Freitag, 25. Mai 2012

Das Urheberrecht von der Verwertung entkoppeln

Entkopplung einer Treppe (c) FRANK

Gerald Bäck hat kürzlich auf seinem Blog eine kleine Aufstellung betreffend Torrents auf künstlerische Erzeugnisse österreichischer Provenienz gemacht, um der Fragestellung nachzugehen, ob diejenigen, die in Österreich die Initiative "Kunst hat Recht" unterstützen, durch illegale Downloads Schaden nehmen. Nun - das lässt sich wohl ohne weiteres mit einem satten Nein beantworten. Was Gerald Bäck denn auch tut und daraus schließt, dass die Kunst-hat-Recht-AktivistInnen im Grunde nichts anderes machen, als für die großen Musikkonzerne und Verlage einen Stellvertreterkrieg zu führen. Bemerkenswert ist dabei insbesondere - wie Joachim Losehand fest stellt, dass die UnterzeichnerInnen von "Kunst hat Recht" - ganz ähnlich wie auch von "Wir sind die Urheber" - im Grunde kaum durch die Veränderungen der digitalen Ökonomie betroffen sind, da ihre künstlerischen Produkte zumeist in Buchform vertrieben werden. Erfrischend ehrlich beispielsweise Joseph von Westphalen, wenn er ausführt, dass er die Unterzeichnung des "Wir sind Urheber"-Aufrufs als moralischen Fraktionszwang empfand und dann hinsichtlich literarischer Erzeugnisse dahingehend relativiert, dass die Literaturbranche von  Gratisdownloads wohl in erster Linie profitieren würde.

Polemisch sei diese Argumentation und nicht zu Ende gedacht, so Julya Rabinowich, Gerhard Ruiss und Christoph Straub in ihrer Entgegnung: Dass die UnterzeichnerInnen nicht unter die direkt Betroffenen fallen, würde an den faktischen Rechtsverstößen nichts ändern. "Kunst hat Recht" versteht sich als Interessenvertretung der österreichischen Kunstschaffenden, diese hätten ein Recht darauf, über die Nutzung ihrer Arbeit selbst zu entscheiden - und diese sei durch die Gratiskultur im Internet massiv gefährdet. Wie spätestens seit dem Sven Regener-Sager - dass er sich fühle, wie wenn man ihm ins Gesicht pinkle - klar ist: Die Urheberrechtsdebatte wird emotional geführt. So nimmt es nicht weiter Wunder, wenn Andy Baum meint, dass es Gerald Bäck in erster Linie darum gehe, einzelne Personen anzuschütten... immerhin: Andy Baum vermeint keine Flüssigkeiten urinalen Ursprungs zu verspüren.

Weshalb so viel Hass - beliebte ein lieber Freund zu fragen, wenn unsere Diskussionen vom inhaltlichen ins emotionale übergingen. Was das Urheberrecht angeht - nun... Das Internet und mit ihm die sich etablierende digitale Ökonomie zerfleddert die Geschäftsgrundlage einiger Branchen recht grundsätzlich, da die mit dem Internet mögliche Verteilung von digitalen Kopien ganze Geschäftsmodelle (z.B. das Musikalbum) ihrer bisherigen Monetarisierung beraubt. Dass es inzwischen neue/andere, sehr lukrative Geschäftsmodelle gibt (Apple, Amazon), wird von den betroffenen Branchen erfolgreich negiert: Statt selbst ein neues Modell zu implementieren wird wirkmächtig der Schutz der alten Vetriebslogiken propagiert und der Gesetzgeber aufgefordert schärfere Regelungen für den Missbrauch einzuführen und gegebenenfalls zu exekutieren.  Dieser Schutz wird einzig an Hand höherer/härterer Bestrafung diskutiert - es sind zwar schon mehr als 35 Jahre seit der Erstveröffentlichung von Michel Foucaults bahnbrechender Analyse "Überwachen und Strafen" vergangen, die Machttechniken scheinen unverändert... Womit wir auch schon bei der strukturellen Dimension der Diskussion angelangt sind:
  1. Auf der einen Seite stehen die Kunstschaffenden mit dem Anspruch von ihrer Produktion leben zu können (das mag man für einen Mythos halten oder nicht) und die sich durch die digitale Ökonomie in ihrer Existenz bedroht fühlen. Walter Wippersberg stellt fest, dass sich alle KünstlerInnen heutzutage die neue digitale Gretchen-Frage stellen müssen (womit schon einiges erreicht wäre): Wie hältst du's mit dem Internet? Nur - er will selbst antworten und entscheiden. Und das müsse sicher gestellt sein und werden, Werkintregrität und Namensnennung ebenfalls.
  2. Vordergründig an der Seite der Kunstschaffenden versuchen Musikkonzerne, Verlage. Verwertungsgesellschaften etc. dahingehend zu lobbyieren, dass sich die Wertschöpfungskette des bestehenden Geschäftsmodells möglichst wenig bis gar nicht verändert - und den Profit  zu maximieren (so hat beispielsweise  die GEMA in Deutschland eben durch gesetzt, dass die Leermedienabgabe ab 1. Juli 2012 um bis zu 1.850% erhöht wird!). Der Fokus liegt auf der monetisierbaren Werkutzungskontrolle. Von dieser Seite Innovation zu erwarten bzw. produktive Ansätze zur Lösung des Dilemmas ist in etwa so sinnvoll wie von der österreichischen LehrerInnengewerkschaft Mitarbeit betreffend Bildungsreform zu erwarten (Beton muss Beton bleiben). Allerdings wird dieses Geschäftsmodell auch von Seiten der Kunstschaffenden immer öfter in Zweifel gezogen, wie etwa der Prozess von Victor Willis, einem der führenden Köpfe der 70er-Disco-Stürmer YMCA, zeigt. Nach 35 Jahren wurden die Verwertungsrechte neu verhandelt, die Produktionsfirmen pochten auf die alten Verträge, wonach 88% des Gewinns (!) ihnen zustehen würden, da sie ja für den Erfolg verantwortlich zeichnen würden. Diese Sichtweise wurde von den Richtern nicht geteilt und Willis' nahezu 50% der zukünftigen Gewinne zugesprochen... Darüber hinaus formiert sich neue Konkurrenz - wenn etwa C3S für künstlerische Produkte unter Creative-Commons-Lizenz ein Vergütungsmodell bereit stellt oder Amanda Palmer (vormals Dresden Dolls) ihr neues Album via Kickstarter crowdsourcen lässt.
  3. Bleiben die mitunter bösen (weil zahlungsunwilligen?) KonsumentInnen, die ihren Spontanwünschen Sofortbefriedigung folgen lassen - und wenn dies bedeutet, in den Zonen der Illegalität nach den begehrten künstlerischen Produkten zu wildern.  In diesem Zusammenhang muss naturgemäß die vielzitierte Gratiskultur im Internet angerufen werden: Auf der einen Seite die Nerds, bar jeder wirschaftlich-realistischen Einschätzung der Lage, auf der anderen Seite vollgefressene Wirschaftsbonzen, die sich weigern, die sich verändernde Wirklichkeit zur Kenntnis zu nehmen... Sascha Lobo nannte die Urheberrechtsdebatte übrigens kürzlich den Prototyp aller zukünftigen Diskussionen um die digitale Gesellschaft. 
Wenn vom Urheberrecht verlangt wird, dass es ermöglicht, dass Kunstschaffende von ihrer Arbeit leben können, dann ist die Formulierung zumindest ungenau. Es geht nicht um das Ermöglichen, sondern die Rahmenbedingungen, die eine praktische Umsetzung erlauben - was beispielsweise mittels des Einsatzes von DRM de facto nicht gelang. Die digitale Kopie ist Realität und muss in diesen Rahmenbedingungen vorgesehen (eingepreist, wie die Finanzmarktmenschen zu sagen belieben) sein. Ob Kulturflatrate oder Tauschlizenzmodell - es geht um die Entkopplung der Ansprüche der Kunstschaffenden von denjenigen der darauf aufsetzenden Industrien und damit um eine neue Struktur. Je nachdem wie nachhaltig die Politik sich in die Debatte einbringt, desto ausgeglichener wird die sich schlussendlich durchsetzende Lösung sein. So dieser Prozess kommerziellen Interessen überlassen wird, ist nicht mit einem Ausgleich über die verschiedenen Anspruchsgruppen zu rechnen. Demnach ist die Politik gefordert - um eine Antwort auf Sven Regeners zentrale Frage zu geben: "Was ist einer Gesellschaft Kultur wert?" 


P.S. Teilweise erschreckend transparent wird im Zuge der Debatte, die mitunter komplett fehlende Wertschätzung kreativer Arbeit - was wiederum ein Verweis darauf ist, wie sehr das "Geiz ist geil"-Syndrom auch kulturelle Werthaltungen veränderte (worauf auch Gerin Trautenberger bei der gestrigen 2020-Veranstaltung verwies). Zu hoffen ist, dass hier mittels einer breiten öffentlichen Diskussion das Bild der Kunstschaffenden und ihrer Produktion eine angemessene Relektüre erfährt.


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