Sonntag, 8. Januar 2012

Heinzlmaiers Falle


Nachdem Fritz Hausjell den ORF-RedakteurInnen recht eindringlich geraten hat, doch gefälligst die Gosch'n zu halten, ist es nun am Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier selbige Grußadresse an die Staatskünstler Peter Weibel und Elfriede Jelinek zu richten.

Sie würden den Fall P. zu einer Parteien- und Demokratiekrise stilisieren, dabei den Betroffenen zu einem unselbstständigen und lebensuntüchtigen Anhängsel demontieren - und völlig außer Acht lassen, dass sie selbst, sie, die Staatskünstler, Jahrzehnte von diesem System profitiert haben. Und jetzt, wo ihre Ansprüche nach öffentlicher Anerkennung und politischem Einfluss enttäuscht würden, so Heinzlmaier, wären sie beleidigt, die Staatskünstler, weil die jungen AufsteigerInnen nämlich nicht mehr - im Unterschied zu den Altvorderen - um ihren Rat und Beistand ersuchen würden.

Hätte Heinzlmaier literarisches Talent, so hätte aus diesem Ansatz eine schöne kleine Suada auf Thomas Bernhards Spuren entstehen können. Passend wäre etwa gewesen sich formal an Bernhards Holzfällen auszurichten - das bekanntermaßen ja mit Eine Erregung untertitelt ist. Pikanterweise ist im Fall P. ja auch immer wieder von einer Medien-Erregung die Schreibe - was dem/der Interessierten nahe legt, das auf keinen Fall ernst zu nehmen, da es sich um eine mediale Aufregung handle, die jeder realpolitischen Grundlage entbehre. Was wiederum der Bernhardschen Methode entgegen kommen würde, da der alte Burgschauspieler in seinem Monolog bei den Auerspergs insbesondere die Künstlichkeit und damit völlige Belanglosigkeit der Personen thematisiert. So gesehen würde ich vorschlagen, das Heinzlmaiersche Textmonstrum in ein kleines Dramolett zu gießen: Anstelle der Auerspergs sollte Laura Rudas (übrigens wieder mit einem bemerkenswert eloquenten Auftritt im Parlament!) ihre Schützlinge einladen, in der Rolle des monologisierenden Schauspielers würde sich ein ideologischer Tiefwurzler wie etwa Caspar Einem eignen...

Allerdings: Heinzlmaier schwebt größeres vor - als ein Dramolett. In einem Aufwasch wird dann nämlich gleich klar gestellt, dass unabhängiger Journalismus im ORF sowieso auf Grund der strukturellen Gegebenheiten eine Illusion sei, sie würde von ein paar Wichtigmachern "im Interesse der eigenen Karriere und Eitelkeit öffentlich und anklagend" vor sich hergetragen. Die Politik täte Recht daran, sich in den ORF einzumischen, denn in der Politik gehe es schließlich um Macht und die Medien seien eben ein relevanter Machtfaktor.

Ob Heinzlmaier zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Ausführungen bei Sinnen war, entzieht sich meiner Kenntnis, allerdings lässt das Nicht-Vorhandensein von objektiven, kausalen und logischen Mustern vermuten, dass es Beeinträchtigungen gab. Bei seinem Angriff auf die Staatskünstler unterstellt Heinzlmaier selbigen noch, dass sie eine Demokratiekrise herbei schreiben wollen würden - um dann beim Angriff auf die Unabhängigkeit des ORF selbiges Kalkül dabei vollständig zu unterschlagen: Geschäftsführer von Parteien, die sich nicht in den ORF einmischen würden, müssten sofort zumindest politisch entmündigt werden. Einzig die Privatisierung würde vor der Politisierung schützen, führt Heinzlmaier weiter aus, um dann freilich die Rute auszupacken: Ihr werdet's dann schon schauen, wenn die Medien in Österreich von Leuten wie Mateschitz und Stronach dominiert werden, dann nämlich ist Schluss mit freiem Journalismus, dann geht es nur noch um Gewinn und Verlust. Heinzlmaier verweigert in diesem Abschnitt seiner freien Assoziation über die Verfasstheit des ORF jegliche strukturelle Realität - wie etwa das ORF-Gesetz, die Aufgaben eines öffentlich rechtlichen Rundfunks, die Verankerung in der österreichischen Verfassung etc...

...weil nämlich, so Heinzlmaier - und dieses Argument hätte mich beinahe K.O. geschlagen - es möglicherweise gar nicht um den ORF, den unabhängigen Journalismus und die Demokratie gehe, sondern um - die Angst der alten Säcke vor den pragmatischen jungen Karrieristen. Mit Schaudern erinnere ich mich an jenes Pressefoto, wo Faymann und Neugebauer Arm-in-Arm Fähnchen schwangen - darauf prangend: Wir sind die Zukunft! Und genau um in dieser Faymann-Neugebauer-Fähnchen-Zukunft eine Rolle zu spielen, üben sich die JungpolitikerInnen rund um Laura Rudas in Opportunismus, vermutet Heinzlmaier. Würden sie das nicht tun, dann würden sie wieder zurück an die Basis geschickt, weil Ansprüche und Forderungen erheben geht erst nach Leistung. Und das würde dann doch zu lange dauern - aber: Kann man das den jungen Damen und Herren vorwerfen? So der Mitbegründer des Österreichischen Instituts für Jugendkulturfoschtung und ehemalige VSSTÖ-Vorsitzende...

Wie schon weiter oben angemerkt: Es ist nicht anzunehmen, dass Heinzlmaier dieses Prosagedicht mit dem Ansinnen, den Fall P. argumentativ zu fassen, anfertigte, sondern eher wahrscheinlich, dass der Autor freie Assoziationen über inhaltliche Schwerpunkte im Diskurs in Textform brachte und auf eine mediale Erregung spekulierte. So hoffe ich und gestehe: Ich bin in Heinzlmaiers Falle getappt!


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen