob so viel anstand und ehrlichkeit von politikerseite - kommt es dann knüppeldick: ostermayer meint damit nicht, die jedes politische gefühl vermissen lassende entscheidung wrabetzs für pelinka, sondern die reaktionen darauf...

da bleibt einem kurz die luft weg - "das ist eine verhöhnung", um alexandra föderl-schmid vom standard zu zitieren - oder ganz un-ladylike: wirklich große verarsche. der preisträger des wolo2010 macht zudem eine sehr bemerkenswerte äußerung hinsichtlich seines politikverständnisses: politische parteien sind interessenvertretungen. das nennt sich dann wohl modernes politikverständnis, jenseits von jeder ideologie, ausgerichtet an den regeln der pragmatik. nein, es verwundert keineswegs, wenn sich das gefühl aufdrängt, dass diese generation von politikerInnen kein politisches wollen mehr ihr eigen nennt, dass sie - meinungsumfragengemäß - versuchen, ihre als politische ansagen getarnten phrasendreschereien zum richtigen zeitpunkt im richtigen setting zu geben, um die wirkung in der zielgruppe zu maximieren. politikerInnenverdrossenheit? überschätzt. und im grunde: wuascht. weil: wer hat denn schließlich angst vor einer leberkässemmel?

ganz bestimmt kein ostermayer, der den kärntnerInnen die ortstafeln um die ohren schlug (wofür ich nach wie vor größte hochachtung habe!), der ein windschiefes ORF-gesetz zu verantworten hat samt kniefall vor dem VÖZ und heuer auf grund der inseratenaffären rund um die SPÖ auch noch medientransparenz via gesetz versprechen musste. wiederum interessant seine infragestellung der unabhängigkeit von medien:  entweder stehe ein großer geldgeber dahinter oder die abhängigkeit aus dem anzeigengeschäft. weswegen unabhängigkeit, im ostermayerschen verständnis, unmöglich sei. was mich wieder ganz an den anfang zurück bringt: das verblüffende an dieser geschichte (und ich denke diesen paradigemenwechsel mit der neoliberalen wende ansetzen zu können) ist, dass diese generation keine moralischen werte mehr besitzt. es ist wirklich davon auszugehen, dass weder niko pelinka noch josef ostermayer diese verflechtungen als verwerflich ansieht - im gegenteil, wahrscheinlich eher als gebot der stunde ansieht. genau so, wie davon auszugehen ist, dass karl heinz grasser für sich davon überzeugt ist, dass er keine verfehlungen begangen hat, keineswegs. er hat bloß seine interessen (und die von ein paar bekannten und freunden) gewahrt. klar - und wenn man keinen sinn für die grenzen des anstands besitzt, dann ist er schlicht inexistent.

pelinka wird einen guten job machen!


sagt thomas prantner im interview mit harald fidler vom standard und es bleibt unserer phantasie überlassen, ob harald fidler ob dieser antwort kurz zum lachen in den keller entschwindet. selbstredend wird er einen guten job machen. warum harald fidler allerdings den scheidenden online-direktor anschließend nicht mir der frage konfrontierte, ob er das konkretisieren könne und woher er diese zuversicht nehme, bleibt im dunklen (keller?).

also ob damit gemeint sein könnte, dass dann von einem guten job die rede sein könnte, wenn die SPÖ und ihre vertreterInnen im ORF überdurchschnittlich oft und in bestem licht präsentiert erscheinen? könnte dann von einem guten job die rede sein? oder wäre es nicht vielmehr im interesse eines auf seine unabhängigkeit pochenden mediums insbesondere von management-seite keinerlei färbung zu zeigen? müsse nicht vielmehr konstatiert werden, dass in folge dieser ausgangssituation niko pelinka seinen job letztlich gar nicht gut machen kann? und hätte niko pelinka anstand und weitblick, müsste konsequenterweise davon ausgegangen werden, dass derselbe dankend auf das angebot von wrabetz verzichten würde. wovon allerdings nicht auszugehen ist. also weder von anstand. noch von weitblick. und zwar weder bei pelinka noch bei wrabetz.

keine andere erklärung lässt sich für die jedes politische gefühl vermissen lassende entscheidung finden - weder diejenige pelinka betreffend, noch jene für das pensionistische ausgedinge thomas prantners als vize-technikchef. eine position übrigens, die es laut wrabetz nicht einmal geben sollte. wuascht! unsere wuaschtigkeitsrepublik hält ganz andere dinge aus. oder sollte von der pfeifenrepublik gesprochen werden - in memoriam der nominierung von prantner für den wolo09. egal. prantner schwafelt irgendwas davon, dass er ja seine agenda von der bisherigen online-direktion mitnehmen würde. achja, wir erinnern uns: online-direktion? das war doch diejenige direktion, die geschaffen wurde, um eine person einer bestimmten couleur in einen direktorsposten zu hieven, um sich vermittels dieser stimme damit den generaldirektor zu kaufen. weil - operativ ist das ja ganz passabel in der geschäftsführung ORF online aufgehoben. was aber eh wuascht ist. oder eben pfeife.

Freitag, 23. Dezember 2011

Wutbürger? Sicha nicht. Eh Wuascht.

Foto: ORF/Hubert Mican

Als Wolfgang Schüssel Anfang 2000 als Bundeskanzler die blau-schwarze Wende ausrief, war viel von Aufbruch die Rede, von Veränderung und Privilegienabbau - und Nulldefizit. "Ein guter Tag beginnt mit einem sanierten Budget", so der damalige Finanzminister Karl-Heinz Grasser, das er 2002 dank Privatisierungen, Verkauf von Devisenreserven, Steuer- und Abgabenerhöhungen realisierte.

2007, nach der Rückkehr zur Normalität und also großen Koalition stellte sich der Prä-2000-Stillstand wieder ein und die Republik kam wieder zur Ruhe. Auch der Heldenplatz war wieder frei von Demos. Die ÖVP übt sich seither in der Auswechslung ihres Führungspersonals, die SPÖ koaliert primär mit dem Boulevard.

Waren die Person wie auch die Geschäftspraktiken von Karl-Heinz Grasser schon während seiner aktiven Zeit als Finanzminister zumindest umstritten, so verdichteten sich die Hinweise im Zuge der staatsanwaltlichen Ermittlungen um die Privatisierungsprojekte, dass die Abläufe und Geldfllüsse nicht nur die Republik als Begünstigte zum Ziel hatten. Die Unschuldsvermutung verkommt zum geflügelten Wort - in der Bevölkerung verfestigt sich der Eindruck, dass ein Netzwerk von Grasser-Freunderln sich hemmungslos am Familiensilber der Republik bediente.

Angesichts dieser Vorgeschichte ließe sich vermuten, dass es in Österreich ein beträchtliches Potenzial an mit der Politik unzufriedenen Menschen gibt.

Die ab 2007 als Subprimekrise in den USA um sich greifende Finanzkrise, wird zur Bankenkrise und in Europa schließlich zur Staatsschulden- und also Eurokrise. Wurde 2008 noch ein Bankenrettungspaket verabschiedet, das dazu diente, Banken, die auf Grund hochriskanter Spekulationen in Schieflage gerieten, zu stabilisieren, muss 2009 gegen vier Euro-Länder das Defizitverfahren wegen Verstoßes gegen die Maastrichtkriterien eingeleitet werden. Das hohe Haushaltsdefizit veranlasst die maßgeblichen Ratingagenturen die Bonität der betroffenen Länder nach und nach herab zu stufen und damit den Schuldendienst entsprechend zu verteuern. Die EU steuert mit Notfallplan und Rettungsschirm dagegen und verpflichtet sich schließlich zu strengeren Haushaltsregeln. In Österreich werden die Anforderungen generell als Aufruf zum Sparen interpretiert. Lange in Aussicht gestellte Reformprojekte kommen nicht vom Fleck, werden von den Koalitionspartnern zu Gunsten der jeweils zu bedienenden Klientel blockiert.

Auch die internationalen politischen Rahmenbedingungen tragen nicht unbedingt zur Beruhigung bei - so man zur Panik neigt, wie etwa ein beträchtlicher Anteil der in der Finanzwirtschaft Tätigen, hätte man gute Gründe zum panisch werden.

Trotzdem dominiert Politik- und PolitikerInnenverdrossenheit breite Schichten der österreichischen Bevölkerung -  laut einer IMAS-Umfrage im September 2011 setzen sich 3/4 der ÖsterreicherInnen wenig bis gar nicht mit innenpolitischen Fragen auseinander.

Roland Düringer mimt in der letzten Folge von Alfred Dorfers Donnerstalk im ORF den Wutbürger. Beinahe alle oben genannten durchaus als Wutgrund taugenden Umstände werden dabei herbei geredet  und zur Identifikation mittels gemeinsamer Hymne eingeladen ("Ich bin wütend!"). Mit "Vom Systemtrottel zum Wutbürger" schrieb das Autorenduo Schulak/Taghizadegan die Vorlage für Düringers kabarettistische Ausformulierung der Problemstellung - die er im nachhinein noch als seine eigene Meinung deklariert... So man sich die wutbürgerliche Rede ein bisschen genauer anhört, wird klar, hier geht es um die Verteidigung des Status Quo. Hier spricht die Mittelschicht, die Angst hat. Angst vor dem Abstieg. Und deshalb wütend ist. Weil sie sich von denen da oben nicht mehr vertreten fühlt. Logisch, dass dieses reaktionäre Moment in der Wutbürgerrede entsprechend rasch, Gegenrede zur Folge hatte. "Ich bin nicht wütend", formuliert beispielsweise Niko Alm und versucht den Wutdüringer im Detail zu entkräften. Was irgendwie kleinkrämerisch wirkt, weil Alm dabei notwendigerweise die Satire ernst nehmen muss.

In hinlänglich bekannter, oberlehrerhafter Weise stellt Martin Blumenau dem Wutbürger den Leberkäswappler zur Seite: Der fehlende zivilgesellschaftliche Esprit führe dazu, dass es in Österreich maximal zu Wurstsemmelaktivismus reicht, der da bedeutet, dass, wenn ein besoffener Banker  eine Leberkässemmel nach einem umtriebigen Parteichef wirft, die (linken) Stammtische jubeln und damit die Absenz eigener Überlegung übertünchen. Bezeichnend und gleichzeitig Armutszeichen.

Interessant der Hinweis von Harald Betke, die Relationen dabei im Auge zu behalten: Wer regte sich denn da auf? Sieht man sich die absoluten Zahlen an, so fällt auf, dass sowohl die Aufrufe des Wutdüringers auf YouTube als auch die Fananzahl der Wurstbürger nicht auffallend hoch ist. Knapp die Hälfte der ÖsterreicherInnen sei durchaus glücklich und habe noch dazu den Eindruck, dass alles besser wird. Und mehr als 3/4 der ÖsterreicherInnen interessiert Politik sowieso nicht. Demnach ein absolutes Minderheitenprogramm, dieses wütend sein. Oder eben nicht-wütend sein. Im Grunde egal. Eben. Wuascht.





elmore leonard: the complete western stories


erst mit dem remake von 3:10 to Yuma realisierte ich, dass elmore leonard - bevor er everybodys darling in hollywood auf grund der thriller- und krimi-stories wurde, die wegen ihrer dialoglastigkeit so gern verfilmt werden (z.b rum punch/jackie brown, get shorty, out of sight...) - sich seine sporen als groschenromanschreiber im western-genre verdiente. um im vorgestellten bild zu bleiben...

the complete western stories versammelt 31 geschichten, die zumeist am südlichen rand der USA lokalisiert sind, also in arizona und new mexico, veröffentlicht während der 50er jahre in unterschiedlichen organen wie etwa dem western story magazine oder bei zane grey's western.

beeindruckend ist vor allem die fähigkeit zur reduktion. es sind die sprichwörtlichen pinselstriche, die leonard benutzt, um die szenerie für die jeweilige story zu skizzieren. es sind nur ein paar sätze oder gedanken, die die jeweiligen protagonisten (frauen kommen eher selten und wenn dann am rand vor) charakterisieren und schon ist der plot gedraftet. und der ist zumeist ein zutiefst existenzieller: man's gotta do what a man's gotta do...

und zutreffender müsste man hier mit M geschrieben werden: die fragen, die hier in genre-üblichen western-settings verhandelt werden, sind jene nach den letzten dingen - was bedeutet mensch sein? ist es unter den gegebenen umständen möglich, menschlich zu handeln? konsequenterweise siedelt leonard seine stories zumeist in grenzbereichen an, dort wo nocht nicht sicher ist, welches gesetz geltend gemacht werden soll, dort wo sich mensch noch entscheiden muss...

"Listen, if there is no way to tell when death will come, then why should one be afraid of it?" (The Nagual)


Montag, 12. Dezember 2011

Freitag, 9. Dezember 2011

peter henning: die ängstlichen


gemeinhin wird ja vom reinigenden gewitter gesprochen - also dass nach dem gewitter die dinge klarer liegen als vorher. nun, peter henning führt mit demjenigen, dass er über hanau bei frankfurt herein brechen lässt, anderes im schilde. nicht dass es nicht blitzen, donnern und stürmen würde, es zu wenig regnen würde - im gegenteil: hanau befindet sich im katastrophenzustand. nur, die katharsis setzt erkenntnis voraus - und: was wenn selbige konstant verweigert würde?

"erkenne dich selbst", schrillt es ulrike taupitz beinahe aus jedem spiegel entgegen. was folgt, ist zumeist ein heulkrampf. ulrike ist die tochter, von johanna jansen, der zentralen figur, der als familienroman getarnten, gnadenlosen abrechnung mit dem westdeutschen traum nach 45. erbarmungslos fächert henning die großen und kleinen lebenslügen der jansens auf, indem er parallel zur meteorologischen katastrophe allen protagonisten eine prüfung auferlegt, wo er oder sie sich entscheiden kann, der erkenntnis also auch handlung folgen lassen könnte.

mit bestimmtheit kann gesagt werden, dass - quasi antipodisch zu jonathan franzens freedom - freiheit nicht das paradigma ist, rund um welches sich die deutsche wirklichkeit in hanau dreht. ganz im gegenteil, es herrscht stillstand. soll stillstand herrschen. und harmonie womöglich. es gibt nichts, wo hin gewollt wird, im sinne einer positiven entwicklung. es gibt nichts, das sinn spenden würde, seine existenz in ein größeres ganzes einbetten würde. der versuch von johanna jansen als diesen zentralen wert die familie vorzustellen geht gnadenlos in die hose. im kleinen wie im großen. trost spenden ausschließlich ensprechende legale und illegale substanzen. und der missbrauch der selben.

dem auf angst basierenden stillstandparadigma entsprechend werden die sich auftuenden chancen vermasselt - die portraitierten verharren in der schockstarre und hoffen, dass es vorbei geht. wie das gewitter. weshalb sich auch ein klein wenig hoffnung schöpfen ließe: vielleicht lernen sie es ja doch noch? nächstes mal dann? irgendwann?

Dienstag, 6. Dezember 2011

reinhard kaiser-mühlecker: der lange gang über die stationen


schachtel auf: anti-heimatroman. schachtel zu. also wolfgruber, innerhofer und so weiter. was eine milchmädchenrechnung wäre. nur weil jemand das bäuerliche leben nach 45 zum thema nimmt und selbiges nicht glorifiziert (würd' das überhaupt noch gehen?), von anti-heimatroman zu schreiben, wäre schlicht naiv.

kaiser-mühlecker ist das leben am land garantiert nicht fremd. wieviel autobiographisches verpackt ist, ist im grunde uninteressant. interessant hingegen ist die sprache, sperrig beinah. die lektüre eher verstellend. insbesondere zu beginn. so als ob der erzähler erst die sprache finden müsste, womit er seine geschichte erzhählen kann. nach zwanzig dreissig seiten wird er fündig und die erzählung nimmt einen mit, wie ein steter, ruhiger fluss. der ich-erzähler, theodor, ist der hoferbe eines kleinen gehöfts irgendwo im oberösterreichischen seengebiet. und es ist zweifellos sein langer gang, der titelgebend ist. nur dass es dabei weniger um eine physische reise geht, als eine, die auf grund der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen veränderungen im bäuerlichen milieu der nachkriegszeit notwendig wird.

fanden früher kleine bauern mit ein paar kühen, säuen und hühnern ebenfalls ihr auskommen, können sie sich die investitionen für eine intensivere bewirtschaftung ihrer felder nicht mehr leisten. und so wie theodor keine sprache findet, um die damit einher gehenden notwendigen veränderungen zu thematisieren, so ist es ihm auch nicht möglich, eine über das gefühlsmäßige und körperliche hinaus reichende beziehung zu seiner frau her zu stellen. im gegenteil, je mehr im bewusst wird, dass er sprechen soll, ja muss, desto mehr vergräbt er sich in seinem schweigen.

oft sitzt theodor auf anhöhen, hügelkuppen, schaut ins land - und freut sich ob der übersichtlichkeit. dass sich alles benennen und ordnen lässt - nur wenn der blick dann in die weite schweift, wird ihm klar, dass es auch anderes gibt - und als ihm das klar wird, gibt es kein zurück mehr.

Montag, 5. Dezember 2011

joachim meyerhoff: alle toten fliegen hoch


wie viele bücher sind über diese elende phase des erwachsen werdens schon geschrieben worden? mitunter verbringen schriftstellerInnen ihr leben (oder zumindest einen großen teil damit). meyerhoff erzählt sich die geschichte ganz einfach vom leib. ganz. einfach.

so wie er seinen helden und also sich über den atlantik und also aus der bedeutungsmacht des zu hauses schickt, so posaunte meyerhoff die geschichten einfach ins publikum - und da das so gut ankam, wurde er mit dieser performance auch gleich zum theatertreffen eingeladen. hier geht's nicht um literatur, hier geht's um's erzhählen. um geschichten. dass das dann zu literatur wird, ist zweitrangig. und egal.

inhaltlich bergen die geschichten wohl keine bahnbrechenden neuigkeiten. oh ja, prinzipiell ist es ein graus in diesem alter - also dazwischen - zu sein. weder kind noch erwachsener. kinder findet man kindisch, erwachsene blöd. und sich selbst - zumeist - eher hässlich, zumindest unansehnlich. insbesondere für die 80er ist das dann natürlich noch viel dramatischer. weil prinzipiell ästhetisch mindestens problematisch. und für einen wie mich, der nur ein jahr nach meyerhoff dem antlitz dieser welt entgegen schrie, umso nachvollziehbarer. einmal mehr bin ich bestärkt darin, dass die österreichische provinz der deutschen in den 80ern um nichts nach stand. bemerkenswert und wirklich hoch amüsant sind allerdings meyerhoffs erinnerungen an die frühe kindheit im norddeutschen: ein furioso an anekdoten und episoden - die schon - als er sie als kind zum besten gab - niemand glauben konnte... wem hier keine tränen vor lachen in den augen stehen, dem würde ich raten, sich als bundespräsident zu bewerben.